17.12.1979

„Das Reich besteht weiter“

SPIEGEL: Herr Maier, die Kultusminister sind darüber zerstritten, wie Deutschland in Karten und Geographiebüchern auszusehen hat. Bayern fordert, daß in allen Karten, mit denen Schüler umgehen, die Grenzen des Deutschen Reiches vom 31. Dezember 1937 markiert werden. Warum soll die Schülergeneration der achtziger Jahre lernen, Breslau und Königsberg seien noch immer ein bißchen deutsch?
MAIER: Die Schüler sollen lernen, daß über die gegenwärtige staatsrechtliche Zugehörigkeit von Breslau und Königsberg friedensvertraglich nicht entschieden ist. Da ist der Wortlaut des Verfassungsgerichtsurteils zum Grundvertrag völlig eindeutig.
SPIEGEL: Eindeutig sind auch die Empfehlungen der deutsch-polnischen Schulbuchkommission, in denen es heißt: Bei der "Darstellung beider Länder ist von gegenwärtigen Realitäten auszugehen".
MAIER: Die deutsch-polnischen Richtlinien sind Empfehlungen, mit problematischen Punkten, denen wir nicht zustimmen können. Und gerade wenn wir von Polen sprechen, dann wissen wir, daß es ja manchmal sehr lange Zeiten gibt, in denen ein Volk in einer tatsächlichen rechtlichen, in einer tatsächlichen politischen Form lebt, mit der es aber rechtlich nicht einverstanden ist -- über ein Verfassungsgerichtsurteil kann keine Schulbuchkommission einfach hinweggehen.
SPIEGEL: Das Grundvertragsurteil ist umstritten, Kritiker bezeichnen es als das politischste Urteil, das je in Karlsruhe gefällt wurde -- Ihr Standpunkt ist doch sehr juristisch. Uns interessiert mehr die pädagogische Frage: Wie sollen Lehrer ihren Schülern klarmachen, daß Deutschland trotz des Warschauer Vertrages doch nicht an der Oder-Neiße-Linie endet?
MAIER: Am besten, indem sie die Bundesregierung zitieren, die erklärt hat: Artikel 1, Absatz 1 des Warschauer Vertrages besagt, daß eine endgültige Festlegung der deutsch-polnischen Grenze ausdrücklich einer friedensvertraglichen Regelung vorbehalten ist.
SPIEGEL: Welcher Lehrer und welcher Schüler kennt schon Artikel 1, Absatz 1 des Warschauer Vertrages, wie sollen Zwölfjährige das verstehen?
MAIER: Das ist eine Aufgabe für den Lehrer, dies mit einigem Geschick deutlich zu machen. Natürlich sind die historischen und politischen Verhältnisse unseres Landes immer schwierig gewesen und vielleicht heute besonders schwierig. Was ist des Deutschen Vaterland -- ist eine alte Frage.
SPIEGEL: Ist das Deutsche Reich jenes deutsche Vaterland, das in den Schulen vermittelt werden soll?
MAIER: Das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 besteht laut Bundesverfassungsgericht weiter. Also muß es auch in der Schule vermittelt werden.
SPIEGEL: Das ist aber doch Wunschdenken und kann dazu führen, daß Schüler demnächst, je nach Bundesland, unterschiedliche Deutschlandbilder lernen müssen -- ein realistisches und ein bayrisches.
MAIER: Ich glaube, Sie dramatisieren. Ich trage hier keine spezifisch bayrische Meinung vor, sondern die Ansicht der unionsregierten Länder, die allerdings in dieser Frage nicht kompromißbereit sein können, ja nicht sein dürfen. Ich glaube, man erweist niemandem einen Dienst, wenn man hier die Tatsachen verschwinden läßt. Es ist nicht so, daß die Entstehung einer ganzen Fülle von Deutschlandbildern zu befürchten wäre, sondern, was eintreten kann -- ich hoffe immer noch, wir können es vermeiden -- ist, daß sich zwei Ländergruppen bilden, die dann auch ihre verschiedenen karthographischen und technischen Wege gehen in der Genehmigung der Schulbücher und Atlanten, nämlich die bekannten Gruppen der SPD/FDP-regierten Länder und der Unions-regierten Länder.
SPIEGEL: Das würden Sie angesichts des ohnehin schon bestehenden Bildungs-Tohuwabohus in Kauf nehmen?
MAIER: Ja. Nach dem Bildungs-Tohuwabohu müssen Sie diejenigen fragen, die aus bestehenden Verträgen ausgestiegen sind -- 10. Hauptschuljahr, Gesamtschule und so weiter. Bayern gehört nicht dazu. Es ist ja nicht unsere Aufgabe, eine Einigung auf Kosten der eindeutig festgestellten Rechtslage anzustreben.
SPIEGEL: Was stört Sie dann am Kompromißvorschlag Ihres nordrheinwestfälischen Kollegen Girgensohn, der die Grenzen des Deutschen Reiches nur in je einer Karte pro Schulatlas markieren lassen will?
MAIER: Eine einzige Karte in einem Atlas ist immer eine historische Karte oder eine Spezialkarte. In einem Atlas, in dem eine ganze Fülle politischer Karten drin ist, wird eine solche Spezialkarte sofort zur historischen * Mit den Grenzen von 1937.
Karte. Sie gehört quasi in die Antiquitätensammlung -- das widerspricht dem Auftrag des Grundgesetzes für die Wiedervereinigung. Das heißt dann doch, na ja, da war mal etwas, aber das hat in der Gegenwart keine Bedeutung mehr.
SPIEGEL: Wie soll sich das Grundgesetz, gepunktet oder gestrichelt, in Schüler-Atlanten niederschlagen?
MAIER: In jeder Karte, wo politische Grenzen eingezeichnet sind, sollen die Grenzen von 1937 dargestellt sein.
SPIEGEL: Würden Sie, wie es Ihr baden-württembergischer Kollege Herzog getan hat, ein Biologiebuch ablehnen, weil auf einer Karte über die Waldbestände der Bundesrepublik die Grenze zur DDR nicht besonders gekennzeichnet war?
MAIER: Ich glaube, wir dürfen den Fall DDR-Grenze jetzt nicht vermischen mit den Problemen Deutschland in den Grenzen von 1937, da gibt?s nun allerdings eine ganz klare Weisung des Bundesverfassungsgerichts ...
SPIEGEL: ... nehmen wir den Waldbestand oder eine Karte über den Frühling in Mittel- und Osteuropa. Würden Sie darauf bestehen, daß dort die Grenzen des Deutschen Reichs eingezeichnet sind?
MAIER: Meine Forderung ist eindeutig: Dort, wo politische Grenzen eingezeichnet sind, sollte auch Deutschland in den Grenzen von 1937 stehen.
SPIEGEL: Auch in Karten über Eiszeit, Niederschlag, Religion und Steinkohlevorkommen?
MAIER: Wenn dort politische Grenzen eingetragen sind, dann müssen auch die Grenzen von 1937 eingetragen werden.

DER SPIEGEL 51/1979
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