17.12.1979

SPEKULATIONKlassische Form

Eine weitere Firma, die ihren Kunden schnellen Reichtum über Rohstoff-Spekulation versprach, ist aufgeflogen. Der Staatsanwalt spricht von Betrug.
Der zweite Advent brachte Otto P. nichts Gutes. Die Besucher, die gegen Mittag vor seiner Kanzleitür standen, waren von der Kripo. Sie präsentierten dem überraschten Rechtsanwalt im Hessischen einen Haftbefehl und nahmen P. in U-Haft.
Wie P. erging es an jenem Adventssonntag auch den Brüdern L. Die Geschäfte, die das Trio über eine hessische Firma I. betrieb, fanden nicht mehr die Billigung der Staatsanwaltschaft.
I. handelte nach eigenem Bekunden mit Warentermin-Optionen. Der Darmstädter Staatsanwalt Karsten Koch indes interpretiert den Geschäftszweck der Firma anders: "Es handelt sich meines Erachtens um Betrug in klassischer Form."
Nach Ansicht des Staatsanwalts hatten die Drahtzieher der I. wie Dutzende ähnlicher Firmen auch mit der Dummheit gutverdienender Bundesbürger Millionengeschäfte gemacht. Nach bewährtem Muster: Eine Truppe wortstarker Telephonverkäufer verspricht Supergewinne im Rohstoffgeschäft, die eingehenden Schecks gutgläubiger Anleger werden häufig von den Initiatoren einfach eingesteckt.
Dabei wird dem Kunden regelmäßig vorgegaukelt, er erwerbe tatsächlich Optionen auf zukünftige Kauf- oder Verkaufskontrakte, mit denen Rohstoffe wie Silber, Blei und Kupfer oder Nahrungsmittel wie Schweinebäuche, Kakao oder Sojabohnen gehandelt werden.
Diese Zukunftskontrakte, so die Beteuerungen der Telephonhändler, könne der Käufer wegen der starken Preissprünge schon nach wenigen Wochen mit Superprofiten von 100 Prozent oder mehr wieder abstoßen. Es gebe, so der ständige Spruch der Optionsbetrüger, keinen schnelleren Weg, reich zu werden.
Schnell und sicher aber kann der leichtfertige Spekulant auf diesem Weg nur sein Geld loswerden. Bei Unternehmen wie I., meint Staatsanwalt Koch, "ist der Umsatz identisch mit dem Schaden der Anleger".
Das hochspekulative Optionsgeschäft ist für den Geldgeber selbst dann riskant, wenn seine Partner ehrbare Leute sind. Da diese Voraussetzung zumeist nicht vorhanden ist, sind die Gewinnchancen der Leichtgläubigen gleich Null.
Der Betrug wird den Telephonverkäufern leichtgemacht. Die Optionsspekulation unterliegt in der Bundesrepublik keinerlei gesetzlichen Regeln. Jeder darf mit Optionen handeln, und wie er sein Geschäft aufzieht, bleibt ihm überlassen.
Die Chance zu freier unternehmerischer Gestaltung ihres Geschäfts hatten auch P. und die Brüder L. erkannt. Sie legten die Kundengelder nicht an einer der Londoner Terminbörsen an, sondern überwiesen sie einer Tochtergesellschaft, die vom Börsengeschehen so weit entfernt war wie der Anleger vom Gewinn.
Zudem hatte sich die I. nach den Recherchen des Staatsanwalts auf ein Geschäft spezialisiert, das es gar nicht gibt: auf Optionen der US-Waren-Börsen, deren Verkauf schon 1936 von den amerikanischen Behörden verboten worden war.
Und schließlich hatten die Initiatoren und Geschäftsführer der I. noch eine Sicherung eingebaut, die zuverlässig verhinderte, daß selbst bei sonst lauterem Geschäftsgebaren ihre Kunden jemals hätten Gewinne machen können: Sie boten überwiegend Kontrakte über Waren an, die sich -- wie etwa Schweinebäuche -- nur wenig im Preis verändern. Gewinne sind aber eben nur bei starken Preisschwankungen zu machen.
Die Geschäfte der I. und ihrer Verkaufsfirma blühten etliche Jahre. Selbst eine Betrugsanklage der Frankfurter Staatsanwaltschaft, zur Jahreswende 1976/77, konnte P. und Partner nicht erschüttern.
Denn wegen Überbelastung der zuständigen Kammer wurde der Fall bis heute nicht verhandelt. Daraufhin nutzte die I. die Schlappe der Justiz zur Werbung: Selbst der Staatsanwalt, frohlockten die Optionshändler, könne der I. nichts Unredliches nachweisen.
Zum Verhängnis wurde der I. erst der Frankfurter Rechtsanwalt Heinz Hupfer, der als Anwalt betrogener Optionskäufer der Branche schon mehrfach zu schaffen machte. Er lieferte, im Namen von fünf Mandanten, Staatsanwalt Koch schließlich die Munition für seinen Adventseinsatz.
Das Belastungsmaterial war offenbar überzeugend. Denn was vielen anderen schwarzen Schafen der Branche gelang, schafften P. und die Brüder L. nicht gegen Kaution sehr schnell wieder ins Freie zu gelangen.
"Da habe ich noch etwas in der Hinterhand", hatte Staatsanwalt Koch versprochen. Hatte er wohl: Die 9. Strafkammer des Landgerichts Darmstadt entschied Ende vergangener Woche, das P. und seine Kompagnons in Untersuchungshaft bleiben.

DER SPIEGEL 51/1979
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