17.12.1979

ITALIENTeure Tangente

Parteipolitiker und Staats-Manager haben sich in einen millionenschweren Öl-Skandal verstrickt.
Mein Gewissen ist rein, ich habe keinen Grund zum Rücktritt", beteuerte Giorgio Mazzanti, Präsident der staatlichen italienischen Erdöl- und Gas-Holding Eni.
Es half alles nichts. Vorletzten Freitag teilte Roms Regierungschef Francesco Cossiga dem Ölmanager mit, daß er ihn vorläufig seines Amtes entheben müsse.
Die Entlassung Mazzantis markiert den Höhepunkt eines neuen Skandals all italiana, in den vor allem der staatliche Öl-Trust Eni und die Regierung verwickelt sind.
Die zweigrößte italienische Staatsholding (28 Milliarden Mark Umsatz, 100 000 Beschäftigte) hatte im vergangen Juni einen Super-Deal mit Saudi-Arabien abgeschlossen. Der Vertrag sah den Verkauf von 12,5 Millionen Tonnen Rohöl bis Ende 1981 an die Eni-Tochter-Gesellschaft Agip vor.
Der spektakuläre Öl-Handel war, wie zum Unglück der Manager und Politiker herauskam, ordentlich abgeschmiert worden. In einem Zusatzvertrag verpflichteten sich die Kaufleute der Eni, rund 120 Millionen Dollar Provision (sieben Prozent des Kaufpreises) in Raten an eine Vermittlerfirma mit Sitz in Panama zu zahlen.
Das Unternehmen mit dem phantasievollen Namen Sophilau wird von Schweizern geleitet, einen Teil der Provisionsgelder -- in Italien "Tangenten" genannt -- landete folgerichtig auf Schweizer Bankkonten. In Erinnerung an dubiose Transaktionen im Lockheed-Skandal fragte daher das Mailänder Magazin "Panorama": "Geht dies Geld wirklich an arabische Ölhändler? Oder kassieren da italienische Politiker und Parteigruppen mit?"
Der Verdacht, daß Italiener den Saudi-Handel zum Abkassieren genutzt hatten, wuchs noch, als vergangenen Monat Zeitungen aus einem mysteriösen Dokument zitierten. Der anonyme Verfasser, angeblich ein Eni-Manager? behauptet darin, daß ein Teil der Tangenten "nach Italien gelangte". Empfänger seien der vom ehemaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti geleitete Flügel der Christdemokraten sowie die Gruppe um den sozialistischen Vize-Parteichef Claudio Signorile.
Viele Italiener halten solche Querverbindungen für glaubhaft, wenn nicht gar für logisch. Denn der Sozialist Signorile hatte seinerzeit mitgeholfen, seinen Freund Mazzanti auf den Eni-Präsidentenstuhl zu hieven. Und es ist in Italien guter alter Brauch, daß sich die Bosse von Staatsunternehmen für solche Gefälligkeiten bei den Parteien mit Geldspritzen bedanken.
"Ich kann leider nicht ausschließen, daß bei dem Provisionsvertrag etwas faul ist", räumte denn auch der Minister für Staatsbeteiligungen, Siro Lombardini, Ende November ein.
Der inner-italienische Aufwasch, der sich durch Parlamentsanfragen zu einer großen Affäre ausweitete, war den Ölprinzen in Riad und ihrem Staatsunternehmen Petromin überaus peinlich. Die vielen Gerüchte, lamentierten die Petromin-Manager, "stellen eine Beleidigung für unsere Firma und unser Land dar". Am 5. Dezember teilte Petromin der Eni per Telex den sofortigen Stopp aller Öllieferungen mit.
Mazzanti zeigte sich über den drastischen Schritt der Saudis entsetzt. "Das ist wie ein Hammerschlag", klagte er. Die Hiobsbotschaft aus dem Morgenland brachte Ministerpräsident Cossiga unter Zugzwang, er ersetzte erst einmal Mazzanti an der Eni-Spitze durch einen "außerordentlichen Kommissar.
Mazzantis Suspendierung verschaffte jedoch den regierenden Christdemokraten wenig Luft. Inzwischen kam heraus, daß die zuständigen römischen Minister den Provisionsvertrag mit der Firma Sophilau ausdrücklich gebilligt und daß sie monatelang eine Untersuchung über die Affäre verschleppt hatten.
Ministerpräsident Cossiga versucht unterdes, durch freundliche Briefe die Saudis umzustimmen und die Wiederaufnahme der Öltransporte zu erreichen.
Der Ausfall der Petromin-Lieferungen verschärft die Energiekrise der italienischen Republik, die ohnehin für 1980 ein Öldefizit von 20 Millionen Tonnen erwartet. Der im Eni-Vertrag festgesetze Kaufpreis war, mit 18 Dollar pro Barrel, sehr günstig. Wenn sich die Italiener heute das fehlende Öl über die freien Spot-Märkte beschaffen, müssen sie fast das Doppelte bezahlen.
"Indem wir es mit den Saudis verdarben", klagte der liberale Abgeordnete Cesare Zappulli, "haben wir praktisch 500 Millionen Dollar zum Fenster .rausgeworfen."

DER SPIEGEL 51/1979
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