17.12.1979

FILMHerrlicher Quatsch

„Die Patriotin“ von Alexander Kluge; Deutschland 1979; 121 Minuten; Farbe.
Das Dilemma beginnt mit dieser Stimme. Alexander Kluge spricht einschmeichelnd sanft, ganz dicht am Mikrophon, verführerisch wie ein geschulter Kinderfunk-Märchenonkel.
Er will uns überreden, zu glauben, er sei ein Knie: das Knie des Obergefreiten Wieland, der in Stalingrad fiel. Christian Morgenstern: "Ein Knie geht einsam um die Welt. / Es ist ein Knie, sonst nichts!" Sonst nichts? O-Ton Kluge: "Als deutsches Knie interessiere ich mich natürlich vor allem für die deutsche Geschichte." Das ist?s also: Das mittlere Beingelenk des Obergefreiten Wieland hebt an zu einer Wanderung durch die deutsche Geschichte, zu einem großen historischen Diskurs.
Mitnichten sieht man den braven Soldaten oder sein Knie oder Stalingrad, sondern, zwei Stunden lang, Schnipsel, Bruchstücke, Partikel, ein labyrinthisches Trümmerfeld: Schlachtszenen, Schlösser, Landschaften, Feldherren, Politiker; Photos, alte Bilder und Postkarten, Kinderzeichnungen, Comics, inszenierte und improvisierte und Dokumentarszenen.
Genauso zerstückelt ist das Filmmaterial: Farbe und Schwarzweiß, Zeitraffer und Zwischentitel, frühe Experimente und neue Trickaufnahmen, Spielszenen und dazwischen Hunderte von Miniatur-Montagen, kaum begonnen, schon zerronnen.
Der zweite Handlungsträger neben dem Knie ist Gabi Teichert, schon einmal fragmentarisch in einer Episode des Kollektivfilms "Deutschland im Herbst" vorgestellt, hessische Geschichtslehrerin, handgreiflich auf der Suche nach einer besseren, positiven, pädagogisch vertretbaren Geschichte. Sie buddelt mit Amateur-Archäologen nach keltischen Vasen, versucht Abgeordnete auf dem Hamburger SPD-Parteitag 1977 für eine vernünftige Regelung der neueren Geschichte zu gewinnen, hat Ärger mit der Schule.
In ihrem Kopf, wo 2000 Jahre Geschichte herumnbrodeln, muß es ähnlich aussehen wie in ihrem Dr.-Faustus-Keller, wo sie mit Hammer und Säge an historischen Wälzern laboriert: zunehmend wirr. Und was dabei zutage kommt, ist blühender intellektueller Wildwuchs, liebenswürdiger Quatsch.
Was Kluge mag und was ihm fast immer gelingt, ist die satirische Selbstdarstellung von Fachwelten, Insider-Jargons, vom offiziösen. Sprachduktus vor Kameras, vor Versammlungen. Die Kinderversen eigene Weisheit fasziniert Kluge ebenso wie das groteske Palaver eines Kulturbeamten, der Grimms Märchen nach juristischen Aspekten analysiert, oder das makabre technokratische Ritual des Parteitags.
Die inszenierten Sequenzen sind dagegen hölzern, ihre Pointen dünn. Nur Hannelore Hager, ihr lakonisches Gesicht, ihr trauriger Kinderblick bleiben haften: ein Hauch menschlicher Wärme und (Blasphemie, ich weiß) vertrauter Kinoerfahrung in dieser hochkarätigen, abstrakten Scherbenwelt.
Kluges Film funktioniert wie eine Unterhaltung mit ihm. Er fabuliert, kokett und frivol, er schweift aus, lullt ein, übertölpelt. Jeder Gedanke entwickelt sofort seine eigene kauzige Logik; verschmitzt trudelt er sich hoch zu immer neuen Assoziationsketten und gewagten Pirouetten, er verblüfft und er blufft. Ein Einwand könnte das feingestrickte Gespinst schnell wegfegen, denkt man, und unterschätzt damit die vertrackte Eigendynamik solchen kornbinatorischen Denkens.
"Die Patriotin" hat diesen Reiz und den Charme einer intelligenten Plauderei. Es gibt witzige Einfälle und herrlich komische Verrücktheiten zuhauf, daneben hanebüchene Spitzfindigkeiten, abstruse Beweisgänge, Skurrilitäten. Kluge gräbt sich in seine wuchernden Phantasiegebilde ebenso ein wie in die Archäologie des Kinos, des Filmmaterials, er pusselt und spintisiert, und dank der souveränen Eleganz der Montage von Beate Mainka-Jellinghaus bleibt das immer lustig, sinnlich, oft suggestiv. Nur angespannt zuhören muß man nicht immer.
Kluge in einem Interview zu seinem Film: "Der "Kleine Mann im Ohr? ist keine Phrase, es gibt ihn wirklich. Die Zunge hat einen Konservativismus, in der Gefahrenabwehr allerdings auch eine Präzision. Das Auge hat eine an* Mit Hannelore Hoger.
dere Geschwindigkeit als das Ohr. Das Gewissen ist ein hochsynthetisch zusammengesetztes Organ, das ohne Kultur nicht funktioniert." Und so weiter, seitenlang.
Das mag alles so sein, aber Kluges verblüffender Anspruch (zweifellos auch seine Stärke) liegt in der Voraussetzung, jeder müsse wie er denken und sehen, müsse auf jede Idee, jede Überlegung mit den gleichen Erinnerungen, Erfahrungen, Bedeutungen und Phantasiesprüngen reagieren wie er selbst. Das ist kein Widerspruch zu seiner alten Theorie, der Film entstehe erst im Kopf des Zuschauers: Er tut so, als sei der verworrene Kosmos, den er da spielerisch entwirft so plausibel wie das Einmaleins.
Auch die Kluge-Exegeten tun so und katapultieren das Werk in so luftige Gefilde, wo es sich schwer konkret argumentieren läßt. Doch im Fall Kluge schreibt man ja nicht nur über den Regisseur, sondern meint auch den Schriftsteller (der die Buchausgabe der "Patriotin" vorbereitet), den Theoretiker (der mit Oskar Negt die "Geschichte der Arbeitskraft" schreibt), den im In- und Ausland begehrten Repräsentanten des neuen, jungen, alten deutschen Kinos oder den unermüdlichen Politiker, ohne den der deutsche Film nicht wäre, wie und was er heute ist.
Und anregender als zum Beispiel der wabernde Mystizismus in Syberbergs "Hitler" ist Kluges pfiffiger Geschichtsunterricht allemal. "Die Patriotin" erfordert mühevolle Schürfarbeit nach Sinn und Zusammenhang. aber Kluges Trost überzeugt. Er vergleicht, in gesunder Selbsteinsdiätzung? sein Hoheslied der Schnipsel mit bestimmten Musikstücken: "Inhalt haben sie nicht. Substanz ja."
Von Wolf Donner

DER SPIEGEL 51/1979
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