19.11.1979

Das zweite Sterben der Indianer

Sioux, Crow, Navajo, Cheyenne -- stolze Namen, aber tragisches Schicksal: Von der westlichen Zivilisation überrollt, von Farmern und Goldgräbern ausgebeutet, gedemütigt, verjagt, ermordet, gingen die Indianer lange Zeit der Auslöschung entgegen. Dann gaben ihnen riesige Lager von Kohle, Öl und Uran Hoffnung auf eine neue, bessere Zukunft -- doch der weiße Mann legt seine Hand jetzt auch an ihre reichen Bodenschätze.
Gelassen reitet der alte Mann in das
dunkle Stadion ein. Wenige Sekunden später leuchten die Scheinwerfer auf, er beginnt zu singen, ein altes Indianer-Lied, das den Großen Geist besänftigen soll.
Die schon zittrige Stimme des Kriegers vom Stamm der Navajo wird über ein drahtloses Mikrophon und kräftige Lautsprecher in das Red-Rocks-Stadion bei Gallup im US-Bundesstaat New Mexico übertragen, wo sich bis zu 20 000 weiße Amerikaner am Ende des Sommers regelmäßig die folkloristischen Kunststücke der früheren Besitzer ihres Landes zu Gemüte führen.
Nach seinem Auftritt werden der alte Mann und seine Mähre wieder in einen Pferdewagen verladen und zurück in die Reservation geschafft: Bis zum nächsten August besteht kein Bedarf mehr an Indianischem.
Ungefähr 100 Meilen nördlich kommen einige hundert seiner Stammesbrüder gerade von der Schicht. Sie arbeiten in einer der größten Kohlegruben Amerikas -- und tragen unfreiwillig zu dem ungeniertesten Ausbeutungsmanöver der amerikanischen Energiewirtschaft bei. Ihr Arbeitgeber Utah International, eine Tochterfirma des US-Multis General Electric, zahlt dem Stamm genau 15 Cent für die im Tagebau gewonnene Tonne Kohle: knapp ein Prozent des derzeitigen Weltmarktpreises von rund 20 Dollar pro Tonne.
Die aus indianischer Erde gebaggerte Kohle wird auf riesigen Lastern in ein Kraftwerk geschafft, das mit 2080 Megawatt zu den größten seiner Art zählt -- und zu den schmutzigsten. Das Four-Corners-Kraftwerk war als einziger Industriebetrieb der westlichen Hemisphäre auf früheren Satellitenphotos dank seiner riesigen Rauchfahne als Umweltverpester zu erkennen.
Beinahe täglich paffen schwere schwarze Wolken aus den Schornsteinen und rieseln in winzigen Ascheteilchen auf indianische Erde, machen den Menschen das Atmen schwer, reizen Netz- und Schleimhäute. "Bei denen stimmt wohl mal wieder die Verbrennung nicht", sagt dann Don Mosley, der Chef -Aufseher der Utah International, dessen Firma mit der Stromfabrik formell nichts zu tun hat.
Wenn er morgens Gäste in die Nähe der Kohlegruben und des Kraftwerks führt, wird Mosley nicht müde, den Segen des Kraftkombinats für die Indianer und ihre Reservation zu preisen: "Wir beschäftigen über 500 Indianer, über 75 Prozent sind Navajo, und auch die Kraftwerke sind untadelig. Die haben viel für den Umweltschutz getan."
Die 150 000 Navajo-Indianer, die in diesem größten der insgesamt 270 amerikanischen Indianerreservate leben, glauben das nicht. "Das Gras wird immer grauer", sagt zum Beispiel John Johnson, 68, der seine kleine Herde am Rand des für das Elektrizitätswerk angelegten Kühlteichs grasen läßt.
Nicht einmal der aus Navajo-Kohle gewonnene Strom für die armseligen Hütten und elenden Siedlungen kommt aus dem Four-Corners-Kraftwerk: Der Elektrizitätskonzern versorgt die großen Städte der Weißen: Phoenix in Arizona und Los Angeles an der kalifornischen Pazifikküste.
"Dieser Rauch riecht schlecht und geht in unsere Herzen. Das Pferd ist nicht mehr stark, es ist schwach geworden", erzählte die Navajo-Indianerin Emma Yazzie, 72, einem Reporter der "New York Times". "Nichts ist besser geworden, überhaupt nichts", klagt eine andere alte Indianerin, die Weißen ansonsten nicht einmal ihren Namen verraten will.
Verbitterung und Resignation, Hilflosigkeit, manchmal wohl auch Haß -so ungefähr buchstabiert sich die Grundstimmung der einstigen Herren Amerikas. Knapp 400 Jahre nachdem die Siedler aus Übersee die Küsten des neuen Kontinents erreichten, wo sie zunächst nur dank indianischer Großmut überlebten, scheinen die Indianer ihre letzte Schlacht zu verlieren.
Weitgehend unbeachtet von Amerikas Medien, weitgehend einflußlos und isoliert lebt Amerikas wohl armseligste Minorität im finstersten Winkel aller Schattenseiten des "American Way of Life". Es sind die etwa 850 000 Indianer, nicht einmal ein halbes Prozent der US-Bevölkerung. Obgleich die Stämme rund 50 Prozent aller amerikanischen Uranvorkommen und ein Drittel der schwefelarmen Tagebaukohle des amerikanischen Westens besitzen, obgleich in indianischer Erde reichlich Öl und Gas lagern, haben sie nichts zu melden.
Kein Indianer sitzt im Aufsichtsrat einer Kohlegesellschaft, kein Indianer spielt in irgendeinem US-Bundesstaat politisch eine maßgebliche Rolle.
Nicht einmal Umweltkatastrophen scheinen die Amerikaner zu beunruhigen, wenn Indianer betroffen sind. Die großen Zeitungen des Landes brachten allenfalls kleine Meldungen, als sich unweit der Navajo-Kohlengrube eines der schwersten Atomunglücke der letzten Jahre ereignete:
Die Atomfirma United Nuclear hatte in ihrer auf Indianer-Gebiet liegenden Uranmine die Kontrolle über einige Millionen Hektoliter radioaktiven Wassers verloren, das nach einem Dammbruch in den Puerco-Fluß und das Grundwasser der Indianer sickerte. Die Verseuchung der Umwelt kann nach Schätzungen von Experten leicht den Fallout selbst gefährlicher Reaktorunfälle übertreffen.
Doch in New Mexico blieben die Behörden und die Medien gelassen. Die zuständigen Beamten versprachen, Bodenproben zu untersuchen. Sechs kleine Navajo-Kinder wurden in das frühere Atomversuchsgelände von Los Alamos geschafft, um sie dort auf mögliche Strahlenschäden zu untersuchen.
Die Quarantäne dieser Kinder dient allenfalls als Ablenkung für die beunruhigten Stämme: Werden jetzt Schäden festgestellt, haben die Kinder ohnehin kaum eine Lebenschance. Fällt aber das Ergebnis -- wie erwartet -- günstig aus, so heißt das fast gar nichts: Die (wahrscheinlicheren) Spätfolgen lassen sich noch nicht diagnostizieren.
Wohl keine Bevölkerungsgruppe, keine Minderheit der Vereinigten Staaten ließe sich das gefallen: Ihr Land wird ruiniert, ihr Reichtum ausgebeutet, die Reste ihrer Kultur verkommen, ihre Identität ist schon längst begraben -- an der Biegung des Flusses, in Wounded Knee, am Powder River, in den Black Hills oder den anderen Landstrichen mit nur mehr historischen Namen, wo der weiße Mann seinen roten Bruder zu fassen bekam und die U. S. Cavalry ihn niederritt.
"Wir werden betrogen, und das schon seit Jahrhunderten", klagt Peter MacDonald, der Vorsitzende der mit 150 000 Mitgliedern stärksten nordamerikanischen Indianernation, deren Reservat zwölf Millionen Acres (fünf Millionen Hektar) umfaßt. "Wir wollen nicht länger ausgenommen werden", meint MacDonalds Kollege Floyd Correa vom benachbarten Pueblo-Laguna-Stamm, der über erhebliche Uranreserven und Kohlevorkommen verfügt.
Auch seine 3000 Stammesbrüder und -schwestern, die im Reservat leben, "haben sehr schlechte Erfahrungen": Das Uranerz der Indianer wird von den Weißen abgebaut, verarbeitet und vermarktet. Den eigentlichen Besitzern bleibt laut einem vor 25 Jahren abgeschlossenen unbefristeten Vertrag nur ein Almosen: "Es ist so wenig, daß ich mich geniere, es zu sagen", meint Correa.
MacDonald und Correa zählen zu der raren Art indianischer Führer, die sich zu wehren wissen gegen die weiße Übermacht, der die Indianer Nordamerikas seit mindestens 300 Jahren schmerzlich unterlegen sind. Der eine diente bei den U. S. Mannes, nutzte ein Soldaten-Stipendium für ein Technik-Studium und machte erst bei den Weißen Karriere, ehe er sich seinem Stamm anbot (siehe Interview S. 218).
Correa zog eine eigene Computerfirma auf und lebte als angesehenes Mitglied der Upper Middleclass von Albuquerque, ehe er sich seines Stammes entsann, sich zur Häuptlingswahl stellte und in das 50 Meilen entfernte Laguna-Reservat zog. Er sagt: "Ich will nicht, daß unsere Rechte weiter ausgehöhlt werden. Wir wollen als vollwertige Partner anerkannt werden."
Davon sind die Enkel Winnetous, von Karl May in seinen Büchern gelegentlich als mutige Krieger und verläßliche Freunde gefeiert, weiter entfernt als ihre Vorfahren: Fast alle ihre Reservationen sind zu "Freiluft-Slums" (so Indianer-Forscher Alan L. Sorkin) verkommen, die sich nur durch ihre landschaftliche Kulisse und ihre Weitläufigkeit von den Gettos der Hispanics oder der Schwarzen unterscheiden.
Wenn die 15 Jahre alte Angie Eagle in der winzigen 300 Seelen starken Indianer-Siedlung am Mille Lacs Lake im Norden Minnesotas am Sonnabendnachmittag nach ihrem Vater und ihren Brüdern gefragt wird, sagt sie: "They are shooting" (sie schießen) -- und meint damit: Sie sind in der Kneipe und schießen mit Billardkugeln.
Dort, mitten in den einst wildreichen Jagdgründen südlich der großen Seen, sitzen sie dann, Vater Eagle vor seinem achten Bier und einem leicht gestörten Fernseher, in dem ein Hollywood-Film über die Heldentaten eines weißen Trappers läuft. Die Brüder Eagle spielen tatsächlich Billard -- wenn sie nicht in die Röhre gucken oder Bier trinken.
Trostlos und armselig die meisten Häuser. Umgeben von einer Vielzahl abgewrackter Autos, dösen etwa in der riesigen Pine Ridge Reservation in South Dakota die Enkel der einst gefürchteten Sioux-Krieger herum. Das von Washington finanzierte Wohnungsbauprogramm hat wenig Hilfe gebracht. Die Einheitshütten sind meist viel zu klein und verkommen in wenigen Jahren zu schmutzstarrenden Elendsquartieren.
Die Arbeitslosigkeit in den Reservationen schwankt je nach Jahreszeit und Lage der Siedlung zwischen 30 und 50 Prozent, die Kindersterblichkeit ist um ein Vielfaches höher als bei den Weißen, Analphabetentum verbreitet, die Rate der Schul-Dropouts nur noch mit den Zahlen einiger Großstadtslums zu vergleichen.
In den Bars jenseits der Grenzen -- in den meisten Reservaten ist der Verkauf von Alkohol seit Jahrzehnten verboten -- setzt, insbesondere nach der Auszahlung der staatlichen Wohlfahrtsschecks, ein so kollektives Trinken ein, daß manchmal fast die ganze männliche Bevölkerung einer Siedlung betrunken scheint.
Der Besitzer der Jim-Town-Bar etwa, einer Kneipe nördlich des Cheyenne-Reservats in Montana, verkauft "ungefähr 16 000 Kisten Bier im Jahr, rund 250 000 Dosen
Im benachbarten Lame Deer, dem ein paar Meilen entfernten Haupt-Dorf des Stammes der einst gefürchteten Cheyenne-Indianer, wohnen vielleicht 800 oder 1200 Menschen, so genau weiß das keiner. Trotz der Nähe zur Theke von Jim-Town-Bar haben sich hier einige Schwarzbrenner und Sprithändler niedergelassen: Das Geschäft mit dem Feuerwasser blüht in den Reservaten ebenso wie in den Indianerslums der Großstädte.
In Minneapolis-Saint Paul etwa, einer der größten Indianeransammlungen außerhalb der Reservationen, werden Abend für Abend Dutzende besinnungslos betrunkener Sioux oder Apachen, Navajo oder Crow eingesammelt.
"Wir kümmern uns besonders intensiv um das Alkohol-Problem", sagt Elizabeth Hallmark vom Minneapolis Native American Center, die in ihrem fünf Millionen Dollar teuren Indianer-Zentrum Kinder und Alte, Drogenabhängige und Alkoholsüchtige versorgt: "Aber es ist unglaublich schwierig. Den Leuten geht es einfach zu schlecht, zu lange hat man auf ihnen herumgetrampelt und sie ausgebeutet."
Die beinahe selbstmörderische Neigung der nordamerikanischen Indianer zum Alkohol macht den Stämmen seit ihrem ersten Schluck Whiskey schwer zu schaffen. Selbstbewußte Häuptlinge und Unterhändler kippten bei den Verhandlungen im 19. Jahrhundert fast regelmäßig im Alkoholrausch um. Und heute ist die Alkoholiker-Quote der Indianer vermutlich -- amtliche Statistiken liegen nicht vor -- wesentlich höher als beim Rest der amerikanischen Bevölkerung.
Anthropologen und Soziologen pflegen die Trunksucht der amerikanischen Ureinwohner mit dem Verlust der Identität, mit Hoffnungslosigkeit und Dauer-Depression zu erklären, die unter den chronischen Verlierern herrschen. Andere, etwa der Rechtsprofessor Sam Delorea vom Stamm der Standing Rock Sioux, glauben: "Auch physiologische Gründe spielen eine Rolle. Die Indianer müssen etwas in ihrem Kreislauf, ihrem Stoffwechsel haben, das sie für Alkohol besonders anfällig macht." Auch Delorea allerdings vermutet, daß Hauptursache der Trunksucht "wohl die Isolation" ist und die vollständige Aussichtslosigkeit, unter denen seine Stammesbrüder zu leiden haben.
"Wir machen ein paar Fortschritte, aber es geht verteufelt langsam", sagt Harold Childers? Leiter der Außenstelle Minneapolis des Bureau of Indian Affairs. Seine Schulungskurse sind schlecht besucht, seine Mitarbeiter müde und desinteressiert. "Wir können nicht viel machen, die Widerstände der Weißen sind zu groß."
Nur die Metallarbeitergewerkschaft sei bereit, Indianer aufzunehmen und zu fördern, alle anderen Gewerkschaften "wollen ihren Laden geschlossen halten", um ihre weißen, gelegentlich auch ihre schwarzen Mitglieder vor der Konkurrenz der Rothäute zu bewahren.
Die Erfolge, die Childers vorzuweisen hat, sind in der Tat bescheiden. Lange muß er herumtelephonieren, bis er einen indianischen Facharbeiter lokalisiert. Als er schließlich durch Rücksprachen bei einer Baufirma herausgefunden hat, wo der Mann arbeitet, stellt er zu seinem Erstaunen fest: "Sogar der Vorarbeiter hat indianisches Blut."
Childers? zwei Vorzeige-Indianer, der eine ist vom Stamme der Chippewa, der andere ein Sioux, haben mit ihren Stammesbrüdern nur noch wenig gemein. Sie sprechen kaum noch ihre Muttersprache; sie leben in einer von Weißen bewohnten Gegend der Stadt und "fühlen sich", sagt der Vormann, "als Amerikaner, nicht mehr und nicht weniger".
Diese Anpassung an die Spielregeln der Weißen, an die Normen und Zwän* Oben: Ein Häuptling verbietet die Durchfahrt eines Trecks durch sein Gebiet; unten: 1863 am Washita.
ge der Industriegesellschaft gelingt nur einer verschwindend kleinen Minderheit von Indianern.
Sam Delorea etwa, Sohn eines zum Christen bekehrten und zum Pastor aufgestiegenen Indianers aus der Pine Ridge Reservation, hat alle Universitätsexamen mit erstklassigen Noten bestanden und lehrt seit einigen Jahren Recht am "American Indian Law Center" in Albuquerque, einem an die Universität von New Mexico angelehnten Institut für indianische Advokaten.
Das schwierigste Problem liegt für ihn darin, "daß die Stämme noch immer nicht wissen, wie sie sich mit der Industriegesellschaft arrangieren können und dennoch ihre eigene Identität und kulturelle Integrität behalten".
Deloreas Stammesbruder Russell Means, einer der Anführer des vor einigen Jahren wortgewaltigen, nach etlichen Rückschlägen aber beinahe sprachlosen American Indian Movement (MM), hat die Seelenlage der von den Weißen an den Rand gedrängten Indianer so beschrieben:
Schwankend zwischen Assimilationsdrang und spiritualistischen Sehnsüchten, voller Haß auf die Hand, die ihn füttert, und zunehmend abhängig von diesem Futter, phlegmatisch und dann wieder -- vor allem unter dem Einfluß des allgegenwärtigen Alkohols -- von zielloser Aggressivität, ein reiner Gemeinschaftsmensch, aber ohne Organisationstalent, unfähig zu direkter Aussage und intellektueller Formulierung, ohne Gefühl für Zeit und für persönliches Eigentum, witzelnd, argwöhnisch vor allem den eigenen Führern, mal demütig, mal überheblich den "Anglos" gegenüber, leidend an Selbstverachtung und der Sinnlosigkeit seines Daseins, Musterbeispiel des Identitätsverlustes und doch seiner Identität zu tief bewußt, als daß er je ein anderer werden könnte.
Erstaunlich ist das nicht. Jahrhundertelang wurden sie zurückgedrängt und gedemütigt, herumgestoßen und abgeschoben, übertölpelt und gegeneinander ausgespielt, mit wohlfeilen Almosen abgespeist und mit vagen Versprechen hingehalten: Die Geschichte der Besiedlung und des Aufstiegs der Vereinigten Staaten von Amerika ist zugleich die Geschichte der Ausrottung, der Verschleppung und des Niedergangs seiner Ureinwohner.
Ernsthafte Historiker bestreiten die von etlichen ihrer Fachkollegen bislang eisern festgehaltene These, die europäischen Siedler hätten ein beinahe menschenleeres, von höchstens einer Million Indianer bewohntes Land betreten, als sie im frühen 17. Jahrhundert nach Neuengland kamen: "Die Europäer", schreibt zum Beispiel Francis Jennings in seinem Buch "The Invasion of America"*, "betraten keinesfalls ein jungfräuliches Land. Sie eroberten es und vertrieben eine einheimische Bevölkerung."
Jennings und manche seiner Kollegen schätzen die Zahl der im frühen 17. Jahrhundert auf dem heutigen Gebiet der USA lebenden Indianer auf "etwa zehn Millionen".
Gewiß fiel nur ein verschwindend geringer Bruchteil dieser Millionen tatsächlich -- wie von indianischen Aktivisten gelegentlich behauptet -- weißer Mordlust und Habgier zum Opfer. Die meisten starben, weil sie den Kontakt mit den Weißen nicht aushielten. Ihre Abwehrkräfte gegen die aus Europa mitgebrachten Krankheiten und Seuchen wie Pocken oder Typhus waren so schwach, daß die Infektion eines Stammesmitgliedes zur Ausrottung fast aller Stammesbrüder und -schwestern führen konnte.
Diese Anfälligkeit für die Krankheiten der Europäer -- auch die mexikanischen Ureinwohner wurden nicht nur
* Francis Jennings: "The Invasion of America". W. Norton co. Inc., New York; 4,95 Dollar.
durch die Conquistadores, sondern vor allem durch deren Seuchen innerhalb eines Jahrhunderts von gut 20 Millionen auf etwa zwei Millionen Menschen dezimiert -- machte systematische Verdrängungsfeldzüge lange Zeit entbehrlich. "Nicht einmal die blutigsten Eroberer", schreibt Jennings, wären fähig gewesen, so viele Indianer zu ermorden "wie der barmherzige Priester, der in seiner Mission dem bekehrten Indianerjungen die Hand auflegt".
Ebenso hilflos und fassungslos standen die Stämme der Irokesen und Shoshone, der Winnebago und Pueblo dem Geistes-Import gegenüber, den die bei ihrer Ankunft mit Nahrungsmitteln und Rat, mit argloser Freundlichkeit und ungebremster Neugier aufgenommenen Weißen in ihrem Kopf mitbrachten. Niemals hatte ihre nach europäischen Maßstäben rückständige Kultur auch nur die geringste Chance, die Konfrontation mit den Werten der Weißen und deren puritanische Effizienz-Philosophie zu überleben.
Die Indianer kannten kaum Privateigentum, weder individuellen Landbesitz noch wirtschaftlichen Ehrgeiz. "Land verkaufen?" schrieb der legendäre Indianerhäuptling Tecumseh an den General und späteren Präsidenten William Henry Harrison Anfang des vorigen Jahrhunderts: "Warum nicht gleich auch die Luft, die Wolken, das Meer und die ganze Erde? Hat der Große Geist das alles nicht etwa für alle seine Kinder geschaffen?"
Tecumsehs Bemühungen, eine all-indianische Bewegung zu gründen, um den übermächtigen Eindringlingen Widerstand zu leisten, schlugen fehl: Feuerkraft und Landhunger der Weißen waren zu stark, ihre zivilisatorische und technische Überlegenheit allzu deutlich.
Arglos und einfältig verkauften oder verschenkten die Indianer ihr Land; Manhattan etwa ging für 24 Dollar weg, ganze Landstriche wurden für Gewehre, Äxte oder Feuerwasser losgeschlagen.
Der Vertrag mit dem Creek-Stamm vom 24. März 1832 (Artikel 1: "Der Stamm der Creek-Indianer tritt all sein Land östlich des Mississippi an die Vereinigten Staaten ab") sah als Entschädigung für die Vertreibung das Überschreiben wertloser Ländereien an die Häuptlinge und Familenoberhäupter vor. Wie es dann weiterging, hat der amerikanische Historiker William T. Hagan* so dargestellt:
Innerhalb unserer Zeit war klar, daß den Creek Vertreibung und Ausrottung bevorstanden. Die Weißen mißachteten nicht nur alle Versprechungen, sondern sicherten sich auch noch durch Manipulation und Betrügereien die den Häuptlingen zugesagten Ländereien. Ein von (US-Präsident) Andrew Jackson eingesetzter Ermittler erklärte: "Eine größere Korruption ist in diesem Teil der Erde wohl noch nicht vorgekommen." Aber die Regierung war unfähig, den Roten Mann zu verteidigen.
Er mußte erst den Trappern weichen, dann den Farmern und den Eisenbahnbauern, den Cowboys und den Goldgräbern. Die Winnebago zum Beispiel wurden insgesamt neunmal vertrieben, ehe sie sich schließlich in einem Reservat im Westen Nebraskas niederlassen durften. Dieser Rekord beeindruckte rund hundert Jahre später sogar die Werbeleute und Verkaufsmanager einer großen amerikanischen Wohnwagen-Fabrik. Sie nannten ihr Gefährt "Winnebago".
Ganz nach Bedarf und Interesse brachen selbst honorige Amerikaner Verträge, um sich und ihrer jungen weißen Nation reichlich Lebensraum zu verschaffen. Die "Savages" (Wilden) verdienten es -- so jedenfalls die damals verbreitete Rechtfertigung -- schon
* Willilam T. Hagan: "American Indians". The University of Chicago Press; 4,50 Dollar.
Wegen ihrer Rückständigkeit nicht, für voll genommen zu werden.
"Die europäische Völkerfamilie verkörpert den Hauptstrom menschlichen Fortschritts", schrieb vor 128 Jahren etwa Lewis Henry Morgan, der erste namhafte Anthropologe Amerikas. Die "Wilden" seien minderwertig, weil die Weißen "den höchsten Vertreter der Menschheit hervorgebracht und weil sie sich als absolut überlegen bei der Übernahme der Kontrolle über die Erde erwiesen haben".
Folgerichtig fiel Indianisches der Zerstörung anheim, wo immer es angetroffen wurde -- und das häufig nicht einmal in böser Absicht. Die Richtlinien für Indianerschulen etwa verboten den Kindern ihre Muttersprache: Alle Unterrichtsstunden müssen in Englisch abgehalten werden. Die Schüler sollen gezwungen werden, auch miteinander Englisch zu sprechen. Jeder Verstoß gegen diese Vorschrift sollte bestraft, jede Anstrengung unternommen werden, Kinder zu ermutigen, ihre Muttersprache aufzugeben.
Rücksichtslos auch und allein auf die eigenen, die weißen Interessen ausgerichtet blieb die Indianer-Politik der Regierung in Washington. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, als die eigenen Mittel begrenzt und die Widerstandskraft der Indianer gelegentlich noch unbequem war, handelte die US-Administration mit den Häuptlingen einige hundert Verträge aus.
Die indianischen Führer, so die Doktrin, sollten ihre Stämme in eigens eingerichtete (und damals noch abgelegene, weitgehend wertlose) Reservate führen. Als "abhängige inländische Nationen" (so der amerikanische Oberste Bundesrichter Marshall in einer Grundsatzentscheidung aus dem Jahr 1831) könnten sie in diesen Territorien ungestört leben, "solange das Gras wächst und die Sonne aufgeht" (damals üblicher Vertragstext).
Die von den Weißen für die Vertragsunterzeichnung benötigte Autorität der Indianerführer war allerdings schon in "den letzten Dekaden des vorigen Jahrhunderts unerwünscht", so der Washingtoner Indianerforscher Fred Nicklason. Der Dauereinsatz der eigens für den Indianerkampf geschaffenen U. S. Cavalry hatte den Widerstand der roten Führer mehr oder weniger gebrochen, ihr Ansehen war durch die ungezählten Vertragsverletzungen? Verschleppungen und Flüchtlingstrecks schwer diskreditiert.
Kaum war 1871 der letzte Indianervertrag abgeschlossen, leitete Washington einen radikalen Kurswechsel ein. Die Indianer -- so die neue Doktrin -- seien Mündel, die unter dem Schutz und der Vormundschaft der Weißen leben sollten. Frederick Turner, Professor an der University of Massachusetts in Amherst, interpretierte diesen Meinungswandel so: Weil die Regierung in den 1820er Jahren zur Enteignung der Cherokee und in den 1830er Jahren zur Enteignung der Choctaw angestiftet hatte; weil sie in den 1830er Jahren eine Massendeportation der östlichen Stamme in den Westen veranlaßt hatte und weil sie später durch ihre dauernden Vertragaverletzungen die Indianer-Kriege in den Ebenen des Mittleren Westens mitverursacht hatte, konnte sie nun die Offentlichkeit auf die Schwache der Stämme und die Ohnmacht ihrer Führer aufmerksam machen.
Im Jahre 1887 beschloß der Kongreß, die alte Reservatspolitik endgültig in ihr Gegenteil zu verkehren und die Integration der Roten in die Gesellschaft zu beschleunigen, notfalls zu erzwingen.
Allen indianischen Traditionen zum Trotz parzellierte die Regierung im General Allotment Act die Reservate und teilte jedem erwachsenen Indianer 160 Acres Land
Die Folgen dieser Politik waren schon bald absehbar. Viele Indianer verkauften oder verpachteten ihre Parzellen an Weiße. Und die machten fast regelmäßig einen Goldenen Schnitt. Das Land der Großeltern von Elizabeth Hallmark etwa, der Leiterin des Minneapolis Native American Center, ging in Erbpacht an einen weißen Far-
* Gouverneur Peter Minuit (r.) beim Erwerb der Insel Manhattan 1626.
mer. Pacht pro Acre und 99 Jahre: genau ein Dollar.
50 Jahre später ging es wieder retour. Im Indian Reorganization Act von 1934 wurden neue Schutzvorschriften für die Indianer und ihre Reservationen festgelegt, ihnen eine beschränkte Autonomie und mehr Hilfe zugesagt. Doch da war es zu spät: 90 Millionen Acres gehörten Weißen, die Reservate waren auf unter 50 Millionen Acres geschrumpft.
Selbst diese Zahl ist noch hochgegriffen. Mindestens ein Viertel der knapp 50 Millionen Acres sind an Weiße verpachtet oder abgetreten. Auf die Kohlelager und Uranerze der Crow, der Northern Cheyenne, der Pueblo-Laguna und der Navajo haben große Energiekonzerne erste -- von den Stämmen allerdings bestrittene -- Rechte.
Das fruchtbare Land am Südrand des Pine-Ridge-Reservates wird von weißen Farmern bestellt. Und die halten nichts vom Roten Mann. "Die bringen doch nichts zu Ende", sagt einer, während er, vierschrötig, rothaarig und selbstbewußt, mit seinen Kollegen im Restaurant "Dale?s and Doris"? in Martin Pancakes mit Ahornsirup ißt.
Diese Meinung über die roten Nachbarn hat John McKinley schon seit 40 Jahren: "Sie schaffen es einfach nicht. Viele sind nicht einmal als Hilfsarbeiter zu gebrauchen, weil sie gleich abhauen, sobald sie ihren ersten Lohnscheck in der Hand haben." Kann er sich Indianer als farmer vorstellen? "Never ever", antwortet er.
Indianer-Forscher sehen das etwas differenzierter. Alan L. Sorkin von der angesehenen Brookings-Institution meint, die krasse Unterlegenheit der Indianer-Bauern, die regelmäßig allenfalls die Hälfte der sonst üblichen Erträge einfahren, sei durch eine Vielzahl von Gründen zu erklären. Die meisten Stämme seien jahrhundertelang auf die Jagd gegangen und hätten deshalb keinerlei Ackerbau-Erfahrung. Ihre Ausbildung sei schlecht, ihre Maschinen seien alt, ihr Kapital knapp.
Sind die Indianer am Ende für fast gar nichts zu gebrauchen? Sind die Niederlagen und Demütigungen der Vergangenheit so schmerzhaft, der Kulturschock und die Isolation so verheerend, daß sich die Indianer allmählich aus der Gesellschaft verabschieden, um mit viel Alkohol in die ewigen Jagdgründe abzuwandern?
Sam Delorea gibt nur einem Teil seiner Stammesbrüder eine Überlebenschance: "Einige werden es schaffen", sagt der Sioux-Professor, "andere nicht."
Im nächsten Heft
Wie die Stämme sich gegen Knebelverträge mit den Weißen zu schützen versuchen -- Die indianischen Bürgerrechts-Aktivisten werden systematisch ausgeschaltet

DER SPIEGEL 47/1979
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