19.11.1979

TV-SATIREGeschärftes Ohr

Abschied von „Notizen aus der Provinz?: Diese Woche läuft Dieter Hildebrandts Satire-Magazin zum letztenmal -- Modellfall politischer Pression und Anpassung des ZDF.
Nun kann für das ZDF das Bundeswahl-Jahr 1980 kommen: Der "einäugige, angestaubte Eulenspiegel" ("Die Welt") wird nicht mehr Politiker anstänkern, aus der heilen Welt Zerrbilder machen, das Nest beschmutzen.
Nach sechs Jahren Laufzeit, nach über 60 Sendungen geht Dieter Hildebrandt, 52, mit seinen "satirischen Randbemerkungen", den "Notizen aus der Provinz", ins letzte Gefecht; am kommenden Donnerstag ist Ultimo? dann herrscht Ruhe im TV-Land.
Hildebrandt, Häuptling Adlerauge und Meister Wortwitz unter Deutschlands Kabarettisten, wird sich dazu noch mal seine alten Spießgesellen laden, den Schreiner und den Hüsch, den Hube und den Polt, den Ruge und den Grünmandl; fürs letzte Wort kommt vielleicht noch ein langer Bekannter.
Weil es auch gerade zu Ende geht, soll das "Jahr des Kindes" zum Leid-Motiv des letzten Hieb- und Stichfestes werden. Grünmandl will dabei das Kind mit dem Bad ausschütten, und das wäre ein zu schönes Bild dafür, wie das ZDF mit Hildebrandt und den "Notizen", der letzten politischen TV-Serien-Satire, verfuhr.
Das Gezerre um das respektlose, höchst erfolgreiche Magazin (Einschaltquote um 30 Prozent) hatte schon Jahre gewährt; im vergangenen Juni zupften die Oberen von Mainz endgültig die Guillotine -- auf massiven politischen Druck hin und aus Hasenfüßigkeit. "Die machen sich in jede Hose", sagt Hildebrandt, "die man ihnen hinhält."
Die Geschichte des allmählichen Abwürgens der "Notizen" hat Modellcharakter; niedergelegt ist sie in den vertraulichen Protokollen, die von den Sitzungen des zuständigen Fernsehrats-Ausschusses ("Spiel und Musik") angefertigt wurden.
Der ZDF-Fernsehrat setzt sich aus Vertretern der Parteien und gesellschaftlich relevanter Gruppen, von den Kirchen bis zum Deutschen Sportbund? zusammen. Der Fernsehrat überwacht die Programm-Grundsätze, berät den Intendanten in Programmfragen und wählt den Intendanten.
In allen (sechs) Ausschüssen haben die CDU-Freundeskreise die Mehrheit. Sie tagen drei- bis viermal im Jahr; im Ausschuß "Spiel und Musik" waren Hildebrandt und seine "Notizen" immer wieder auf der Tagesordnung.
So schon am 25. Oktober 1974. Ein Staatssekretär Lauerbach hatte vorgebracht, die "Notizen" hätten eine "verleumderische Darstellung bayerischer Verhältnisse" geliefert und eine "Verunglimpfung des Herrn Ministerpräsidenten und der die Regierung tragenden Partei", der CSU.
Anhebt eine Diskussion, was Satire soll, kann, darf. CDU-Medien-Experte Christian Schwarz-Schilling: Der Satiriker dürfe kein Meinungs-Monopol haben, sein "Engagement" müsse "vielfältig sein", und der Betroffene der Satire müsse darüber "lachen können".
Im Verlauf der Sitzung wird Hildebrandt bescheinigt, er sei "mehr arroganter Zyniker als Satiriker", ein "witziger und gutbezahlter Narr", aber auch "stark präformiert und ideologisch festgelegt". Er solle, wolle er weiter auf dem Schirm erscheinen, "genügend Distanz zu seiner persönlichen politischen Meinung zeigen".
Vier Monate später schon -- Reschwerdeführer: Friedrich Zimmermann (CSU) -- wird Hildebrandt vorgeworfen, daß er "in einer bestimmten Form politischen Lernunterricht erteile", die "Opposition", statt der Regierung, "zur Zielscheibe" habe; über einen "längeren Zeitraum" könne ein "derartiger Mangel an Ausgewogenheit nicht hingenommen werden".
ZDF-Unterhaltungschef Peter Gerlach, Vater und Verantwortlicher der "Notizen", repliziert: In der Moderation des letzten Jahres sei "die SPD 14mal, die CDU/CSU 15mal aufs Korn genommen worden". Von rechts kommt die "Auffassung, daß Herr Hildebrandt zu oft am Bildschirm sei
Im August 1977 -- Beschwerdeführer: Christian Schwarz-Schilling -- wird es ernst. Hildebrandt hatte eine Art Buback-Kommentar gesprochen
*In "Notizen aus der Provinz".
und vor der Verschärfung von Gesetzen gewarnt -- man müsse sich "auch vor dem Eventualfall schützen, daß der Staat zum Terroristen wird".
Schwarz-Schilling: "Mehr als geschmacklos." Kommentare der Runde: "Alle hier sollten ein geschärftes Ohr für das haben, was da untergründig an Agitation getrieben werde", "man wisse, wo Herr Hildebrandt stehe", die Form der Sendung sei "das gefährlichste, was es überhaupt gebe". Drohung an die "betriebsblinde" Redaktion: Man solle mal deren "personelle Zusammensetzung überdenken".
Schritt für Schritt wurden die "Notizen", ursprünglich eine Parodie auf die Polit-Magazine und ihre Moderatoren, abgebaut: Dokumentar-Material durfte nicht mehr satirisch eingesetzt werden, Hildebrandt mußte vom Moderatoren-Stuhl herunter und zur Spiel-Figur werden, damit auch jeder sehe, "Achtung, Satire"; das Terroristen-Thema samt Fahndungs-Apparat wurde zum Tabu erklärt.
"Notizen"-Chef Peter Gerlach, SPD-Mitglied, war lange Zeit, sagt Hildebrandt, mit ihm "politisch d?accord: Er hat oft den Kopf hingehalten". Programmdirektor Stolte, CDU-nahe, konnte, meint Hildebrandt, "die Sendung auf den Tod nicht ausstehen", hielt aber auch gelegentlich den schönen Kopf hin.
In der letzten "Notizen"-Sitzung des Ausschusses, vor zwei Monaten, herrschte helle Empörung: Die Fernsehräte, Kontrollorgane und Berater, hatten vom Ende der Sendung erst aus den Zeitungen erfahren; die linke Seite konnte sich des "Eindrucks nicht erwehren", das Haus habe "politisch gehandelt, um sich im Wahljahr von politischer Seite Ärger zu ersparen".
Im Jahr 1981 wird auch der neue ZDF-Intendant gewählt -- Stoltes Aspirationen auf den Thron sind bekannt. Der "Notizen"-Exitus, sagte er den Fernsehräten, sei ein "normaler Vorgang", "Abnutzungseffekte sowohl in inhaltlicher wie personeller Hinsicht" seien die Gründe.
Auch habe das Magazin das Klassenziel, "beim Zuschauer Nachdenklichkeit" zu wecken, nicht erreicht, vielmehr sei es in eine "philosophische Verneinung um jeden Preis" abgeglitten, in eine "thematische Verengung (Kernkraft? Neonazismus, Umweltfragen) und eine Personalisierung auf wenige Spitzenpolitiker (Strauß, Carstens, Vogel, Leber, Franke)".
Die "Notizen", sagte Stolte, seien "in Konfrontation -- um nicht zu sagen Provokation -- ausgeufert". Ende 1981 will er ein neues "satirisches Magazin" auflegen. Hildebrandt macht ab Mitte nächsten Jahres eine Live-Kabarett-Serie beim SFB; der "Notizen"-Platz im ZDF-Programm soll mit Musik belegt werden. Ein geplanter Titel: "Jetzt hau?n wir auf die Pauke."

DER SPIEGEL 47/1979
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