19.11.1979

NACHRUF

ALFRED LORITZ †

Meineidsprozesse, das haben

prominente Fälle gelehrt, müssen einer politischen Karriere im Freistaat Bayern nicht abträglich sein. Ein bissen damisch darf sich ein Politiker im Land von König Ludwig II. ebenfalls geben. Und Everybody's Darling braucht ein Staatsmann an der Isar im Normalfall nicht zu sein.

Alfred Loritz, Rechtsanwalt und Sohn eines Regierungspräsidenten, verfügte über all die andernorts schlimmen Attribute reichlich -- und erzielte damit im Nachkriegsbayern einen phänomenalen Erfolg. Er gründete und führte die "Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung" (WAV) und heimste mancherorts bis zu 30 Prozent der Stimmen ein.

Wie ein schweifender Geist hastete der hagere, zappelige Mann von Wirtshaussaal zu Wirtshaussaal und versprach dem versprengten, orientierungslosen und hungernden Volk, die "Lebensmittelkarten abzuschaffen" und "mindestens 10 000 unfähige und korrupte Beamte" zu entlassen.

So konnte er leicht die traditionsreichen Münchner Bräusäle wie den Mathäser und den Bürgerbräukeller füllen. Auf dem Königsplatz übte er unter den Klängen von Marschmusik Basisdemokratie: 50 000 Zuhörer forderten bei "einer Gegenstimme und zehn Enthaltungen" den "sofortigen Rücktritt der bayerischen Staatsregierung".

Dieser hatte er zuvor selbst angehört, auf dem undankbaren Posten eines Sonderministers für Entnazifizierung. Im Amt wollte er zusammen mit seinen zwölf Fraktionskollegen zuvorderst die "Allmacht der Presse" beseitigen, die "Macht der Abgeordneten" stutzen, die "alten politischen Parteien" säubern und auch noch alle "Versager vor 1933" entfernen.

In diesem engen Raster verfingen sich auch Kabinettsmitglieder wie der legendäre Josef Müller, der "Ochsensepp". Doch der rächte sich auf landesübliche Weise: dem Widerspenstigen wurde ein das Renommee kürzender Prozeß verpaßt.

Glücklosen als andere, überstand der dürre Demagoge die Tortur nicht ohne Schaden. Er landete in Untersuchungshaft im Gefängnis Stadelheim. Auf ungeklärte Weise floh er und leitete fortan aus denn Untergrund die Partei -- bis er im Zug einer Großfahndung mitternachts in Frauenkleidern auf der Theresienwiese von Kriminalbeamten verhaftet wurde.

Von den ursprünglichen Vorwürfen, etwa Anstiftung zum Meineid oder Benzinschmuggel, blieb nichts übrig. Doch wegen seiner Flucht und Haftentziehung wurde er gleichwohl zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Und weil er sich über die Behandlung in Stadelheim beschwert hatte, wurde ihm im Landtag gleich wieder die Immunität entzogen. Nur sein Einrücken in den Bundestag 1949 (mit 12 Abgeordneten) rettete den Eigenbrötler für eine Legislatur vor der Justiz.

Schon vorsorglich für die Zeit danach erwirkte ein Münchner Amtsgericht ohne Aufhebung der Immunität einen Haftbefehl zur Erzwingung des Offenbarungseides. Bei Taschenpfändungen wurden ihm mal Dollannoten aus den Schuhen gezogen, mal Ministerrechnungen der CSU präsentiert. Wie in der Hitler-Zeit, wurde ihm in seiner Heimatstadt München wieder die Anwaltszulassung entzogen.

Bei einem neuen politischen Startversuch in Bremen landete er gleich im Gerichtssaal. In dem dubiosen Verfahren verlor er Ende der fünfziger Jahre endgültig alle Reputation. Das Urteil, dreieinhalb Jahre Zuchthaus wegen angeblicher Anstiftung zum Meineid, wurde vom Bundesgerichtshof aufgehoben und ist bis heute nicht rechtskräftig.

Gleichwohl wurde von Interpol jahrelang nach dem Flüchtigen gefahndet. Am Weihnachtsabend 1961 wurde er in Salzburg aus dem Transalpin-Expreß heraus verhaftet. Die Österreicher widersetzten sich der von deutschen Behörden begehrten Auslieferung und gewährten ihm politisches Asyl. In einem Spital in Wien starb Alfred Loritz -- wie erst jetzt bekannt wurde -- schon vor einiger Zeit 76jährig.


DER SPIEGEL 47/1979
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