14.03.2005

TSUNAMIDas Leben nach dem Tod

Eine Naturkatastrophe, die 300 000 Menschen in den Tod reißt, stellt auch die Existenz der Überlebenden auf den Kopf. Sie grübeln über den Sinn des Unglücks, und wenn sie gläubig sind, suchen sie Antworten bei Gott.
Manche Leute verlieren den Glauben in diesen Katastrophen", sagt Stein Ulve, ein Familienvater aus Norwegen, dem das Meer am 26. Dezember seinen acht Monate alten Sohn nahm, "andere finden ihn erst." Ihren beiden Kindern, fünf und sieben Jahre alt, haben er und seine Frau erklärt, der blonde Are, ihr Bruder, sei ein so schöner Junge gewesen, Gott habe ihm Flügel gegeben.
Nur Gott könne solche Wellen erzeugen, glaubt Sylvanus Wilfred, Pfarrer auf den Inseln der Nikobaren, ein Mann, der seine drei Kinder verlor am 26. Dezember und sie nicht einmal beerdigen konnte, und er glaubt, dass er dieses Opfer bringen musste "für meine Gemeinde", aber immerhin sagt er "vielleicht".
Eine Strafe Allahs sei der Tsunami, versichern Muslime in Thailand und Indonesien, und auf Sri Lanka haben sie sogar den Beweis - eine Satellitenaufnahme, geschossen am 26. Dezember um 10.20 Uhr über Sri Lanka. Sie zeigt die Todeswelle beim Aufprall auf die Küste, und deutlich sei der Name "Allah" in arabischer Schrift im tosenden Wasser zu lesen.
Die Buddhisten Thailands sehen keine höheren Mächte am Werk, sondern den Menschen, der nicht in Übereinstimmung mit der Natur lebe, der sie ausplündere zu seinem Vorteil, und darum habe die Natur den Menschen gewarnt, umzukehren und die Natur zu respektieren. Auch die Hindus Indiens sehen in der Schockwelle ein Ereignis, das befördert wurde durch menschliches Versagen zu Wasser, zu Erde und in der Luft.
Im Treiben der Natur einen Sinn zu suchen, ihrer Gewalt eine Absicht oder gar Rachegelüste zu unterstellen, hilft Menschen offenbar, in Wahrheit sinnlose Katastrophen zu verarbeiten.
Und dennoch werden die Angehörigen der über 300 000 Toten über solcherart Sinn den Kopf schütteln. Der Tod ihrer Mutter trieb die Urlauberin Magdalena Franek aus Ingolstadt in die Trauma-Klinik. Der Tod seiner Verwandten trieb den indonesischen Fischer Sofyan Anzib suchend durch Flüchtlingslager und Zeltstädte, aber er fand sie nicht und wird sie wohl auch nicht mehr finden. Der Schwede Carl Michael Bergman gibt sich Mühe, das zwölf Jahre währende Glück, das er mit seiner Frau erlebt hat, als Geschenk zu sehen und sein zukünftiges Leben allein mit seinen beiden kleinen Söhnen nun als Normalität zu betrachten.
Den Angriff auf sein Leben muss jeder der Millionen vom Meer gejagten Menschen auf seine Art verarbeiten. Mancher wuchs im Kampf gegen das Wasser über sich hinaus, mancher rettete Leben, mancher
versagte und muss mit Vorwürfen weiterleben.
Deutschland, Wohltorf bei Hamburg
Hunderttausende sind gestorben durch die Welle, warum? Was soll das? Gibt es etwas, von dem man sagen kann: Das ist es, das hatte Gott dabei im Sinn?
Jürgen Kosian, der sein Auftauchen aus der Tiefe, aus dem Wasser, als eine zweite Geburt empfand, der sich und seine Familie gerettet sah und mit seinen Kindern das Vaterunser betete, auf einem Hügel hinter dem Hotel "Magic Lagoon" in Khao Lak, hat er eine Antwort? Hat er sie gefunden, die Lektion?
Er ist jetzt aus Thailand zurück, zum zweiten Mal. Es ist Ende Februar, und er war noch einmal dort mit seiner Frau. Kosian sah den Keller, in dem er getaucht war, und die Stelle, an der er das Tageslicht wiedersah. Sie fanden ein T-Shirt von Nina, einen Plüschlöwen von Shelly und Phils altes HSV-Trikot. Und hielten es für noch unfassbarer jetzt, dass sie leben, alle fünf. 5 von 415 Gästen des "Magic Lagoon", in dem jeder Zweite, mindestens, starb. Gibt es eine Lektion, die zu lernen wäre? Die beim Weiterleben hilft?
Ein schmiedeeisernes Tor im Dunkeln, zwei große, freundliche Hunde, ein Fußweg im grün durchwucherten Park. Der Hausherr empfängt auf beleuchteter Treppe, Jürgen Kosian, Unternehmensberater, Vater von vier Kindern, drei davon waren mit ihm und seiner Frau am 26. Dezember in Khao Lak. Ein Abend bei Mineralwasser und Ayurveda-Tee, Kosian in seinem Wohnzimmer, erzähl nur, sagt Heidi Kosian, und ihr Mann redet, redet, redet über diese Geschichte, die ihren Sinn bekommen muss, das ist nicht leicht.
Die Frau, die er im zerstörten Hotel aus den Trümmern gezogen hat, die Hotelangestellte, lebt sie noch?
Die schwarze Touristin, die beim Frühstück als Erste die Katastrophe sah, lebt sie?
Jetzt gilt es, mit den Bildern fertig zu werden, es ist die Zeit, sagt der Psychologe, den sie vor allem der Kinder wegen konsultiert haben, es ist die Zeit, da sich zeigt, ob man professionelle Hilfe benötigt.
Nina, die das Wasser aus ihrem Zimmer riss. Phil, den sich die Flut im Spa geholt hat. Nadine, die Älteste, die in Deutschland geblieben war und 30 Stunden auf die SMS warten musste, durch die sie erfuhr, dass ihre Familie lebt. Shelly, die Achtjährige, die ihrem verletzten Bruder Lieder sang, "Jetzt fahr''n wir übern See" und "Hamburg, meine Perle", die Hymne des HSV.
Mit den Bildern fertig werden.
Komisch eigentlich, das Bild, das ihn am meisten umtreibt, im Auto an der Ampel oder im Büro am Schreibtisch, es ist eines, das er nie gesehen hat. Es zeigt Nina in Zimmer 2130.
Nina, die so stark war in Khao Lak, bei der Flucht vor der Welle, und später in Bangkok auch, als es Ärger gab mit unmotiviertem Botschaftspersonal. Nina war stärker, als man es von einer 16-Jährigen glaubt.
Und erst später, zu Hause, erzählte sie ihrem Vater, wie es wirklich war. Wie sie unter das Bett gespült wurde, in Zimmer 2130, wie die Flut stieg, wie sie keine Luft mehr bekam. Wie sie an die Schule dachte, als sie im Wasser lag. Vor kurzem hatten sie verschiedene Todesarten behandelt. Ertrinken, darin waren die Schüler sich einig, musste am schlimmsten sein.
Nina in diesem Zimmer, in Todesangst, und er ist nicht da, er kann nichts tun.
Es sind so viele gestorben durch diese Welle. Was war die Lektion?
Eine Lektion, vielleicht, sagt grübelnd Jürgen Kosian in seinem Wohnzimmer, eine Lektion könnte vielleicht sein: Wir sind modern und informiert und technisch
fast perfekt, aber eben nur fast. Wir können vieles, aber nicht alles. Wir bauen Hotels, wo wir uns sicher fühlen, aber wir sind es nicht.
Die Lektion, andererseits, könnte sein: Wenn du anderen hilfst, hilfst du dir selbst. Jürgen Kosian, der Unternehmensberater, geriet in diesen Keller, ins Wasser, in Todesnähe, dort nützte Geld nichts mehr und alle Privilegien nicht. Aber er hat durchgehalten, er war zäh, und zäh war er, weil er Marathon läuft, und Marathonläufer ist er geworden für einen Wohltätigkeitslauf, er wollte etwas für andere tun und tat etwas für sich selbst.
Die Lektion könnte sein: Wir müssen helfen.
Aber war es nötig, dass so viele starben für diese Lektion?
Er könne, sagt Jürgen Kosian, keine Antwort darauf geben. Das müsse jeder selbst abmachen mit Gott.
Jedenfalls kann das Leben nicht weitergehen wie bisher. Er will etwas geben, ein Opfer? Jedenfalls etwas, das unersetzlich ist. Seine Corvette, seinen Oldtimer, ein rotes Chevrolet-Cabrio, Baujahr 1958. Er versteigert sie jetzt, bei 75 000 Euro steht das Gebot.
Er ist dabei, einen Hilfsverein für Thailand zu gründen, "Lichtblick", bald im Internet zu finden unter www.lichtblick-hamburg.de, und jetzt war er mit seiner Frau in Khao Lak. Er nennt das "meine Therapie".
Sie haben sich angeschaut, wer was brauchen kann, und Geld gegeben. Für Fischer neue Netze. Für eine Wäscherin Waschmaschine und Bügelbrett. Für zwei alte Leute, deren Söhne im "Magic Lagoon" beschäftigt waren und starben, 100 Hühner und einen Stall. Nur nicht zu viel geben, damit der Dank nicht zur Demut wird.
Am letzten Tag war Kosian am Strand und hat sich, so sagt er, "mit dem Wasser versöhnt". Ist geschwommen. Getaucht sogar.
Aber beim Auftauchen ging sehr schnell der Blick zum Horizont.
Sie sind zurück, und es ging alles gut. Sie sind mit getrennten Maschinen geflogen, Heidi und er, den Kindern zuliebe. Falls etwas passiert.
Indonesien, Banda Aceh
Sofyan Anzib, dunkel und dürr, ein Fischer von Kindesbeinen an, der die Welle und das Beben auf dem Meer überstand und mit seinem Boot zurückkehrte in das zerstörte Banda Aceh, er musste sich auf eine Pause einstellen vom Fischfang, die Menschen aßen keinen Fisch mehr. Auf dem Markt von Banda Aceh, der im übrig gebliebenen Teil der Stadt wieder lebte und lärmte, blieb die Ware liegen, die schönsten Tiere, große Snapper, schillernde Regenbogenmakrelen. Weil die Leute sagten, die Fische nährten sich vom Menschenfleisch, das das Meer einsog, die Fische seien nicht mehr gut, sie seien unrein. Sofyan Anzib, seit fast vier Jahrzehnten Kutterkapitän, glaubte das nicht. Aber wenn niemand Fisch kauft, braucht man ihn nicht zu jagen.
Hunderttausende, nach offiziellen Zahlen knapp über 400 000, nach Schätzungen von Helfern über 600 000 Menschen wurden in Aceh und Nordsumatra zu "internally displaced persons", zu Obdachlosen, Vertriebenen, Heimatlosen. Der Tsunami hat sie am Leben gelassen, ihnen aber ansonsten alles genommen: Breit geht die Schneise der Verwüstung den westlichen Küstensaum von Nordsumatra entlang.
In der Provinz Aceh nach der Flut liegt die Welt auf Hunderten Quadratkilometern in Trümmern - darin, darauf, darüber mehr als 200 000 Tote und Vermisste, das sind fünf Prozent der Bevölkerung, ein Verlust wie von einem Krieg, es gibt nicht mehr viele Lehrer, nur noch wenige Ärzte, ganze Berufszweige sind ausgelöscht.
Anzibs Frau Sulastri hatte es am 26. Dezember so gemacht wie viele Bewohner der Stadt, sie lief mit den Kindern auf den Weg zur großen Zentralmoschee. Viele taten das. Gläubig ist die Provinz Aceh, so gläubig, dass sie nicht nur aufgrund ihrer geografischen Lage "die Veranda zu Mekka" genannt wird, eine Allah ergebene Region, und ihre Bewohner suchten in der Not ganz selbstverständlich die Nähe Gottes, seinen Schutz.
Aber der Platz um die Moschee war, kurz bevor das Wasser kam, wie eine Falle. Überfüllt, eng, am Rand der Panik. Und das Wasser ließ die Moschee zwar stehen, umspülte das Gotteshaus aber in tödlichen Strudeln und brachte allein auf diesem großen Platz Tausende, wenn nicht gar Zehntausende Menschen ums Leben.
Nicht Sulastri. Nicht die Kinder Sofyans. Sie waren die fünf oder zehn Meter weiter im Landesinneren, die nötig waren, sie standen die 20 oder 30 Zentimeter höher, die über Leben und Tod an jenem 26. Dezember entschieden. Sie kamen davon inmitten dieses Massakers ohne Täter. Sie überlebten, aufgrund funktionierender Instinkte, aber auch, je nach Lesart, weil sie Glück hatten oder weil Gott sie gnädig verschonte.
Und Sofyan, der wie alle in Lampulo, dem Fischerviertel von Banda, sein Haus, seine Möbel, seine Teller und Tassen, alles Besteck und seine Kleider, alle Stühle und Betten, der alles verloren hat, was er besaß, suchte seine Verwandten, 29 Menschen, die man nicht "verstorben" nennt; man nennt sie "vermisst". Er suchte überall. In den Lagern rund um Banda Aceh, in den ersten kleinen Zeltstädten der Hilfsorganisationen, die mit anschwellender Macht ins Land kamen. Die Brüder, die Schwestern, die Neffen und Cousinen fanden sich nicht. Vermisst bleiben sie, bleiben verschwunden, auf ewig.
Anzib bot sein Schiff, die "Bintang Purnama" als Lastenboot an. Fuhr Hilfsgüter zu Küstenabschnitten, die über den Landweg nicht mehr zu erreichen sind. Denn das ist die besondere Tragödie in Aceh nach der Katastrophe: In allen anderen vom Tsunami betroffenen Gebieten blieben die Küsten vom Hinterland aus relativ gut erreichbar. Nicht so in Aceh. Die Westküste der Provinz wurde abgeschnitten von der Welt, alle Transportwege zerstört.
Die "Bintang Purnama" legte immer wieder ab, vom Ufer des Krueng-Aceh-Flusses zu entlegenen Küstendörfern. Und auf einer dieser Touren ist es passiert: Ein anderes Boot, das der Steuermann der "Bintang Purnama" für einen Moment nicht sieht, kreuzt vor dem Kiel. Beide machen langsame Fahrt, aber das reicht.
Harte Schläge und böse Geräusche sind zu hören, und dann: Die "Bintang Purnama", 49 Bruttoregistertonnen, ein schönes Schiff aus Tropenholz, das den Tsunami überstanden hat, die anrollenden Wellen, die irre Steigfahrt um glatt 50 Meter auf hoher See, sie sinkt. Das Schiff sinkt. Und als es aufsetzt auf dem Grund, schauen nur noch ein paar Kanten und Stangen des Deckaufbaus aus dem trüben Wasser.
Sofyan verliert sein Boot. Er steht dort, am Ufer, dunkel und dürr, mit gesträubten Haaren. Man sieht ihn, als er vom Unfall erfährt, saugend rauchen, erst hastig, dann ruhig. Und dann lächelt er, breit, so dass sich sein Mund öffnet, dass sein Zahnfleisch
zu sehen ist, in dem nicht mehr viele heile Zähne stecken. Und er sagt: Das kriegen wir schon wieder hin. Das kann man reparieren. Es ist nur ein Schiff.
Deutschland, Ingolstadt
Es ist ein Samstag, und das heißt, dass Magdalena heute für zwei Tage nach Hause kommen darf. Sie wird behandelt in einer Trauma-Klinik. Sehr hübsch und sehr zerbrechlich sieht sie aus, mit ihren langen braunen Haaren, ihrem zarten Gesicht. Sie hat sich ein bisschen geschminkt, das erste Mal, seit sie wieder in Deutschland ist, seit sie zurück ist aus Thailand, wo ihre Mutter starb. Zur Begrüßung versucht sie zu lächeln. Sie schafft es nicht.
Sie sitzt am antiken Esstisch aus Holz, trinkt Roibuschtee und raucht. Es ist eine schöne Wohnung mitten in der Altstadt, mit Fischgrätenparkett und einem Erker im Wohnzimmer. Im Flur stehen noch Umzugskartons, sie sind erst kurz vor dem Urlaub von München hierher gezogen. Weil Magdalena so gern näher bei ihrer Mutter sein wollte, die allein hier lebte.
Magdalena erzählt von dem Moment der alles veränderte. Als sie an Bord der "Carina" war, ihrem Tauchboot, und als auf einmal von einer Welle in Phuket die Rede war. Magdalena hatte sofort an ihre Mutter gedacht, in Bungalow 12, "Nang Thong Bay Resort II" in Khao Lak. Sie wollten sich nur für vier Tage trennen: Die Mutter zum Ausruhen in ihrem Strandbungalow, Magdalena mit ihrem Freund Thomas vor den Similan-Inseln beim Tauchen.
Und dann gegen Mittag hatte Magdalena einen Schmerz gefühlt, ganz plötzlich, als habe ihr jemand mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Meiner Mutter ist etwas Schlimmes passiert, ich muss doch etwas tun, dachte sie. Fast verrückt war sie geworden, weil sie nichts tun konnte. Erst am nächsten Tag hatte ein Militärboot sie abgeholt. Auf der Fahrt hatte ein Tauchlehrer ihr eine SMS gezeigt: "Beide ,Nang Thongs'' und ganz Khao Lak sind verschwunden", stand da.
Das Meer war eine dunkle Brühe voller Trümmer gewesen. Eine Frauenleiche schwamm darin. Und Magdalena fühlte Panik und entsetzliche Sicherheit, dass ihre Mutter tot ist. Überall am Anleger von Tapla Mu waren Militärboote, Hubschrauber, Flugzeuge. Magdalena und Thomas schlugen sich zu einer Rettungsstelle durch. Magdalena rief ihre Schwester Anna in Ingolstadt an: "Such die Mama!", sagte die.
"Hier gibt es nichts mehr", hatte Magdalena geantwortet. "Nur Tote und Schutt."
Natürlich haben sie trotzdem gesucht. Sie haben jede Liste durchgesehen, sind zu jedem Krankenhaus gefahren. Auf einer Liste gab es den Namen Franke, nicht Franek - ein Buchstabendreher? Aber sie fanden die Mutter nicht.
Sie gingen zu den Tempeln, wo die Leichen in Reihen auf dem Boden lagen. In der Hitze, einfach so. Magdalena musste sich übergeben. Dann presste sie ihr T-Shirt vor den Mund und schaute die Leichen an. Sie hob die Hände der Toten auf und suchte nach Eheringen. Astrid Franek trug keinen. Leichen, die auf dem Bauch lagen, drehten sie und Thomas um, damit sie das Gesicht sehen konnten. Das half in den ersten Tagen noch.
Magdalena war mal wie in Trance, mal brach sie zitternd zusammen. Ärzte des deutschen Kriseninterventionsteams, die sie in den Krankenhäusern trafen, gaben Magdalena Valium.
"Ich will immer aus diesem Traum aufwachen, wie verrückt", sagte sie. Jeden Tag war sie nach Nang Thong gekommen, an den Ort wo der Bungalow der Mutter war. Magdalena stand in der Trümmerwüste und sagte: "Hier fühle ich mich geborgen. Weil ich bei meiner Mama bin."
Sie hat sich gewehrt, nach Deutschland zurückzukommen. Zusammen mit Thomas hat sie einen Altar gebaut. Es war ein Schrein, so groß wie eine Obstkiste, aus Plastik und Stoff in Pink, Gelb und Blau. Sie haben versucht, hier Abschied zu nehmen. Aber später, als sie dann im Flugzeug nach Deutschland saßen, hat Magdalena, voller Valium-Tabletten, trotzdem die Stewardess gefragt, ob sie noch wieder aussteigen könne. Thomas gab ihr mehr Valium, so war es mit den Ärzten besprochen. Als sie in Deutschland ankam, konnte sie nicht laufen, sie erinnert sich an nichts.
Sie sagt, dass sie sich in der Klinik ordentlich betreut fühlt.
Dass es ihr hier manchmal gut geht und manchmal nicht. Wenn es nicht gut geht, läuft sie zu den Ärzten und sagt, sie habe ihre Mutter umgebracht. Weil sie es war, die die Mutter nach Thailand eingeladen hat. Oder sie wirft sich vor, sie allein gelassen zu haben. Oder nicht genügend gesucht zu haben.
Manchmal spricht sie auch mit Thomas und sagt, sie könnten doch die Möbel der Mutter herholen. Vor ein paar Tagen hat sie sich sehr einsam gefühlt. Sie hat die Telefonnummer der Mutter gewählt, dreimal.
Die Psychologen sagen, Magdalena habe sich nicht genügend von ihrer Mutter gelöst. Sie selbst sagt, ihre Mutter sei der wichtigste Mensch in ihrem Leben gewesen, ("Entschuldigung, Thomas, aber das ist so"). Sie habe gewusst, dass ihre Mutter immer für sie da gewesen sei. Sie erzählt vom Vater, der einen Schlaganfall erlitt, als sie geboren wurde, der dann starb, als sie zehn Jahre alt war.
Astrid Franek war Lehrerin in Polen, bevor sie nach Deutschland kam. Liebend gern bekochte sie die Freunde ihrer Tochter, am liebsten mit Eintopf. Sie rauchte Kette, obwohl ihre Töchter immer schimpften. Und wenn Magdalena, die in einem Firmenreisebüro arbeitet, sie mitnahm wie jetzt nach Thailand, dann knüpfte Astrid Franek Kontakt zu Einheimischen, obwohl
sie auf Englisch nur "bye-bye" und "thank you" sagen konnte. Die Thais luden sie zu sich nach Hause ein und brausten mit ihr auf dem Rücksitz ihres Mopeds durch die Gegend.
Magdalena Franeks Gesicht leuchtet, als sie das erzählt. Sie sitzt jetzt beim Abendessen mit Schnitzel und Pommes frites, bei ihrer Schwester Anna und deren Mann. Die Schwestern sagen, dass viele deutsche Familien es nicht verstünden, wie man so eng zusammenhalten könne.
Magdalena erzählt, dass sie immer über alles geredet hätten. Dass sie in Deutschland ihre Mutter jeden Tag zwei-, dreimal angerufen habe. Dass sie in Thailand auch über Religion redeten und was nach dem Tod komme. "Nichts", hatte Astrid Franek gesagt und die Schultern gezuckt.
Magdalena Franek hat eine CD mit Fotos, die ihr ein Rettungskräfteteam gab. Sie hat sich oft auf dem Computer durch Bilder von Leichen geklickt, die dieses Team geborgen hat. Furchtbar entstellt waren die Menschen, aber Magdalena guckte weiter, bis ihre Schwester schimpfte: "Maggie, tu das weg. Was willst du da sehen?"
Anfang April, wenn es ihr hoffentlich besser geht, will sie zurück nach Khao Lak. Denn die Forensiker haben ihre tote Mutter nun doch gefunden, am 2. März kam die Nachricht, sie haben sie identifiziert. Thomas, die Schwester und der Schwager werden mitfliegen, es soll eine Verbrennung und danach eine Seebestattung geben, das hatte Astrid Franek sich gewünscht. Magdalena hofft, dass sie dann vielleicht trauern kann. "Ich soll den Tod akzeptieren, aber ich kann das nicht."
Sie denkt jetzt oft an ihren Großvater, den Vater ihrer Mutter, den hat sie nie kennen gelernt. Er wurde an einem 7. Juli geboren, genau wie seine Tochter Astrid, und er verschwand im Zweiten Weltkrieg. Er gilt als verschollen. Bis heute.
Österreich, Wien
Josef Haslinger sitzt in seiner Wiener Wohnung und raucht. Eigentlich wollte er ja weniger rauchen im neuen Jahr, aber das geht im Moment nicht. Es ist Sonntagvormittag und still, auf dem Couchtisch liegen Ausschnitte aus thailändischen Zeitungen. Haslinger ist an der Hand operiert worden, mit der er sich an einer Wellblechplatte zurück ins Leben zog. Das scharfe Blech hat mehrere Sehnen durchtrennt.
Damals auf Phi Phi, in all dem Chaos, zwischen den Trümmern und den Toten wirkte die blutende Hand wie eine winzige Verletzung, hier im stillen, gemütlichen Wien sieht das anders aus. Haslinger ist Schreiber, und bei seiner Art zu tippen, bedeutet es, dass er nur noch einen Finger zur Verfügung hat. Einen Finger. Als Schriftsteller ist Josef Haslinger gewissermaßen schwerbehindert.
Haslinger erzählt fünf Stunden lang, fast ohne Pause, sehr detailliert, vom Urlaub seiner Familie auf Phi Phi. Einmal schaut er auf die Uhr und schaltet den Fernseher ein. Eine Kirchensendung bringt einen Beitrag über die Folgen der Katastrophe, in dem er vorkommt. Er sieht grau aus und sagt, dass er nicht an Gott dachte, als es passierte. Dann kommt schon irgendein Psychologe, und Haslinger macht den Fernseher wieder aus.
Er geht jeden Tag zur Physiotherapie, er ist im Moment nicht sehr beweglich. Er sitzt in seiner Wohnung, raucht zu viel und korrigiert eine ältere Erzählung, die ihm nie so richtig gut gefallen hat.
Anfang Februar kam in Wien ein Karton mit dem Inhalt des Tresors an, der in seinem Bungalow des "Princess Resort" stand, den die Welle zerstörte. 2000 Euro fehlten zunächst, aber sonst ist alles da. Das thailändische Geld, Schlüssel, Flugtickets, Pässe und auch die kleine Marienmedaille, die ihm seine Mutter vor vielen Jahren als Glücksbringer schenkte. Die Dinge in dem kleinen Karton rochen so modrig wie seine Erinnerungen an diesen 26. Dezember. Wie das Hotel, auf dessen Dach sie Zuflucht fanden, wie die Sachen, die sie trugen, wie sie selbst. Es war, als hätte er ein Paket aus dem Jenseits erhalten.
Haslinger ahnt, dass dies nicht der letzte Gruß der Katastrophe sein wird. Sie schlafen schon besser, aber die Erinnerungen werden wiederkommen und seine Familie verfolgen. Sie sind davongekommen, er und seine Frau und die Zwillinge. An diesem Sonntagmorgen, als Haslinger stundenlang von jenem Dezembertag berichtet, huschen die Kinder und seine Frau wie Schatten durch die große Wiener Altbauwohnung.
Wenn die Hand in Ordnung ist, will Josef Haslinger noch mal zurück nach Ko Phi Phi. Er will es beschreiben, was er sieht und woran er sich erinnert. Vielleicht wird ein Buch daraus, vielleicht auch nur ein Protokoll, das seiner Familie hilft zu verstehen, was damals passiert ist.
Andamanen, Port Blair
Pfarrer Sylvanus Wilfred hat gezählt, geschätzt, gerechnet, und er geht jetzt davon aus, dass 200 Menschen aus seinem Dorf
überlebt haben. 200 von 870. Seine drei Kinder sind nicht dabei. Foby, Emerson und Joeline.
Seine Frau hat nicht mit ihm geredet seit dem 26. Dezember 2004, sie hat mit niemandem geredet. Sie sitzt einfach da, Schwestern stellen Teller vor ihr ab, eine Stunde später holen sie die Teller wieder ab, Demar isst nichts.
Sylvanus tut das, was er tun muss. Oder wovon er glaubt, dass er es tun muss. Er sagt, er könne sich keine Zeit lassen, über seine Kinder nachzudenken, er dürfe nicht trauern, "ich muss meine Gemeinde führen", sagt er. Sylvanus sitzt in einem der elf Flüchtlingslager von Port Blair, auf einer Treppe, immer wieder mal wird es dunkel, dann reichen ihm Gemeindemitglieder eine Kerze herüber.
Sylvanus sagt, dass der Pfarrer alles zugleich sei auf Car Nicobar: Gemeindevorsteher, Therapeut, Lehrer, Ratgeber. "Die Menschen brauchen mich", sagt er.
Sein linker Arm liegt in Gips, der Arm, der versagt hat, der bestraft wurde, weil er das Baby losließ.
War es nicht anders herum, Sylvanus? Zuerst der Armbruch, dann das Loslassen? Nein, Sylvanus sieht das so, als Strafe.
"Vielleicht musste ich dieses Opfer bringen für meine Gemeinde", sagt er. Und dass man nicht zweifeln dürfe an Gott, dass nur Gott solche Wellen erzeugen könne, dass es einen Sinn gebe, eine Botschaft, das sagt der Pfarrer, der drei Kinder verlor und keines wiederfand, keines beerdigen konnte.
Österreich, Wiener Neustadt
Ein Restaurant, im Hintergrund ein Kindergeburtstag: eine Hand voll Fünfjähriger tobt, Gezänk um einen Ball, fröhliches Kreischen. Jürgen Steinbrecher, ein großer, massiger Mann, schwitzt und knetet an seinen Fingern, wird rot im Gesicht, wird bleich im Gesicht, springt auf:
Ruhe! Gebt Rrrruhe!
Die Stimme dröhnt durchs Restaurant.
Ruhe, das hält ja kein Mensch aus!
Schlagartig wird es still, erschrockene Mütter ziehen flüsternd ihre Kinder beiseite, Jürgen Steinbrecher sackt wieder auf seinen Stuhl.
Seine Freundin Nina Kapun legt ihm die Hand auf die Schulter. Er hat das Gesicht in den Händen vergraben, er flüstert.
Ich halt''s net aus. Ich halt''s net aus. Ich mag Kinder, aber wenn Kinder schreien, sofort stehe ich wieder an der Säule und höre sie und sehe sie ....
Nina Kapun, die sich erst auf die Mauer des "Magic Lagoon" und später aufs Toilettendach flüchten konnte, hat die Ereignisse besser verarbeitet - ab und zu schläft sie schlecht, aber es geht ihr längst nicht so schlecht wie Jürgen, ihrem Freund und Geschäftspartner, mit dem sie gemeinsam das Restaurant- und Catering-Unternehmen "Casa del Vino" betreibt.
Jürgen Steinbrecher, der sich erst hinter einer Säule verschanzte, später einen Thailänder rettete und mit einer Leiter vielleicht 30 weiteren Menschen half, kam als anderer Mensch zurück. Er erträgt es nicht, wenn ein Kind schreit oder ruft, er kann an kaum einem Spielplatz vorbeigehen, ohne Schweißausbrüche zu bekommen, die Kinder schreien in seinen Träumen, er weiß nicht genau, was er träumt, aber Kinder schreien, das weiß er.
Er hält es nicht aus, wenn der Regen rauscht, weil ihn das Geräusch an das Meeresrauschen erinnert. Und neulich ging er in Wien an einem Brunnen vorbei und erschrak und blieb stehen und kriegte Atemnot und konnte nicht weiter.
Ein ganz normaler Brunnen. Wie der vom "Magic Lagoon".
Die beiden Österreicher wollen dennoch unbedingt nach Thailand zurück. Sobald ihre Schürfwunden verheilt, der erste Schock überwunden war, haben sie angefangen, unter Freunden Geld zu sammeln, für ein SOS-Kinderdorf. Im Herbst 2005 will Steinbrecher mit dem Geld nach Khao Lak fliegen, es soll in ein Waisenhaus oder Kinderdorf gesteckt werden. Notfalls wird er dafür einen Teil seiner Weinsammlung verkaufen; und wenn Steinbrecher seine Weinsammlung auflöst, meint er es ernst.
Das Schreien soll halt aufhören, sagt er.
Thailand, Ranong
Sie heißt Pun und war Fitnesstrainerin im "Mukdara Beach Resort" in Khao Lak, aber jetzt wohnt sie wieder bei ihren Eltern in Ranong, im Norden, gleich an der Grenze zu Myanmar.
Sie hilft ihrer Mutter und ihrem Bruder, die auf dem Markt Essen verkaufen und vor ihrem Haus eine kleine Garküche betreiben. Und sie hofft, dass sie wieder eine Arbeit in einem Hotel findet. Es muss nicht als Fitnesstrainerin sein.
Sie denkt viel an Hannes, den kleinen schwedischen Jungen, den sie retten wollte. Seit kurzem weiß sie, dass er tatsächlich lebt. Und dass seine Mutter, die ihn ihr auf der Flucht entriss, in den Fluten starb. Sie erfuhr es von ihrem Chef, sie war zurückgefahren nach Khao Lak, um nach ihren Sachen zu sehen. Bis dahin konnte sie
nachts kaum schlafen, sie träumte immer wieder von dem Jungen und der Welle. Sie ist eigentlich eine fröhliche junge Frau, das sagen alle, aber in diesen Tagen kannte sie sich selbst nicht mehr.
Der Manager übergab ihr eine silberne Kette, die Carl Michael Bergman für sie hinterlassen hatte, weil er gehört hatte, was sie für seinen Sohn Hannes tat. Pun trägt sie jeden Tag. Sie sagt, wenn sie den Jungen und seinen Vater noch einmal treffen sollte, würde sie ihnen sagen: "Es tut mir so leid. Aber das war alles, was ich tun konnte."
Schweden, Stockholm
Hannes liegt im Wasser und schreit. Er brüllt und juchzt und ruft dazwischen immer wieder: "Daddy, Daddy". Die Badewanne ist fast voll.
Am Abend zuvor ist Carl Michael Bergman in die Lobby des Hotels "Royal Viking" gekommen, am Vasagatan 1. Er hat einen Eishockeyschläger in der Hand, sein Telefon am Ohr und Tränen in den Augen.
"Als ob es nicht schon schlimm genug ist", sagt er, als er aufgelegt hat, und seine Stimme zittert. "Das ist jetzt schon die dritte Versicherung, die nicht zahlen will. Die dritte! Und ich weiß nicht, wie das mit den Kindern gehen soll."
Er ist dünner als vor ein paar Wochen. Er schläft nicht viel.
Hannes hat Alpträume, er schreit oft die ganze Nacht, er schläft in Carl Michaels Bett.
Nils hat auch Alpträume. Und manchmal fragt er seinen Vater: "Wo warst du, Daddy, wo warst du, als Mama gestorben ist?"
Das mit den Kindern ist das Schwerste. Das mit den Kindern gibt ihm Halt.
Eigentlich ist Bergman niemand, der sich hängen lässt. Er hat immer gearbeitet neben dem Studium, er hat viel Geld dabei verdient, es waren die achtziger Jahre, Boomjahre der Börse, er hatte mit 22 seine eigene Firma. Er macht Marktforschung und Wirtschaftsberatung für die größten schwedischen Unternehmen, Skandia zum Beispiel.
Es ist die Skandia-Lebensversicherung, die jetzt nicht zahlen will. Sie waren in Gotland, wie jeden Sommer, er und seine Frau Cecilia und die beiden Söhne Nils und Hannes. Sie haben die Post nicht bekommen, die ihnen die Versicherung geschickt hat. Die Post in Gotland ist nicht besonders zuverlässig. Als sie ihre Prämie nicht pünktlich bezahlten, da wurde die Lebensversicherung seiner Frau gekündigt.
Nur die seiner Frau. Seine Prämie war erst ein paar Monate später fällig.
Er kennt die Leute, die ihm jetzt nicht helfen wollen. Er hat für sie gearbeitet. Er wundert sich, wie kalt Menschen sein können.
Aber Skandia zahlt nicht. Genauso wenig wie die Versicherung, die über seine Kreditkarte läuft. Da hätte Ihre Frau selbst
für das Hotel in Thailand bezahlen müssen, haben sie ihm dort gesagt. Auch die Fluggesellschaft SAS zahlt nicht. Er hat seinen Flug mit Bonusmeilen gebucht. Es tut uns wirklich sehr leid, haben sie ihm dort gesagt, aber wir haben unsere Vorschriften.
Carl Michael Bergman ist niemand, der leicht aufgibt. Zehn Tage lang hat er nach seiner Frau gesucht, er hat sich Listen mit allen Krankenhäusern Thailands ausdrucken lassen, er ist bis in den Norden geflogen, um nach ihr zu suchen. Immer, wenn es hieß: blond, Mitte 30, unbekannt.
Manchmal stand ein schwedischer Name dabei, manchmal stand nur "tot" dabei. Die Leute haben ihm geholfen, es hat nichts genützt. "Ich will", sagt er, "dass die Welt mehr so wird, wie die Thailänder sind."
Er wird auch jetzt nicht aufgeben.
Am Tag, als Bergman nach Schweden zurückflog, eine Stunde vor dem Abflug, hat er den Manager des "Mukdara Beach Resort" getroffen. Der sagte ihm, ich habe Ihre Frau gesehen, in Ihrem Bungalow, gar kein Zweifel, es tut mir sehr leid.
Für Carl Michael Bergman machte das keinen Sinn. Warum sollte seine Frau zum Bungalow gerannt sein, Richtung Meer? Er war fünf Tage nach der Katastrophe noch einmal im "Mukdara Beach Resort" gewesen, mit einem Freund und einem Journalisten von AP, früher durfte er nicht hin. Er machte viele Fotos, als könnte er durch die Fotos seiner toten Frau ein Stück näher kommen.
Er fand seine Kreditkarten im Schlamm beim Pool, er fand Cecilias Rucksack vor dem Fitnessraum, er fand die Sonnencreme und Cecilias Sarong im Fitnessraum, zwischen Eisenstangen und Holzlatten. Hier konnte niemand überlebt haben.
Aber der Manager sagte, er habe Cecilia im Bungalow gesehen. Was danach mit der Leiche passiert sei, wisse er nicht.
Bergman hat jeweils eine Silberkette für jeden im Hotel hinterlassen, der seinem Sohn Hannes geholfen hat. Eine Kette mit einem Fisch daran. Er hat auch eine Kette für Pun, die Fitnesstrainerin dagelassen. Aber er hat Pun nie getroffen, er kannte ihre Geschichte nicht.
Und jetzt sitzt da dieser Journalist aus Deutschland. "Ich weiß gar nicht, warum ich mich mit Ihnen getroffen habe", sagt Bergman, "aber ich hatte so eine Ahnung."
Dann hört er Puns Geschichte. Er hört, wie seine Frau am Strand war, wie Pun Hannes nahm und zum Hotel rannte, wie Cecilia sie einholte, Hannes nahm und mit ihm in die falsche Richtung lief. Zum Fitnessraum.
Carl Michael Bergman weiß immer noch nicht, wie seine Frau genau gestorben ist. Aber er weiß jetzt, dass seine Ahnung richtig war. Und kurz vergisst er sogar die Versicherungen.
"Ich hatte so ein Gefühl bei dem Fitnessraum. Wie kann ich mit Pun Kontakt aufnehmen? Sie soll sehen, wie gut es Hannes geht."
Der ist inzwischen aus der Badewanne geklettert und steht nackt und nass am Frühstückstisch, in der einen Hand hält er ein Knäckebrot, in der anderen ein Spielzeugauto. Bergman hat sich vor ein paar Jahren mit seiner Frau diese Wohnung gekauft, vier helle Zimmer, Neubau, der Kindergarten ist unten im Haus, es war perfekt.
"Muss ich die Wohnung jetzt verkaufen? Wie soll ich die Raten zahlen ohne Cecilias Einkommen? Und das alles nur, weil die verdammte Versicherung nicht zahlen will."
Gestern war er eine Weile der alte Carl Michael. Seine Augen waren hell, er flirtete mit der Kellnerin, er war woanders. Jetzt sind da wieder die Sorgen.
Nils will auch nicht still sitzen, er steht neben Hannes auf dem Stuhl, er ist auch nackt. Er schaufelt sich FrootLoops in den Mund, die Milch fließt über seinen Bauch, sein Vater schaut ihn kurz an und wischt ihm die Milch vom Bauch.
"Ich will nicht bitter werden", sagt er. "Cecilia war eine tolle Mutter, die beste, die Sie sich vorstellen können. Sie war die perfekte Frau für mich. Sie war mein Glück. Ich hatte sie zwölf Jahre lang, ich war zwölf Jahre absolut glücklich. Wer kann das schon von sich sagen?"
Er sagt das Wort häufig an diesem Morgen, Glück. In ein paar Monaten will er wieder nach Thailand fahren. Er hat zwei silberne Elefanten gekauft, die bringen Glück, sagt man in Thailand. Einer steht in einer Schule in Stockholm, einer soll in einer Schule in Phuket stehen.
In ein paar Tagen kommt eine Fotografin, um Hannes zu fotografieren. Er wird in ein orangefarbenes Tuch eingewickelt sein, er wird aussehen wie ein kleiner Buddha. Manche nennen ihn so in Thailand, "kleiner Buddha", seit er berühmt wurde, weil er, bei seiner Rettung, zufällig in den Hubschrauber der thailändischen Prinzessin geriet. Der schwedische König wird das Bild mitnehmen, wenn er nach Thailand reist.
Man braucht so etwas. Man braucht die Hoffnung.
"Es war die Hölle", sagt er, und es klingt wie ein Abschied. "Aber wenigstens starb sie glücklich."
Er will, dass ein Teil von diesem Glück weiterlebt. Für seine Söhne.
ANITA BLASBERG, MARIAN BLASBERG,
KLAUS BRINKBÄUMER, UWE BUSE, GEORG DIEZ, FIONA EHLERS, ULLRICH FICHTNER, MARC FISCHER, HAUKE GOOS, RALF HOPPE, MARIO KAISER, ANSBERT KNEIP, CORDULA MEYER, ALEXANDER OSANG, MATHIEU VON ROHR, BARBARA SCHMID, ALEXANDER SMOLTCZYK, BETTINA STIEKEL, BARBARA SUPP
* Nina, Vater Jürgen, Phil, Shelly, Nadine (es fehlt auf dem Bild Mutter Heidi).
Von Anita Blasberg, Marian Blasberg, Klaus Brinkbäumer, Uwe Buse, Georg Diez, Fiona Ehlers, Ullrich Fichtner, Marc Fischer, Hauke Goos, Ralf Hoppe, Mario Kaiser, Ansbert Kneip, Cordula Meyer, Alexander Osang, Mathieu von Rohr, Barbara Schmid, Alexander Smoltczyk, Bettina Stiekel und Barbara Supp

DER SPIEGEL 11/2005
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