14.03.2005

ZEITGESCHICHTEDas Bombengerücht

Der Berliner Historiker Rainer Karlsch behauptet, die Nationalsozialisten hätten 1944/45 insgesamt drei Kernwaffentests durchgeführt. Doch er kann seine Thesen nicht beweisen.
An der Entwicklung der Atombomben, die 1945 über Hiroschima und Nagasaki explodierten, arbeiteten 125 000 Menschen mit, darunter 6 künftige Nobelpreisträger. Allein die Anlage zur Anreicherung des Urans war einschließlich des Sicherheitsbereichs so groß wie Frankfurt am Main. Am Ende kostete das "Manhattanprojekt" nach heutigem Wert 30 Milliarden Dollar.
Geht es nach dem Berliner Historiker Rainer Karlsch, dann hat Nazi-Deutschland mit einer Hand voll Physiker und einem Bruchteil des Budgets beinahe ähnliche Resultate erzielt. In seinem neuen Buch "Hitlers Bombe"* schreibt der Wissenschaftler, deutsche Physiker und Militärs hätten noch vor Kriegsende gleich drei Nuklearwaffentests durchgeführt, einen auf Rügen im Herbst 1944 und zwei in Thüringen im März 1945. Bis zu 700 Tote seien zu beklagen gewesen.
Sollte diese These stimmen, müsste Geschichte neu geschrieben werden. Denn
seit die Alliierten die Labors des "Dritten Reiches" besetzten und die führenden Kernphysiker um das Jahrhundertgenie Werner Heisenberg und seinen Mitarbeiter Carl Friedrich von Weizsäcker verhörten, gilt als gesichert, dass Hitlers Forscher von einer Atomexplosion weit entfernt waren.
Karlschs Verlag, die Deutsche Verlags-Anstalt, spricht bereits ungeniert von "sensationellen Ergebnissen neuester historischer Forschung". Das "Dritte Reich" habe "kurz davor gestanden, den Wettlauf um die erste einsatzfähige Atomwaffe zu gewinnen". Noch bevor das Buch erhältlich war, versandte das sonst eher zurückhaltende Verlagshaus an die Medien eigene Werbemappen, in denen verkündet wird, der Autor habe "eines der größten Rätsel des Dritten Reiches" entschlüsselt.
Auf einer aufwendig inszenierten Pressekonferenz soll an diesem Montag das Werk präsentiert werden. Eine ausgiebige Lesereise Karlschs, der als freier Wissenschaftler arbeitet, ist geplant.
Das Problem bei dem ganzen Aufwand ist nur: Der Historiker kann seine spektakulären Thesen nicht beweisen.
Die von ihm ins Feld geführten Zeitzeugen sind unglaubwürdig oder kennen die Vorgänge nicht aus erster Hand; die angeblichen Schlüsseldokumente lassen sich auf verschiedene Weise deuten; und die gemessenen Werte der Bodenproben von den Detonationsorten geben bislang auch "keinen Hinweis auf die Explosion einer Atombombe", so Gerald Kirchner vom Bundesamt für Strahlenschutz.
Dabei hat Karlsch mehrere Jahre in Archiven recherchiert und viele unbekannte Papiere zur Wissenschaftsgeschichte des "Dritten Reiches" entdeckt, etwa ein Redemanuskript Heisenbergs, das als verschollen galt. Doch mit den durchaus beachtlichen Pretiosen wollte er sich nicht begnügen.
Und so muss er viel spekulieren, um eine ziemlich abwegige Theorie zu begründen.
Sein Interesse gilt Erich Schumann, bis 1944 Chef der Forschungsabteilung des Heereswaffenamts. Im Nachlass Schumanns hat Karlsch Unterlagen aus der Nachkriegszeit gefunden. Der ehemalige Professor für Physik schrieb darin, dass er bereits 1944 einen Weg gefunden habe, mit konventionellem Sprengstoff ausreichend hohe Temperaturen von mehreren Millionen Grad Celsius und extreme Drücke zu erzeugen, um eine Kernfusion einzuleiten. Auf diesem Prinzip beruht die Wasserstoffbombe.
Während des Zweiten Weltkriegs hatten Sprengstoffexperten mit Hohlladungen experimentiert; ausgehöhlte Sprengkörper besitzen eine ungewöhnliche hohe Durchschlagskraft. Der Erfolg der Panzerfaust beruht auf diesem Effekt, den sich Schumann zunutze machen wollte. Er ging davon aus, dass ausreichend Energie für eine Kernverschmelzung frei würde, wenn man unter besonderen Bedingungen zwei Hohlladungen gegeneinander richtete.
Dies ist eine ernst zu nehmende Überlegung. Schumann behauptete allerdings nicht, seine Theorie in der Praxis überprüft zu haben. Dennoch meint Karlsch, dass sie zur Anwendung kam, denn der Rüstungswissenschaftler präsentierte seine Ideen auf einer Konferenz im Herbst 1944. Karlsch vermutet, dass ein Physikerteam um den Heisenberg-Rivalen Kurt Diebner sich im Auftrag der SS die Entdeckung zunutze machte.
Er begründet das unter anderem mit den Aussagen des Klempnermeisters Gerhard Rundnagel gegenüber der Stasi. Die DDR-Geheimpolizei hatte in den sechziger Jahren von in Thüringen umlaufenden Gerüchten Wind bekommen, es habe 1945 eine nukleare Detonation gegeben. Rundnagel berichtete von Kontakten, die er zu der Forschergruppe um Diebner unterhielt. Einer der Physiker habe ihm einmal erzählt, dass "im Panzerschrank zwei Atombomben" lägen. Die seien dann, so Rundnagel, über Hiroschima und Nagasaki abgeworfen worden. Karlsch hält den Mann trotzdem für einen ernst zu nehmenden Zeugen.
Die größte Lücke in Karlschs Argumentation resultiert daraus, dass er nicht belegen kann, wie die Diebner-Truppe die Schumannschen Ideen umgesetzt haben soll. Er tippt auf eine besondere Kombination aus Kernspaltungs- und Fusionsbombe, mit der eine Kettenreaktion in Gang gesetzt worden sei. Mit Hilfe von Physikern hat der Historiker in seinem Buch ein Bombendesign entwickelt. Der Nuklearwaffenexperte Joachim Schulze vom Fraunhofer-Institut in Euskirchen hält den erwogenen Typ jedoch für "nicht funktionsfähig".
Geradezu abenteuerlich ist die Begründung für die These, dass die Marine auf Rügen einen Nuklearwaffentest durchgeführt habe. Karlsch beruft sich auf Luigi Romersa, einst Kriegsberichterstatter des "Corriere della Sera". Der Römer, der heute 87 Jahre alt ist, erzählt schon lange die Geschichte, wonach er im Oktober 1944 bei Hitler gewesen sei. Anschließend habe man ihn auf eine Insel in der Ostsee geflogen. Er sei in einen Unterstand geführt worden, habe dort eine Explosion mit einem Lichtblitz gesehen, Männer mit Schutzanzügen hätten ihn dann vom Gelände geführt. Man habe ihm gegenüber von einer "Zerlegungsbombe" gesprochen.
Leider weiß Romersa nicht, welche Insel er besucht haben will und wer den merkwürdigen Einsatz geleitet haben soll. Karlsch setzt auf Rügen; dass eine Analyse von Bodenproben nur unauffällige Werte ergab, erklärt er mit der Bodenerosion auf dem Eiland.
Glaubwürdiger ist da schon die kürzlich verstorbene Cläre Werner, die am 4. März 1945 von der Wachsenburg aus eine Explosion auf dem Truppenübungsplatz im thüringischen Ohrdruf beobachtete:
"Gegen halb zehn war ... mit einmal eine Helligkeit wie Hunderte von Blitzen, innen war es rot, und außen war es gelb, man hätte die Zeitung lesen können. Es war alles sehr kurz, und wir konnten dann alle nichts sehen, wir merkten nur, dass es eine mächtige Sturmböe gab ..." Die Frau klagte über "Nasenbluten, Kopfschmerzen und auch einen Druck auf den Ohren".
Am Tag danach musste Heinz Wachsmut von der örtlichen Schachtbaufirma Brüx der SS helfen, Holzhaufen zu errichten, auf denen Leichen von Häftlingen verbrannt wurden, die schreckliche Brandwunden aufwiesen. Wie Werner berichtet Wachsmut, dass Anwohner unter Kopfschmerzen litten; manche spuckten Blut.
Einer der höheren SS-Ränge habe dann davon gesprochen, dass etwas Neues erprobt worden sei, wovon die ganze Welt sprechen werde. Von Nuklearwaffen war freilich nicht die Rede.
Und die angeblich 700 Opfer, Karlsch zufolge KZ-Insassen? Die beeindruckende Ziffer ist hochgerechnet aus der Zahl der von dem Zeugen Wachsmut genannten Verbrennungsplätze. Das KZ Ohrdruf, Außenstelle des Konzentrationslager Buchenwald, verzeichnete am angeblichen Detonationstag 35 Tote.
Immerhin gibt es einen Bericht der sowjetischen Militärspionage vom März 1945. Die Deutschen, so wird darin unter Verweis auf eine "zuverlässige Quelle" behauptet, hätten "in Thüringen zwei große Explosionen durchgeführt". Die hochgegangenen Bomben seien vermutlich mit dem Atomwaffenbaustoff Uran 235 ausgerüstet gewesen; es habe einen "starken radioaktiven Effekt" gegeben. Kriegsgefangene im Zentrum der Detonation seien umgekommen, "wobei häufig von ihnen keine Spuren blieben".
Besorgt notierten die Kundschafter der Roten Armee, dass die Wehrmacht mit der neuen Waffe "unsere Offensive verlangsamen" könne. Wie ernst der Kreml die Nachricht nahm, lässt sich daraus ersehen, dass Diktator Josef Stalin eine der vier Durchschriften erhielt.
Leider ist die Qualität der von Karlsch vorgelegten Kopie des Dokuments so schlecht, dass sich nicht eindeutig klären lässt, ob das Papier mit dem Hinweis auf die Explosionen nach der Detonation verfasst wurde, die Cläre Werner beobachtet haben will - oder davor.
Vor allem aber kann nicht jene Bombe gezündet worden sein, deren Entwurf der deutsche Informant für die Rote Armee skizzierte. Denn dafür wären einige Kilogramm hochangereichertes Uran notwendig gewesen, die Nazi-Deutschland nach Meinung aller Experten einschließlich Karlschs nicht besaß.
Die letzte Hoffnung des Autors und seines großsprecherischen Verlags ruht nun auf Uwe Keyser von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig. Der Kernphysiker überprüft zurzeit noch Bodenproben aus Ohrdruf. Er sieht die bisher gemessenen Werte radioaktiver Stoffe als immerhin so bemerkenswert an, dass er die Explosion eines einfachen nuklearen Sprengsatzes nicht ausschließen möchte. In der Natur vorkommende Prozesse sind freilich als Ursache ebenso in Betracht zu ziehen wie Hinterlassenschaften der in Ohrdruf bis 1994 stationierten sowjetischen Streitkräfte, der Reaktorunfall von Tschernobyl oder der Fallout von Atomtests der Supermächte.
Für eine präzise Analyse benötigt der Wissenschaftler "ungefähr noch ein Jahr" - vorausgesetzt, jemand ist bereit, die Forschungen so lange zu bezahlen.
KLAUS WIEGREFE
* Rainer Karlsch: "Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche". Deutsche Verlags-Anstalt, München; 415 Seiten; 24,90 Euro. * Demontage eines Uranbrenners im schwäbischen Haigerloch durch ein US-Team.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 11/2005
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