21.03.2005

KARRIEREJob zum Dessert

Sinologie galt unter Studenten einst als Orchideenfach. Doch seit dem großen China-Boom steigen die Berufschancen der früher belächelten Absolventen enorm.
Ursprünglich wollte Matthias Göbel nur ein Praktikum machen. Drei Monate in einer Unternehmensberatung, das schmückt den Lebenslauf, dachte er. Einen Uni-Abschluss hatte der 22-jährige Sinologe schon so gut wie in der Tasche, Auslandserfahrung konnte er ebenfalls vorweisen. Doch was die zwei Chinesinnen von McKinsey, mit denen Göbel zum Essen geschickt wurde, restlos begeisterte, waren seine Sprachkenntnisse: fehlerfreies Mandarin. Zum Dessert bekam er das Jobangebot.
Wer in China berät, sollte auch die Sprache der Kunden sprechen, findet Sönke Bästlein, Leiter des Asia House von McKinsey in Frankfurt. Rund 20 junge Asiaten machen sich dort seit Mitte vergangenen Jahres mit westlicher Unternehmenskultur vertraut - um gut geschult den boomenden Beratermarkt in ihrer Heimat aufzurollen.
Liebend gern sähe Bästlein mehr Europäer oder Amerikaner im Team, nur hapert es da zumeist an der Sprache: "Ich kann nur jedem Studenten raten, gutes Chinesisch zu lernen. Neben Englisch wird es zur zweiten Wirtschaftssprache der Welt", sagt der McKinsey-Mann. "Die individuellen Chancen auf dem Arbeitsmarkt steigen dadurch stark."
Jung-Berater Göbel begann schon als Zehnjähriger, die Schriftzeichen zu lernen. "Aus Spaß", wie er sagt. "Ich war damals ja noch viel zu jung, um an den Arbeitsmarkt zu denken." Nach dem Abitur studierte er Sinologie - aus Leidenschaft. Bei immer mehr Kommilitonen beobachtete er jedoch, dass Chinesisch für sie zum Karriereplan gehört.
Die Jobchancen von Sinologen sind zwar nach wie vor mäßig. Weisheiten von Laozi bereiten eben nur ungenügend auf Einsätze in China vor. Doch kombiniert mit Handfestem, erleichtert das vermeintliche Orchideenfach den Berufsstart: Göbel belegte nebenbei Jura.
Auch Sarah Müller, 22, hat sich für eine Kombination entschieden. An der Fachhochschule Ludwigshafen paukt sie mit rund 300 anderen Studenten Betriebswirtschaft, Chinesisch und Landeskunde. Mit Chinesisch als Fremdsprache hebe sich ihre Bewerbung von den Unterlagen der meisten anderen BWL-Studenten ab. "Das punktet bei Arbeitgebern", sagt sie.
Der Bedarf an jungen China-Experten ist bei kleineren Firmen am größten. Sie haben selten Erfahrung, wie man in fernöstliche Märkte einsteigt und dort wachsen kann. "Wer mit unserer Qualifikation bei einem Mittelständler seinen Job bekommt, ist da schnell die Frau oder der Mann fürs China-Geschäft", meint Müller.
Großunternehmen schicken dagegen meist ein paar ihrer deutschen Topmanager als sogenannte Expatriates ins Ausland, häufig ohne lokale Sprachkenntnisse und ungenügend vorbereitet.
"Anfang vierzig, frisch geschieden, braucht das Geld. So sieht leider bei einigen Firmen immer noch der typische China-Manager aus", beobachtet Professor Siegfried Englert, Leiter des Ostasieninstituts der FH Ludwigshafen. "Wer gerade verfügbar ist, wird losgeschickt." Die Reihen vor Ort werden dann mit billigeren chinesischen Arbeitskräften gefüllt.
Lokales Personal sei zwar unverzichtbar, nur so könne sich eine Firma örtlichen Netzwerken anschließen, ohne die Vertragsabschlüsse in China undenkbar seien. "Doch wegen dieser notwendigen Verflechtungen sind chinesische Mitarbeiter ihren ausländischen Arbeitgebern gegenüber auch nicht immer hundertprozentig loyal", warnt der Fachmann.
Diese Unsicherheit steigert die Chancen junger deutscher China-Kenner. Andreas Stollberg, 25, auch er studiert in Ludwigshafen, besuchte für zwei Semester die Universität Qingdao. Danach arbeitete er ein halbes Jahr für einen deutschen Hersteller von Industriewerkzeugen in Nanjing. Auf Basis von Interviews, die er mit chinesischen Außendienstmitarbeitern führte, entschied er mit über den Standort eines Vertriebszentrums.
"Ich habe denen McKinsey gespart", sagt der Student selbstbewusst. Bei einem Praktikum in Deutschland, da ist er sicher, hätte er eine solch verantwortungsvolle Aufgabe niemals übertragen bekommen.
Kehren die deutschen Austauschstudenten wieder zurück, bringen sie oft ganz erstaunliche Berichte mit. Von den Studienbedingungen an bestimmten chinesischen Hochschulen schwärmt so mancher Naturwissenschaftler, sobald er wieder in den überfüllten Labors seiner deutschen Heimatuniversität steht.
Spitzeninstitute in Shanghai und Peking haben nicht nur aufgeholt, sondern manche Universität in Deutschland sogar abgehängt. Und ihre Studenten sind besonders fleißig: "Die Chinesen haben eine furchtbare Disziplin. Wenn wir vielleicht noch zwei Stunden am Abend lernen, machen die gleich eine halbe Nacht daraus", berichtet Sarah Müller.
Noch sind die Chancen für junge deutsche China-Experten hervorragend. Doch Matthias Göbel ahnt, dass sich das langsam ändern könnte: "Wir sollten uns nichts vormachen: Unsere schärfsten Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt werden exzellent ausgebildete Chinesen sein. Und davon gibt es sehr, sehr viele." ANDREAS KLEINSCHMIDT
Von Andreas Kleinschmidt

DER SPIEGEL 12/2005
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