21.03.2005

INDIENDoppeltes Spiel

Der Entspannungskurs auf dem Subkontinent wird von neuen Vorwürfen überschattet. Neu-Delhi verdächtigt Pakistan, Unruhen im rebellischen Nordosten zu schüren.
Trommelgedröhn und ohrenbetäubende Sprechchöre orchestrierten vorvergangene Woche im nordindischen Mohali ein Sportereignis mit politischer Mission. Cricket, das atavistische Überbleibsel britischer Kolonialzeit, elektrisiert auf dem Subkontinent noch immer die Massen - ganz besonders, wenn es um ein Match zwischen Indien und Pakistan geht, den verfeindeten Bruderstaaten, Gegner in zwei Kriegen um Kaschmir.
"Wir sind hier, um Freunde zu gewinnen", begeisterte sich der junge pakistanische Fan Imran. "Was macht es da, wer siegt?" 33 000 Menschen, Arm in Arm unter den Fahnen beider Länder, zelebrierten mit La-Ola-Jubel den Auftakt einer fast sechs Wochen dauernden Cricketserie und skandierten "Dosti Banee!" - "Unsere Freundschaft ist besiegelt!"
Derweil näherten sich rund 500 Kilometer weiter nördlich, in den eisigen Berghöhen Kaschmirs, Straßenarbeiten ihrer Vollendung: Pakistanische und indische Pioniersoldaten bereiten der Versöhnung beider Nationen symbolhaft den Weg, indem sie an der umstrittenen Demarkationslinie, der sogenannten Line of Control, gemeinsam eine Holzbrücke fertig stellen. Über die soll, voraussichtlich am 7. April, erstmals nach 56 Jahren, wieder ein Bus mit Zivilisten fahren.
"Früher hätten wir uns kaum aus den Bunkern getraut, ohne von drüben eine Salve Kugeln zu riskieren", kommentiert der indische Offizier G. S. Rawat die Zeichen einer neuen Zeit. "Es ist wie in einem Traum." Heute winkt ihm von dort ein pakistanischer Kollege zu, der Zementarbeiten beaufsichtigt.
An offiziellen Bekundungen des Entspannungswillens mangelt es derzeit nicht zwischen den nuklearen Parvenüs, die noch vor zwei Jahren am Abgrund einer atomaren Apokalypse standen. Indien und Pakistan überhäufen sich geradezu mit Zeichen der Wertschätzung.
Zum letzten Cricketspiel am 17. April hat sich Islamabads Militärherrscher Pervez Musharraf in Delhi angesagt. Indiens Premier Manmohan Singh will bei der Abfahrt des Friedensbusses zugegen sein.
Zunächst ist indes nur ein Grenzverkehr auf Sparflamme vorgesehen. Der Bus mit seinen 30 Passagieren darf bloß alle 14 Tage fahren. Ein paar Granaten könnten das Annäherungsmanöver jederzeit torpedieren.
Denn trotz der derzeitigen Ruhe herrscht immer noch Misstrauen zwischen den Erzfeinden. Ein Durchbruch für eine Kaschmir-Lösung, womöglich gar für eine wirkliche Aussöhnung, ist schwer auszumachen. Nationalistisches Prestigedenken, wechselseitiger Hass der Eliten, religiöse Ressentiments, die 20 000 Toten der Waffengänge und mindestens 40 000 Opfer des Untergrundkampfes in Kaschmir - all das lässt sich nicht mit schönen Gesten beseitigen oder vergessen machen.
Seit der Teilung Britisch-Indiens 1947, so befand schon der in Bombay geborene Bestsellerautor Salman Rushdie, sind Pakistan und Indien "ineinander verkeilt
wie zwei alte Ringer, die auf einem hohen Felsen miteinander kämpfen und dem Abgrund immer näher kommen".
Sie haben vollkommen unterschiedliche Vorstellungen von einer Regelung des Kaschmir-Konflikts und den erforderlichen Zeitrahmen. Musharraf strebt eine Lösung binnen dreier Jahre an und hat den Vorschlag eines Kondominiums, einer gemeinsamen Herrschaft über Gesamt-Kaschmir, ins Gespräch gebracht. Neu-Delhi könnte sich dagegen allenfalls mit der jetzigen Teilung als Endergebnis langwieriger Verhandlungen abfinden.
Auf jeden Fall würde das demokratische und säkulare Indien lieber mit einer Zivilregierung der Islamischen Republik Pakistan verhandeln. Neu-Delhi traut dem Militärmachthaber in Islamabad nicht, den es noch Anfang vorigen Jahres vor einem weiteren Attentatsversuch warnen ließ.
Mehrmals hatte Musharraf beteuert, er werde die etwa 70 islamistischen Trainingscamps im von Pakistan besetzten Sektor Kaschmirs auflösen und jegliche Infiltration von Terroristen in den indischen Teil Kaschmirs unterbinden. Doch Indiens Geheimdienstchef konnte seinem pakistanischen Gegenüber die präzisen Koordinaten weiterhin bestehender Lager übermitteln sowie die Frequenzen des Funkverkehrs mit den etwa 2000 im indischen Teil Kaschmirs operierenden Islamisten.
Neu-Delhi verdächtigt den Präsidenten-General zudem eines doppelten Spiels im Friedenspoker: Musharraf wirke heimlich an Destabilisierungsaktionen in Indiens Unruhestaaten mit. Dafür liegen der Regierung bislang nicht veröffentlichte Beweise vor, die auch auf Erkenntnissen westlicher Spionagedienste beruhen.
Der pakistanische Geheimdienst ISI, so lautet der Vorwurf, nutze Bangladesch als Operationsbasis für antiindische Subversion. Über den Hafen Chittagong würden Schiffsladungen Waffen, Munition und Sprengstoff ins Land geschmuggelt und an Rebellengruppen weitergeleitet, die Indiens Nordosten in Aufruhr halten. Ein Teil der Waffen gelange sogar durch Nordindiens "roten Korridor" bis nach Kaschmir.
Die sieben Bundesländer in Indiens wildem Nordosten, in denen 40 Millionen der gut eine Milliarde Inder leben, sind zwischen Nepal und Bangladesch nur durch eine schmale Landzunge mit der Hauptlandmasse des Unionsstaats verbunden. Der Widerstand einiger Dutzend teils maoistisch geprägter Separatistenbewegungen gegen die "indischen Besatzer" in Assam, Nagaland, Tripura oder Manipur kostete allein im vergangenen Jahrzehnt über 10 000 Menschen das Leben.
Das unwegsame Grenzgebiet zu Bangladesch gilt als Rückzugsraum mehrerer Rebellengruppen, darunter die mindestens 2500 Kämpfer der Assam-Befreiungsfront Ulfa. Die übernahm vorigen August die Verantwortung für einen Bombenanschlag, bei dem in Dhemaji (Assam) am Nationalfeiertag 18 Menschen getötet wurden, unter ihnen 10 Schulkinder.
Querverbindungen bestehen auch zu den linksextremistischen Naxaliten, die in mehreren Staaten Nord- und Mittelindiens, vor allem in Bihar, unbeirrt auf dem Vormarsch sind. Hier erwächst Neu-Delhi ein bedrohliches Sicherheitsproblem, und Singh musste soeben erst im Parlament einräumen, dass inzwischen 170 Distrikte unter dem Einfluss der Naxaliten stehen.
Sollten sich auch diese Gruppen aus der Waffenschleuse Bangladesch bedienen können, wäre die Erregung Neu-Delhis über Pakistans angeblichen Destabilisierungskurs begreiflich. Wie wenig die Inder den Friedensbeteuerungen aus Islamabad trauen, verdeutlicht auch die Weiterentwicklung ihres Atomwaffenprogramms. Bislang verfügt Südasiens Hegemonialmacht über etwa 70 Sprengköpfe, Pakistan über rund 50.
Um den Erzfeind technisch zu deklassieren und um zu demon-strieren, dass sie im Notfall einen begrenzten Atomkrieg führen könnten, haben die Inder angeblich sogenannte Mini Nukes entwickelt. Die Entscheidung, die neuen Waffen auch zu testen, ist bisher nicht gefallen. Vorbereitet, aber vorerst ebenfalls aufgeschoben, sind auch erste Erprobungsflüge der neuen Langstreckenrakete Agni III.
Deren Reichweite von 3000 Kilometern wäre allerdings nicht nur für Pakistan ein Problem, sondern auch für China, das gegenwärtig an guten Beziehungen zum aufkommenden Rivalen Indien interessiert zu sein scheint. OLAF IHLAU, PADMA RAO
* Auf dem Bahnhof Dimapur im Oktober 2004.
Von Olaf Ihlau und Padma Rao

DER SPIEGEL 12/2005
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