21.03.2005

KINO„Alle Politiker sind Schauspieler“

Hollywood-Star Clint Eastwood, 74, über seinen Arbeitsstil, sein Alter und den neuen Oscar-gekrönten Film „Million Dollar Baby“
SPIEGEL: Mr. Eastwood, früher haben Sie oft düstere Rächer - wie den Polizisten Harry Callahan in dem Polizeifilm "Dirty Harry" aus dem Jahr 1971 - verkörpert. In Ihrem neuen Film "Million Dollar Baby" spielen Sie den Boxtrainer Frankie Dunn, der Gott um Vergebung bittet. Hat sich Ihre Lebensphilosophie verändert?
Eastwood: Meine Lebensphilosophie hat sich bestimmt schon zehnmal geändert. Man sollte nicht jahrzehntelang krampfhaft an den gleichen Ideen festhalten. Mit zunehmendem Alter mache ich mir über die Moral mehr Gedanken und interessiere mich stärker für Geschichten, in denen die Figuren innere Konflikte austragen müssen. Dramatische Stoffe, die den Zuschauer bewegen, sind mir wichtiger als eine bestimmte Botschaft.
SPIEGEL: Dirty Harry hätte nie geweint - wie Frankie Dunn in "Million Dollar Baby".
Eastwood: Weinen ist gar nicht so schwer. Wenn eine Geschichte gut geschrieben ist, kommen die Tränen wie von selbst.
SPIEGEL: Mögen Sie Ihre frühen Filme nicht mehr, die ja oft sehr gewalttätig und meist gänzlich unsentimental waren?
Eastwood: Doch, ich kann immer noch zu ihnen stehen. Die gewalttätigen Männer, die ich gespielt habe, haben ja auch alle ihre Schwächen, die sie menschlich machen. Sie wollen sich rächen, weil sie zutiefst verletzt worden sind. Ich kann nachvollziehen, warum sie zur Waffe greifen. Dennoch könnte ich sie heute nicht mehr spielen. Diese überlebensgroßen Helden sind mir fremd geworden, weil ich die Welt heute anders sehe. Jetzt interessieren mich Menschen, die mit sich selbst und ihren alltäglichen Problemen zu kämpfen haben.
SPIEGEL: Würden Sie heute keinen Polizeifilm mehr drehen?
Eastwood: Doch, wenn er gut geschrieben ist. Ich habe nur meine Zweifel, ob mir die Zuschauer heute noch einen Cop abkaufen würden. Wer würde einen Mann in meinem Alter noch auf die Straße schicken, um Verbrecher zu jagen?
SPIEGEL: In "Million Dollar Baby" zeigen Sie einen gescheiterten Boxer, der nicht genug Geld hat, um sich ein paar neue Socken zu kaufen, und eine Kellnerin, die sich von den Essensresten ihrer Kunden ernährt. Wollen Sie den Zuschauern die Schattenseite der US-Gesellschaft zeigen?
Eastwood: Ja, alle Figuren in diesem Film leben am äußersten Rand unserer Gesellschaft. Da ist ein alternder Trainer, der sich mit seiner Boxhalle über Wasser hält; sein
Hausmeister, der früher selbst im Ring gekämpft und dabei ein Auge verloren hat; und eine Boxerin, die jeden Cent dreimal umdrehen muss. Solche Figuren sind im Hollywood-Kino sehr selten, obwohl viele Menschen in den USA in ganz ähnlichen Verhältnissen leben. Doch sie sind das genaue Gegenteil von strahlenden Helden.
SPIEGEL: Was haben denn Ihre Geldgeber zu diesen Figuren gesagt?
Eastwood: Die waren alles andere als begeistert. Der Film schien allen Erfolgsrezepten des Hollywood-Kinos komplett zu widersprechen. Doch ich bin inzwischen in einem Alter, in dem ich mich den vermeintlichen Gesetzen dieses Geschäftes nicht mehr beuge, sondern einfach die Geschichten erzähle, die mich interessieren. Und tatsächlich hat "Million Dollar Baby" in den USA bereits etwa 90 Millionen Dollar eingespielt - obwohl so gut wie niemand an einen Film über eine junge Boxerin geglaubt hat.
SPIEGEL: Warum nicht? Wollten Ihre Geldgeber keine Frau sehen, der die Nase eingeschlagen wird?
Eastwood: Vielleicht. Aber warum sollen Frauen nicht in den Ring steigen? Es ist für uns doch inzwischen ganz normal, dass sie zur Polizei gehen oder zum Militär. Wenn sie kämpfen wollen, sollen sie kämpfen. Ich wäre sicher nicht begeistert, wenn meine achtjährige Tochter eines Tages auf die Idee käme, Boxerin zu werden. Aber wenn sie wirklich überzeugt wäre, dass dies ihre Bestimmung ist, würde ich mich ihr nicht in den Weg stellen. Nur geht es im Boxgeschäft leider ähnlich zu wie in Hollywood: Für die wenigen, die es ganz bis nach oben schaffen, bleiben Zigtausende auf der Strecke. Es ist traurig, dass so viele Menschen
einem Traum nachjagen, den sie nie erreichen können.
SPIEGEL: Sie haben es bis an die Spitze geschafft - und in diesem Jahr zum zweiten Mal einen Oscar gewonnen. Ist der Oscar der Weltmeisterschaftsgürtel Hollywoods?
Eastwood: Um den Weltmeisterschaftsgürtel zu gewinnen, muss man ihn jemand anderem wegnehmen. Das ist der große Unterschied zum Oscar.
SPIEGEL: Na ja: Martin Scorsese, in diesem Jahr Ihr großer Konkurrent um die Trophäe, der lange Zeit als Favorit gehandelt worden war, wirkte schon ziemlich niedergeschlagen, als Sie ausgezeichnet wurden.
Eastwood: Ich habe ihn dennoch nicht besiegt. Ich bin nur von der Mehrheit der Academy gewählt worden.
SPIEGEL: Bis in die achtziger Jahre hinein haben Sie immer wieder gesagt, Sie würden wahrscheinlich niemals einen Oscar gewinnen. Woher rührte dieser Pessimismus?
Eastwood: Ich habe ganz einfach Mainstream-Kino gemacht, und dafür wird man normalerweise nicht ausgezeichnet. Als ich Ende der achtziger Jahre "Bird" drehte, den Film über den Jazz-Musiker Charlie Parker, kam eine Statistin zu mir und gab mir eine rote Fliege. "Womit habe ich die verdient?", fragte ich. "Die sollen Sie auf der Bühne tragen, wenn Sie eines Tages Ihren Oscar in Empfang nehmen", antwortete sie. "Da kann ich Ihnen aber wenig Hoffnung machen", erwiderte ich, "meine Filme sind viel zu populär." 1993 wurde ich für den Western "Erbarmungslos" ausgezeichnet - und konnte die rote Fliege umbinden. So kann''s kommen.
SPIEGEL: Seit Jahrzehnten leben Sie auf 500 Kilometer Distanz zu Hollywood - im beschaulichen Millionärsparadies Carmel. Mögen Sie Los Angeles nicht?
Eastwood: Hier in Carmel ist es viel ruhiger, und die Menschen haben noch etwas anderes als Kino im Kopf. Aber wenn ich Anfang zwanzig wäre und mein Glück im Filmgeschäft machen wollte, würde ich nach Los Angeles ziehen.
SPIEGEL: Warum haben Sie so selten dort gedreht?
Eastwood: Weil die Filme, die mich interessierten, in anderen Gegenden spielten und verwurzelt waren. Bei "Million Dollar Baby" war aber immer klar, dass der Film in Los Angeles spielen würde. Die Kurzgeschichten, auf denen er basiert, beschreiben ein Boxmilieu, das es nur dort gibt. Natürlich fand ich es auch reizvoll, die Stadt, die als Metropole des Glamour gilt, in einem anderen Licht zu zeigen: Die Figuren bewegen sich nicht über den roten Teppich, sondern über den schweiß- und blutgetränkten Ringboden.
SPIEGEL: In wenigen Wochen werden Sie 75 Jahre alt. Fürchten Sie nicht, zu einem Opfer von Hollywoods Jugendkult zu werden?
Eastwood: Der Jugendkult geht an mir einfach vorüber. Ich bin nicht einmal sicher, was das eigentlich sein soll. Manche Leute
warten immer noch auf das nächste 25jährige Filmgenie, aber in Wahrheit gibt es davon seit Orson Welles und Steven Spielberg nicht so furchtbar viele. Ich sage den Studios darum gern: Unterschätzt nicht den Wert der Erfahrung. Erst sie versetzt Leute in die Lage, ihre beste Arbeit überhaupt abzuliefern.
SPIEGEL: Sie zumindest halten sich an diese Empfehlung. Die Crew von "Million Dollar Baby" dürfte das älteste Filmteam Hollywoods sein. Ihr Bühnenbildner Henry Bumstead ist 89 Jahre alt.
Eastwood: Sie irren. Er ist gerade 90 geworden. Er läuft nicht mehr so schnell, weil er sich gerade neue Kniegelenke hat einsetzen lassen. Aber davon abgesehen ist
er phantastisch. Er hat einen wachen Geist, hört gut, sieht gut und hat in seinem Leben schon mehr vergessen, als die meisten Menschen je in Erfahrung bringen. Bei meinem nächsten Projekt ist er wieder dabei.
SPIEGEL: Wurden Sie je wegen Ihres Alters in Hollywood geschnitten?
Eastwood: Nein. Ich hatte das Glück, an genügend Filmen mitgewirkt zu haben, die viel Geld eingespielt haben. Das ist die einzige Größe, die in Hollywood wirklich zählt. In den letzten Jahren waren meine Filme zwar kommerziell nicht mehr so erfolgreich, doch dafür habe ich durch sie an Renommee gewonnen. Das schadet auch nicht. Ich habe einfach Glück.
SPIEGEL: Wollen Sie den Jüngeren beweisen: Ich bin zwar älter als ihr, aber immer noch besser. Dann wäre ja doch vom Kampfgeist des Western-Helden etwas übrig geblieben.
Eastwood: Ich bin an einem Punkt in meinem Leben angelangt, wo ich darin keinen Sinn mehr sehe. Ich bin nicht hier, um irgendwelche Wettkämpfe gegen andere Leute zu gewinnen. Darum spiele ich so gern Golf. Beim Golf spielt man seinen eigenen Ball. Du gewinnst oder verlierst, abhängig davon, wie gut du ihn spielst. Beim Boxen ist das anders oder auch beim Tennis. Da kann man nur gewinnen, wenn man seinen Gegner niedermacht. Dazu habe ich keine Lust mehr. Ich will, dass alle erfolgreich sind.
SPIEGEL: Haben Sie je erwogen, sich in die Rente zu verabschieden?
Eastwood: Als Schauspieler schon. Im Alter gibt es einfach keine interessanten Rollen mehr. Aber das habe ich schon letztes Jahr gesagt, und dann kam das Drehbuch zu "Million Dollar Baby". Solange das so weitergeht, bin ich dabei. Und wenn nicht, dann arbeite ich eben als Regisseur weiter. Damit bin ich genauso glücklich.
SPIEGEL: 1986 und 1987 waren Sie Bürgermeister Ihrer Heimatstadt Carmel. Was hat Sie in die Politik getrieben?
Eastwood: Die damaligen Stadtoberen waren diktatorisch. Sie haben nicht versucht, sich für die Bürger von Carmel einzusetzen; sie haben jedes Gesuch lieber von vornherein abgelehnt. Das fand ich unerträglich.
SPIEGEL: Warum haben Sie dann das Amt so schnell aufgegeben?
Eastwood: Ich bin Filmemacher, nicht Politiker. Aber der wahre Grund ist: Ich bin es gewohnt, Arbeit zu erledigen. Und in der Politik ist das sehr, sehr schwer. Alles da kostet enorm viel Zeit, Mühe, Konferenzen und Diskussionen. Wenn Filme so gemacht würden, wie Stadtpolitiker einen Ort verwalten, dann gäbe es nur noch alle zehn Jahre einen neuen Spielfilm. Natürlich könnten die Politiker auch von meinem Arbeitsstil lernen: Ich habe "Million Dollar Baby" in 37 Tagen abgedreht.
SPIEGEL: Wie schaffen Sie dieses rekordverdächtige Tempo?
Eastwood: Wenn jemand deinen Film finanziert, dann bist du es ihm schuldig, sein Geld nicht zu vergeuden. Das ist meine Arbeitsethik. Und ich trödle einfach nicht. Wenn mir eine Szene nach der ersten Aufnahme gefällt, dann nehme ich sie, wie sie ist, und mache mit der nächsten weiter. Ich schaue sie mir meist nicht ein einziges Mal auf dem Monitor an und stelle sie auch nicht zur Diskussion. Diese Monitore führen nur zum Mitbestimmungsterror: Alle rennen durcheinander und plappern über ihre Ansichten. Nicht, dass ich Hilfe oder Vorschläge nicht schätze - aber so mag ich es auch nicht. Ich mag keine langen Diskussionen, sondern spontane Entschlüsse. Ich vertraue meinen Instinkten.
SPIEGEL: Haben Sie Arnold Schwarzenegger bei seiner Wahl zum Gouverneur Kaliforniens unterstützt?
Eastwood: Ich war immer dafür, dass er antritt. Ich habe mich damals aber bedeckt gehalten, weil ich in einer Kommission seines Vorgängers saß, die sich um die Nationalparks kümmert. Ich denke, Schwarzenegger schlägt sich sehr gut. Es spricht für ihn, dass er den Job nicht zum Leben braucht. Jeder, der nicht Politiker sein muss, kann ein guter Politiker werden, denn die Probleme entstehen oft dadurch, dass Politiker an ihren Jobs kleben.
SPIEGEL: Lässt sich Ruhm für Schauspieler mühelos in politische Macht ummünzen?
Eastwood: Viele können das. Als ich Bürgermeister wurde, rief mich Ronald Reagan an, mit dem ich befreundet war. Er erzählte, dass er oft zu hören bekam: Wie kann ein Schauspieler nur Politiker werden? Er hat diesen Vorwurf einfach umgedreht: Wie kann ein Politiker kein Schauspieler sein? Ich fand, dass war ein sehr interessanter Kommentar. Und er hatte Recht. Alle Politiker sind Schauspieler. Sie tun so, als würden sie sich für dich interessieren. Sie gucken dir geradewegs in die Augen und erzählen dir, was sie für dich tun wollen. Und dann machen sie weniger als die Hälfte davon wahr.
INTERVIEW: LARS-OLAV BEIER, MARCO EVERS
* Bei der Oscar-Verleihung am 27. Februar. * Obdachlose Frau in Los Angeles. * In dem Film "Pale Rider" (1985).
Von Beier, Lars-Olav, Evers, Marco

DER SPIEGEL 12/2005
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