26.03.2005

WIRTSCHAFTSKRIMINALITÄTBekenntnisse eines Killers

In einem Enthüllungsbuch beschreibt John Perkins seine Arbeit als „ökonomischer Auftragsmörder“ der USA: Er sollte, behauptet er, Dritte-Welt-Staaten ruinieren und so politisch gefügig machen.
Das Haus liegt versteckt an einem künstlichen Kanal unter Palmen und Mangroven. Es ist ein altes Haus, einstöckig, hölzern, hellgelb gestrichen, und als es in den fünfziger Jahren gebaut wurde, war es sicher etwas Besonderes. Jetzt sticht es seltsam heraus unter all den umliegenden neuen Luxusvillen mit den großen Geländewagen in der Einfahrt. Palm Beach, Florida, ist eine Gegend für Neureiche.
Vor der Tür steht John Perkins, 60, und auch seine großen Zeiten liegen schon lange hinter ihm. "Kommen Sie, kommen Sie", sagt er und führt hinein in ein Wohnzimmer, das kaum etwas verrät über die 15 Jahre, die sein Besitzer zwischen Ecuador und Saudi-Arabien, Panama und Südostasien verbrachte. Nur auf dem Marmorkamin stehen zwei buntbemalte hölzerne Puppen aus Indonesien. "Die stammen noch aus meiner Lehrzeit", sagt Perkins, "meiner Lehrzeit als Wirtschaftskiller."
Es ist eine seltsame, eine fast unglaubliche Geschichte, die der schlaksige Mann mit leiser, aber eindinglicher Stimme erzählt. Von 1971 bis 1981 sei er im Auftrag der USA als verdeckter "Economic Hit Man" unterwegs gewesen. Sein erklärtes Ziel: "Mit viel Geld Regierungen von Dritte-Welt-Ländern in ein Netzwerk aus US-Interessen hineinzuziehen und sie in eine finanzielle Abhängigkeit zu befördern, die sie für die USA wirtschaftlich und politisch steuerbar macht." Kurz: Volkswirtschaften zu ruinieren.
Perkins hat über diese Zeit ein Buch geschrieben: "Bekenntnisse eines Economic Hit Man". Nur wenige Wochen nach Erscheinen im vergangenen November kletterte es bis auf Platz neun der "New York Times"-Bestsellerliste - fast ausschließlich über Mundpropaganda. Zeitweilig führte es sogar die Amazon-Verkaufsliste an.
Vergangene Woche erschien das Buch auch in Deutschland, Veröffentlichungen in etlichen anderen Ländern, von Japan bis Italien, folgen in den nächsten Wochen.
Perkins ist überrascht von seinem Erfolg. Er hätte sich eigentlich "vor allem das schlechte Gewissen von der Seele schreiben" wollen. Denn revolutionär sei seine Geschichte eigentlich gar nicht.
Vielleicht liegt es am Titel: "Economic Hit Man", Wirtschaftskiller, das klingt doch, als hätte es sich der Verlags-PR-Chef mit Schaum vor dem Mund ausgedacht. Nein, nein, wehrt Perkins ab, der Begriff sei tatsächlich real, schon 1951 geprägt, als die CIA einen ihrer Agenten auf den Sturz des iranischen Premiers angesetzt hatte, nachdem der die Ölindustrie verstaatlicht hatte. Natürlich sei es keine offizielle Bezeichnung, eher ironisch gemeint, aber in eingeweihten Kreisen tatsächlich gebräuchlich.
Und wie, bitte schön, verübt man einen Anschlag auf eine Volkswirtschaft? "Vor allem mit Großkrediten", sagt Perkins. Seine Aufgabe sei es gewesen, ausgewählten Ländern völlig überzogene Milliardenkredite für neue Infrastruktur zu vermitteln, die aber finanziell gar nicht zu verkraften waren: "Wasserkraftwerke in Ecuador, Elektrifizierungsprojekte in Indonesien, Flughäfen in Mittelamerika". Er habe vor
allem für die traditionell US-geführte Weltbank und die US-Entwicklungshilfebehörde manipulierte Finanzpläne aufgestellt, um die Kredite zu rechtfertigen: "Es ist gar nicht schwer, einen vermeintlich immensen Anstieg des Bruttosozialprodukts vorzugaukeln, wenn man mit den Daten geschickt trickst."
Die Milliardenkredite seien dann ausschließlich in Aufträge für US-Großkonzerne wie Bechtel und Halliburton geflossen. Oder an MAIN, eine internationale Consultingfirma, für die Perkins als Chefvolkswirt arbeitete und deren Hauptkunde die Weltbank war.
"Letztlich verlässt das meiste Geld die USA nie", sagt er mit der emotionslosen Stimme eines Vortragenden, als hielte er eine Vorlesung vor unwissenden Erstsemestlern. "Es wird bloß von den Banken in Washington zu den Konzernzentralen in Houston, New York oder San Francisco umgeleitet."
Findet er das verwerflich, hat er deshalb das Buch geschrieben? Nein, sagt Perkins, ihm gehe es darum, den Vorhang zu lüften, einen Blick hinter die Kulissen amerikanischer Politik zu gestatten. Denn was wie Entwicklungshilfe erscheine - all die Milliarden, die in strategisch relevante Regionen gepumpt wurden -, sei bloß besser getarnte Machtpolitik mit nur einem Ziel: politische und wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA herzustellen.
"Wenn wir unsere Arbeit richtig gemacht hatten, wurde das Empfängerland nach ein paar Jahren von der Schuldenlast erdrückt und musste die Zahlungen sowohl an die amerikanischen Förderbanken als auch die US-Konzerne einstellen", sagt Perkins. Dann seien die eigentlichen Forderungen gekommen: "Kontrolle über Uno-Voten, Installation von Militärbasen, Zugang zu Ressourcen wie Öl oder den Panamakanal."
Doch was sollte die Motivation der Regierungen von Panama oder Ecuador und all der anderen von Perkins erwähnten Beispiele sein, das eigene Land zu ruinieren? Auch für diese Motivation war Perkins nach eigener Aussage zuständig: "Bestechung, persönliche Bereicherung, Wahlmanipulation".
Das klingt nach Verschwörungstheorie. Doch dagegen wehrt sich Perkins heftig: "In diesen Topf lasse ich mich nicht werfen." Zumal Verschwörungen ja stets den Anstrich des Illegalen hätten. "Aber genau das war doch das Perfide meiner Arbeit: Offiziell war alles höchst legal."
Deswegen sei er auch "nie offiziell" US-Agent gewesen. Zwar habe er 1968 die Aufnahmeprüfung für den amerikanischen Geheimdienst NSA bestanden. Allerdings warb ihn kurz vor Dienstantritt die Unternehmensberatung MAIN ab, die heute im Mischkonzern Parsons aufgegangen ist.
Für Perkins ist aber klar: "Mir wurde explizit bedeutet, dass ich nur vordergründig als Unternehmensberater, in Wirklichkeit aber als NSA-Instrument arbeiten würde." Entsprechend hätten ihn Drohungen und Bestechungen auch bis heute davon abgehalten, ein Enthüllungsbuch zu schreiben, erklärt Perkins die 20-jährige Lücke zwischen Buch und seinem letzten Einsatz.
Andererseits sind die Zeiten auch äußerst günstig für Bücher, die sich kritisch mit dem amerikanischen Auftreten in der Welt beschäftigen - auch in den USA. Der Erfolg von Michael Moore hat in den vergangenen Monaten bereits mehr als einen Nachahmer auf den Plan gerufen. Und auch Perkins lässt sich immer wieder über "den imperialen Antrieb der USA" aus. Bloß will er damit auf keinen Fall "unamerikanisch" wirken. Er wolle vielmehr, sagt er, "eine Fehlentwicklung aufzeigen, an der ich selbst mitgewirkt habe".
Das Medieninteresse an seinen Erzählungen ist jedenfalls gewaltig: Gerade war ein Kamerateam des ORF da, später stehen noch Interviews mit Radiostationen in Brasilien und Malaysia an. Die wichtigen amerikanischen Medien dagegen ignorieren ihn trotz des Verkaufserfolgs.
Perkins wirkt keineswegs wie ein durchgeknallter Verschwörungstheoretiker oder linkslastiger Agitator - sondern eher erschreckend harmlos. Und gutsituiert ist er offenbar, dank hochdotierter Beraterjobs bei Energiekonzernen. Im Wohnzimmer stehen cremefarbene Ledersofas auf poliertem Marmorfußboden, der Blick fällt auf den kleinen Pool und die Yachten im Kanal dahinter.
Tatsächlich klingen seine "Bekenntnisse" über die Verquickungen amerikanischer Politik und Wirtschaft doch nicht so unglaublich, erinnert man sich an manche inzwischen gutdokumentierte Geschichte aus der jüngeren Vergangenheit.
Da ist etwa der höchst bizarre, aber fast vergessene Fall der United Fruit Company, heute bekannt als "Chiquita": Als 1953 der Präsident von Guatemala einen Teil der riesigen Plantagen des US-Konzerns in dem lateinamerikanischen Land enteignete und an Kleinbauern verteilte, wurde er wenig später mit CIA-Unterstützung aus dem Amt geputscht, und amerikanische Piloten bombardierten die Hauptstadt.
Die Umstände erinnerten an einen schlechten Hollywood-Thriller: Der damalige CIA-Direktor Allen Dulles und sein Bruder, Außenminister John Foster Dulles, waren die Firmenanwälte, der US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, Henry Cabot Lodge, war United-Fruit-Großaktionär.
Ähnlich dubios und dokumentiert sind die Verwicklungen der heutigen Bush-Regierung mit der Ölindustrie und dem Großkonzern Halliburton, der eine führende Rolle beim Aufbau des Irak spielt.
Und natürlich kommt Perkins die von US-Präsident George W. Bush gerade vorletzte Woche bekanntgegebene Nominierung von Paul Wolfowitz als neuem Chef der Weltbank gerade recht: Der stellvertretende Verteidigungsminister gilt als erzkonservativer Falke und Expansionist, seine Ernennung löste vor allem bei Entwicklungshilfeorganisationen heftige Proteste aus.
Doch was kann Perkins von seinen eigenen Erlebnissen konkret belegen? Welche Beweise gibt es, dass "Wirtschaftskiller" auch heute noch etwa in Venezuela im Auftrag der USA unterwegs sind, wie er behauptet?
Perkins arbeitet nicht mit Dokumenten, und auch detaillierte Zahlen aus einzelnen Projekten nennt er nicht. Das Buch sei nicht für Wirtschaftsfachleute geschrieben, sagt er, sondern für jedermann. Allerdings, sagt er dann, sei ihm bewusst, dass die Frage nach Belegen und detaillierten Daten beantwortet werden müsse: "Es ist wohl Zeit für ein zweites Buch." THOMAS SCHULZ
Von Thomas Schulz

DER SPIEGEL 13/2005
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