26.03.2005

Der Marathonmann Gottes

Von Matussek, Matthias; Schimmöller, Heiner; Schlamp, Hans-Jürgen; Schwarz, Ulrich; Smoltczyk, Alexander; Wensierski, Peter

Der Pole auf dem Stuhl Petri ist der politischste, aber auch der wohl moralisch rigideste Papst, den es je gab. Sein öffentliches Leben und Leiden im göttlichen Auftrag machte ihn zum größten Medienstar aller Zeiten. Seit 26 Jahren führt Johannes Paul II. die katholische Kirche - und seine Fans fürchten den Tag, an dem diese Ära zu Ende geht.

Die Römer lieben das Schauspiel. Und seit langem hat es kein dramatischeres gegeben als dieses Ringen dort oben hinter den Fenstern des Apostolischen Palastes. Es ist der Kampf zwischen einem Körper und einem Willen. Zwischen Erdenschwere und himmlischer Mission.

Es ist der Kampf zwischen Karol Wojtyla und Johannes Paul II.

Das Osterdrama im Jahre 2005 nach Christus. Vergangenen Sonntag, dem Palmsonntag, sah es noch aus, als würde der Wille sich dem Körper beugen. Zehntausende Gläubige standen auf dem Petersplatz, winkten mit Ölzweigen und Palmwedeln zu den päpstlichen Gemächern hinauf. Viele Jugendliche waren darunter, sie waren zur Jugendtagsmesse gekommen und riefen "Giovanni Paolo, Giovanni Paolo", immer wieder, als wäre er einer von ihnen.

Sie wollten die Stimme hören.

Jene Stimme, der anzuhören gewesen ist, wie sie dem Körper abgerungen wird. Trocken und heiser, weil der Mann nur noch unter Mühen schlucken kann. Jene Stimme, bei der jedes Wort klingt, als sei es das letzte. Wie das letzte Murmeln, das man den Lippen eines Sterbenden ablauscht.

Anrührend und ungemein bewegend. Wer sich solche entsetzliche Mühen macht zu sprechen, der muss angehört werden. Die Stimme geht direkt ins Herz, auch wenn kein Wort mehr zu verstehen ist.

Aber am Sonntag gab Johannes Paul II. den Ärzten nach und schwieg. Er zeigte sich kurz am Fenster des Palastes, winkte mit einem Ölzweig, und man sah auf dem Handrücken noch das Pflaster für die Infusionskanüle. Er machte keinen Versuch zu lächeln, wirkte müde und traurig darüber, den Segen nicht selbst sprechen zu können.

Er griff sich an die Stirn, bedeckte die Augen und ließ die Faust

auf das Lesepult vor sich fallen, ohnmächtig wie ein in Ketten Gelegter. Was hat er noch vor? Was liegt noch vor ihm, diesem Marathonmann Gottes?

Die Römer lieben diesen Papst. Mit dem Mann aus Wadowice und ihnen ist eine Wahlverwandtschaft gewachsen - und Zuneigung. Sie nehmen teil an dem päpstlichen Kreuzzug gegen die eigene Gebrechlichkeit, und als der alte Mann in der Klinik lag, wurden die ärztlichen Bulletins mit einer Aufmerksamkeit studiert wie sonst nur die Aufstellungen der örtlichen Fußballclubs.

Das derzeitige Kreuz des Papstes ist die Kanüle, die ihm seit der Operation Ende Februar im Halse steckt. Er muss lernen, dennoch Worte zu bilden. Das ist schwer für einen ansonsten Gesunden. Für einen Parkinson-Kranken ist es eine Tortur.

Johannes Paul II. war willens, sie auf sich zu nehmen, für Ostern, den Höhepunkt des Kirchenjahres. Wie zur Dokumentation seiner beinahe unmenschlichen Kämpfernatur ließ er sich am Mittwoch für wenige Minuten erneut an das offene Fenster fahren, um die Gläubigen auf dem Petersplatz stumm zu segnen. Jeden Tag machte Karol Wojtyla in seinem Zimmer Stimmübungen, um zumindest das "Urbi et orbi" sprechen zu können, den Segen für Stadt und Erdkreis.

Ansonsten wurden alle päpstlichen Pflichten der Karwoche auf das Notwendigste beschränkt, der Stellvertreter Christi hat seine Stellvertreter in Position gebracht.

Kardinal Joseph Ratzinger

wird am Karsamstag der Osterwache im Petersdom vorstehen, jenem Teil der liturgischen Feiern, der an das Warten auf die Auferstehung erinnert. Auf Wunsch des Papstes hat Ratzinger die Texte der Karfreitagsprozession am Colosseum verfasst. Die heilige Messe am Ostersonntag auf dem Petersplatz wird dann von Kardinal Angelo Sodano geleitet, dem Kardinalstaatssekretär.

Früher erteilte Johannes Paul II. den Ostersegen in 62 Sprachen. Dieses Jahr ist diese internationale Litanei ein Kreuzweg für den kranken Papst.

Johannes Paul II. ist immer ein Papst

zum Anfassen gewesen. Nicht allein, dass er wie kein Zweiter in orbis umherreiste. Dieser Papst ging auch in die Vorstädte, zu den Elenden und Beladenen in La Garbatella und Primavalle. Er absolvierte allein 301 Pastoralbesuche in den Kirchengemeinden von Rom. Kaum eine wurde ausgelassen, und jedes Jahr begann - als er es noch konnte - mit einem Besuch der römischen Straßenkehrer, zum Dreikönigsfest am 6. Januar.

Epiphanie und Müllabfuhr, das gefiel

den Römern. Sie schauten zum Apostolischen Palast und wussten, dass auf diesem Dach ihrer Stadt

keine toten Tauben herumlagen, sondern ein Jogging-Parcours eingerichtet war.

Dieser Papst hatte einen Körper.

In Castelgandolfo, der Sommerresidenz, ließ er einen Pool graben, um nicht außer Form zu geraten. Nach kurzer Zeit tauchten die ersten Paparazzi-Bilder eines Papstes auf: der Kirchenfürst in Badehose.

Man hat sich an das Ungewöhnliche gewöhnt. Kein Papst der jüngeren Geschichte hat es für derart wichtig gehalten, den Sonntagssegen selbst zu sprechen. Johannes Paul II. ließ keinen einzigen Angelus aus, wenn er im Land war. Sonntags um zwölf war Pope-Watching für die Besucher der Ewigen Stadt, und zuverlässig wie das Amen in der Kirche war die Stimme zu hören, auch wenn sie mit den Jahren immer schwächer wurde.

Umso schlimmer der Anblick, als Wojtyla Anfang Februar die Gemelli-Klinik wieder verlassen durfte. Mühsam wurde der Körper in den gläsernen

Wagen gewuchtet: eine aufgedunsene weiße Gestalt mit wachen Augen in einem versteinerten Gesicht. Der Papst wirkte wie eine festlich angezogene Puppe. Die zehn Tage Klinik hatten den mächtigsten Absolutherrscher in Stadt und Erdkreis als Spielball von Bakterien, Viren und pharmazeutischen Mittelchen gezeigt.

Das Gemelli-Krankenhaus, hatte Wojtyla bei einem seiner vielen Aufenthalte dort selbst einmal gesagt, sei fast ein "dritter Vatikan", neben Castelgandolfo und dem Apostolischen Palast. Am 24. Februar wurde er wieder dort eingeliefert. Diesmal für eine Luftröhrenoperation. "Nur eine Kleinigkeit? Fragt sich, für wen", flüsterte Wojtyla den Chirurgen zu, bevor er in die Narkose hinüberdämmerte. Da lauerten vor der Klinik schon wieder die Fernsehübertragungswagen.

Johannes Paul II. ist - wie unter seinen Vorgängern allenfalls der Italiener Angelo Giuseppe Roncalli alias Johannes XXIII. - zum Sinnbild der katholischen

Kirche geworden. Viele Katholiken wie Nichtkatholiken können sich niemand anderen auf dem Stuhl Petri vorstellen. So bemühen sie sich, die letzten Leidensstationen Wojtylas nicht als Menetekel zu sehen, sondern als weitere Prüfungen des Johannes Paul II., in dem Seifenopern-Glauben, dass es irgendwie immer weitergehe.

Die Sehnsucht nach einem unsterblichen Papst Johannes Paul II., die sich immer wieder aufs Neue da draußen in einer Welt artikuliert, die längst nicht mehr seine ist, nimmt Wojtyla auch als Bestätigung. Dafür, dass er in seinem Pontifikat, das einen gewaltigen Zeitenwandel überspannt, das Richtige zur richtigen Zeit tat.

Er kämpfte gegen die im Kalten Krieg erstarrten politischen Blöcke der alten Welt, er bekämpfte die menschenverachtende Ideologie des Kommunismus ebenso entschieden wie die Säkularisierungen, Zynismen und Erbarmungslosigkeiten im heißgelaufenen Hochbetrieb des Kapitalismus.

Und jetzt, in diesen Monaten des öffentlichen Leidens, kämpft er seinen letzten großen Kampf, nachdem alle ideologischen und theologischen Schlachten geschlagen sind: Er zeigt einer alternden Gesellschaft, was Altern bedeuten kann. Qual. "Jesus", sagt er in einem kühnen Vergleich, "ist auch nicht vom Kreuz gestiegen."

Er werde, hat vor 26 Jahren der polnische Primas, Kardinal Stefan Wyszy nski, nach der Papstwahl seinem Landsmann Wojtyla vorausgesagt, "die Kirche ins dritte Jahrtausend führen". Johannes Paul II., durchaus empfänglich für solche Prophezeiungen, glaubt an seine Mission unerschütterlich seit mehr als einem Vierteljahrhundert: die zweitausendjährige Glaubensgemeinschaft zu reaktivieren, nach seinen Vorstellungen umzubauen und damit fürs neue Jahrtausend zu rüsten.

Und er, Wojtyla, ist bei dem Werk nicht nur Akteur, sondern auch Symbol: Seine Schwäche, seine Schmerzen sind, davon ist der fromme Mann aus Polen überzeugt, das Vehikel, um die christliche Botschaft in die Herzen der ungläubig gewordenen Gläubigen zurückzubringen. Früher habe er geglaubt, sein Werk durch Gebete, Predigten, Aufrufe zu erfüllen, sagte er einmal, dann habe er "begriffen, dass ich es durch den Schmerz tun muss".

So ist er der geworden, als der er in den Feuilletons gefeiert wird - ein religiöser Popstar. Er ist bekannter als die Rolling Stones. Er ist länger dabei als Madonna. Und noch nicht mal Michael Jackson zu seinen besten Zeiten hat vier Millionen Besucher mobilisiert wie Johannes Paul II. zu seiner Messe 1995 in Manila. Überall auf der Welt scheinen sie süchtig nach seinen Botschaften, die von einer geradezu mystischen Beharrung geprägt sind.

Dass er damit besonders bei den Jugendlichen ankommt, gehört zu den Paradoxien seines Papsttums. Vielleicht spüren gerade sie, dass da jemand zu ihnen spricht, statt sich anzubiedern. Er verkörpert das Gegenteil von Jugend in einer jugendversessenen Welt. Für Videoclips eignet sich das nicht mehr, wie er im Vorhof des Todes noch gerade das hervorstößt, was er der

Welt mitgeben will, unter Aufbietung letzter Kräfte.

Immer wieder ist die Jugend zusammengeströmt, wenn er nach ihr rief. Auf dem Weltjugendtag in Paris waren es 1997 über eine Million, auf dem in Rom 2000 zwei. In Toronto ist er 2002 im Helikopter eingeschwebt, und er hat dazu aufgerufen, im Menschenstaat den Gottesstaat zu errichten, das Salz der Erde zu sein und das Licht der Welt. Teenager brachen darüber in Freudentränen aus, Beobachter sprachen von einem Rockkonzert ohne Drogen.

Versenkung und Entgrenzung, das haben vor allem die jungen Menschen verstanden, ist die Motorik dieses polnischen Abenteuerpapstes. Und wohl deshalb wurde daraus eine beiderseitige Liebesgeschichte - auch wenn selbst seine treuesten Fans sich um die Moralpredigten ihres Idols keinen Deut scheren.

Früher ist er gemeinsam mit Bob Dylan vor Jugendlichen aufgetreten. In den letzten Jahren wird er von ihnen verehrt wie ein wagemutiger Schiffbrüchiger am Ende einer besonders dramatischen Lebensreise.

Der tiefgebeugte, schwerkranke Greis mit den zitternden Händen und der brechenden Stimme ist über die Religionsgrenzen hinaus zu einer Kultfigur der Mediengesellschaft geworden, die immer teilhat an seiner Qual, die er mal in stiller Duldung erträgt, mal in ohnmächtiger Auflehnung gegen die Schwäche seines Körpers. Immer wieder ist er vor den Augen von Millionen Menschen zusammengebrochen.

Gnadenlos fingen Kameras erstmals im September 2003 in der Slowakei, bei der 102. Auslandsreise des Papstes, den Verfall des einst so starken, sportlichen Mannes ein und transportierten sie in alle Welt. "Er ist am Sterben", klagte der Wiener Kardinal Christoph Schönborn schon damals.

Ein Jahr später sackte sein schwacher Körper während einer Predigt in Lourdes zusammen, dem französischen Zentrum der Marienverehrung: "Pomózcie mi", flüsterte er polnisch, "helft mir!"

Ein Glas Wasser half. "Ich muss es beenden", keuchte er und predigte weiter. Von Schmerzen gezeichnet, kniete er nieder in der Grotte, von der sich die Pilger Heilung versprechen, legte eine goldene Rose zu Ehren Marias auf den Boden, trank einen Schluck des angeblich heilenden Wassers und bekannte vieldeutig: "Meine Pilgerreise ist beendet, ich bin am Ziel."

Doch eine Selbstaufgabe passt nicht zu einem Mann, in dem eine Art Gottesglut arbeitet. Das Ende, davon ist Wojtyla überzeugt, kann nur der benennen, der für den Anfang zuständig war und auch die Zeit dazwischen bestimmt hat.

Nachdem ihn am 16. Oktober 1978 die große Mehrheit der Kardinäle im achten Wahlgang zum Statthalter Christi gemacht hatte, flüsterte der erste nichtitalienische Papst seit 455 Jahren, der erste Slawe auf dem römisch-katholischen Thron: "Es ist Gottes Wille."

Es war demütiger Schrecken - gleichzeitig aber auch eine fürchterliche Anmaßung. Vor allem aber Ausdruck jener Überzeugung, die seine Amtsführung prägen sollte.

Seit über 26 Jahren polarisiert Johannes Paul II. - der seinen Papstnamen als Hommage an seinen Vorgänger wählte, der nach nur 33 Amtstagen eines plötzlichen Todes gestorben war - nun die Welt, Gläubige wie Ungläubige.

In 14 Enzykliken, 44 Apostolischen Schreiben, Hunderten Diskursen - zusammen rund 80 000 Seiten - hat dieser Papst den katholischen Glauben definiert, so wie er ihn sieht. Rund 1,2 Millionen Kilometer legte der Marathonmann Gottes auf 104 ausländischen Missionstrips zurück, das sind 29 Erdumrundungen, dreimal die Strecke zum Mond. In 129 Ländern küsste er den Boden.

Auch in Himmelsdingen ist Johannes Paul II. aktiv wie keiner zuvor. 482 Glaubensbrüder und -schwestern sprach er heilig, die Kriterien dafür diktiert allein er. Darunter ist der einstige Kapuzinermönch Padre Pio, der dem Studenten Wojtyla 1947 prophezeit haben soll: "Du wirst Papst sein, aber ich sehe auch Blut und Gewalt über dich kommen." Aber auch so reaktionäre Gottesmänner wie der Gründer des katholischen Geheimbundes Opus Dei, Josemaría Escrivá de Balaguer, wurden von ihm geadelt. 1338 weitere Katholiken hat er bisher

selig gesprochen. Das sind schon jetzt mehr, als alle früheren Päpste zusammen in den Heiligen- oder Seligenstand hoben.

Und seit den ersten Amtstagen übertragen TV-Sender jedes Papst-Event bis in den letzten Winkel. Keiner wurde je von so vielen Menschen gesehen wie "Wojtyla Superstar", der "Maradona des Glaubens". Ob er im Dreck Kalkuttas vor dem Haus von Mutter Teresa betete, zwischen Panzerwracks und Bombenkratern in Angola oder umringt von Guerilleros in Osttimor, die Welt war dabei. Medial ist dieser Propagandist seines Herrn ein Genie.

Er mischte sich unter die "Little Flowers" - Kindertänzerinnen aus Taiwan -, streichelte Köpfe, zwickte Nasen, umarmte und winkte. "Monik" ging als Foto um die Welt: ein Straßenkind aus Madagaskar, das kess und geschickt die Papst-Plattform erklommen hatte. Johannes Paul II. tätschelte das zerlumpte Kind aus den Elendsquartieren des bettelarmen Landes, drückte es - sichtlich bewegt - fest an sich. Das ist der Stoff, der die Herzen noch heute rührt.

Aber da ist auch die andere Seite des Wojtyla: das Erzkonservative, die Unnachgiebigkeit gegen die Befreiungstheologie, die Behinderung der Denkfreiheit innerhalb der katholischen Kirche, die Missachtung der Frauen als gleichberechtigte Mitglieder und die Aufwertung des reaktionären Geheimbundes Opus Dei, dessen Priester weltweit Schlüsselpositionen besetzen. Mit seinem kompromisslosen Beharren auf unbedingtem Gehorsam macht es dieser lächelnde, scherzende, polternde, grimmige und oft auch altersstarre Papst den engagierten Katholiken in seiner Kirche nicht gerade leicht.

Kritiker wie der Tübinger Theologe Hans Küng können zwar ihren Respekt vor dem öffentlichen Johannes Paul II. nicht versagen, halten ihm aber gleichzeitig eine desaströse innerkirchliche Bilanz vor (siehe Seite 107). Er habe so zwar in der Dritten Welt Millionen unkritische Gläubige hinzugewonnen, in der Ersten Welt aber Millionen verloren.

Doch der Unmut im inneren Zirkel der katholischen Kirche berührt die vielen Papstverehrer in aller Welt nicht im Geringsten. Sie haben null Bock auf die Institution, oft nicht einmal auf deren Glauben selbst. Sie bewundern den alten Mann im Vatikan, völlig losgelöst von jeglicher Rationalität. Vor allem imponiert ihnen seine eindeutige Haltung zum Krieg und zum Nahostkonflikt.

Nicht einmal, als der islamistische Terror gegen die USA wütete, segnete Johannes Paul II., wie von Präsident George W. Bush gewünscht, dessen Feldzug gegen Saddam. Der Papst stand da einmal mehr auf der Seite der Jugend, der struppigen Demonstranten im Central Park und der Generation Golfkrieg in Madrid, Paris und Berlin.

Es konnte kaum etwas Beeindruckenderes geben als die Friedensgebete des Heiligen Vaters in seinem Rollstuhl, zur Seite gekippt wie ein gefällter Baum. Dass sie alle in den Vatikan pilgerten, die modernen Kreuzzügler um Bush und Blair und Aznar, und vergeblich um seine Zustimmung buhlten, zeigt, wie wichtig auch in einer säkularisierten Welt das Amt des Papstes immer noch ist - und wie sehr es doch Politik machen kann.

Dieser Papst nutzte das wie kein anderer vor ihm. Und tut es bis zum letzten Atemzug. Als er im Heiligen Jahr 2000 nach Israel reiste, besuchte er demonstrativ auch das palästinensische Flüchtlingslager Deheische bei Betlehem und richtete von dort einen Appell an die Politiker, endlich eine friedliche Lösung für die Region zu finden. Als wenige Monate später die Friedensverhandlungen zwischen Israel und Palästina scheiterten, mahnte er den zögerlichen US-Präsidenten zur raschen Intervention.

Während amerikanische Bomber gen Afghanistan flogen, als wieder deutsche Soldaten in die Welt hinauszogen, rief der katholische Sachwalter des Herrn die Vertreter anderer Gottheiten, besonders freundlich die Mullahs, zum Friedensgebet nach Assisi. Er traute der freiheitsstiftenden Kraft der Religionen allemal mehr zivilisatorische Kompetenz zu als einem Freiheitskampf unter dem Schutz der Nato.

Diese unermüdliche Wanderung zwischen den Welten, manchmal müde, resignierend, aber letztlich doch immer an Freiheit und Freizügigkeit der Welt orientiert, machte aus "Ajatollah

Wojtyla", wie ihn 1980 der SPIEGEL nannte, einen auch von seinen Kritikern akzeptierten Papst.

Die meisten haben begriffen, dass sich vieles an Wojtylas Denken aus seiner Herkunft erklärt. Wojtyla war und ist stets eins: ein polnischer Katholik, tief verwurzelt in konservativen Glaubenstraditionen.

Er wurde im südpolnischen Wadowice am 18. Mai 1920 in einfache Verhältnisse hineingeboren. Der Vater war Offizier, der später aus Gesundheitsgründen vorzeitig pensioniert wurde, seine Mutter Hausfrau. Der Schmerz über den Tod naher Menschen prägte sein Leben: "Mit 20 hatte ich schon all jene verloren, die ich liebte."

Seine Schwester starb bei ihrer Geburt. Karol war acht Jahre alt, da erlag seine 45jährige Mutter einer Herzmuskelentzündung. Mit 15 Jahren streifte Karol zum ersten Mal selbst der Tod, als sein Spielgefährte mit einer gefundenen Pistole zum Spaß auf ihn anlegte. Die Kugel schoss knapp an Wojtylas Gesicht vorbei, zersplitterte ein Fenster.

Sein einziger Bruder, Edmund, der mit 24 schon Arzt war, starb an einer Scharlachinfektion, da war Karol 12 Jahre alt. Mit seinem Vater zog er nach Krakau. Dort erlebte er den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Anders als viele Mitstudenten ging er nicht zum Partisanenkampf in die Wälder, sondern suchte Anhänger für den "Lebendigen Rosenkranz", den geheimen Gebetskreis eines frommen Schneiders.

"Lolek", wie ihn seine Freunde nannten, profilierte sich als Fußballtorwart, als Laienschauspieler, hatte Freunde, Freundinnen. "Er war ganz und gar ein Mann", sagt eine Bekannte - aber alles wurde überlagert von seiner Religiosität. Täglich verbrachte er Stunden auf den Knien, betend - selbst als Zwangsarbeiter der Deutschen im Chemiewerk Solvay.

Als er eines Tages nach zehnstündiger Schinderei in die kleine Krakauer Zweizimmerwohnung zurückkehrte, fand er seinen Vater in der Küche tot auf - Herzinfarkt. Wenige Jahre später wurde Wojtyla von einem deutschen Armeelaster angefahren. Der 23-Jährige blieb verletzt und bewusstlos im Straßengraben liegen.

Eine unbekannte Frau fand ihn damals. Der Pole ist überzeugt, dass es die Muttergottes selbst war, die ihm das Leben rettete. Sein überidealisiertes, auf die Jungfrau Maria fixiertes Frauenbild ist wohl auch zumindest mitverantwortlich für seine rigide Haltung zu Sexualität, Verhütung und Schwangerschaft. Die Jugenderfahrungen prägen seine Werte- und Moralwelt bis heute. Sein Katholizismus ist bei aller Moderne so fest gefügt und so antiquiert wie eine Ritterburg aus dem Mittelalter.

1943, schreibt er 1996 in seinen autobiografischen Texten "Geschenk und Geheimnis", sei ihm klar geworden: "Der Herr will, dass ich Priester werde."

Doch statt ins Karmeliter-Kloster, wie er es erbeten hatte, schickte der Krakauer Bischof, Kardinal Adam Sapieha, den Jungpriester

als Kaplan aufs Land, erst später kam er zum Studieren an die Universität. Wojtyla habilitierte sich 1953, wurde Professor an der katholischen Universität Lublin. Mit 38 Jahren war er der jüngste Weihbischof Polens, fünf Jahre darauf der jüngste Erzbischof, und 1967 wurde er Kardinal. Elf Jahre später, im für die katholische Gerontokratie erstaunlich jungen Alter von 58 Jahren, dann Papst.

Mit Verve wirft er sich in den Kampf gegen alles, was er für antireligiös hält. Er kämpft mit der gleichen Leidenschaft gegen die Ungehorsamen in seiner Kirche wie gegen die Diktatoren des Ostblocks.

Die Reise nach Polen im Juni 1979, wenige Monate nach seiner Wahl, ist ein atemraubendes Wagnis. Vermutlich ist sich Wojtyla seines Spiels mit dem Feuer nicht mal voll bewusst. Mehr als realpolitische Weitsicht liegt ihm die mystische Vision von der "Wahrheit, die befreit". Die Worte des Papstes - über Würde und Rechte der Person, über die geistliche Einheit Europas, über die Liebe zur Nation aus Liebe zu Christus - treffen mit ihrem Pathos auf von kommunistischen Phrasen durstig gewordene Polen. "Wir wollen Gott", skandieren sie.

"Die osteuropäischen Regime sind die Schande unseres Jahrhunderts", predigt er den kommunistischen Staatschefs. Moskaus Nachrichtenagentur Tass wütet: "Ein subversiver Papst". Johannes Paul II. hilft der Oppositionsbewegung Solidarnosc mit Geld, droht den Sowjets, als die Ende 1981 erwägen, in Polen einzumarschieren, mit Ächtung. "Dann wärt ihr wie die Nazis 1939", schreibt er in einem erst viel später veröffentlichten geheimen Brief dem damaligen Kreml-Chef Leonid Breschnew.

Ob Bush oder Breschnew - bei seinen Ausflügen in die Weltpolitik nimmt der Papst wenig Rücksicht auf die Allgemeinbefindlichkeit. Er lobt Michail Gorbatschow in Briefen als "Mann der Vorsehung", trifft sich aber auch mit Chiles Diktator Augusto Pinochet. 1983, bei seinem Besuch im sandinistischen Nicaragua, erwartet ihn die katholisch-marxistische Regierung am Flughafen.

Als der Priester, Poet und Kulturminister Ernesto Cardenal vor ihm auf die Knie sinkt, schimpft der Papst vor laufenden Kameras zornig auf ihn ein. Aus der erhobenen Faust ragt der Zeigefinger heraus und schreibt die Wut des Pontifex in den Himmel.

Als ihn am 13. Mai 1981 um 17.19 Uhr - während der Generalaudienz auf dem Petersplatz - der türkische Attentäter Mehmet Ali Agca mit drei Pistolenschüssen niederstreckt, erfüllt sich der zweite, blutige Teil der Prophetie des Padre Pio. Johannes Paul II. überlebt nur knapp.

Viele Spuren deuten darauf hin, dass Agca, Mitglied der Grauen Wölfe, Auftraggeber aus dem Osten gehabt hat, die im Papst aus Polen eine gefährliche Bedrohung sehen. Der genaue Hintergrund bleibt aber bis heute im Dunkeln. Agca belastet den KGB, dann aber den bulgarischen Geheimdienst. Er verwickelt sich in

Widersprüche, legt falsche Spuren, verwischt seine Verbindungen. Dann wiederum bezeichnet er sich als Einzeltäter.

Wieder ist Wojtyla überzeugt, die Jungfrau Maria habe ihm das Leben gerettet, die Geschosse aus ihrer ansonsten tödlichen Bahn gelenkt. Das Projektil, das ihm aus dem Bauch geschnitten wird, widmet er ihr. Er lässt es ins portugiesische Marienheiligtum der "Jungfrau von Fátima" bringen und der Muttergottes in die diamantbesetzte Krone stecken. Ihr opfert er auch die weiße, blutdurchtränkte Schärpe seiner Soutane, die er beim Attentat trug.

Der Angriff macht ihn noch populärer. Wo er auftaucht, schreien sich Zehn-, Hunderttausende vor Begeisterung heiser. 70 000 füllen das Londoner Wembley-Stadion, in Beirut drängen sich 300 000 Verzückte, 350 000 sind es unter dem Eiffelturm in Paris, 500 000 auf dem Platz des 19. Juli in Nicaraguas Hauptstadt Managua. Etwa 250 Millionen Menschen, so die Schätzungen, erleben den Prediger live.

Nachdem die Mauern des Ostblocks gefallen sind, erweitert Johannes Paul II. die Koordinaten seines Kreuzzugs: "Die Zukunft der Menschheit ist weder Moskau noch New York." Er reist in die Elendsquartiere Lateinamerikas und beklagt Ungerechtigkeit und Ungleichheit. Im Senegal bittet er alle Afrikaner um Verzeihung, weil deren Vorfahren einst auch im Namen des Christentums versklavt worden seien.

Sein Meisterstück macht der Pole im von ihm ausgerufenen Heiligen Jahr 2000. Johannes Paul II. spricht - als erster Papst - ein öffentliches Mea culpa für seine Kirche und bittet vor aller Welt um Vergebung für die Verbrechen, die Katholiken im Namen des Christengottes im Lauf von 2000 Jahren begangen haben. Und er pilgert nach Jerusalem und legt in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem ein Geständnis ab wie kein Pontifex vor ihm: "Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus versichere ich dem jüdischen Volk, dass die katholische Kirche tiefste Trauer empfindet über den Hass, die Verfolgungen und alle antisemitischen Akte, die jemals irgendwo gegen Juden von Christen verübt wurden."

Als wolle er so viel Offenheit konterkarieren, hält der Kirchenchef zugleich die eigenen Leute fest im Griff. Ob Geburtenkontrolle oder Homosexualität, Johannes Paul II. lässt in diesen Grundsatzfragen nur seine eigenen, antiquierten Maßstäbe gelten. Da wirkt es wie eine Ironie des Schicksals, dass er ausgerechnet in diesem Bereich gegen Ende seines Jahrtausend-Pontifikats die bitterste Niederlage hinnehmen muss - und nicht wahrhaben will.

Gerade erst hatte der oberste vatikanische Glaubenshüter, der deutsche Kardinal Ratzinger, mit ausdrücklichem Segen des Papstes die Homosexualität als "böse" verdammt und damit die Schwulen aus der Christengemeinschaft ausgegrenzt, da erwies sich die Reinheit der katholischen

Lehre als Fata Morgana, da sie nicht einmal die moralische Sauberkeit seiner Kader sicherstellen kann. Ausgerechnet zu strikter sexueller Enthaltsamkeit verpflichtete Kleriker entpuppten sich scharenweise als üble Kinderschänder. Den Höhepunkt markierte im vergangenen Sommer der Fall des St. Pöltner Bischofs Kurt Krenn, dessen Priesterseminar als ein Hort für Pädophile und Schwule enttarnt wurde.

Dennoch geißelt Johannes Paul II. in seinem Ende Februar erschienenen Buch "Erinnerung und Identität" mit harschen Worten den Versuch europäischer Parlamente, "homosexuelle Verbindungen anzuerkennen als eine alternative Form der Familie". Es sei zulässig und "sogar geboten", fügt das Katholiken-Oberhaupt apodiktisch an, "sich zu fragen, ob nicht hier wieder eine neue Ideologie des Bösen am Werk ist". Homosexuelle Paare als Inkarnation des Teufels - was ist an solch unbarmherziger Theologie noch christlich?

Doch die theologischen Querelen und die innerkirchliche Realität werden längst überlagert von den Bildern des leidenden Stellvertreters Christi. Das Pontifikat gerät zunehmend zur Chronik eines angekündigten Todes.

Der päpstliche Kreuzweg hat allerdings, wie Wojtyla in seinem autobiografischen Gesprächsband "Erinnerung und Identität" indirekt zu verstehen gibt, schon vor mehr als 23 Jahren begonnen - mit den Schüssen auf ihn.

Zum ersten Mal beschreibt der Papst ausführlich die Minuten und Stunden des Attentats, beschreibt das Gefühl in der Nähe des Todes. Er hat später Ali Agca in dessen Zelle im Gefängnis Rebibbia besucht. Das Foto dieses Seelsorgegesprächs, dieses schlichte Beieinandersitzen von Täter und Opfer - oder: Wie das Prinzip Liebe siegt über das Prinzip Hass - ist eines der aufwühlenden Bilder des vergangenen Jahrhunderts. Nach 19 Jahren und einem Monat Haft wird der Muslim im Heiligen Jahr 2000 vom italienischen Staatspräsidenten Carlo Azeglio Ciampi begnadigt - auf Fürsprache seines Opfers.

Zunächst scheint der robuste Pole, passionierter Skifahrer, Bergwanderer und Schwimmer, das Attentat ohne größere Folgen zu überstehen. Doch gut zehn Jahre später beginnt, auch als Spätfolge der schweren Verletzung, die Zeit der Krankheiten. 1992 wird Wojtyla ein nicht bösartiger Tumor am Darm entfernt. Im Jahr darauf muss er an der Schulter operiert werden, nachdem er auf der Treppe zur "Halle der Segnungen" gestürzt ist. 1994 stolpert er im Badezimmer, bricht sich den Oberschenkelhals. 1996 wird er erneut am Darm operiert, eine Arthrose im Knie macht das Gehen zur Anstrengung.

Sein geschwächter Körper wird zunehmend weniger mit den Belastungen fertig, auch zeigen sich die ersten Symptome der unheilbaren Parkinson-Krankheit. Immer tiefer beugt sich sein Körper, immer schwerer wird, so scheint es, sein Kopf. Erst kann die Hand kaum ein Blatt mehr halten, der Mund nur noch schwerverständliche Sätze formulieren. Schließlich entsteht sogar der Eindruck, dass seine Vertrauten sich nicht

scheuen, auf Tonbandaufzeichnungen zurückzugreifen.

Alle Rücktrittsspekulationen kontert er damit, er werde sein Kreuz bis zum Ende tragen. Bis zuletzt ist er auf der öffentlichen Bühne von instinkthafter Sicherheit. Und er weiß: Das Bild des ohnmächtigen Mannes, der auf rollenden Podesten oder im zum Rollstuhl umgebauten Thronsessel herumgefahren werden muss, ist mächtig.

Es ist sein stärkster Angriff auf die Kultur des unbekümmerten Materialismus, auf eine Gesellschaft, die seine Reden über Hunger, Gerechtigkeit - kurz: "die Wahrheit" - seit Jahrzehnten ignoriert. Wer nicht hören will, muss sehen.

Vor allem junge Menschen wollen ihn dann wieder hören.

"Was findet ihr an ihm?", fragen ratlose Reporter junge Papst-Fans. Und die Teenys, die gar nicht aussehen wie Messdiener, finden ihn "ehrlich" und "klar", bestaunen seine Sicherheit, "er weiß einfach, was richtig und was falsch ist", und preisen seine Konsequenz: "Der sagt nicht heute dies und morgen jenes." Er ist eben so ganz anders als ihre liberalen Eltern.

Getrieben von der Angst vor einer glaubenslosen, gottlosen Zukunft der Menschheit, will Johannes Paul II. diese Aufmerksamkeit bis in den Tod nutzen, um "Gott zurück in die Welt zu bringen". Doch weil sich seine Schäfchen nicht zur Herde auf der geraden, katholischen Straße zum Himmel fügen, erschreckt er sie mit apokalyptischen Bildern. "Gott offenbart sich nicht mehr", klagt der Glaubensführer, "es scheint, als habe er sich in seinem Himmel eingeschlossen."

Doch gilt das nicht inzwischen auch für den vatikanischen Patienten? Was von dem, das noch aus den Mauern des Petersdoms nach draußen dringt, ist wirklich von Johannes Paul II. - und was von einer Entourage, die immer deutlicher auch eigene Interessen verfolgt? Nützen die Nahaufnahmen, die das Vatikanfernsehen seit Wochen beinahe gnadenlos in die Welt sendet und dafür seine Objektive dem Heiligen Vater fast in den Nacken rammt wie zuletzt bei den Live-Bildern direkt vom Rücksitz des Mercedes-Busses, der ihn aus dem Gemelli-Krankenhaus zurück in den Vatikan brachte, noch wirklich seiner Kirche? Oder demontiert sich der Marathonmann Gottes, der Jahrtausend-Papst am Ende gar selbst?

Der Mann, der so lange davon gelebt hat, dass er die Menschen direkt erreichte, wird immer mehr zu einem virtuellen Papst. Er wird zugeschaltet - manchmal, so scheint es, schon aus dem Jenseits.

In seiner Umgebung wird die "Dem Papst geht es gut"-Version so perfekt inszeniert, dass selbst Mitglieder der Kurie sich zunächst täuschen lassen. Ein Kardinal und ein Bischof aus Tansania eilten ins Gemelli-Krankenhaus und durften sogar an einem kurzen Gottesdienst in einem mit Hilfe einer Kopie der Schwarzen Madonna von Tschenstochau zur Kapelle umgestalteten Krankenzimmer teilnehmen. Im Bulletin wurde der Papst als "Hauptzelebrant" der Messe bezeichnet, doch die beiden Afrikaner zeigten sich hinterher im vertraulichen Gespräch regelrecht geschockt.

Die auf Erhalt der bestehenden Machtverhältnisse getrimmte Propagandamaschine des Vatikans hat erkennbar das Ziel, den Papst als voll arbeitsfähig darzustellen. Mitunter verraten aber ihre Fotos und TV-Bilder mehr, als sie sollen. Sie zeigen sogar die handschriftlichen Einfügungen auf den Zetteln, die dem Papst bei seinen wenigen Sätzen hingehalten werden - aber wer hat sie verfasst? Der Papst, dessen zittrige Hand nicht einmal mehr das Blatt halten kann?

Die päpstlichen Gemächer im altehrwürdigen Palast aus dem 16. Jahrhundert sind längst dem Zustand des siechen Kirchenoberhauptes angepasst. Die Renaissance-Etage beherbergt in den für Besucher unzugänglichen Wohnräumen eine Mischung aus Reha-Klinik und Intensivstation.

Eine medizinische Hightech-Ausstattung wurde installiert, Beatmungsgeräte, Sauerstoffanlage, Luftbefeuchter, Überwachungsmonitore. Die Mediziner des Gemelli-Krankenhauses, angeführt vom Spezialisten Rodolfo Proietti, versorgen Papst Johannes Paul II. nun direkt im Vatikan.

Im Schichtdienst, rund um die Uhr, ist mindestens je ein Arzt anwesend. Die polnische Ordensfrau Tobiana - eine gelernte Krankenschwester - und der päpstliche Leibarzt Renato Buzzonetti, selbst schon 81, koordinieren die medizinische Betreuung. Sie ist so intensiv, dass an Arbeit kaum zu denken ist. Schon vor seinen letzten beiden Krankenhausaufenthalten überstieg das tatsächliche Arbeitspensum im Schnitt selten eine halbe Stunde am Tag. Das hat sich jetzt noch weiter reduziert.

Schon das An- und Ausziehen, bei dem ihm sein Hausdiener Angelo Gugel hilft, dauert morgens und abends immer länger.

Dann kommen täglich Physiotherapeut und Logopädin. Die Arthrose in seinen Knien erfordert intensive Bewegungsübungen, um eine Versteifung zu verhindern. Die nach dem Luftröhrenschnitt in den päpstlichen Hals eingesetzte Kanüle mit automatischem Sprechventil erfordert mehrmals am Tag intensive Pflege, gelegentlich muss sie ein- und ausgeführt werden - eine gefährliche Infektionsquelle.

Das verbleibende schmale Zeitfenster verleiht seinem polnischen Sekretär Stanislaw Dziwisz, den er seit über vier Jahrzehnten um sich hat, eine Bedeutung, wie sie noch nie einer neben dem Papst hatte. Der vor eineinhalb Jahren zum Erzbischof beförderte Dziwisz bestimmt, wer zu ihm darf und wer nicht, er legt Schriftstücke vor oder nicht. Nur er kann dem Papst in seiner Muttersprache von den Lippen ablesen, kaum jemand im Vatikan kann Polnisch sprechen oder verstehen. Schreibt man dem Papst, antwortet der Sekretär.

Im Vatikan nennt man den engen Führungskreis um den Papst schlicht nach der Etage, in der die Dazugehörigen das Sagen haben: das "Appartamento". Die Grenzen zwischen dem Willen des Chefs und dem seines Assistenten sind schon lange nicht mehr klar zu erkennen. Dziwisz, der vor geraumer Zeit einen weiteren Polnisch sprechenden Priester, Mieczyslaw Mokrzycki, zur Verstärkung bekommen hat, glaubt stets im Sinne des Kirchenoberhaupts zu handeln.

Mit der Macht des Küchenkabinetts ist es vorbei, sobald deutlich wird, dass dieser Papst sein Amt nicht mehr ausüben kann. Also helfen die Vertrauten dem Eindruck von Normalität durch die Inszenierung der Auftritte nach. Auch wenn sie damit neben dem Mitleid auch zunehmend Kopfschütteln und Unverständnis hervorrufen wie etwa bei der Heimkehr des schwerkranken Papstes nach seiner ersten Behandlung im Gemelli-Krankenhaus. Die Fahrt im Papamobil wirkte wie ein verkitschtes Remake der Auferstehung Christi im TV-Zeitalter.

Nur jenes halbe Dutzend Kardinäle, an die der Papst im Lauf der Jahre immer mehr Aufgaben delegiert hat und die die Kirche pragmatisch führen sollen, könnten diesen Inszenierungen widersprechen. Doch sie gelten als potentielle Nachfolger und sind, von Wojtyla selbst eingesetzt, kaum frei in ihren Entscheidungen.

Zudem haben sie alle ihren festen Platz im derzeit fragilen Machtgefüge des Vatikans. Der "Innenminister" in der Kurie, der argentinische Erzbischof Leonardo Sandri, durfte, was bis vor wenigen Wochen noch unvorstellbar war, den Heiligen Vater bereits bei den Angelus-Gebeten vertreten. Er sieht den Papst nahezu täglich, meist am späten Vormittag.

Sandri profiliert sich immer mehr als potentieller Nachfolger des Kardinalstaatssekretärs Angelo Sodano, eine Art Regierungschef des Vatikans, der seit langer Zeit als Machtpragmatiker und als Berlusconi- und Bush-freundlich gilt. Wenn es der politischen Balance diente, veröffentlichte Sodano auch schon mal eigene Erklärungen des Staatssekretariats, die nicht vom Papst abgesegnet waren. Sodano versteht sich allerdings mit dem einflussreichen Polen Dziwisz nicht besonders gut.

Die italienischen Kardinäle Camillo Ruini und Giovanni Battista Re gehören ebenfalls seit Jahren zum engen Führungszirkel. Der Kurienkardinal im Vatikan und der Chef der Bischofskongregation haben beide besondere Aufgaben bei den Osterfeierlichkeiten übernommen. Von Woche zu Woche wächst zudem die Bedeutung des Deutschen Ratzinger. Er zelebriert den wichtigsten Gottesdienst des Jahres im Petersdom, die Osternacht-Messe - eigentlich die ureigene Aufgabe eines Papstes.

Der Chef der Glaubenskongregation war der erste Kardinal, der den Papst im Gemelli-Krankenhaus wirklich gesprochen hatte. Die meisten anderen waren zunächst von Dziwisz und den Ärzten nur bis in den Vorraum vorgelassen worden, wo sie sich in ein Gästebuch eintrugen, um dann den Journalisten zu erzählen, dem Papst gehe es gut.

In Ratzingers Ressort fallen etliche der momentan drängendsten Fragen, die eigentlich vom Papst entschieden werden müssten. Etwa die, ob angesichts des eklatanten Priestermangels auch Frauen zu Diakoninnen geweiht werden sollen. Oder ob die Gentherapie mit dem biblischen Schöpfungsglauben vereinbar ist. Noch wird die Beantwortung solcher Fragen aufgeschoben, solange es irgendwie geht. Doch der Entscheidungsstau ist nicht mehr lange durchzuhalten.

Eine der wenigen Entscheidungen, die Johannes Paul II. in den vergangenen Wochen selbst traf, heizte die Spekulationen noch weiter an. Er ernannte den Patriarchen von Venedig, Angelo Scola, 63, zum "Generalrelator", dem als Vorsitzenden der Weltbischofssynode, die im Oktober in Rom stattfinden wird, damit eine Schlüsselrolle zukommt.

Die internen kirchlichen Machtspiele werden die Papst-Verehrer auf dem Petersplatz und vor den TV-Geräten wenig interessieren. Sie hoffen darauf, dass der todkranke Pontifex ihnen, womöglich ein letztes Mal, den traditionellen Segen Urbi et orbi spendet.

Und vielleicht werden sie noch über das Geschenk diskutieren, das die italienische Nation mit ihrem Präsidenten Ciampi dem Papst zu dessen 85. Geburtstag am 18. Mai machen will.

Dann soll ein 2424 Meter hoher Berggipfel des Apennin in "Cima Giovanni Paolo II." umbenannt werden. Ein Gipfel, den der einst so begeisterte Skifahrer und Bergsteiger Wojtyla, der seinen bisherigen Weg so beeindruckend schwindelfrei zurücklegte, wohl nicht mehr sehen wird.

MATTHIAS MATUSSEK, HEINER SCHIMMÖLLER, HANS-JÜRGEN SCHLAMP, ULRICH SCHWARZ, ALEXANDER SMOLTCZYK, PETER WENSIERSKI


DER SPIEGEL 13/2005
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