26.03.2005

FILMGESCHÄFTFeuer frei aufs Patriotenherz

Weil im Irak schon mehr als 1500 US-Soldaten starben, sind viele Amerikaner kriegsmüde - das soll Hollywood ändern helfen: Neue Kinofilme wie Steven Spielbergs „Krieg der Welten“ beschwören den Heldenkampf fürs Vaterland. Gegen den Einfluss des Pentagon regt sich Kritik.
Diesmal sind es die Außerirdischen. Wie Terroristen sind sie aus dem All gekommen, um Städte auszulöschen und Millionen Menschen zu töten. Heldenhaft stellen sich ihnen die US-Streitkräfte entgegen: Auf einem Hügel, etwa eine Autostunde von Los Angeles entfernt, haben ein paar Dutzend Marines in Panzern und "Humvees" Stellung bezogen. Die meisten von ihnen sind gerade heil aus dem Irak zurückgekehrt - und jetzt steht ihnen ausgerechnet daheim die Schlacht aller Schlachten bevor.
Mit rauer Stimme brüllt Steven Spielbergs Aufnahmeleiter "Action", und schon feuern die Marine-Infanteristen aus allen Rohren. Ein furchterregendes Gefecht hat begonnen, und es ist gut möglich, dass die kampferprobten Amerikaner gegen die später computergenerierten Aliens ihr Waterloo erleben, aber das ist nicht so wichtig. Was zählt, ist, dass die Soldaten im Spielfilm "Krieg der Welten" (Kinostart: 29. Juni) sogar gegen Außerirdische eine gute Figur machen. Amerikas Krieger sind tapfer, professionell und jederzeit zu allen Opfern bereit, um Volk und Vaterland zu schützen - das ist die Botschaft, die Major Todd Breasseale gern unter die Leute bringt.
Major Breasseale, 37, steht wenige Meter von Spielberg entfernt. Spielberg prüft, ob die Szene gut aussieht. Breasseale prüft, ob die Soldaten gut aussehen und ob die Art, wie Spielberg sie zeigen will, dem Pentagon gefallen wird. Falls nicht, sagt er Spielberg, was zu tun sei, und Spielberg, der wohl mächtigste Mann der Filmindustrie, hat seine Einwände zu akzeptieren, denn dazu hat er sich per Vertrag verpflichtet.
Breasseale dient als Verbindungsoffizier der US-Army an Amerikas wichtigster Heimatfront: Hollywood. Wenn Breasseale will, dann öffnen sich für Regisseure Türen und Tore, dann bekommen sie für eine Hand voll Dollar Soldaten und fotogenes Kriegsgerät wie Black-Hawk-Hubschrauber, Kanonen, auf Wunsch vielleicht sogar einen Flugzeugträger. Wenn Breasseale nicht will, dann muss sich der Regisseur mit weniger Wumm begnügen und sich womöglich Panzer aus Pappe bauen.
Regisseure, Produzenten und Drehbuchautoren sind gut beraten, Breasseale bei Laune zu halten, denn Hollywood braucht Panzer nötiger denn je. Zu Korea- und Vietnam-Zeiten hat Hollywood noch Jahre verstreichen lassen, ehe sich die Studios an aktuelle Kriege wagten. Das ist jetzt
anders. Den Kinos steht eine Invasion der Kriegsfilme ins Haus, darunter
* "Jarhead": Regisseur Sam Mendes ("American Beauty") dreht derzeit ein Golfkriegs-Drama mit Jake Gyllenhaal und Oscar-Preisträger Jamie Foxx ("Ray") als irrlichternde Marines im Wüstensand (Deutschland-Start: Januar 2006).
* "Die Schlacht um Falludscha": Harrison Ford ("Indiana Jones") spielt darin einen US-General im Irak, der Dutzende Männer verliert als Folge verquerer Befehle aus dem Weißen Haus.
* "The Bomb in My Garden": Johnny Depp hat sich die Rechte gesichert an einem Film über Mahdi Obeidi, einen von Saddam Husseins Atomwaffenforschern, der wichtige Bauteile in seinem Garten verbuddelt hat.
* "Death and Dishonor": Clint Eastwood ist vorgesehen für die Rolle eines Ex-Militärpolizisten, der herausfindet, dass sein vom Kampfeinsatz im Irak heimgekehrter Sohn von dessen Kriegskameraden ermordet wurde.
* "Flags of Our Fathers": Eastwood arbeitet vorher als Regisseur an einem Weltkriegsspektakel zur Schlacht um Iwo Jima, wo innerhalb eines guten Monats rund 7000 Amerikaner und 22 000 Japaner gefallen sind.
Viel Arbeit für das Hollywood-Büro des Pentagon. "Die Summe der eingeschickten Drehbücher", sagt Breasseale, "hat sich im letzten Jahr verdreifacht." Er liest sie und prüft. Etwa die Hälfte der Bücher schickt er rasch zurück, weil sie "einfach irre" seien.
So erging es zum Beispiel dem Regisseur von "Jarhead", obwohl der Film auf dem Erfahrungsbericht eines Marine-Infanteristen basiert, der am "Desert Storm" teilgenommen hat. Seine packenden Schilderungen von Langeweile, Todesangst, Sex und Schikanen müssen ohne Unterstützung der Militärs verfilmt werden.
Längst regt sich Kritik am Einfluss des Pentagon in Hollywood. In seinem Buch "Operation Hollywood" wirft der Journalist David Robb den Militärs vor, mit ihrer Lobby- und Requisitenarbeit gegen die Verfassung zu verstoßen. Die Meinungsfreiheit sei nicht mehr gewährleistet, wenn das US-Verteidigungsministerium nur Filme unterstütze, die ihm politisch genehm seien. Robb rief sogar den Kongress auf, der Zensur ein Ende zu machen - angesichts der derzeitigen Mehrheitsverhältnisse im von den Republikanern dominierten Haus dürfte ihm allerdings wenig Erfolg beschieden sein.
Das konservative Establishment der USA bezweifelt seit jeher, dass in den Hollywood-Studios genug an die Interessen des Vaterlands gedacht wird. Die politisch traditionell eher liberale Traumfabrik gilt dem rechten Amerika als Hochburg der potentiellen Verräter. So erzählten zwei von Hollywoods kommerziell erfolgreichsten Kriegsfilmen der vergangenen Jahre, "Black Hawk Down" (2001) und "We Were Soldiers" (2002), von schmutzigen Kämpfen und sinnlosen Blutbädern.
Auch die neuen Filme über den Irak-Krieg, die zurzeit in Planung sind, wollen nicht ausschließlich Patriotenherzen erwärmen, sondern auch von der Unentschlossenheit der militärischen Führung (wie "Die Schlacht um Falludscha")
oder gar vom Krieg in den eigenen Reihen (wie "Death and Dishonor") erzählen.
So sagt der "Death and Dishonor"-Autor Paul Haggis, der für sein Drehbuch zum Boxer-Drama "Million Dollar Baby" für den Oscar nominiert war, er wolle beschreiben, wie die Erfahrung des Kampfs die Soldaten brutalisiere und zum Sicherheitsrisiko für die Zivilgesellschaft werden lasse. "Ich habe gedacht, bei diesem Stoff würde jedes Studio das Weite suchen." Nun hat Warner den Stoff optioniert.
Zu den Leinwand-Epen, in denen die GIs noch zweifelsfrei für eine gute Sache kämpfen und notfalls auch sterben, gehören fast alle Filme über den Zweiten Weltkrieg: So erzählt Eastwoods Iwo-Jima-Epos von den sechs amerikanischen Helden, die 1945 auf der umkämpften Pazifikinsel die Flagge hissten. Das berühmte Foto ihrer Aktion gilt vielen US-Bürgern bis heute als kostbare Ikone.
Im Science-Fiction-Spektakel "Stealth" (Deutschland-Start: 11. August) bringen US-Piloten mit heldenhaftem Einsatz einen computergesteuerten, futuristischen Kampfjet unter Kontrolle - als gelte es, jenen Traum von der waffentechnischen Überlegenheit wiederzubeleben, der sich im blutigen Bodenkampf des Irak-Kriegs schon lange als Chimäre erwiesen hat.
Auch andere Zweige der US-Unterhaltungsindustrie sind im Kriegsfieber. Der Fernsehsender NBC schilderte in "Saving Jessica Lynch" das Los jener amerikanischen Soldatin, die im März 2003 in irakische Gefangenschaft geriet, schon wenige Monate nach ihrer Befreiung; der konkurrierende Kanal FX wird in diesem Sommer die Serie "Over There" ausstrahlen, die in einer Armee-Einheit im Irak spielt; und selbst die höchst erfolgreiche Soap-Opera "Days of Our Lives" erzählt von einem Marine im Fronteinsatz.
Nebenbei werden Computerspiele, in denen GIs global für eine bessere Welt kämpfen, in den USA immer populärer: Der Held des Spiels "Full Spectrum Warrior" führt eine US-Spezialeinheit an, die im Nahen Osten aufräumt. Im Spiel "Mercenaries" sorgt ein US-Soldat in geheimer Mission in Nordkorea für Recht und Ordnung.
Patriotische Filme in diesem Stil wünschen sich die US-Militärs auch von Hollywood. Die Kinobilder sollen den Schaden reparieren, den die Nachrichtenfernsehbilder aus dem Irak angerichtet haben. Erstmals seit Jahren können die Streitkräfte ihr Rekrutierungssoll nicht mehr erreichen. Bei Army, Navy, Air Force und den Marines fehlt frisches Blut.
Um das zu ändern, könnte "Krieg der Welten" ein hilfreicher Film sein: Das 130 Millionen Dollar teure Spektakel, inspiriert von H. G. Wells' Romanklassiker von 1898, startet Ende Juni weltweit mit rekordverdächtigen 15 000 Kopien. Tom Cruise spielt die Hauptrolle und stellt sicher, dass sich vor der Leinwand die richtige Zielgruppe versammelt: überwiegend jung, überwiegend männlich.
Cruise hat schon 1986 für die Navy ein Rekrutierungswunder bewirkt, als er mit dem Fliegerfilm "Top Gun" zum Superstar aufstieg. Und Steven Spielberg hat mit dem D-Day-Drama "Der Soldat James Ryan" (1998) einen Kriegsfilm abgeliefert, den viele Kritiker für einen der besten der Filmgeschichte halten. Zusammen sind die beiden eine Wunderwaffe.
Fast 400 Soldaten hat das Pentagon an insgesamt vier Drehorten für "Krieg der Welten" abgestellt. Sie kosten die Produzenten nur ein paar Dollar Essensgeld. Für jeden "Humvee" verlangt das Militär 67 Dollar pro Tag. Der "Hummer", die von Arnold Schwarzenegger geliebte zivile Version des Kampfvehikels, kostet bei jeder Autovermietung ein Vielfaches. Eine "Paladin"-Haubitze ist für 624 Dollar zu haben, einen hochmodernen Abrams-Panzer gibt das Pentagon schon für täglich 1400 Dollar her. Das sind Kampfpreise. Billiger ist ein Filmkrieg nicht zu haben.
Dabei hatten sich die Militärs vom Außerirdischen-Kino bisher eher fern gehalten. Für "Mars Attacks!" (1996) hatten sie jede Waffenhilfe verweigert - dort konnten die tollsten Geschosse nichts gegen die Marsmännchen ausrichten. Noch schwerer wog, dass am Ende eine Oma zusammen mit ihrem Enkel und nicht ein Soldat die Erde rettete. Auch Roland Emmerichs "Independence Day" (1996) hat den Pentagon-Zensoren missfallen. Da spielt ein versoffener Agrarflieger die Heldenrolle, die nach ihrem Geschmack einem Uniformierten gebührt hätte.
Dem "Krieg der Welten" zeigten sich die Militärs jedoch von Beginn an gewogen. In einer Szene trifft ein Flüchtlingstreck auf Soldaten, die mitten im Gefecht stehen. Die Flüchtlinge stürmen auf den Hügel, um ihren tapferen Kriegern beizustehen. Doch dann sehen sie, wie furchtbar es bei der Schlacht zur Sache geht; sie begreifen, dass dies ein Geschäft für Profis ist, und rennen wieder weg. Das findet Todd Breasseale absolut vorbildlich, denn da verstehe das Publikum, "was das Militär für Amerika leistet".
Und an den Leistungen des Militärs hat Breasseale keinen Zweifel. "Die Army hat in ihrer Geschichte viele Dinge getan, auf die wir nicht sonderlich stolz sind. Aber sie war immer in der Lage, sich selbst zu rehabilitieren." So kann sich Breasseale sogar einen Film über das Foltergefängnis von Abu Ghureib gut vorstellen und würde ihn auch mit allem notwendigen Gerät ausstatten - "solange die Geschehnisse von Abu Ghureib authentisch dargestellt werden".
Was authentisch ist in Hollywoods Kriegskino, das möchten die Militärs aber möglichst allein bestimmen.
LARS-OLAV BEIER, MARCO EVERS
Von Beier, Lars-Olav, Evers, Marco

DER SPIEGEL 13/2005
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