15.10.1979

WETTBEWERBÖrtlich begrenzt

Die Bundespost verstößt gegen ihre eigenen Vorschriften, um einen Geschäftspartner -- einen Adreßbuchverlag[DK3-586] -- zu unterstützen.
Als der Werbeberater Wolfgang P. Rudolph 1977 aus dem Hamburger Vorort Volksdorf in den Stadtteil Berne umzog, entdeckte er eine Informationslücke: Die Rufnummern von Behörden, Handwerkern und Schulen mußte er mühsam im dicken zweibändigen Telephonbuch der Hansestadt suchen.
So ging Rudolph daran, das Naheliegende zu verwirklichen: Er wollte sein eigenes Telephonbuch herausgeben -- ein Stadtteilverzeichnis mit den Rufnummern aller öffentlichen Einrichtungen. Inserate von Händlern und Handwerkern im Verbreitungsgebiet sollten die Kosten decken und Gewinn bringen.
Der Jungverleger garantierte seinen Anzeigenkunden, daß die nützlichen Broschüren per Post als "Wurfsendung an alle Haushalte" verteilt würden. So kamen rasch die nötigen Inserate zusammen, um das erste Heft herauszubringen. Inzwischen hat Rudolph sieben Stadtteile mit insgesamt gut 190 000 Exemplaren seines "Wer, Wo, Was. Waren und Leistungen von A bis Z" beliefen.
Da es allein in Hamburg mehr als 30 Postbezirke gibt, witterte der findige Werbeberater ein gutes Geschäft für die nächsten Jahre. In Frankfurt und München sah er sich bereits nach Partnern um, mit denen er seine Idee auch dort verkaufen wollte.
Doch jäh wurde die Erfolgsserie gestoppt. Denn mit guten Beziehungen zur Bundespost hat sich ein Konkurrent breitgemacht, gegen den Rudolph nicht ankommt.
Die Achtungserfolge des "Wer, Wo, Was"-Verlegers hatten nämlich auch den Hamburger Adreßbuchverlag Dumrath & Fassnacht hellhörig gemacht, der unter anderem das offizielle Branchen-Fernsprechbuch der Hansestadt herausgibt. Der Adreßbuchverlag tat sich mit der Deutschen Postreklame GmbH, einer Tochter der Bundespost, zusammen und stieg im Sommer 1978 in das von Rudolph entdeckte Stadtteilgeschäft ein. Das "Pilotprojekt" sieht in Hamburg zunächst 18 Ausgaben lokaler Telephonverzeichnisse vor.
Als Anfang dieses Jahres das erste von Dumrath & Fassnacht verlegte Branchen-Fernsprechbuch ("Ihr Einkaufsmarkt von A bis Z") ebenfalls als Postwurfsendung "kostenlos an alle Haushalte" verteilt wurde, war Rudolph bös überrascht: Die Konkurrenz war dicker und attraktiver als seine schmalbrüstigen Telephonheftchen.
Aus gutem Grund. Denn anders als Rudolph, der seine Hefte nach den pingeligen Vorschriften der Postordnung konzipieren und für die Verteilung per Briefträger rund 40 000 Mark Porto bezahlen mußte, kann der Adreßbuchverlag dank guter Beziehungen zur Post großzügiger operieren: Die Post stört es nicht, daß die Hefte rund 50 Gramm schwerer und zudem größer sind, als Wurfsendungen sein dürfen. Und die Telephonbroschüren werden ohne Porto befördert.
Nachdem Rudolph mehrfach erfolglos die Verstöße gegen die Postordnung moniert hatte, verklagte der verärgerte Verleger aus Berne die Deutsche Bundespost vor dem Hamburger Verwaltungsgericht. Aber damit scheiterte Rudolph bislang.
Zwar verstoße die Post, so argumentierten die Richter in ihrem vorläufigen Beschluß spitzfindig, "mit der Zulassung der Ortsteil-Branchen-Fernsprechbücher zur postalischen Verteilung gegen die Vorschriften über das Höchstgewicht, die Höchstlänge? die Bezeichnung und die Gebühren für Postwurfsendungen". Dennoch sei das "örtlich nicht begrenzte Unterlassungsbegehren des Antragstellers abzuweisen".
Nur in den Stadtteilen, in denen Rudolph-Verzeichnisse bereits erschienen sind, wollte das Gericht die im Grundgesetz garantierte Wettbewerbsfreiheit geschützt wissen. In den übrigen Bezirken komme -- so die Richter -- eine einstweilige Anordnung zu spät, da die Konkurrenzfähigkeit bereits beeinträchtigt oder die "Entscheidung nicht eilbedürftig" sei.
Der hartnäckige Rudolph will nun weiter beim Verwaltungsgericht klagen. Die Post, so meint er, habe sich schließlich in allen Stadtteilen gleichermaßen an ihre Vorschriften zu halten.

DER SPIEGEL 42/1979
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