15.10.1979

GESAMTSCHULENWie isset?

Eine unter Verschluß[DK3-750] gehaltene Untersuchung in Nordrhein-Westfalen verschärft den politischen Streit um die Gesamtschulen: Sind sie nun besser oder schlechter als die anderen Schulen?
Seit drei Monaten streiten Landespolitiker aller Parteien in Nordrhein-Westfalen um ein Papier, das noch keiner von ihnen gelesen hat. Christdemokraten spekulieren, der Text werde die Jugend in "ein unabsehbares Abenteuer" stürzen. Die Liberalen verschoben eigens ihren Landesparteitag in die Adventszeit, um sich ja keine falsche Meinung zu bilden. Und Sozialdemokraten, die auch nichts Genaues wußten, bedrängten ihren Kultusminister Girgensohn: "Jürgen, wie isset?"
Das Interesse gilt der bisher umfangreichsten Untersuchung der Gesamtschule an Rhein und Ruhr -- jenes Schultyps, von dem sich die Bildungsreformer die Beseitigung allen Schulübels, deren Widersacher allenfalls "sozialistische Einheitsbildung" versprechen.
Zwei Wissenschaftlergruppen unter Leitung der renommierten Gesamtschulforscher Helmut Fend (Konstanz) und Jürgen Raschert (Berlin) haben die Schulform detailliert untersucht und die Ergebnisse in einem über hundertseitigen Abschlußbericht zusammengefaßt. Er ist erheblich, womöglich ausschlaggebend für die Entscheidung, ob die Gesamtschule im volkreichsten Bundesland, wo es zur Zeit 30 Versuchsschulen dieses Typs gibt, eine Zukunft hat oder nicht.
SPD-Girgensohn hat das brisante Papier, das in dieser Woche einer redaktionellen Endbearbeitung unterzogen werden soll, seit Wochen unter Verschluß. Er zaudert, die Ergebnisse zu veröffentlichen. Denn anders als frühere wissenschaftliche Untersuchungen stellt die NRW-Studie die Gesamtschule nicht rundheraus positiv dar, sondern stellt ihr ein vergleichsweise mageres Zeugnis aus ausgerechnet in puncto Schülerleistungen.
Beim Vergleich von neun der 30 Gesamtschulen mit entsprechenden Lehranstalten des traditionellen Schulsystems (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) ermittelten die Professoren bei den eher schwächeren Schülern im sechsten Schuljahr noch "durchweg höhere Testleistungen" in den Gesamtschulen, "in den Bereichen Satzlehre, mathematische Denkaufgaben und Bruchrechnen sehr signifikant und in den Bereichen Leseverständnis, Rechtschreiben und Englisch tendenziell".
Deutlich schlechtere Ergebnisse brachten die Tests dagegen bei besseren Schülern, denen nach der Grundschule der Besuch der Realschule oder des Gymnasiums empfohlen worden war. Hier liegen, so ermittelten die Wissenschaftler,
die Testergebnisse der Schüler des traditionellen Schulsystems in allen schon genannten Lernbereichen deutlich über den Testergehnissen der entsprechenden Gesamtschüler. Die nach dem Kriterium der Grundschulempfehlung leistungastärkeren Schüler aus dem traditionellen Schulsystem lasten durchschnittlich zwischen 5 Prozent (mathematische Denkaufgaben) bis 15 Prozent (Englisch) mehr Testaufgaben als die entsprechenden Gesamtschüler.
Krasser zeigten sich die Unterschiede in den neunten Klassen. "In etwa gleiche Testergebnisse" wurden zwar bei Hauptschülern und vergleichbaren Gesamtschülern beim Leseverständnis, in Rechtschreibung, Mathematik und Physik ermittelt; in Englisch aber waren die Ergebnisse der Hauptschüler schon deutlich besser.
Bei den für die Realschule oder das Gymnasium empfohlenen Schülern gab es gleiche Testergebnisse nur noch in Physik.
In allen anderen Lernbereichen erreichten die Schüler aus dem traditionellen Schulsystem bedeutsam höhere Testergebnisse als die entsprechenden Schüler aus Gesamtschulen. Dieser Befund zeigt sich besonders ausgeprägt im Fach Englisch, in dem diese Schülergruppe im traditionellen Schulsystem 17 Prozent bzw. 20 Prozent höhere Testleistungen (es wurden zwei Tests eingesetzt) als die entsprechenden Gesamtschüler erbrachten. In den anderen Lernbereichen liegt die Differenz jeweils um 10 Prozent der maximal erreichbaren Punktezahl in den Tests.
Daß solche Ergebnisse die Gesamtschuldiskussion in Nordrhein-Westfalen aufs neue entfachen werden, versteht sich -- schwierig für die Sozialdemokraten, die an einem bildungspolitischen Trauma leiden, seit vor anderthalb Jahren ihr Modell der "Kooperativen Schule" durch ein Volksbegehren gekippt wurde; ersprießlich für die Unionschristen, die schon seit geraumer Zeit damit hausieren gehen, an NRW-Gesamtschulen gäbe es "Leistungsrückstände bis zu fünfzig Prozent", auch wenn es, wie nun im Abschlußbericht der Fend/Raschert-Untersuchung zu lesen ist, weit geringere Differenzen sind.
Gleichwohl eignet sich die Studie für CDU-Propaganda nur bedingt. Denn ebenso überraschend wie die Ergebnisse der Leistungstests sind auch deren Bewertungen. Danach nämlich "verbietet es der Untersuchungsbefund, Leistungseinbrüche als zwangsläufige Folge des Gesamtschulsystems zu interpretieren".
Die Wissenschaftler machen deutlich, daß die "Leistungseinbrüche" zu erheblichem Teil NRW-spezifische und untersuchungsmethodische Ursachen haben. Daß "Schüler mit Spitzenleistungen in Gesamtschulen unterrepräsentiert zu sein scheinen", hat beispielsweise einen einfachen Grund: Der Besuch der Gesamtschule in NRW ist freiwillig, und viele Eltern schicken ihre Kinder bevorzugt erst dann in die neue Schule, wenn ihnen der Schulerfolg an Realschule oder Gymnasium fraglich erscheint -- ein "verdeckter Ausleseeffekt", der erklärt, warum an Gesamtschulen häufiger "schwierige Schüler" anzutreffen sind.
In den Gesamtschulen erreichen auch, dank des besonders ausgeprägten Systems der Förderung, mehr Schüler die 9. Klasse als in den Hauptschulen; dort wären rund acht Prozent von ihnen, mehrfach sitzengeblieben, schon abgegangen -- wiederum ein Nachteil für die Leistungsstatistik der Gesamtschulen.
Mehr auf Fehler der nordrhein-westfälischen Administration deutet eine Passage in dem Bericht hin, in der es heißt, die Untersuchungen in den Versuchsschulen zeigten eine "Varianz" in den Leistungen, die "sehr viel größer als zwischen den beiden vergleichenden Schulsystemen" sei. Während an einigen Gesamtschulen nämlich überdurchschnittliche Leistungen festgestellt wurden, schnitten zwei Schulen so miserabel ab, daß sie "zu einer Verzerrung des Gesamtschulergebnisses" führten. "Da muß bei uns", so gesteht ein Girgensohn-Vertrauter ein, "etwas nicht geklappt haben."
Eben dies könnte Girgensohn, als "guter Mensch von Unna" unter Genossen geachtet, aber als Ressortchef ohne FortUne, das Ministeramt kosten. Seit er die Fend/Raschert-Untersuchung gelesen hat, versucht er, die zutage geförderten Schwächen der Gesamtschulen einigen Spitzengenossen mit Düsseldorfer Großzügigkeit zu erklären: Kein anderes Bundesland habe der Gesamtschule so viel "Entwicklungsspielraum eingeräumt". Die Gesamtschulversuche hätten hier "von vornherein auf einer sehr breiten, pädagogisch offenen und liberalen Basis stattgefunden". Es seien zwar, so Girgensohn, in aller Regel Pädagogen mit "Elan und Einsatzbereitschaft" an die Gesamtschulen gegangen, doch habe es ihnen oft an Erfahrung gefehlt.
70 Prozent der NRW-Gesamtschullehrer sind Neulinge von der Hochschule, höchstens aber fünf Jahre im Beruf. "Es ist zu vermuten", so die Prüfer, daß die jüngeren Lehrer "bestimmte Leistungsstandards, auf denen die Tests beruhen, weniger streng sehen Dafür bemühen sich die Gesamtschullehrer eher um bislang in den herkömmlichen Schulen vernachlässigte Lernziele und Lerninhalte -- zu Recht, wie die Wissenschaftler meinen.
Denn "für die Beurteilung von Schule überhaupt", besonders aber der Gesamtschule, könnten "die fachlichen Lernleistungen nicht das einzige Beurteilungskriterium sein". "Immer wichtiger" würden statt dessen allgemeine und soziale Fähigkeiten, etwa zur Informationsbeschaffung? zum kritischen Verstehen von Informationen, zur Zusammenarbeit und Toleranz.
So sind denn auch Fertigkeiten, Sätze wie "Die Maid ist zart besaitet" oder "Der Brotlaib als Leibspeise"? wie Fend es korrekt zu Papier zu bringen verlangte, an Gesamtschulen weniger gefragt. Die Rechtschreibung nimmt dort "zeitlich nur einen halb so großen Stellenwert ein" wie in den Lehrplänen der herkömmlichen Schulen.
Inwieweit es den Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen gelungen ist, die für wichtig erachteten sozialen Fähigkeiten stärker auszubilden, sagt diese Studie freilich nicht -- dieser Bereich wurde, erkennbar ein Mangel der Untersuchung, kaum geprüft. Paradoxerweise konzentriert sie sich auf das, was in den Bewertungen dann wieder relativiert wird: auf die Leistungsvergleiche.
Statt dessen verweisen die Autoren auf Untersuchungen anderer Wissenschaftler, die etwa bei Leistungsvergleichen durchaus positive Ergebnisse für die Gesamtschule ausweisen. So ermittelte der Stuttgarter Wissenschaftler Rudolf Weiss 1975 für baden-württembergische Gesamtschüler bessere Leistungen in den Bereichen logisch-mathematischen Denkens, beim Lesen und in der Satzlehre, eine Überlegenheit der traditionellen Schulen dagegen nur in Englisch. Im Schleswig-Holsteinischen fielen bei Untersuchungen 1977 zwar die Mathematik-Leistungen der Gesamtschüler ab, dafür lagen sie aber in Deutsch und Weltkunde durchweg über ihren Konkurrenten.
Und auch die in diesem Jahr veröffentlichte und wohl "methodisch sorgfältigste Untersuchung", wie die Wissenschaftler finden, die zwar aus Österreich kommt, aber mit der westdeutschen Schullandschaft "in hohem Maße vergleichbar" ist, ergibt für Gesamtschüler "keine erheblichen Differenzen". Im Gegenteil: Das Leistungsniveau der guten Schüler war vergleichbar hoch, das der schwächeren in einzelnen Fächern, etwa Physik, Chemie, Geschichte, Sozialkunde und Geographie, sogar besser. Da in der Gesamtschule zudem die pädagogische Absicht, "ein angstfreies Klima in den Schulen zu schaffen, weitgehend realisiert" worden sei, ist das Resümee der Wissenschaftler eindeutig.
Im "Entwurf zum empfehlenden Schlußteil" der Untersuchung mahnen die Forscher in "übereinstimmender Ansicht" die Politiker, die Gesamtschule "sollte in Nordrhein-Westfalen gegenwärtig zu einer Regelschule werden" -- neben dem traditionellen Schulsystem zwar, aber stark verklammert und einander angenähert, etwa durch die gemeinsame schulformunabhängige Orientierungsstufe in der 5. und 6. Klasse und einer Koordination der Lehrpläne.
"Trotz Schwächen einzelner Gesamtschulen oder bestimmter Varianten" habe sich die Schulreform. so die Wissenschaftler, "als System im ganzen bewährt" und werde von "einem erheblichen Teil der Bevölkerung als eine normale Schule akzeptiert und nachgefragt".
Gleichwohl werden sich die Politiker schwertun, dem Rat zu folgen. Die nordrhein-westfälische Christenunion wird gar nicht erst in Versuchung kommen. Für sie ist, wie CDU-Mann Albrecht Beckel sagt, das dreigliedrige Schulwesen eh das Wahre, "das ist der Normalzustand von Schule".
Und die Sozialdemokraten, die im nächsten Jahr sowohl eine Landtagswahl als auch eine Bundestagswahl als Regierende zu überstehen haben, sind vor allem ängstlich. Girgensohns Ministeriale kamen in einer internen Wertung der Fend/Raschert-Studie zu dem Schluß, nun solle im Gesamtschulbereich "die Schulaufsicht verstärkt werden". Abzusehen ist schon, wie die vom ständigen Schulkampf eingeschüchterten Genossen den Professoren-Vorschlag, die Gesamtschule zur "Regelschule" zu befördern, ins Unverbindliche abwandeln werden -- "Angebotsschule", allenfalls.

DER SPIEGEL 42/1979
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 42/1979
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GESAMTSCHULEN:
Wie isset?