15.10.1979

KUNSTKlotz gemalt

„Europa 79“ in Stuttgart -- eine Vorschau auf die Kunst des nächsten Jahrzehnts?
Fünf Tage vor Ausstellungseröffnung kam der Künstler Nina Longobardi, 26, aus Neapel nach Stuttgart. Von dem Werk, das die Veranstalter von ihm erhofften, war noch nichts zu sehen.
Longobardi studierte die Räumlichkeiten und meldete zwei Tage später den erschreckten Gastgebern seinen Materialbedarf: ein echtes Tigerfell. Zum Preis von 12 000 Mark hatte die örtliche Fachhandlung "Der Fell-Laden" das Gewünschte vorrätig.
Der Künstler fixierte die Raubtierhaut derart an Wand und Boden eines Schauraums, daß sie, rechtwinklig abgeknickt, beiden Flächen glatt anliegt, und fügte dem eindrucksvollen Präparat mit eigener Handschrift nur noch ein paar ausfahrende Pinselstriche hinzu, die das Tiger-Streifenmuster auf eine an die Mauer gespannte Leinwand fortsetzen.
Der Fall ist typisch für Schwierigkeiten und Resultate einer sogenannten Kunstvorstellung, die bis zum 26. Oktober in zwei Stuttgarter Häusern (Gutenbergstraße 62a, Schwabstraße 2) Werke von mehr als 100 Künstlern aus zehn europäischen Ländern präsentiert. Das bemerkenswerte Unternehmen, von drei Galeristen und einem Sammler zuwege gebracht, trägt den Titel "Europa 79", soll aber auch schon einen Vorgeschmack der Avantgarde-Produktion in den 80er Jahren geben.
Anlaß zu solchem Ehrgeiz bot ein (inzwischen beendeter) internationaler Künstlerkongreß am Ort, der Stuttgart dank Zuschüssen von Stadt, Land und Bund mit Ausstellungen und Aktionen überschwemmt hat -- von der Jahresschau des Deutschen Künstlerbundes bis hinein in die kleinste Galerie und hinaus auf Straßen und Plätze. Aller standespolitischen Betriebsamkeit jedoch wollten die Planer der "Kunstvorstellung", denen "Berufsverbände als Tummelplatz schwacher Talente" erscheinen, strenge Auswahlkriterien und privaten Einsatz entgegenhalten. Nach frischem und zugleich anspruchsvollem Ausstellungsgut fahndeten sie, auf Rundreisen, in Avantgardegalerien. Oft freilich hatten die dort aufgespürten Künstler, vor allem Italiener wie Longobardi, statt transportabler Werke nur vage Konzepte anzubieten, so daß im bloßen "Gefühl, die Persönlichkeit verspricht etwas" (Mit-Kunstvorsteller Hans-Jürgen Müller), zahlreiche Macher eingeladen wurden, an Ort und Stelle zu produzieren. Unkalkulierbar stiegen damit die Kosten über zugesagte 100 000 Subventions-Mark hinaus, Flexibilität in der Geldbeschaffung war gefordert.
So wäre Longobardis Tiger-Werk nicht möglich geworden, hätte nicht auf Müllers Zureden ein süddeutscher Sammler es blind gebucht und dafür 17 000 Mark geboten. Er bekommt nun aber auch ein markantes Stück junger Kunst, die ihre eigenen Mittel reflektiert. Denn pointierter als der Italiener das Muster der "Aggressivität" (Longobardi) vom krassen, aufwendigen Wirklichkeitszitat in die Kürzel einer asketischen Zeichensprache überträgt, läßt sich die künstlerische Dialektik von Sinnlichkeit und Abstraktion kaum darstellen.
Die Arbeit fügt sich -- spektakulär, aber keineswegs vereinzelt -- in eine kühl und perfekt inszenierte Ausstellung ein, der nur betriebsblinder Überdruß eine "Vernichtung aller Qualitätsmaßstäbe" ("Stuttgarter Zeitung") vorwerfen kann. Auf eine Avantgarde-Schau von so hohem Informationswert und soviel Substanz hat man lange warten müssen.
Mit ähnlichen Grenzüberschreitungen wie Longobardi befaßt sich auch sein Landsmann Stefano Donati, 25, der eine silhouettenhafte Zeichnung als den Schatten einer danebengestellten Skulptur, eines historischen Kunstwerks, erscheinen läßt.
Und der Franzose Bertrand Lavier, 30, treibt ein anderes Vexierspiel mit den Kunstgattungen: Seine Plastik, ein rund 45 Zentimeter hoher quaderförmiger Klotz, ist nicht gemeißelt oder modelliert, sondern Schicht um Schicht aus grüner Ölfarbe aufgeführt. Erst diese buchstäblich gemalte Skulptur hat dann der Künstler wieder in Metall abgegossen.
Dergleichen ist auf neue Art gesehen und ausgedrückt, wenn auch der Themenkreis schon länger beackert wird. Die Kunst der 80er Jahre, falls sie denn so werden sollte wie in Stuttgart avisiert, geht ohne Bruch aus den Siebzigern hervor. Auch der bei "Europa 79" gastierende Nachwuchs handhabt das Kunst-über-Kunst-Prinzip, wieder einmal sind poetische Photo-Texte zur Stelle, werden archäologische und private Spuren gesichert und Ausstellungsräume geometrisch analysiert. Akzente setzen vor allem Italiener, Franzosen und auch Österreicher.
Daß hinter dem schwer zugänglichen Künstlertreiben mehr stecken kann als intellektuelles Glasperlenspiel, zeigt besonders deutlich das Beispiel des Steiermärkers Wolfgang Temmel, 26, der -- seit einem Mopedunfall querschnittgelähmt -- seine Kunst auch als einen Weg der Rehabilitation angeht. Temmel untersucht, wie Longobardi, das Verhältnis der Kunst zur Wirklichkeit, das bei ihm distanziert sein muß und das in einer schlichten Geste anschaulich wird.
Ein Freund hat, Photos belegen es, für Temmel einen Stein aus einem Fluß gehoben und ihn schließlich wieder zurückversenkt -- doch nicht bevor der Künstler das Naturgebilde nacheinander in Holz, Marmor, Kautschuk, Gips, Kunststein, Stahl und Paraffin imitiert hatte. Diese Nachbildungen sind ausgestellt: eine Ersatz-Wirklichkeit, die verfügbar bleibt, wenn auch die Realität entschwindet.

DER SPIEGEL 42/1979
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