Wenn Roy Bartolomei, Chefeinkäufer in New Yorks angesehenster Weinhandlung Sherry-Lehman, vor den mit kalifornischen Kreszenzen gefüllten Regalen steht, staunt er gelegentlich selber. "Vor zehn Jahren gab es kaum einen dieser Weine. Viele waren nicht einmal vor zwei oder drei Jahren da. Es ist kaum zu glauben."
Letzte Woche sorgten die Gewächse aus dem fernen Kalifornien in Paris, im Mutterland der Spitzenweine, für eine Sensation. "Ein Schlag", registrierte die (in Paris erscheinende) "International Herald Tribune", "von dem sich der gallische Chauvinismus so leicht nicht erholen wird." Deutsche Blätter schrieben von einem "Schock für Frankreichs Winzer
Anlaß der -- auch ein wenig schadenfrohen -- Bestürzung waren die Ergebnisse einer Wein-,?Olympiade", die von dem französischen Gastronomie-Magazin "Gault Millau" veranstaltet worden war -- mit "niederschmetternden" Ergebnissen (so die "Frankfurter Rundschau").
62 Tester aus zehn Nationen waren zusammengerufen worden; die Jury bestand teils aus Weinbauexperten (Önologen), teils aus Wein-Feinschmeckern, wie etwa den Kellermeistern berühmter Restaurants. Die zur Probe ausgeschenkten Weine waren nach verschiedenen Rebsorten in Kategorien unterteilt.
Dabei stellte sich heraus: Nur in wenigen Kategorien, so bei den Côtes-du-Rhône-Weinen und den Spät- und Auslesen der süßen schweren Weißweine vom Typ Gewürztraminer und Tokayer, belegten die Franzosen vordere Plätze. Hingegen wurde der Vergleich bei den Weißweinen aus der Burgunder-Traube Chardonnay zum "Debakel für Frankreich" ("Herald Tribune"): Den ersten, zweiten, fünften und sechsten Platz belegten kalifornische Weine der Jahrgänge "75 bis "77. Ähnlich blieben Weine der Kategorie "Sauvignon" und die berühmten deutschen Riesling-Sorten auf der Strecke: Ein Johannisberg-Riesling aus Kalifornien belegte den ersten Platz, vor Schweizer und deutschen Weinen.
Die Testergebnisse von Paris schienen um so verblüffender, als in der Vorstellung der meisten europäischen Gourmets kalifornische Weine zum Schrecklichsten gehören, was man im Glase haben kann. Dies trifft nach wie vor zu für amerikanische Massen- oder Tischweine, die im New Yorker Volksmund "Chateau Topscrew" (Schloß Schraubverschluß) heißen. Sie sind beinahe ausnahmslos flach und so geschmacklos süß, daß sie schon in geringster Dosis zu bohrenden Kopfschmerzen führen. Allenfalls ihre Verträglichkeit mit Ham- oder Cheeseburgern ist der Rede wert.
Hingegen kommen die Qualitätsweine der zumeist kleinen Winzereien aus den Tälern nördlich von San Francisco, gelegentlich auch aus der Umgebung von Monterey oder Salinas, bei Kennern schon seit ein paar Jahren an -- älter freilich kann der Ruhm kalifornischer Weine auch nicht sein.
Denn noch vor einem dutzend Jahren gab es die nun erfolgreichen Kellereien Sterling Vineyards, Trefethen Vineyards oder Spring Mountains Vineyards nicht einmal auf dem Papier. Wo heute Spitzenweine wachsen, wucherten noch Mitte der sechziger Jahre wertlose Massentrauben; gelegentlich gar grasten Rinder auf den Hängen der heute anerkannten Lagen.
Überraschender noch als die ungewöhnlich kurze Reifezeit der Weine sind Herkunft und Sachkunde der Winzer, Sterling Vineyards etwa gehört seit 1977 dem "Coca-Cola"-Konzern, der sich daneben auch noch die Massenweinfirma Taylor Vine Company im Staate New York und die qualitativ zwischen beiden angesiedelte Kellerei "Monterey Vineyards" leistet.
Spring Mountain Vineyards gehört dem früheren Rechtsanwalt Michael Robbins aus Los Angeles, der das Advokatenleben leid war, 1968 seine Kanzlei verließ und sich in die Weinberge des Napa Valley, des wohl bekanntesten der zumeist nördlich von San Francisco gelegenen Weinbau-Täler, verzog.
Dort hat er nun einen prominenten Nachbarn aus Europa: 17 Millionen Dollar investierte der französische Champagner-König Frédéric Chandon in seine Weindomäne in Napa Valley. Auch Frankreichs Philippe Baron de Rothschild plant zusammen mit dem Amerikaner Robert Mondavi ein gemeinsam betriebenes Weingut. Standort: Napa Valley, Kalifornien.
Viele der dort gelegenen Vineyards werden von US-Winzern bestellt, die das einfache Leben suchten: Sie gaben erfolgreiche Karrieren oder einträgliche Geschäfte auf, um sich dem angenehmen, vielleicht auch fröhlichen Leben im Weinberg hinzugeben.
Joseph Phelps, ein Bauunternehmer aus Colorado, bekam von einer alten Winzerei einen großen Bauauftrag und blieb. Michael Bernstein, Besitzer der von Weinkennern geschätzten Mount Veeder Winery, diente als Angestellter bei der US-Handelskammer in San Francisco, als er im "Wall Street Journal" eine Kleinanzeige mit dem Angebot einer Pflaumenfarm in der Nähe des 35 Meilen langen Napa Valley las. Er kaufte den Boden, pflanzte ein paar Weinstöcke und begann, sich in das ungewohnte Metier einzulesen.
Kollege Warren Winiaski von der ebenso renommierten Kellerei Stag?s Leap gab eine akademische Laufbahn an der University of Chicago auf. Don Chappelet (Chappelet Vineyard) wollte von seiner Nahrungsmittelfabrik nichts mehr wissen.
Ähnlich unkonventionelle Lebensgeschichten hatten auch jene Männer vorzuweisen, die um 1840 erstmals in Nordamerika Weinstöcke setzten. George Yount, der allererste, war ein Bärenfänger. Ihm folgten ein Friseur, ein finnischer Kapitän und ein chinesischer Wäschereibesitzer.
Vier Jahrzehnte später engagierten sich Geldleute aus San Francisco und verloren bald den Spaß am Geschäft: um 1890 vernichtete die Reblaus fast den gesamten kalifornischen Weinbau. Die Prohibition von 1920 gab vielen Winzern den Rest. Sie verlegten sich auf die Produktion billiger Sorten, die an Schwarzbrenner verkauft wurden.
Erst ein knappes halbes Jahrhundert danach regte sich bei einer kleinen, häufig aber feinen Minderheit von Amerikanern neues Interesse für den Anbau von Spitzenweinen. Die Winzer verzichteten auf die Kreuzung ihrer amerikanischen Rebsorten mit den klassischen Europäern. Sie befolgten den Rat erfahrener Emigranten aus Übersee und legten sich mit einer der nach Expertenmeinung besten Weinbau-Anstalten der Welt, dem Davis Institute der University of California, eine hochrangige Forschungsstätte zu.
Begünstigt vom Wetter -- kalifornische Winzer sorgen sich anders als ihre deutschen Kollegen allenfalls um zuwenig Regen und zuviel Sonne -, kamen wenig später international konkurrenzfähige Weine auf den Markt. Die meisten allerdings bleiben im Lande: Die kleinen Qualitätswein-Kellereien produzieren zum Teil so wenig, daß sich nicht einmal ein Transport an die amerikanische Ostküste auszahlt. "Die besten behalten sie für sich", meint Einkäufer Bartolomei aus New York.
Um den Absatz des Rests brauchen sich die Weinbauern aus dem Westen nicht zu sorgen. Der amerikanische Weinverbrauch steigt mit Jahresraten um die zehn Prozent. Dieser Trend wird nicht so bald brechen. Im internationalen Vergleich hängen die Amerikaner mit einem Weinverbrauch von rund acht Litern pro Kopf und Jahr weit hinter den trinkfesten europäischen Weintrinkern zurück: Laut Statistik genehmigen sich Franzosen und Italiener leicht das Zehnfache.
Bei den Preisen freilich sind die Amerikaner ebenbürtig. Brooks Firestone etwa, Enkel des Reifenkönigs Harvey Firestone und Eigner der gleichnamigen Kellerei, verlangt für seinen "Johannisberg Riesling 76" 50 viel, daß Weinhändler ihn kaum unter vierzehn Mark abgeben. Ein "Stag s Leap Sauvignon 1976" kostet rund 20 Mark. Ausgesuchte Weine erlesener Jahrgänge erreichen, wie vergleichbare europäische Kabinettstücke, leicht Preise zwischen 60 und 80 Mark.
DER SPIEGEL 42/1979
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