12.11.1979

BUNDESWEHRIch denk', ich steh'

Die Luftwaffe hat noch immer Ärger mit den Kampfflugzeugen „Alpha Jet“ und „Tornado“. Die hochgelobten Supervögel lahmen nicht nur, sie werden auch teurer als geplant.
Luftwaffeninspekteur Friedrich Obleser gab sich optimistisch: "Passen Sie gut auf das Baby auf", mahnte er im März nach seinem Erstflug mit dem "Alpha Jet" auf dem Fliegerhorst Leipheim den Testpiloten Peter Klonk, "es hat gute Anlagen."
Acht Monate später, am vergangenen Mittwoch, mußte Obleser vor dem Verteidigungsausschuß des Bundestages zugeben, daß der hochgelobte deutsch-französische Supervogel ihm noch immer Kummer macht. "Aber die Schwierigkeiten", so der General beschwichtigend, "werden übertrieben."
Anlaß für die Obleser-Befragung waren die von der Luftwaffenspitze unter Verschluß gehaltenen Testberichte der Leipheimer Piloten. Sie hatten nach 1300 Flugstunden dem neuen Kampfflugzeug zwar hervorragende Wendigkeit und Stabilität bescheinigt, den Triebwerken aber die Zensur "mangelhaft" gegeben. Urteil eines Majors: "Eine Lachtaube mit Zwergtriebwerk. Als Kampfflugzeug nur bedingt einsatzfähig."
Bei den französischen Larzac-04-Triebwerken treten in Extremsituationen, zum Beispiel beim Sturzflug, noch immer lebensgefährliche Strömungsabrisse auf: Die Düsen sind aus dem Leerlauf nur schwer wieder auf volle Drehzahl zu bringen. Auch die Beschleunigung läßt nach wie vor zu wünschen übrig. Gerade sie aber ist im Ernstfall überlebenswichtig.
Denn der Alpha Jet, der bis 1982 die veralteten Fiat-G-9 1-Maschinen der Bundeswehr ablösen wird, soll das Heer auf dem Gefechts feld unterstützen -- mit Bomben- und Kanonenangriffen auf Panzer- und Nachschubkolonnen und mit Attacken auf wendige feindliche Kampfhubschrauber. Diese Aufgabe setzt überraschende Manöver mit wechselndem Tempo und vor allem schnelle Flucht nach dem Abfeuern der Waffen voraus.
Der Alpha Jet -- Kosten für die 175 Maschinen der Luftwaffe: 3,5 Milliarden Mark -- aber erwies sich gerade bei den Geschwindigkeitstests häufig als lahmer Vogel. Beim Beschleunigen gibt es in bestimmten Drehzahlbereichen ähnlich wie bei manchen Autos immer wieder Löcher, in denen die Maschine für Sekundenbruchteile nicht reagiert. Ein Pilot: "Ich denk? dann, ich steh'." In solchen Augenblicken wäre der Alpha Jet eine sichere Beute der Flugabwehr.
Obleser glaubt zwar, daß durch Veränderungen am Triebwerk diese Mängel in Kürze behoben werden können. Seine Piloten aber sind pessimistisch. Denn schon seit Monaten prophezeien Techniker der französischen Firma Snecma-Turbomeca baldige Besserung -- bisher ohne Erfolg.
Schwierigkeiten macht wenige Monate vor Beginn der Umrüstung auch die Versorgung mit Ersatzteilen. Weil die Industrie mit der Lieferung der versprochenen Austauschtriebwerke und Prüfgeräte mi Verzug ist, kann das Testprogramm der Luftwaffe nicht planmäßig ablaufen. Die Waffen- und Tiefflugausbildung, die im Mai nächsten Jahres im portugiesischen Beja beginnen sollte, verzögert sich weiter. Obleser vor dem Verteidigungsausschuß: "Wir können erst im Januar entscheiden."
Ärger hat die Bundeswehr auch mit dem zweiten europäischen Gemeinschaftsvogel, dem deutsch-britisch-italienischen Mehrzweckkampfflugzeug MRCA "Tornado". Auch das Tornado-Programm -- Gesamtkosten für 322 Bundeswehr-Maschinen: 19,9 Milliarden Mark -- läuft nicht so problemlos, wie Militärs und Techniker den Abgeordneten bislang einzureden suchten.
Kostspielige Änderungen sind zum Beispiel am Rolls-Royce-Triebwerk nötig, da es noch immer zuviel Sprit verbraucht und zuwenig Leistung bringt. Weitere Mängel: Die Bordkanone zittert so stark, daß elektronische Geräte falsch anzeigen oder ausfallen; der Radarhöhenmesser arbeitet ungenau; und schließlich müssen die Bombenschlösser umgebaut werden, da die amerikanischen Bomben nicht exakt in die Halterungen passen.
Die Beseitigung dieser Fehler, so die Hardthöhe in einem Bericht an den Haushaltsausschuß, werde mindestens 328 Millionen Mark kosten. Der deutsche Anteil an den Entwicklungskosten des Tornado steigt damit auf 4,4 Milliarden Mark.
Mehr noch: Da sich als Mängel-Folge auch die ursprünglich schon für Ende 1978 geplante Auslieferung an die Geschwader weiter verzögert -- neues Datum ist jetzt Anfang 1982 -, müssen voraussichtlich die fliegenden und zur Ausmusterung vorgesehenen F-104 "Starfighter" modernisiert werden. Die Kosten für dieses Programm sind noch nicht zu übersehen.
Doch die Abgeordneten wollen sich nicht länger mit dem Stereotypen Hinweis aus dem Verteidigungsministerium abfinden lassen, daß die neuen Flugzeuge die geforderten Leistungen "mit wenigen Ausnahmen" erfüllen werden. Sie drängen auf genaue Daten.
Der Luftwaffeninspekteur ahnt bereits, was da in den nächsten Wochen auf ihn zukommt. "Der Tornado", bekannte er am letzten Mittwoch, "bereitet mir tatsächlich noch größere Sorgen als der Alpha Jet."

DER SPIEGEL 46/1979
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