12.11.1979

Weltmeister-Kandidat Hübner: Jetzt oder nie

Deutschlands bester Schachspieler, Robert Hübner, will Weltmeister werden. Zuletzt erkämpfte 1894 ein Deutscher diesen Titel. Acht Kandidaten gehen ins Rennen, der Kölner Hübner hält „alle oder keinen“ für favorisiert. Einer von ihnen, der Ex-Weltmeister Petrossjan, steht im Verdacht, daß er WM-Kandidat durch Betrug wurde. Der Titel bringt Millionen, mit Schach als Show könnte Hübner schon heute reich sein. Der achtsprachige Einsiedler ist kein Schachidiot wie andere Spitzenspieler. Sein Psycho-Problem:Er ist sensibler als viele Profis.
Der Kölner Schachspieler Dr. phil.
Robert Hübner, 31, braucht nur 500 bis 600 Mark im Monat. Er wird Millionär wider Willen, wenn er dias Ziel erreicht, das er sich gesteckt hat:
Hübner, seit neun Jahren Großmeister, will Weltmeister werden, und schon ein Sieg im Kampf um den Titel dürfte die erste Million einbringen. Jahr für Jahr könnte er dann wohl eine halbe hinzuverdienen, solange er weltbester Schachspieler bliebe.
Ende Oktober gewann der Kölner zusammen mit dem Ungarn Lajos Portisch und dem sowjetischen Ex-Weltmeister Tigran Petrossjan das Interzonenturnier in Rio de Janeiro und wurde einer der acht Kandidaten, die ab Frühjahr 1980 in Zweikämpfen nach dem K.o.-System den Herausforderer des Weltmeisters Anatolij Karpow, 28, ermitteln.
Am Sonnabend dieser Woche lost der Weltschachbund in Amsterdam aus, welche Kandidaten in der ersten Runde gegeneinander spielen.
Der Exilrusse Wiktor Kortschnoi und Hübner sind die einzigen Kandidaten aus dem Westen. Zwei Bewerber kommen aus Ungarn, vier aus der Sowjet-Union, darunter neben Petrossjan noch zwei andere Ex-Weltmeister, Michail Tal und Boris Spasski.
Zwar gelten Kortschnoi und Tal als besonders aussichtsreich, aber Hübner hält von den acht Kandidaten "keinen oder alle" für favorisiert.
Und der Kölner Sohn eines Oberstudienrats wäre durchaus imstande, dem Sowjet-Profi Karpow den Titel abzunehmen. Mehrfach lieferte er dem Weltmeister ebenbürtige Partien (siehe Seite 129), und bei so ausgeglichenen Partnern hängen Sieg und Niederlage oft von der Tagesform ab.
Geld und Ruhm sind es nicht, die das sensible und physisch schwache 60-Kilo-Schachgenie aus Köln in die kräfteraubenden Kandidatenkämpfe treiben. Die Einnahmen würden nur Hübners Kontostand, nicht aber den Stil seines Lebens verändern. Er führt es ohne Familie und ohne Auto in einer Ein-Zimmer-Wohnung fast ohne Mö*l978 bei einer Simultanvorstellung im SPIEGEL-Haus.
bei, in der es weder Telephon noch Fernsebgerät gibt.
Und Schlagzeilen sind dem Einsiedler zuwider. Er liest selbst lediglich Schachblätter und keine Zeitungen. Nur von Freunden erfährt er, was über ihn berichtet wird.
Im Urteil über die Presse stimmt er in etwa mit Deutschlands bekanntestem Schachspieler Helmut Schmidt überein, gegen den er 1978 bei einer Simultanvorstellung im Hamburger SPIEGEL-Haus als einen von 16 Gegnern spielte und mühelos gewann. Zu den Standardsätzen des Kanzlers gehört: "Wenn in einer Zeitung die Hälfte stimmt, ist es schon eine gute Zeitung." Und Hübner überdies: "Das wenige, was ich über mich lese, ermutigt mich selten, weiteres zu lesen."
Nach seinem Sieg in Rio feierte ihn "Bild" mit Balkenlettern ("Schon mit fünf setzte er den Papi matt") und die "Stuttgarter Zeitung" mit zwei Schachproblemen ("Matt in drei Zügen"), bei denen die Figuren die Initialen seines Vor- und Zunamens bildeten. Die "Welt am Sonntag" nannte ihn einen "Antistar mit dem Rauschebart" und meldete, er habe bei dem Turnier in Rio zwölf Pfund Gewicht verloren. Hübner: "Mir neu."
Ein Weltmeister Robert Hübner wäre der zweite Deutsche auf dem Schachthron. 1894 erkämpfte der Kantorsohn Emanuel Lasker den Titel, den er erst 27 Jahre später gegen den Kubaner Jost Raoul Capablanca wieder verlor. Der Ex-Weltmeister emigrierte 1933 und starb 1941 in den USA.
Die beiden kleinwüchsigen deutschen Schachgrößen unterscheiden sich wie in vielem anderen auch in ihrer Beziehung zum Geld: Lasker brauchte stets mehr, als er besaß, Hübner besitzt mehr, als er braucht.
Aber in etlichen Punkten gleichen sie sich auch. "Intelligent, aggressiv, hochgebildet und vielseitig interessiert" -- diese Beschreibung Laskers (in dem Buch "Die Großmeister des Schach" von Harold C. Sehonberg) paßt auch auf Hübner. Und chaotisch lebte der eine und lebt der andere im Sinne eines Tageslaufs ohne Uhr.
Gemeinsam ist beiden, daß sie Hervorragendes in ihren schachfremden Berufen leisteten. Lasker wurde in Mathematik "cum laude", Hübner in Altphilologie "summa cum laude" promoviert.
Und auch als Schachspieler haben sie ähnliche Eigenheiten: selten Schachbücher zu lesen, Eröffnungen weit weniger im Gedächtnis zu speichern als andere Spitzenspieler und je nach Gegner mit wechselvollem Stil zu spielen.
Lasker galt für viele Fachleute als bester Spieler aller Zeiten, bis in den sechziger Jahren der Amerikaner Bobby Fischer auftrat und ihn übertraf. Und Fischer soll 1970, noch bevor er selbst Weltmeister wurde, von Hübner als einem künftigen Weltmeister gesprochen haben. Dazu Hübner: "Ich halte dieses Zitat für erfunden."
Auf die Kandidatenkämpfe bereitet sich der Kölner Großmeister so intensiv vor wie bislang auf keine andere Aufgabe. Schon vor einem Jahr gab er seinen Job an der Universität Köln auf. Dort hat er Papyri aus Ägypten entziffert und kommentiert, die in Griechisch geschrieben und 1200 bis 2300 Jahre alt sind.
Seit er sich fast nur noch dem Schachspiel widmet, geht Hübner noch seltener als früher auf Reisen, um wie andere Spitzenspieler bei Simultanvorstellungen gegen 40 Gegner jeweils einen Tausender zu kassieren. Hübner: "Man schöpft bei Simultanvorstellungen weitgehend aus seiner Erfahrung, ohne neue Ideen zu entwickeln. Es besteht die Gefahr, daß dieses routinemäßige Vorgehen sich auf die Turnierpartien überträgt."
Dabei könnte es ein Spieler der Weltspitze wie Hübner auf ein sechsstelliges Jahreseinkommen bringen, wenn er seine Begabung zur Show stellen würde.
Es fiele ihm leicht, 40 Simultanpartien Zug für Zug aus dem Gedächtnis zu wiederholen und zu besprechen. * Auf einer Schiffsreise von Amerika nach Europa.
Und Hübner würde sich auch zutrauen, zwei oder drei Dutzend Partien zu spielen, ohne auch nur ein einziges Brett oder irgendeine Figur zu sehen. Was ein solches sogenanntes Blindspiel angeht, sieht er ein Problem "nicht in der Zahl der Partien, sondern in der Zeit". Er brauchte dafür einen Tag und vielleicht noch eine halbe Nacht dazu.
Vermutlich gibt es keinen Spieler in der Welt, der seine eigenen Partien so gründlich analysiert wie Hübner. Oft nimmt er sich für eine einzige Partie 40 bis 50, gelegentlich sogar 100 Stunden Zeit. Die Ergebnisse bringt er zu Papier, aber bislang bekamen nur wenige Freunde diese Pretiosen zu Gesicht. Hübner: "Ich schreibe für mich." Und: "Ob das andere interessiert, interessiert mich nicht." Immerhin verhandelt er mit dem Londoner Verlag "Oxford University Press" über ein Buch mit 30 solcher Partieanalysen.
Im Gegensatz zu Hübner verdienen andere Spitzenspieler nicht nur an ihren Büchern, sondern sie nutzen auch andere Quellen. Grundverschieden waren zum Beispiel die Erfahrungen, die Hersteller und Verkäufer von Schachcomputern mit dem Weltmeister Karpow und dem WM-Kandidaten Hübner machten.
Der Ostprofi verkaufte für Westgeld wunschgemäß geeignete Lobsprüche, mit denen der Kaufhaus-Konzern Horten schon für einen neuen Computer warb, bevor er ihn auf den Markt brachte. Aber später bei einer Pressekonferenz im Hamburger Horten-Kaufhaus wollte oder konnte Karpow nicht mit konkreten Angaben als Beweis dafür aufwarten, daß er den Computer wirklich getestet hat.
Umgekehrt lieferte Hübner, den Horten für einen Test engagiert hatte und der zu einem negativen Ergebnis gekommen war, den Werbemanagern einen so nichtssagenden Satz ab, daß sie ihn nicht brauchen konnten.
Zwar sprechen die Statistiken dagegen, daß Robert Hübner der nächste Karpow-Herausforderer oder sogar der nächste Weltmeister wird. Abgesehen von einem der beiden Ungarn, stehen alle anderen Kandidaten in der Weltrangliste vor ihm. Und auch die Bilanz der Partien, die er bislang gegen die anderen Kandidaten spielte, ist negativ. Von insgesamt 53 Partien gewann er sieben und verlor 16, die meisten -30 -- gingen unentschieden aus.
Aber ein Aufwärtstrend ist unverkennbar. Die meisten Partien verlor Hübner in den Jahren bis 1976, in den letzten drei Jahren besserten sich seine Resultate.
Gegen Kortschnoi zum Beispiel verlor er von bislang insgesamt zehn Partien die ersten vier, gewann dann eine und spielte die letzten fünf remis.
Für Hübner spricht außerdem sein Alter, und er scheint sich auch aus diesem Grund das Ziel gesetzt zu haben, entweder jetzt oder nie Weltmeister zu werden: Abgesehen von dem Ungarn András Adorján (dem schwächsten aller Kandidaten), sind alle anderen WM-Bewerber älter als der Kölner, von Spasski und Portisch mit 42 bis Petrossjan mit 50 Jahren.
So alt war bislang noch kein einziger Spieler, wenn er zum Weltmeister aufstieg. Der älteste war bislang der Sowjet-Russe Michail Botwinnik, der 1948 mit fast 37 Jahren die Nachfolge des Exilrussen Alexander Aljechin antrat. Die bislang jüngsten waren Tal und Karpow, die beide den Titel mit 23 Jahren erhielten.
Allerdings ist schon zwei Schachspielern gelungen, was nun auch Tal, Petrossian und Spasski versuchen wollen: im fortgeschrittenen Alter auf den WM-Thron zurückzukehren.
Aljechin schaffte es 1937 mit 45 Jahren, als er seinem holländischen Nachfolger Max Euwe nachfolgte, und Botwinnik vollbrachte sogar ein doppeltes Comeback: 1958 mit 46 und 1961 mit 49 Jahren. Aber in den seither vergangenen Jahrzehnten sind die Anforderungen im Turnierschach, insbesondere an Strategie-Kenntnis und Konzentration, so gestiegen, daß ein Mittvierziger wohl nur noch in Top-Form siegen könnte.
Wie gering die Unterschiede in der Weltspitze sind, offenbarte das Turnier in Rio. Von den vier Erstplazierten konnte keiner gegen die anderen gewinnen. Daß sich neben Hübner und dem Ungarn Portisch nicht der 28jährige Holländer Jan Timman, sondern der fast doppelt so alte Armenier Petrossjan qualifizierte, wurde wohl nicht am Brett entschieden. Viel spricht dafür, daß der Sieg in Petrossjans letzter Partie gegen den Jugoslawen Borislav Ivkov schon feststand, bevor der erste Zug gemacht wurde.
Petrossjan war auf jeden Punkt angewiesen, wollte er WM-Kandidat werden und wollte er nicht riskieren, einen um mehrere tausend Schweizer Franken niedrigeren Geldpreis zu erhalten. Gleichwohl gab er sich in der vorletzten Partie gegen Hübner erstaunlich früh mit einem Remis zufrieden. Kritiker erklären sich diese Gelassenheit damit, daß Petrossjan sich des Sieges in der letzten Partie sicher war. Und Ivkov hätte mit seinem 36. Zug leicht ein Remis erreichen können, spielte dann aber so schlecht, daß er nach einem weiteren Zug verloren war.
Dafür daß -- wie allem Anschein nach in diesem Fall -- Siege in Partien "gekauft" statt erspielt werden, gibt es in der Schachgeschichte etliche Beweise. Und Petrossjan gilt schon seit langem als trickreichster Sowjet-Spieler.
Das Handikap Hübners war jahrelang seine Doppelbelastung durch Beruf und Schach, wie sie auch für die nächstbesten bundesdeutschen Spitzenspieler typisch ist. Helmut Pfleger ar* Oben: Karpow im Oktober 1979 bei einer Simultanvorstellung gegen zehn Computer im Hamburger Kaufhaus Horten; die Computer wurden von Schülern bedient. Unten: Petrossian im Oktober 1979 beim Interzonenturnier in Rio de Janeiro.
arbeitet als Internist und Psychosomatiker in München, Wolfgang Unzicker ist dort Vorsitzender Richter am Verwaltungsgericht, und Lothar Schmid verlegt in Bamberg Karl-May-Bücher.
Als Hübner an seiner Doktorarbeit saß, mußte er sich die Teilnahme an Tumieren und das Partienstudium dahuhn sogar fast ganz versagen. Er wurde promoviert für die Übersetzung und Jahrhundert vor und den ersten drei Jahrhunderten nach Christi Geburt.
Es sind Dokumente des Alltags, etwa Verträge über den Verkauf eines Esels und einer trächtigen Kuh, Privatbriefe und das Angebot eines Unternehmers an den "sehr ehrenwerten Rat der bedeutenden Stadt" Antinoopolis, die Decke des dortigen Gymnasiums preisgünstig zu vergolden.
Oft wurden in solchen Papyri die Vertragspartner genau beschrieben, damit sie sich durch die Schriftstücke auch gleich ausweisen konnten. Ein Grundstücksverkäufer namens Panobchounis zum Beispiel war "ungefähr 60 Jahre alt, klein bis mittelgroß, mit hellbrauner Hautfarbe, schlank, mit länglicher Gesichtsform, mit gerader Nase und großen Ohren".
Mit detektivischem Scharfsinn versuchte Doktorand Hübner Details zu klären, etwa warum vor 2078 Jahren ein Mann namens Petearsemtheus vier Parzellen Ackerland zum selben Preis von zwei Kupfertalenten verkaufte, den er zwei Monate zuvor selbst bezahlt hatte.
Hübners Lebensweg, der bis vor einem Jahr doppelgleisig war -- Beruf plus Schach -, schützt ihn davor, einer jener Schachidioten zu werden, wie sie in nahezu jedem Turniersaal anzutreffen sind. Für etliche Profis besteht die Welt nur noch aus 64 weißen und schwarzen Quadraten nebst hölzernen Damen und Springern. Hübner leugnet die Existenz solcher Spieler mit dem Brett im Kopf nicht, hat aber "an Universitäten mindestens ebenso viele Leute getroffen, die auf ihrem Fachgebiet eng begrenzt sind, wie unter den Spitzenspielern".
Der Kölner Papyrologe arbeitet ohne Gehalt und Honorar -- auch weiterhin an wissenschaftlichen Themen, und er ist so vielseitig interessiert wie andere Intellektuelle auch. Er liest am liebsten Kafka, sein Spektrum reicht von den Komödien des Barockdichters Andreas Gryphius aus dem 17. Jahrhundert bis zu den Erzählungen des 1919 geborenen Amerikaners Jerome David Salinger.
Vieles liest er in der Originalsprache. Hübner beherrscht zwei tote Sprachen (Altgriechisch und Latein) und vier lebende (Englisch, Französisch, Holländisch, Italienisch), dazu spricht er noch "schlecht Finnisch". Spanisch kann er lesen, Russisch -- die Muttersprache der meisten Schachprofis -- nur buchstabieren.
Seine Spielstärke vermochte Hübner auch in den Jahren, in denen er wenig Turnierpraxis hatte, vermutlich nur deshalb zu halten, weil er als Schüler wie als Hochschüler oft und intensiv Schach gespielt und seine Begabung zielbewußt entwickelt hat.
Schon bevor er das? Abc lernte, konnte er -- mit fünf Jahren -- Schach spielen. Mit neun Jahren trat Hübner dem "Eisenbahnschachverein Turm Köln" bei. Mit 13 Jahren wurde er Kölner Stadtmeister, mit 14 deutscher Jugendmeister, mit 18 Deutscher Meister, und mit 19 Jahren siegte er in Büsum zum erstenmal in einem internationalen Turnier.
Seine ersten Partien trug der Grundschiller in ein "Durchschreibebuch für Blei und Tinte" ein, das er sich für 1,35 Mark gekauft hatte, und seither hat er etwa 1200 Partien gesammelt. Die kürzeste dauerte nur wenige Sekunden, als sich der Student Hübner bei einem Turnier in Graz nach zwei strapaziösen Partien -- "körperlich und geistig gänzlich ausgepumpt" -- einen weiteren Kampf ersparen wollte, nur den Bauern von c2 nach c4 zog und sich mit seinem Gegner auf remis einigte. Die längsten Hübner-Partien hatten 95 Züge und dauerten länger als elf Stunden.
Hübners bislang erfolgreichstes Schachjahr war 1970, als er auf Mallorca hinter Bobby Fischer (gegen den er remis spielte) den zweiten Platz in einem Interzonenturnier belegte, aufgrund dieses Erfolges die letzten für den Titel "Großmeister" notwendigen Punkte erhielt und sich erstmalig als WM-Kandidat qualifizierte.
Wenig später aber traten jene eigenen Schwächen zutage, die Hübner fortan des öfteren stärker an Erfolgen hinderten als die Spieflkünste seiner Gegner.
Sensibler als andere Schachmeister reagierte der Kölner auf Störungen in seiner Umgebung. So brach er 1971 einen sechs Partien lang ausgeglichenen Kandidatenkampf gegen Petross* Urkunde aus der Zeit 238 bis 244 nach Christi Geburt über den Verkauf einer trächtigen Kuh.
jan im spanischen Sevilla ab, weil Straßenlärm in den Turniersaal drang und Schiedsrichter nebst Sowjet-Delegation den Wechsel in einen ruhigeren Raum ablehnten. Für seinen Gegner Petrossjan gab es kein Phon-Problem. Er ist schwerhörig und schaltete sein Hörgerät ab.
Lange Zeit vermochte Hübner seine Empfindlichkeit nicht zu dämpfen, sondern nur zu analysieren. Er trennte Geräusche, die ihn stören ("überflüssige, etwa Zuschauergespräche"), von anderen, die ihn nicht stören ("schwer vermeidbare, etwa Klimaanlagen"). Erst neuerdings hat er das Gefühl, wenn auch nicht die Gewißheit, daß sein Nervenkostüm fester geworden ist und er bei künftigen Turnieren nicht mehr um so schlechter denkt, je mehr er hört.
In einem weiteren Kampf gegen Petrossjan offenbarte sich eine andere Schwäche des Rheinländers. Bei einem Interzonenturnier im schweizerischen Biel 1976 führte Hübner die Tabelle an und stand auch in der vorletzten Partie gegen den Ex-Weltmeister auf Gewinn. Dann aber kam es zum Black-out. Hübner übersah, daß er Petrossjan in vier Zügen matt setzen konnte, machte einige weitere schlechte Züge und gab auf (siehe Partieauszug Seite 127). Hübner damals über Hübner:
Wie ein Schüler, der, von Lehrer aufgerufen, eine geometrische Aufgabe zu lösen, auf die Tafel starrt: Die Kreidezeichen verschwimmen vor seinen Augen, während die Klassenkameraden fröhlich lärmen; einige bewerfen sich mit Papierkügelchen, andere flüstern sich die Lösung der Aufgabe, über ihre Leichtigkeit kichernd, zu -- so glotzte der Führer der weißen Steine glanzlosen Auges auf die Stellung, während die Zuschauer rumorten.
Es blieb nicht das einzige Versagen dieser Art. Auch in diesem Jahr lag Hübner in einem Münchner Turnier an der Spitze, als er in der letzten Partie auf Ex-Weltmeister Spasski traf. Und wieder verlor er entgegen allgemeiner Erwartung.
Hübner mutmaßt über die Gründe für derartige Ausfälle: "Mein Selbstvertrauen ist nicht immer riesengroß, und in solchen Situationen kommt es mir zuweilen unglaublich vor, daß ich besser sein könnte als Spieler mit großen Namen. Dann tritt im Unterbewußtsein vielleicht eine Art Hemmung auf, sie zu besiegen."
Hübner fasziniert das Schachspiel sicher auch deshalb, weil es ihm Gelegenheit bietet, durch Siege am Brett sein Defizit an Selbstvertrauen immer wieder abzubauen. Aber wie er die Siege braucht, so fürchtet er sie auch.
Dieser Widerspruch ist eines der Probleme, mit denen Hübner zu leben hat. Während es ihm sonst oft an Selbstvertrauen fehlt, tritt er mutiger als andere gegenüber Schiedsrichtern und Funktionären für die Rechte der Spieler ein, die "keine Gewerkschaft und nicht einmal eine Vertretung im Weitschachbund haben
Der Spitzenspieler pflegt den Kult mit der Freiheit, die er seiner Einsamkeit und seiner Bedürfnislosigkeit verdankt. Auch die Tatsache, daß die Zuschüsse aus der Kasse des Deutschen Schachbundes für seine Turnierreisen nur spärlich fließen und nicht immer den Aufwand decken, wertet er positiv. Hübner: "Je weniger ich bekomme, desto unabhängiger bin ich."
Mißtrauisch prüft er im Gespräch mit Fremden jeden Satz, den er hört, auf etwaige Spitzen gegen sich oder gegen das Schachspiel, und aggressiv reagiert er, sobald er fündig wird.
Zuweilen ins Spleenige wuchert seine Bescheidenheit. Die Frage etwa, ob beim letzten Turnier in Brasilien nicht auch etliche schwache Spieler dabeigewesen wären, bejaht der Rio-Sieger ohne zu zögern: "Gewiß, ich habe teilgenommen."
Er spricht von sich mit einem kauzigen Understatement, als wollte er· verhindern, daß sich irgend jemand mit ihm beschäftigt, Proben:
"Griechisch und Latein habe ich studiert, davon verstehe ich also nichts."
"Meine Partie beim Interzonenturzier in Rio gegen (den Perser) Harandi? Da haben zwei Schwachköpfe ein Spiel getrieben, das mit Schach nichts zu tun hat."
Oft redet Hübner so, als wollte er jenen zuvorkommen, die ihn und das Schachspiel womöglich nicht ernst nehmen, und ihre Kritik parodieren, noch bevor er sie hört.
Diese Einstellung läßt sich aus einem Komplex erklären, an dem Hübner stärker leidet, als er zugeben mag: Schach zu spielen hat für ihn einen höheren Stellenwert als für andere der Beruf, wird aber "in der Bundesrepublik Deutschland als ernst zu nehmende Beschäftigung nicht anerkannt".
In dieser Klage ist sich Hübner mit vielen organisierten Schachspielern einig. Falsch eingestuft glaubten sie sich zum Beispiel von den Finanzministern, die bis vor kurzem im Schach sowenig einen Sport sahen wie in der Hundedressur und im Skat und deshalb die Schachvereine nicht als gemeinnützig anerkennen wollten.
Und "wie wenig Schach einen sicheren Platz in der Gesellschaft hat", erkennt Hübner schon daran, daß "Schach nicht mal einen gesicherten Platz in der Presse findet".
In der "FAZ" etwa stehen Schachberichte im allgemeinen, in der "Süddeutschen Zeitung" im Lokal- oder im Sportteil, bei wieder anderen Zeitungen ist das königliche Spiel ins Vermischte abgesunken, in den Illustrierten ist es neben die Rätselecke verbannt.
Aber die Geringschätzung, die Hübner bei Kontakten mit seiner Umwelt empfindet, erwidert er auch. Und er räumt ein, daß er sich "womöglich auch aus Trotz und aus Abwehr gegen die Gesellschaft" aufs Schachspielen zurückgezogen hat.
Die Flucht nach vom in die offene Konfrontation oder das Abwandern in eine Sekte sind für Menschen seines Einzelgänger-Typs nicht die rechten Wege? sich aus dem Bürgerleben zu entfernen.
Da bietet das geistvolle Spiel mit seinen stummen Triumphen und Tragödien ein besseres Feld.
Hübner: "Man wird nicht laut und schadet niemandem."

DER SPIEGEL 46/1979
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