12.11.1979

„Das ist vielleicht die Nemesis“

Warum fuhr Knut Hamsun zu Hitler? Welche Rolle spielte seine Frau, welche der Psychiater Langfeldt in der Alterstragödie des norwegischen Dichters, der sich während der deutschen Besetzung in Zeitungsartikeln als Hitler-Sympathisant ausgelassen hatte und dafür nach 1945 von seinen Landsleuten als Verräter verurteilt wurde? Ein dänischer Autor hat bislang unbekannte Dokumente erschlossen und zeigt den „Hamsun-Prozeß“ in neuem Licht.
Die Denkwürdigkeit ereignete sich
am frühen Nachmittag des 26. Juni 1943. Im Berghof auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden empfing Adolf Hitler Knut Hamsun.
Der norwegische Literaturnobelpreisträger, 83 Jahre alt, hatte auf einem von den Nazis arrangierten Journalistenkongreß in Wien den Führer als "Kreuzfahrer" gepriesen, der "England in die Knie" zwingen werde. Er war in Hitlers Privatmaschine hergeflogen, in Hitlers Mercedes zum Berghof hinaufgefahren worden.
Man servierte Tee, und der Diktator versicherte den Dichter seiner Sympathie: "Ich fühle mich Ihnen, wenn auch nicht völlig, so doch sehr stark verbunden, weil mein Leben in gewisser Hinsicht dem Ihren so gleicht."
Was so harmonisch begann, endete nach 45 Minuten mit einem Eklat: Hitler brach das Gespräch brüsk ab und verließ den Raum; Hamsun weinte.
*Beim NS-Journalistenkongreß in Wien im Berghof.
** Thorkild Hansen: "Der Hamsun-Prozeß". Albrecht Knaus Verlag, Hamburg; 608 Seiten; 39,80 Mark.
Dieses Ende der Begegnung und was ihm vorausgegangen, was in jenen Minuten in der pompösen Halle der Fuhrerresidenz wirklich gesprochen worden war, wurde der Welt damals nicht bekannt. Für die Zeitgenossen blieb es das -- je nach Standpunkt höchst schmeichelhafte oder zutiefst schmachvolle -- Gipfeltreffen des nationalsozialistischen Machthabers mit seinem berühmtesten Anhänger aus der Welt des Geistes und der Kunst.
Als die Norweger nach der Befreiung Hamsun den Prozeß machten, wurde ihr Vergeltungsdrang auch und nicht zuletzt von der Erinnerung an die Berghof-Begegnung angetrieben.
Zwar wurde bald publik, daß der alte Dichter sich bei Hitler über das brutale Besatzungsregime des deutschen "Reichskommissars" in Norwegen, Josef Terboven, beklagt und mit seinen offenen Worten den Führer schrecklich schockiert habe.
Aber das Bild des Hitler-Hamsun-Treffens blieb doch weiterhin so undeutlich, daß beispielsweise in einer Hamsun-Monographie (von Martin Beheim-Schwarzbach) noch 1958 zu lesen war: "Es wäre eines bedeutenden Dichters würdig, den Verlauf dieser Zusammenkunft einmal zu schildern. Ein Ach und Weh, daß er selber es nicht getan hat! Auch sonst ist von keinem, der im Gefolge des größenwahnsinnigen Diktators dabei war, etwas von diesem Augenblick berichtet worden."
Das war ein Irrtum. Schon 1955 hatte ein Augenzeuge jenes Augenblicks darüber berichtet, freilich ohne große Resonanz: der ehemalige "Reichspresssechef" Otto Dietrich in seinem Memoirenbuch "12 Jahre mit Hitler".
Und noch einer, der dabei war, hatte Bericht erstattet: der Hitler-Dolmetscher Ernst Züchner. Aber dessen Protokoll der denkwürdigen Zusammenkunft war bis dahin unveröffentlicht, ja, fast unbekannt geblieben.
Richtig bekanntgemacht und für die historische Verifikation des Hamsun-Bildes genutzt wurde es erst zwei Jahrzehnte später -- in einem Buch, das letztes Jahr in Dänemark, Norwegen und Schweden Furore machte und jetzt auch auf deutsch erschienen ist: "Der Hamsun-Prozeß"**.
Der Verfasser, der Däne Thorkild Hansen, 52, hat bei seinem Bemühen, den Fall Hamsun neu aufzurollen, nicht nur das Züchner-Protokoll ans Licht gehoben, sondern eine ganze Reihe bislang unbekannter oder unzugänglicher Dokumente erschlossen. Er hat die Kinder Hamsuns, seine Ankläger und Verteidiger und andere Zeugen befragt, kann aus sekretierten Untersuchungsakten und unpublizierten Briefen zitieren.
Und er kann, vielleicht kein bedeutender Dichter, doch gewiß ein qualifizierter Literat und Journalist, mittels solcher Materialien nun nicht nur die Berghof-Episode zum erstenmal ausführlich und anschaulich schildern, sondern die ganze Geschichte von Hamsuns politischem Irrweg und der bitteren Vergeltung, die ihn dafür heimsuchte, so detailliert und gerecht nacherzählen wie kein Autor vor ihm.
Knut Hamsun, der Dichter der "Viktoria" und des "Pan", des "Hunger" und des "Segen der Erde", für den er 1920 den Nobelpreis bekam; der Erzähler, an dem Thomas Mann die Mischung "äußerster Verfeinerung mit urepischer Einfalt" rühmte, dessen Werk Maxim Gorki "eine "Heilige Schrift? über Menschen" nannte und den Egon Friedell mit Homer verglich -- dieser Norweger, von Millionen Lesern mindestens so geliebt wie geachtet, war kein Parteigänger Hitlers aus Opportunismus oder Anpassung.
Hamsun, der 1859 geborene Schneiderssohn, der arme Schusterlehrling, hungernde Landstreicher und Gelegenheitsarbeiter, der Amerika-Wanderer und Autodidakt, der es als Schriftsteller zu Weltruhm und Wohlstand gebracht hatte, wurde zum Nazi-Sympathisanten aus Zivilisationsverachtung und Naturverklärung, aus Englandhaß und Deutschlandliebe.
England bedeutete für den störrischstolzen Mann, der einen Bauernhof bewirtschaftete und die Berufsangabe Landwirt der des Schriftstellers vorzog, Mechanisierung und Merkantilisierung des Lebens. Deutschland liebte er nicht nur, weil dort seine Dichterlaufbahn entscheidend gefördert worden war, sondern auch, weil es sich in seinen Augen dem Segen der Erde verschrieben hatte. Schon 1934 erklärte er sich für Hitler.
Thorkild Hansen macht in seinem Buch einfühlsam, wie "viele gute schlechte Gründe" Hamsun zu Hitler hinzogen und welchen Mißverständnissen er doch dabei erlag. Sein eigensinniges Einzelgängertum jedenfalls paßte ebensowenig zur Gemeinschaftsideologie der Nazis, wie die mancherlei Ironien und die vielen Un- und Antihelden seiner Bücher zum offiziellen NS-Heroenkult paßten.
Aber er sah es nicht so. Als Hitlers Truppen im April 1940 einem englischen Expeditionskorps zuvorkamen und Norwegen besetzten, sah Knut Hamsun vielmehr die Chance, daß sein Land "einen hohen, einen hervorragenden Platz in der großgermanischen Weitgemeinschaft erhalten solle, die jetzt in Vorbereitung war". Er sah auch, mit Freuden, die Möglichkeit, daß das perfide Albion endgültig besiegt werden würde.
Und in diesem Sinne ließ er sich nun in norwegischen Zeitungen aus, forderte zum Beispiel seine Landsleute auf, keinen Widerstand gegen die deutschen Besatzer zu leisten.
Hamsuns Frau Marie und sein Sohn Tore waren Mitglieder der "Nationalen Sammlung", der norwegischen Nazi-Partei unter Vidkun Quisling. Marie Hamsun, Autorin von Kinderbüchern, ließ sich auf Vortragstourneen in Deutschland unter Hakenkreuzfahnen feiern. Sohn Arild kämpfte als SS-Freiwilliger an der Ostfront.
Hamsun selbst bestritt, Parteimitglied gewesen zu sein. Er war alles andere als ein Mitläufer und so wenig Opportunist, daß er noch am 7. Mai 1945, einen Tag vor der deutschen Kapitulation und eine Woche nach dem Ende Hitlers, diesem freiwillig und unaufgefordert einen Zeitungsnachruf widmete, der mit den Worten schloß: "Wir, seine treuen Anhänger, beugen nun unser Haupt angesichts seines Todes." Er blieb sich treu -- nibelungentreu in seiner blinden Deutschenliebe, in seinen Mißverständnissen und in seinem verhängnisvollen Irrtum.
Das Urteil:
325 000 Kronen Buße.
Am 26. Mai 1945 wurde Hamsun von den norwegischen Behörden unter Hausarrest gestellt. Der "Landesverräter" sollte vor Gericht. Man holte ihn von einem Gutshof Nörholm, internierte ihn in einem Krankenhaus, dann in einem Altersheim. Vier Monate wurde er in der Psychiatrischen Klinik von Oslo auf seinen Geisteszustand untersucht. Die Ärzte bescheinigten ihm "nachhaltig geschwächte seelische Fähigkeiten", was Norwegens Obersten Ankläger in die Lage versetzte, den geplanten Strafprozeß abzublasen.
Im Dezember 1947 wurde Hamsun, nun 88 und fast taub, in der Art eines Zivilprozesses für den Schaden, den er als NS-Sympathisant mit seinen insgesamt 14 Zeitungsartikeln Norwegen zugefügt habe, zu einer Entschädigungszahlung von 425 000 Kronen verurteilt. Die Buße wurde in zweiter Instanz auf 325 000 Kronen ermäßigt, gleichwohl bedeutete sie seinen finanziellen Ruin.
In allen Verhören und allen Verhandlungen hatte der Dichter zu dem gestanden, was er gesagt, geschrieben und getan hatte, und sich bereit erklärt, dafür, wenn es denn strafbar gewesen sei, auch bestraft zu werden. Entlastend vorgebracht wurde vor allem seine Uninformiertheit während des Krieges -- der alte, immer mehr ertaubende Mann, der kein Radio hören konnte, hatte innerhalb der Familie extrem isoliert gelebt. "Wir alle", sagte Tore Hamsun 1975 dem Biographen Hansen, "tragen die Verantwortung dafür, daß Vater während des Krieges nicht besser informiert wurde."
Daß Hamsun sich nicht-öffentlich für viele verfolgte Landsleute bei den Deutschen eingesetzt hatte, kam weniger zur Sprache -- sein quersinniger Stolz verbot ihm, damit "zu prahlen". Und so blieb damals auch ungewürdigt, was an jenem Besuch auf dem Obersalzberg zugunsten Knut Hamsuns hätte sprechen können.
Dabei wären seine Ankläger und Richter nicht einmal nur auf seine Darstellung angewiesen gewesen. Ernst Züchner, der Dolmetscher, hatte seinen Bericht 1945 nach Norwegen lancieren können -- das Dokument blieb, von einem Beamten in seiner Bedeutung verkannt, zu lange unbeachtet liegen. In Thorkild Hansens "Hamsun-Prozeß" gelangt es endlich "zu später Geltung.
Der dänische Autor deutet Hamsuns Reise zu Hitler als ein absichtsvoll geplantes Unternehmen des Dichters, der, enttäuscht und erbittert über Terbovens Schreckensherrschaft, beim Führer dessen Abberufung fordern wollte. Die "Etappen auf dem Weg nach Berchtesgaden" rekonstruiert Hansen als "ein kompliziertes System von Leistungen und Gegenleistungen, bewußten Bemühungen und zufällig zusammenfallenden Umständen".
Voraufgegangen waren ein in der Zeitung "Fritt Folk" veröffentlichter Glückwunsch Hamsuns zum zehnjährigen Bestehen der Quisling-Partei und ein offenbar durch dieses Sympathiebekenntnis geförderter Besuch des Dichters bei Joseph Goebbels in Berlin.
Hamsun erfreute Hitlers Propagandaminister nach diesem Besuch, indem er ihm seine Nobelpreismedaille schenkte und seine Teilnahme am geplanten Journalistenkongreß in Wien zusagte. Goebbels revanchierte sich -- so Hansens These -, indem er Hamsun zur Hitler-Audienz verhalf.
Jedenfalls ist es der Goebbels-Untergebene Otto Dietrich, der, zusammen mit dem norwegischen Dolmetscher Egil Holmboe, den Dichter am 26. Juni 1943 auf dem Weg vom Wiener Hotel Imperial zum Flugplatz Aspern begleitet, wo Hitlers viermotorige Focke-Wulf schon startbereit steht.
Dietrich und Holmboe sind dann auch, neben Dolmetscher Züchner, im Berghof dabei, als das Gespräch zwischen Hamsun und Hitler rasch eine bestürzende Wendung nimmt.
Zunächst soll Züchner übersetzen, aber Hamsun besteht auf Holmboe, und Hitler willigt ein. Züchner zieht sich etwas in den Hintergrund zurück, kann aber dem Gespräch, das wegen Hamsuns Fast-Taubheit sehr laut geführt wird, leicht folgen und schreibt die Hauptpunkte mit.
Hamsun beginnt sofort, Terboven anzugreifen. Hitler, der wohl eine Plauderei über Literarisches erwartet hat, ist irritiert, antwortet aber noch freundlich ausweichend. Dann jedoch, mitten in einen längeren Dialog zwischen Hitler und Holmboe hinein, den er nicht verstehen kann, sagt Hamsun mit lauter Stimme: "Die Methoden des Reichskommissars eignen sich nicht für uns, seine "Preußerei? ist bei uns unannehmbar, und dann die Hinrichtungen -- wir wollen nicht mehr!"
Niemals sonst, schrieb Otto Dietrich nach dem Krieg, habe er erlebt, daß jemand Hitler so zu unterbrechen und ihm so zu widersprechen wagte. Der Reichspressechef erwartete einen Wutausbruch des Führers.
Doch Hitler beherrscht sich. Er bittet Hamsun um Verständnis für Terbovens Härte: "Die politischen Behörden müssen immer Vorgänger sein. Sie müssen es auf sich nehmen, unangenehm zu sein..." Und er beginnt einen längeren Vortrag über die Ukraine, wo es ähnliche Probleme gebe.
Hamsun läßt sich nicht ablenken. Er insistiert: "Terboven will kein Norwegen, sondern ein Protektorat... Wird er jemals zurückgerufen werden?"
Und Dietrich wie Züchner trauen ihren Ohren nicht, als Hitler praktisch nachgibt: "Der Reichskommissar ist ein Mann des Krieges", sagt er, "er hat in Norwegen ausschließlich kriegspolitische Aufgaben. Wenn der Krieg vorbei ist, wird er nach Essen zurückkehren, wo er Gauleiter ist."
Hamsun laufen Tränen über die Wangen. "Es ist nicht so, daß wir gegen die Besetzung sind", versichert er Hitler. "Aber dieser Mann macht uns mehr kaputt, als Sie aufbauen können."
Den letzten Satz wagt Holmboe nicht zu übersetzen. Er versucht Hamsun zu bremsen: "Sprechen Sie doch nicht davon! Wir haben ja das Versprechen des Führers."
Doch der alte Mann gibt nicht nach. Als Hitler die Einsetzung der norwegischen Quisling-Regierung als ein Zeichen seiner Gutwilligkeit anführt, schüttelt Hamsun den Kopf. "Wir reden gegen eine Wand", sagt er, und wieder übersetzt Holmboe nicht.
Hitler verweist auf die "schweren Lasten, die das deutsche Volk zu tragen hat", die "politischen Opfer" der besetzten Länder seien dagegen "doch völlig bedeutungslos".
Hamsun: "Wir glauben an Sie, aber Ihr Wille wird verfälscht! Das Vorgehen in Norwegen ist nicht richtig, das führt später zu einem neuen Krieg."
Auch diese Äußerung wird nicht vollständig übersetzt, aber nun hat Hitler genug. Er macht einige bedauernde Handbewegungen, sagt "Ja, ja, meine Herren", steht auf und geht hinaus auf die Berghof-Terrasse.
Otto Dietrich hat in seinen Memoiren berichtet, daß Hitler nach Hamsuns Abreise getobt habe: "Ich will solche Leute hier nicht mehr sehen!" Als er hörte, daß Hamsun am folgenden Tag von Goebbels empfangen werden sollte, gab er Dietrich den Befehl, den Empfang abzusagen.
Auf dem Rückweg vom Berghof zum Flugplatz wurden Hamsun und Holmboe von Züchner und Martin Bormann begleitet. Der deutsche Dolmetscher hörte, wie der Dichter seinen Landsmann erregt beschuldigte, seine Worte dem Führer nicht mit der gebotenen Deutlichkeit, "ohne Schonung", verdolmetscht zu haben.
Und Züchner hörte auch und schrieb hinterher nieder, was der 83jährige auf jener Fahrt im Führer-Mercedes mit "überaus zerquältem" Gesichtsausdruck immer wieder vor sich hin sagte: "Wie soll das bloß enden? Wie soll das bloß enden?"
Rache-Stimmung in Norwegen.
Am Tag nach Hamsuns Heimkehr nach Norwegen wurden zwei Norweger, die nach der Ermordung eines deutschen Leutnants als Geiseln festgenommen und mit Erschießung bedroht worden waren, freigelassen. Und danach fanden in Norwegen überhaupt keine Geiselhinrichtungen mehr statt.
Thorkild Hansen kann einen Kausalzusammenhang zwischen diesen Tatsachen und der Intervention Hamsuns bei Hitler nicht zweifelsfrei nachweisen. Aber er vermag ihn als wahrscheinlich darzustellen.
Außer Zweifel steht dagegen, daß den meisten Norwegern damals der Hitler-Besuch ihres angesehensten und einst so geliebten Dichters als endgültige Besiegelung seines Verrats erscheinen mußte -- und zwar um so mehr, als Hamsun bei seiner Rückkehr auf dem Flugplatz Fornebu von Terboven begrüßt wurde und das Photo des sich
Ellinor, Cecilia, Arild, Tore vor Hamsuns Haus Nörholm.
vor dem Nazi-Vogt scheinbar devot verbeugenden Hamsun durch alle Zeitungen ging.
"Von dem Tag an", zitiert Hansen einen norwegischen Gewährsmann, "waren wenige Menschen hier im Lande verhaßter als Knut Hamsun." Während des Hamsun-Prozesses wurde jenes Photo "zu einer fürchterlichen Waffe" (Hansen) gegen den Dichter.
So genau und bewegend anschaulich wie die Berghof-Episode hat der dänische Autor auch den Leidensweg geschildert, den Hamsun nach 1945 gehen mußte. Es zeichnet Hansens Buch aus, daß es bei aller Sympathie mit Hamsun und aller Kritik an der fragwürdigen Vergeltungsgerechtigkeit, die über ihn hereinbrach, doch keineswegs seine Irrtümer und sein Fehlverhalten, seine Schuld verkleinert.
Hansen belegt, welche hitzige Rache-Stimmung in der Presse des befreiten Norwegens gegen Hamsun gemacht und wie in dieser Stimmung ein fairer Prozeß fast unmöglich wurde. Mit Sarkasmus zeichnet er die Verlegenheiten der Behörden nach, die vor einer straf gerichtlichen Verurteilung des weltberühmten Greises zurückscheuten und seinen Prozeß immer wieder hinausschoben -- in der stillen Hoffnung, daß "die Natur sich der Sache annehmen" würde.
Bedrückend zu lesen, wie ehemalige Freunde und Nutznießer des Dichters, etwa sein Verleger Harald Grieg. sich in seiner Not ihm verweigern. Makaber die Schilderung, wie die Kommission, die im Hinblick auf seine Verurteilung zu finanzieller "Entschädigung" Hamsuns Gut Nörholm taxieren soll, Haus und Hof des Dichters durchstreift, hier ein Bett mit 100, da ein Kalb mit 30 Kronen bewertet und einige Originalmanuskripte Hamsuns, aus der Schublade seines Schreibtischs hervorgezogen und reihum begutachtet, als wertlos registriert.
Neues und schärferes Licht fällt dank Hansens Ermittlungen vor allem auf Hamsuns Zwangsaufenthalt in der Osloer Nervenklinik und auf die Rolle, die Hamsuns 22 Jahre jüngere Frau Marie in der Tragödie des "Landesverräters" gespielt hat.
In dem kleinen Buch "Auf überwachsenen Pfaden", seinem letzten Werk (das dem deutschen Dramatiker Tankred Dorst die Anregung zum Theaterstück "Eiszeit" gab), hat Knut Hamsun 1949 mehr skizziert als ausgeführt, wie demütigend und zerstörerisch der Aufenthalt in Langfeldts Klinik für ihn war: Er habe die Anstalt bei guter Gesundheit betreten und sie nach vier Monaten als "Gallert" verlassen.
Thorkild Hansen, der die im norwegischen Staatsarchiv aufbewahrten Klinikprotokolle auswerten konnte und ein geheimes Tagebuch entdeckte, das Hamsun in der Anstalt geführt hatte, kann die psychische Tortur und physische Schwächung des alten Mannes von Tag zu Tag nachzeichnen.
Er macht nachfühlbar, wie sehr der Dichter darunter litt, daß er sich für seine NS-Sympathiebekundungen nicht vor einem ordentlichen Gericht verantworten, sondern offenbar für geistesgestört erklärt werden sollte. Er macht klar, daß die "nachhaltige" Schwächung seiner "seelischen Fähigkeiten", die ihm vom Klinikchef Professor Gabriel Langfeldt bescheinigt wurde und ihm den Strafprozeß ersparte, erst durch den Aufenthalt in Langfeldts "Tollhaus" (Hamsun) zustande kam.
Hansen weist nach, daß Hamsun länger in der Klinik festgehalten wurde, als gesetzlich erlaubt war. Er stellt fest, daß Äußerungen des Dichters, aus denen Einsicht in seine Irrtümer und den verbrecherischen Charakter des Nazi-Regimes sprachen, nicht gebührend vermerkt und weitergegeben wurden. Und er wirft Langfeldt vor, sich über Gebühr für Hamsuns Ehe- und Sexualleben interessiert zu haben -- mit schlimmen Folgen.
Hamsun selbst hatte sich geweigert, über seine schon dreieinhalb Jahrzehnte währende Ehe mit Marie zu sprechen. Am 13. Dezember 1945 jedoch sprach Marie darüber zu Langfeldt, von dem Psychiater vorgeladen und in der Meinung, mit ihren Aussagen zur Rettung Hamsuns beizutragen.
Als sie nach der Befragung durch Langfeldt mit Hamsun zusammentraf, ahnte dieser gleich, was geschehen war. "Was hast du dir dabei gedacht?" rief er. Als sie sich trennten, sagte er: "Ja, ja, nun sage ich dir Lebewohl, Marie, wir sehen uns nicht wieder."
Sie sahen sich tatsächlich erst vier Jahre später wieder, Dazwischen lagen Marie Hamsuns Verurteilung und Inhaftierung als NS-Kollaborateurin, Knut Hamsuns Jahre im Altersheim Landvik, seine Rückkehr nach und die
* 1943 nach der Rückkehr Hamsuns von Hitler.
von ihm verfügte Verbannung Maries aus Nörholm.
Dazwischen lag vor allem, was Thorkild Hansen den "entscheidenden Stoß, das Messer in den Rücken" Hamsuns nennt: Im Mai 1946 kam dem auf seinen Prozeß wartenden Dichter mit anderen Akten eine Kopie des Gutachtens von Professor Langfeldt vor Augen -- und darin auch dessen Protokoll der Aussagen Maries.
Der Psychiater hatte Marie Hamsun versprochen, daß niemand außer dem Obersten Ankläger ihre Aussagen zu lesen bekommen werde -- nun las sie Knut Hamsun.
Er mußte lesen, was seine Frau über seine Eifersucht, seine Eitelkeit und "Sentimentalität", seinen Starrsinn und seinen Jähzorn ausgeplaudert hatte: "Er ist sehr empfindlich, was auf Minderwertigkeitsgefühlen beruht... In den letzten Jahren ist er völlig unbeherrscht geworden, verliert die Selbstkontrolle, wirft mit Gegenständen um sich ..."
Er mußte lesen, daß er "immer eine sehr starke Mutterbindung gehabt" habe und schon nach wenigen Jahren von seiner Ehefrau "unglaublich enttäuscht" gewesen sei. Und er las in Langfeldts Gutachten diesen Satz: "Vertrauliche Mitteilungen über Hamsuns Charakter (die wir auf Wunsch in den Bericht nicht aufgenommen haben) sprechen dafür, daß er triebmäßig eine starke Natur ist."
Bei den Vorarbeiten für sein Buch hat Thorkild Hansen 1975 auch Professor Langfeldt interviewt. Hansen berichtet, wie der Psychiater ihm jene Begegnung zwischen Knut und Marie Hamsun in der Osloer Klinik schilderte: ",Es war eine fürchterliche Ehe?, sagte er mit breitem Lächeln."
Einen Monat, nachdem Hamsun seine Frau in der Anstalt auf Nimmerwiedersehen verabschiedet hatte, bedrängte Langfeldt den Dichter mit Fragen nach einer fast 50 Jahre zurückliegenden Affäre, in der es um anonyme Schmähbriefe ging, die Hamsun und seine damalige Verlobte Bergljot Göpfert empfangen und gegen die sie bei der Polizei Hilfe erbeten hatten.
Hamsun erkannte sofort, daß der Psychiater nun auch seine erste Ehe ausforschen, ärger noch: daß er ihm anhand jener Affäre aus dem vorigen Jahrhundert zeitweiligen Verfolgungswahn nachweisen wollte.
Das war zuviel für den 86jährigen. Sein geheimes Tagebuch, schreibt Thorkild Hansen, "macht es deutlich, daß die Geschichte der anonymen Briefe die zusätzliche Belastung war, die den Wagen zusammenbrechen ließ".
Am 22. Januar 1946 notierte Hamsun: "Sehr geweint." Eine Woche später: "Heute 3 1/2 Monate hier. Kein Abschluß!" Am nächsten Tag trug er nur ein: "Erkältet". Aber er hatte 39 Grad Fieber, und nun bekam es die Anstalt mit der Angst. Ein Freund des Dichters, der Schriftsteller Christian Gierlöff, wurde herbeigerufen und endlich Hamsuns Entlassung angeordnet.
Jede Nacht
Wahnsinnsanfälle.
Gierlöff und Hamsuns Sohn Tore brachten den Dichter im Februar 1946 aus der Psychiatrie ins Altersheim zurück. Wie Gierlöff den stark abgemagerten Hamsun nach vier Monaten "Tollhaus" angetroffen hatte, hielt er später schriftlich fest:
"Ich gehe zu ihm hinein. Da liegt er. Zwei, drei Krankenpflegerinnen und ein paar Männer stehen um ihn herum. Eine Frauenstimme sagt: "Gut, daß Sie kommen!? Er liegt halb angekleidet, mit weit ausgebreiteten Armen auf dem Bett. Bleich wie das Laken. Das Gesicht zuckend und tränennaß. Die Tränen rinnen aus geschlossenen Augen. Der Mund steht halb offen. Es ist, als habe er sich aufgegeben. Was ich da vor mir sehe, erschreckt mich tief im innern. Ich beuge mich über ihn. Er antwortet nicht. Ich hebe ihn sacht an. Er ist willenlos und schlaff."
1950 rief Hamsun seine verstoßene Frau, die beim Sohn Tore lebte, nach Nörholm zurück. Ohne Einleitung, ohne Erklärung sagte er eines Abends zu Brit, der Frau seines zweiten Sohnes Arild: "Du mußt wohl Mama heimholen." Er war nun 90.
Hansen revidiert schließlich auch noch das Bild, das -- durch zwei Memoirenbücher der Witwe vor allem -- von den zwei letzten Lebensjahren des Dichters überliefert ist.
Wenn man Marie Hamsuns Schilderungen glauben wolle, schreibt er, sei Knut Hamsuns Ende "sanft" und "in Harmonie" gekommen, sei er trotz der "großen Belastung", die er im hohen Alter habe hinnehmen müssen, der "Zerstörung" entgangen, die er in vielen seiner Werke "schonungslos bei anderen dargestellt hatte".
Doch Marie hat in ihren Memoiren nicht die ganze Wahrheit gesagt, Hansen beweist es -- mit Briefen, die sie selber in jenen letzten Jahren regelmäßig an ihre in Dänemark lebende Tochter Cecilia schrieb und die in Hansens Buch jetzt zum erstenmal veröffentlicht werden. Sie ermöglichen es, mit den Worten des Biographen, "einen vollständigen Einblick in diese Phase des Prozesses gegen Hamsun zu gewinnen; in seine eigentliche Strafe".
"Ach Cecilia", heißt es da beispielsweise, "es ist schrecklich, daß ein alter Mann so undelikat wird. Mir wird oft übel dabei... Er ist nicht stubenrein, das Unglück kann fast überall passieren."
Oder: "Papa hat nun jeden Tag und jede Nacht einige Stunden mit Wahnsinnsanfällen."
Der in "Lumpen" dahinsiechende Greis wird in diesen Briefen mal als "schrecklich böse" beschrieben, mal aber auch ist er "lieb und geduldig... selbst wenn ich ab und zu ein Tau um ihn lege und ihn an einem Haken an der Wand hinter seinem Stuhl festbinde. Ohne das wage ich nicht, von ihm zu gehen, er kann fallen und sich schlimm verletzen".
Er "steht auf dem Niveau eines halbjährigen Kindes", so berichtet Marie ihrer Tochter; er "kann nicht einmal den Mund finden, wenn er essen soll", er "wischt sich nicht einmal den Hintern ab". Sein "Geist verdunkelt sich mehr und mehr". Aber "sonderbar" findet sie es, "daß er immer noch Sinn für eine Liebkosung und ein freundliches Wort hat". An manchen Tagen ruft er "ständig nach Gott".
Sie "will alles tun, um ihm in dieser letzten Lebenszeit zu helfen". Aber sie tat es -- so klingen ihre Briefe -- kaum noch aus Liebe.
Am 4. Juli 1950 schrieb Marie Hamsun ihrer Tochter, "selbstverständlich" sei sie sich darüber klar, daß Hamsuns "starke Egozentrik" eine Voraussetzung seiner Dichtergenialität gewesen sei -- "es war nur nicht immer sehr lustig, die Leiche zu sein, über die er hinwegging".
Am 12. November 1951. Knut Hamsun standen noch drei Monate Lebensqual bevor, schrieb sie an Cecilia: "Es ist eine Tragödie, daß erden Becher bis zur Neige leeren muß! Er, der immer das Alter verabscheute und im Grund hartherzig gegen alle war, die sich erlaubten, alt und hilflos zu werden. Das ist vielleicht die "Nemesis?, wie eine Frau im Gefängnis sagte. Er wurde vom Unästhetischen und Unschönen abgestoßen, erkannte in einem alten Gesicht nichts Schönes, behauptete aber, daß in jedem jungen etwas Schönes sei. Gar nicht zu reden von alldem, was bei verwirrten Menschen unappetitlich ist. Und gerade das trifft ihn!"
Gestraft genug war da nun freilich auch sie.

DER SPIEGEL 46/1979
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