12.11.1979

MATHEMATIKSchmeicheln der Hand, Flink mit Daumen und Zeigefinger

So viele elektronische Taschenrechner sie auch bauen -- die simple Mathematik bewältigen viele Japaner lieber mit „Soroban“, einer mechanischen Rechentafel.
Die Japaner waren sicherlich in Mathematik nicht schlecht, als 1965 die ersten 4000 elektronischen Tisch- und Taschenrechner bei ihnen auf den Markt kamen. Inzwischen stellen sie jährlich mehr als 40 Millionen solcher Kalkulatoren her.
Doch mitunter nehmen es Schüler, Händler, Gastwirte und sogar Makler der Tokioter Börse noch genauer als ehedem: Sie rechnen nun doppelt.
Elektronik-Rechner vermag zwar jedermann zu bedienen, aber kaum jemand zu verstehen. Die mathematischen Operationen bleiben jedenfalls verborgen.
Deshalb wohl liegt auf vielen japanischen Büropulten, Ladentheken und Bankschaltern neben dem modernen Tastenapparat noch immer ein wie Kinderspielzeug anmutendes Gerät -- ein "Soroban" (siehe Graphik): Itschi, ni, san -- eins, zwei, drei bewegen die Geübten mit Daumen und Zeigefinger taschenspielerhaft fix die flachen Perlen im länglichen Rahmen.
Auf dieser handlichsten Abart des europäischen Abakus können viele Japaner schneller und fast ebenso sicher zusammenzählen und abziehen, malnehmen und teilen wie mit dem Taschenrechner. Und manche überprüfen elektronisch ermittelte Ergebnisse eben gern noch mit der herkömmlichen Mechanik.
"Eine Weile fragten alle Medien, ob es nicht an der Zeit sei, dem Soroban sajonara zu sagen", erklärte etwa Tsutomu Morita, Leiter einer Organisation von 8500 Soroban-Lehrern, "damit ist es jetzt vorbei." Neuerdings stieg die Produktion von Soroban wieder an.
Gefertigt werden die meisten und insbesondere die besseren Soroban von Manufakturen in Ono (Präfektur Hiogo) bei Osaka. Das hochspezialisierte feinmechanische Handwerk hat dort jahrhundertealte Tradition. 1978 konnte das Kartell meist kleinerer Betriebe immerhin 2,1 Millionen Soroban absetzen, drei Prozent mehr als im Jahr zuvor.
Die Kooperative gewann die Fachlehrer und das Erziehungsministerium, sich dafür einzusetzen, daß der Umgang mit dem Soroban Lehrstoff der Grundschulen bleibt. Sogar das Parlament diskutierte die Angelegenheit von Überlieferung und Fortschritt.
"Jeder Dummkopf kann mit einem elektronischen Rechner umgehen", urteilte beispielsweise ein Vertreter der Industrie- und Handelskammer. "Wenn Kinder aber in der Schule gleich damit anfangen, lernen sie nicht die Grundlagen."
Das Abakus-Prinzip war bereits im antiken Griechenland ersonnen worden. Als Rechentafel diente zunächst ein Tisch (griechisch "abax" = dünne Platte), auf dem die Zahlzeichen in feinen Sand oder in Wachs markiert wurden.
Die Römer benutzten dann schon Handrechner, denen der Soroban verblüffend gleicht. So ist etwa eine geschlitzte Bronzetafel mit jeweils vier Einerknöpfen und einem Fünferknopf gefunden worden.
Dem klassischen Abakus ähnlich sind auch die noch heute gebräuchlichen mechanischen Rechenhilfen der Russen ("sschoty"), der Armenier ("choreb"), der Turkvölker ("coulba") und der seit dem 12. Jahrhundert verwendete "suanpan" der Chinesen.
In Westeuropa jedoch wurde der Abakus samt vielerlei Varianten im 17. Jahrhundert vom Rechenschieber verdrängt. Dieses Gerät, das sogar umfangreiche Logarithmentafeln ersetzt, fällt nun allerdings wiederum -- weil sich damit nur wenige Dezimalstellen einer Zahl exakt berechnen lassen -- dem Taschenrechner zum Opfer (SPIEGEL 51/1977).
Japans Soroban hingegen, im 16. Jahrhundert vom chinesischen "suanpan" abgeleitet, wird wohl überdauern. Denn die in Fernost führende Industrienation hält -- trotz emsigen Eifers bei technologischen Neuerungen -- auf Tradition.
Für viele Japaner ist der Soroban ein so persönliches Utensil wie etwa das Schreibgerät, das Lackkästchen mit Pinseln, Tusche und Reibstein. Der Knick im Absatz von mechanischen Rechnern betraf denn auch hauptsächlich billige Plastik-Modelle, die Firmen und Banken wie hierzulande Kalender verschenken.
Ein Mann von Stand erwirbt zumindest ein ordentlich gearbeitetes Gerät. Die schönsten Soroban von Ono, handschmeichlerisch aus sorgsam ausgewählten Hölzern und Elfenbein gefertigt, kosten noch immer umgerechnet bis zu 1000 Mark.
Flink mit Daumen und Zeigefinger
werden auf dem japanischen Soroban, ähnlich wie auf dem europäischen Abakus, in jeder Reihe die Ziffern 1 bis 9 aus vier Perlen mit dem Wert 1 und einer Perle mit dem Wert 5 zusammengesetzt. Es zählen die jeweils zur Mittelleiste geschobenen Perlen; Reihen ohne Verschiebung zählen null. Mehrstellige Zahlen werden in aufeinanderfolgenden Reihen aus Einern Zehnern, Hundertern und so weiter aufgebaut. Gerechnet wird auf einem beliebigen der Reihenfelder, in die das Gerät durch feine Markierungen unterteilt ist (andere Reihenfelder werden für Zwischenrechnungen oder beim Multiplizieren und Dividieren gebraucht). Die sinnreiche Anordnung der Zahlen reduziert die Grundrechenarten auf simple Operationen. Vor allem ist der Übergang zur nächsten Dezimalstelle augenfällig -- zum Beispiel ergibt sich bei der Addition von 90 273 und 24 961 bei den Zehnern, Hundertern und Zehntausendern ein solcher Übertrag.

DER SPIEGEL 46/1979
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