29.10.1979

„Die letzten wurden 1934 ermordet“

Auf Initiative des Kanzlerkandidaten der CDU/CSU Franz Josef Strauß und seines CSU-Generalsekretärs Edmund Stoiber wurden die sozialdemokratischen Sozialisten der Bundesrepublik als Verwandte des Hitlerschen „Nationalsozialismus“ diffamiert. Die Diskussion hierüber erbrachte bisher wenig handfeste Substanz.
Unser Programm tautet mit zwei Worten: Parteigenosse Adalbert Volck, 1924
7 wei prominente Freunde des großen Bayern höhnten unter sich, wann immer der Franz Josef in den Ferien ein Buch lese, sei mit dem Schlimmsten zu rechnen: der CDU-Parteivorsitzende Helmut Kohl und sein Generalsekretär Heiner Geißler.
Die Strauß-Parole "Freiheit oder Sozialismus", mit der die vorigen Wahlen verlorengingen, verdanke die Union den Mußestunden des großen Bruders mit dem Buch "Der Weg zur Knechtschaft" von Friedrich August von Hayek. Nun sei ihm Sebastian Haffners "Hitler"-Bändchen in die Hände gefallen, und schon habe man ein neues Schlagwort, mit dem sich Wahlen trefflich verlieren lassen.
In Bayern, dieser "antisozialistischen Bastion" (Strauß), diesem "Hauptherd des Widerstandes" (Strauß), sah man das ganz anders. Ohne Suche nach den gemeinsamen Wurzeln von Sozialismus und Nationalsozialismus kein Heil.
Nicht die deutsche Zukunft, die deutsche Vergangenheit soll aufgearbeitet werden. Und da der Kanzlerkandidat wie sein CSU-Generalsekretär nicht nur Geschichtler, sondern Ideengeschichtler sind, kann eine neue Wahlkampfparole ausprobiert werden, diesmal nicht "Freiheit oder Sozialismus", sondern "Sozialismus gleich Nationalsozialismus".
Hier schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Man verärgert die alten Nationalsozialisten, überwiegend treue Wähler der CDU/CSU, und zwingt auch noch den mißmutigsten alten Sozi an die Urne (Willy Brandt: "Maßlose Empörung insbesondere bei alten Sozialdemokraten"). Wissen die Leute in München nicht, daß der schwammige Begriff "Sozialismus" im Gefühl der Mehrheit der Wähler positiv besetzt ist?
Sie können es nicht wissen, weil sie von ihren eigenen Vorurteilen besessen sind. Hitler und Schmidt müssen in einen Topf, dazu eine trübe Brühe, und dann ein Feuerchen drunter. Das rote Schreckgespenst darf in der Besenkammer nicht ausruhen, es soll wieder herumspuken.
"Ich habe die Diskussion angefangen", bekennt der CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber, studierter Politologe. "Das Erstaunen in der Öffentlichkeit, als Franz Josef Strauß in Essen diese linken Chaoten als beste Schüler Himmlers bezeichnet hat, war der Ausgangspunkt." In der Tat ein erhellender Moment.
Hier sei eine Wissenslücke sichtbar geworden. Und da Generalsekretäre von Parteien in Wahljahren keine dringlicheren Aufgaben kennen, als Wissenslücken zu stopfen, fand Stoiber das eine "hochinteressante Sache", die gemeinsamen Wurzeln zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus freizulegen.
Nicht jeder Generalsekretär hat den Vorzug, einen ausgebildeten Historiker wie Strauß über sich zu wissen. Der gelernte "Studienrat mit Einserexamen" (Strauß über Strauß) war seiner Zunft erst kürzlich aufgefallen, als er Lloyd George, Asquith, Poincaré und den jungen Löwen Winston Churchill auf dem Kehrichthaufen der Mittelmäßigkeit abgeladen hatte.
Jetzt gab er, nachdem er Stoiber inspiriert hatte und von Stoiber rückinspiriert worden war, wieder Proben seiner historischen Durchschlagskraft von sich.
Im Bayrischen Rundfunk, und nicht etwa nach einer Sauftour, ließ er sich den Satz einfallen: "Sowohl Hitler wie Goebbels waren im Grunde ihres Herzens Marxisten." Und: "Hitler hat sogar, ich muß aus dem Gedächtnis zitieren, einmal erklärt, daß der Nationalsozialismus die folgerichtigste und beste Konsequenz der marxistischen Lehre sei."
Nun hat der Hitler das zwar nirgends erklärt, aber vermutlich hätte er, so die Logik von Strauß, den Helmut Schmidt zu seinem legitimen Erben ernannt, wenn er ihn nur schon gekannt hätte.
"Im Grunde seines Herzens" ist Helmut Schmidt sicherlich nach Straußens Meinung kein Marxist. Aber was hilft ihm das, wenn er doch in der SPD so tun muß, als sei er einer? Und wenn der beste Marxist konsequenterweise auch gleichzeitig der beste Nationalsozialist ist?
Als Bub hat Strauß das angeblich sozialistische Kampflied "Brüder in Zechen und Gruben" gehört. Den Text hätten die Nazis "leicht verändert übernommen". Der leicht veränderte Text hieß dann:
Einst war'n wir Kommunisten, Gewerkschaftler und SPD Heut? sind wir Nationalsozialisten, Kämpfer der NSDAP
Den neuen Text hätten dann vielfach "die gesungen, die vorher den alten gesungen" hätten. Schlimmer Irrtum. Dies war nie ein Sozi-, immer ein Nazi-Lied. Der Schluß hieß nie Einst war'n wir Kommunisten, Gewerkschaftler und SPD sondern
Einst warn wir Kommunisten, Stahlhelm und SPD
Aber Strauß und Stoiber wollen selbstverständlich nur "wachrütteln" nicht etwa Wahlen gewinnen. Stoiber: Mein Anliegen ist es ja auch, dieses The. ma auf einem höheren Niveau zu diskutieren. Es wäre mir nicht recht, wenn es unter dem Thema diskutiert wird: Der Stoiber hat die SPD gemeint. Wenn man mir diesen Vorwurf unterstellt, reißt man Gräben auf, die gar nicht da sind, und dieser Graben tut sicherlich unserer Gesellschaft nicht gut.
Dennoch, die Grenzen sind, und dafür kann Stoiber ja nichts, "fließend", und Nationalsozialisten waren nun einmal "in erster Linie Sozialisten". Strauß hinwiederum: "Niemand hat behauptet, daß die SPD dem Nationalsozialismus nahegestanden habe."
Nein, das hatte niemand behauptet. Und sein Vize Friedrich Zimmermann hätte das "vielleicht selbst nicht so formuliert". Immerhin seien aber bei den Nazis "außerordentlich viel sozialistische Züge" zu finden gewesen.
Die von Strauß und Stoiber angeschlagene Melodie übernahm auch bald der Parteinachwuchs. Alfred Sauter, Landesvorsitzender der Jungen Union (JU) Bayern, nannte im "Bayernkurier" die "Jusos, Judos und sonstige Kommunistenspezies" kurzerhand "kriminelle Gestalten", denn: "Sie imitieren auch mit erkennbarer Lernfähigkeit und schneller Auffassungsgabe Methoden der SS und SA sowie der übrigen Nationalsozialisten vor und nach der Machtergreifung im Jahre 1933 ... Nationalsozialisten waren eben auch und vor allem Sozialisten."
Dies ging dem Juso-Vorsitzenden Gerhard Schröder "nun wirklich an die Substanz". In einer Fernsehdiskussion nannte er den JU-Chef einen "miesen Verleumder", und er empfahl Sauter, "die letzte Silbe in seinem Namen besser zu streichen".
Aber es gibt ja auch Tatsachen. Ihnen hat der Kanzlerkandidat der Union auf seinem CSU-Parteitag vor vier Wochen in München folgenden Absatz gewidmet: "Wir werden auch nicht schweigen in dieser Auseinandersetzung, denn schließlich war der Nationalsozialismus auch eine Variante des Sozialismus, und seine große Schwungmasse hat er nicht von dem Strandgut des Ersten Weltkrieges, von den Freikorps? vom verarmten Mittelstand oder vom Bürgertum bezogen. Seine Schwungmasse hat er von den Millionen Sozialisten bezogen, die der SPD damals als Wähler davongelaufen sind."
Einschlägig für diese Strauß-Behauptung sind die Reichstagswahlen von 1928, 1930, Juli 1932 und November 1932. An den Ergebnissen ist abzulesen, daß das Wählerpotential der "Sozialisten" -- SPD, KPD -- in etwa stabil blieb, absolut sogar ein wenig zunahm, von 12414413 (1928) auf 13 231 292 (November 1932). Im Juli 1932 erringt Hitler mehr Stimmen, erstmals, als SPD und KPD zusammen. Etliche tausend SPD-Wähler mögen da übergelaufen sein.
Aber im wesentlichen fand der Austausch statt nicht zwischen SPD und NSDAP, sondern, mit sich verschärfender Weltwirtschaftskrise, zwischen
* Rechts hinten Goebbels.
SPD und KPD. Erkennbar auch, daß frühere Nichtwähler und Jungwähler stärker von der NSDAP, auch von der KPD, als von der SPD mobilisiert wurden.
Die bürgerlichen Mittelstandsparteien verloren hingegen zwischen 1928 und Juli 1932 rund 80 Prozent ihrer Wähler, größtenteils an die Nationalsozialisten. Insgesamt schrumpfte dieser Mittelstandsblock von 7,5 Millionen gleich 24,5 Prozent auf 1,4 Millionen gleich 3,7 Prozent (siehe Graphik Seite 32>.
Soviel zu dem "Davonlaufen der sozialistischen Wähler" hinein in die NS-Schwungmasse.
Man könnte zwanzig seriöse Historiker zitieren, darum genügt einer. In der "Panorama"-Sendung vom 9. Oktober 1979 kommentierte der Freiburger Historiker August Winkler die Strauß-Behauptung so:
Die NSDAP hat vor allem in ihrer Frühzeit versucht, mit links-klingenden Parlen die Arbeiter in das Lager der extremen Rechten zu ziehen. Sie hat damit nicht die Arbeiter gewonnen, sondern nur die Bürger verschreckt. Hitler hat deswegen seit Mitte der zwanziger Jahre immer wieder versichert, sein Sozialismus unterscheide sich radikal von dem der Marxisten. Er wolle nicht die Enteignung der Besitzenden, sondern nur Eigentum für alle.
Seit 1930 fand Hitler dann die Unterstützung einer großen Mehrheit des evangelischen Bürgertums und auch konservativer Führungsgruppen, ich denke an die preußischen Junker und einige prominente Schwerindustrielle, weil er versprach, den Marxismus mit Stumpf und Stiel auszurotten.
Die Wähler der NSDAP, und darüber gibt es überhaupt keine Meinungsverschiedenheit unter den Historikern, kamen ganz überwiegend aus den Reihen des Mittelstandes und der Bauern. Sie hatten vorher für liberale oder konservative Parteien gestimmt oder gar nicht gewählt. Die enttäuschten Wähler der SPD dagegen gingen viel eher zu den Kommunisten als zu den Nationalsozialisten.
Theodor Geiger nannte die NSDAP schon 1932 die "Partei der Mittelstände". Aber haben SPD und FDP ihrerseits früher der Union vorgeworfen, sie lasse die Nachbarschaft zur NSDAP immer noch erkennen? Diesen Punkt reklamiert Stoiber für sich.
Er ist sauer auf den damaligen SPD-Finanzminister Alex Möller, der 1970 im Bundestag gesagt habe: "Die, die diese Weltkriege und die darauffolgenden Inflationen zu verantworten haben, stehen Ihnen (der CDU/CSU) geistig näher als der SPD."
Ersetzt man das Wort "geistig" durch das Wort "politisch" -- man kann das auch lassen -, so hat Alex Möller vollauf recht. Den Ersten Weltkrieg haben nicht die Sozialdemokraten begonnen, sondern die Militärs, Industriellen, Junker, Pastoren und Professoren. Dem Ermächtigungsgesetz für Hitler 1933 hat kein einziger Sozialist zugestimmt. Die ihm zugestimmt haben, waren samt und sonders keine Marxisten, sondern Anti-Marxisten, keine Sozialisten, sondern Anti-Sozialisten, unter ihnen eben auch die "Nationalsozialisten". Wer steht da nun wem "geistig" nahe?
Hat man den Unfug und Unrat des CSU-Kanzlerkandidaten und seines Generalsekretärs erst einmal beiseite geräumt -- Nordlicht Walther Leisler Kiep: "Die letzten Sozialisten in der NSDAP sind 1934 ermordet worden"
so kann man allerdings nach den Elementen eines Sozialismus forschen, die in Hitlers Bewegung zu finden sind oder doch zumindest bis 1934 zu finden waren.
Denn es gab sie ja zu Beginn, die "Linken" in Adolf Hitlers "Nationalsozialistischer Deutscher Arbeiterpartei" (NSDAP).
Sie träumten von einem nationalen Sozialismus. Sie wünschten sich ein Bündnis mit dem Weltproletariat und der Sowjet-Union. Sie zogen mit ihren kommunistischen Gegnern los, um gemeinsam mit ihnen Betriebe zu bestreiken und Gerichtsvollzieher zu verprügeln.
Wo immer ihr Engagement gefordert war, stellten sie sich gegen Kapitalisten, Großbürger und "Plutokraten". Die Politik ihrer Parteiführung attackierten sie als "Revolutionierung des Spießbürgertums", und für den Hurra-Patriotismus der Rechtsparteien hatten sie nichts übrig: "Wir pfeifen auf alle nationalen Phrasen."
Selbst der Mann, den sie "den Führer" nennen mußten, bekam ihre kritische Distanz zu spüren. "Wir brauchen keinen Papst", proklamierten sie, und einer der Ihrigen, ein Parteigenosse namens Goebbels, stellte auf einer Gauleitertagung im Jahre 1926 den Antrag, "den kleinen Bourgeois Hitler" aus der Partei auszuschließen.
Ihre bizarr-tragische Geschichte, lange Zeit vergessen und nur in den Forschungsarbeiten der Historiker weiterlebend, ist plötzlich wieder hochgekommen, seit auf dem Propaganda-Vorfeld der Bundestagswahlen etliche Fehlzünder ausgegraben wurden.
Tagespolitischer Lärm verführt einige Sozialdemokraten, die es besser wissen müßten, dazu, sich mit ihrer berechtigten Empörung zu begnügen. Aber es gab in den Sterbetagen der Weimarer Republik einen NS-Flügel -- unbestrittener Führer Gregor Straßer -, der Ende 1932 auf die Gewerkschaften zugehen wollte, um Hitler zu überspielen.
Ob der Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt war, kann bezweifelt werden. Daß Straßer ihn gewagt hat, steht außer Frage. Und so schrieb ein junger Parteirebell anno 1932: "Das sozialistische Element im Nationalsozialismus im Denken seiner Gefolgsleute" müsse "von uns erkannt werden". Name des Autors: Willy Brandt.
Auch der sozialdemokratische "Reichsbanner"-Publizist Gunther Orsoleck fand 1930, der Unterschied zwischen Linken und Rechten in der NSDAP sei ein "programmatischer Faktor größten Ausmaßes"; die NS-Linke mit ihrem "primitiven Sozialismus" bilde die "einzige Gruppe des deutschen Faschismus, mit der auseinanderzusetzen sich lohnt".
Die Führung der SPD beargwöhnte allerdings jeden Kontakt mit der NS-Linken. Schließlich war die Partei der "November-Verbrecher" das Hauptziel unflätigster Beschimpfungen seitens des Adolf Hitler und seiner SA.
Mag auch eine gewisse Berührungsangst mit im Spiel gewesen sein: Angesichts der Person Hitlers scheint die SPD-Führung den richtigen Riecher gehabt zu haben. Die Chance, Hitler auszuhebeln, war klein, die, sich durch Getechtel mit Hitler-Leuten unnütz schmutzig zu machen, groß. Man darf ja wohl sagen, daß Hitler all seinen innerdeutschen Gegnern überlegen war.
Als im "roten" Sachsen die Landtagswahlen vom Mai 1929 ein Patt zwischen den marxistischen Parteien und dem Bürgerblock hervorbrachten, bot der NS-Fraktionschef Hellmuth von Mücke, ein Anhänger des linken Flügels, im Gegensatz zu Hitlers Absichten den Sozialdemokraten eine Zusammenarbeit an -- Chance für ein Weiterregieren der SPD. Die Sozialdemokraten aber lehnten ab und brachten die vertrauliche Offerte Mückes in die Öffentlichkeit, was zu seinem Sturz führte. Resultat: Sachsen fiel an den Bürgerblock.
Theodor Leipart, Sozialdemokrat und Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), wollte sich im Herbst 1932 an dem Versuch des Reichswehrministers von Schleicher beteiligen, ein neues Kabinett mit Hilfe von ADGB und NS-Linken zur Verhinderung von Hitlers Machtübernahme zu bilden ("Kabinett der Gewerkschaftsachse").
SPD-Fraktionsvorsitzender Rudolf Breitscheid zwang ihn aber im Namen der Mehrheit des Parteivorstands, auf das schon verabredete Gespräch mit dem braunen Anti-Hitler-Frondeur Gregor Straßer zu verzichten. Gregor Straßer wurde 1934, als es gegen Röhm ging, in einem Aufwasch gleich mitermordet.
Marxisten und Nationalsozialisten waren Todfeinde von Anfang an -- und dennoch waren die beiden Sozialismen auf eine seltsame, fast makabre Art ineinander verstrickt.
Am meisten fielen gemeinsame Äußerlichkeiten zwischen den beiden Parteien auf. Denn: Niemals bis dahin ist eine große Partei von einem Emporkömmling hemmungsloser und erfolgreicher kopiert worden als die SPD durch Hitlers Bewegung. "Ich habe vom Marxismus viel gelernt", gestand Hitler einmal. "Diese neuen Mittel des politischen Kampfes gehen ja im wesentlichen auf die Marxisten zurück. Ich brauchte nur diese Mittel zu übernehmen und zu entwickeln und hatte im wesentlichen, was uns not tut." (An diese Stelle scheint Strauß sich -- fälschlich -- erinnert zu haben).
Das schreiende Rot der Fahnen und Versammlungsplakate, die Straßenumzüge der Parteigänger, die Propagandafahrten der Mannschaftswagen mit gestikulierenden, singenden Anhängern, die Großkundgebungen -- das alles war so unverkennbar der SPD abgeschaut. daß sie zu Recht von einem dreisten Plagiat sprach.
Die SPD-eigene "Münchner Post" erboste sich 1923: "Sozialistisch ist eine der Sozialdemokratie entwendete Wortbildung. Auch der Ausdruck "Parteigenosse? ist der Sozialdemokratie gestohlen."
Hitlers modisch-raffinierter Kampfstil paßte freilich kaum zu den biederen Handwerkern und Arbeitern, die sich in den ersten Nachkriegstagen am Stammtisch des Münchner Lokals "Fürstenfelder Hof" um den Eisenbahnschlosser Anton Drexler geschart und im Januar 1919 einen politischen Verein gegründet hatten, dem sie einen pompösen Namen gaben: Deutsche Arbeiterpartei (DAP).
Der Name war ein Etikettenschwindel, wie man ihn damals in fast allen Parteien rechts von der SPD betrieb. Kurz nach der scheinbar erfolgreichen Revolution wollte sich jede Partei möglichst progressiv und sozialistisch geben; selbst die Deutschnationale Volkspartei, reaktionärste Spielart der Parteien, konzedierte in ihrem Programm die "Überführung der Privatwirtschaft in die gemeinwirtschaftliche Betriebsform".
Solchem "Modesozialismus" (Hitler-Biograph Werner Maser) mochte sich auch Drexler nicht verschließen. In seine DAP-"Richtlinien" schrieb er hinein, die Partei sei "eine aus allen geistig und körperlich schaffenden Volksgenossen zusammengesetzte sozialistische Organisation, die nur von deutschen Führern geleitet sein darf, welche alle eigennützigen Ziele zur Seite stellen". Der Text verriet schon, daß Drexler nicht die human-emanzipatorischen Motive des marxistischen Sozialismus bewegten, die er gar nicht verstand. Ihn und seine Freunde trieb der nationalistische Trotz gegen die Kriegsniederlage, ihn hielten die kleinbürgerlichen Ressentiments gegen Juden, Marxisten und Kriegsgewinnler in Erregung.
Drexler tat sich denn auch immer schwer, seinen "Sozialismus" zu definieren. Über die Wiedergabe einiger Postulate der christlichen Soziallehre kam er nicht hinaus; "Versöhnung der Klassen" war ungefähr alles, was ihm zum Stichwort "Sozialismus" einfiel.
Der Rest seiner Richtlinien war völkisch-antisemitisch aufgeladene Mittelstands-Ideologie: "Nicht Sozialisierung, sondern Gewinnbeteiligung für den deutschen Arbeiter ... Hebung des Handwerks ... Vergrößerung und Festigung des Mittelstandes auf Kosten des Großkapitalismus."
Mit diesem Programm aber konnte der Ex-Gefreite Hitler nichts anfangen, der plötzlich an einem Septembertag des Jahres 1919 in die Stammtisch-Beschaulichkeit der DAP eingebrochen war und sich seither in den Kopf gesetzt hatte, diese kleine, armselige Partei zum Transmissionsriemen seines politischen Ehrgeizes zu machen.
Der Demagoge Hitler (Drexler: "Mei, der hat a Gosch?n") suchte nach Formeln, die der Partei inmitten eines von Niederlage und Umsturz aufgewühlten Landes Zugang zu den gesellschaftlichen Gruppen eröffneten, in denen er schon die Reservoirs der kommenden Massenbewegung witterte: dem unpolitisch gebliebenen, aller modernen Emanzipation abholden Kleinbürgertum, den Tausenden heimkehrender, desorientierter Soldaten und den Intellektuellen des rechtskonservativen Lagers.
Er fand eine Formel, schwammigvage und doch so zündend, daß sie später viele Deutsche in ihren Bann schlug: Nationalsozialismus. Hitler war beileibe nicht ihr Erfinder, sie lag gleichsam in der Luft, war schon von vielen gedacht und "ventiliert" worden.
Nationalsozialismus -- das schien die Lösung aller Probleme zu sein: die beiden mächtigsten, miteinander verfeindeten Ideen des 19. Jahrhunderts zu vereinigen und durch Überwindung des Klassenkampfes eine wirkliche "Volksgemeinschaft" zu begründen.
Der phantasielose Drexler mochte freilich die Formel nicht, sie klang ihm zu revolutionär, zu "sozialistisch". Doch seine Anhänger drängten ihn, die Partei entsprechend umzubenennen. Drexler gab nach: Am 5. Januar 1920 beantragte er im Arbeitsausschuß der DAP, dem Parteinamen das Wort "nationalsozialistisch" beizufügen. Aus der DAP wurde die NSDAP.
Das aber genügte dem Redner und Versammlungs-Organisator Hitler noch nicht. Er verlangte nach einem Papier, mit dem er Kundgebungen bestreiten konnte, er wollte ein Programm haben, schlicht genug, um die Misere des Landes und die Ungereimtheiten der modernen Industriegesellschaft auf einen einzigen Erreger -- den Juden -- zurückführen zu können, mit dessen Beseitigung sich zugleich alle Probleme erledigen würden.
Drexler entwarf ein 25-Punkte-Programm, dessen Leitsätze er meist den Erklärungen anderer nationalistischer Parteien entnahm. Ein Redaktionskomitee der DAP überarbeitete den Text noch einmal.
Drexlers Programm enthielt bereits die Grundzüge Hitlerscher Eroberungs-, Macht- und Rassenpolitik: die Forderung nach Lebensraum zur "Ansiedlung unseres Bevölkerungs-Überschusses", nach Maßnahmen gegen Juden (Punkt 4: "Kein Jude kann Volksgenosse sein") und einer autoritären Staatsführung.
Das Programm wäre wieder auf den Positionen des Mittelstands stehengeblieben, hätte ihm nicht der Ingenieur Gottfried Feder bei der Formulierung einiger Programmpunkte assistiert, der wegen semer recht krausen Finanztheorien ("Brechung der Zinsknechtschaft") unter den Parteigenossen als Sozialist galt.
Feder verkörperte allerdings, so der Faschismus-Forscher Ernst Nolte, "jenen Schmalspursozialismus, der den gesellschaftlichen Pelz waschen, aber keinesfalls naß machen will, der alle Ressentiments des Marxismus hat und doch die industriellen Verhältnisse im wesentlichen unangetastet läßt".
Immerhin arbeitete Feder fünf Punkte in das Parteiprogramm ein, die sich auf den ersten Blick recht sozialistisch lasen. Sie forderten
* Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens, Brechung der Zinsknechtschaft,
* restlose Einziehung aller Kriegsgewinne,
* Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten Betriebe, > Kommunalisierung der Groß-Warenhäuser und
* Abschaffung des Bodenzinses und Verhinderung jeder Bodenspekulation.
Feders Forderungen erwiesen sich zum größten Teil als reine Demagogie, zumal seine Thesen realitätsfern und mit den Grundsätzen modernen Wirtschaftens nicht in Einklang zu bringen waren.
Das wußte niemand besser als Hitler, der Feder ohnehin für einen "Narren" hielt. Trotz seiner antibürgerlichen Affekte war Hitler kein Sozialist; zudem hatten für ihn, wie für andere große Volksführer, Parteiprogramme nur propagandistisch-manipulativen Wert.
So geriet das 25-Punkte-Programm der NSDAP bald nach seiner Verkündung am 24. Februar 1920 in Vergessenheit. Ab Sommer 1921, kurz nachdem sich Hitler als "Führer" an die Spitze der NSDAP gesetzt hatte, war das Programm nur noch ein Fetzen Papier. Goebbels: "Wollte Gott, wir hätten von diesen unglücklichen 25 Punkten nie etwas gehört!"
Denn es gab Nationalsozialisten, die es mit dem parteioffiziellen "Sozialismus" durchaus ernst meinten.
Die Argumente bezogen die NS-Linken aus einem Kreis junger Intellektueller, in dem zwei Brüder aus Niederbayern den Ton angaben: Gregor und Otto Straßer. Sie waren trotz einiger Bedenken zur NSDAP gestoßen, Otto erst auf dem Umweg über den Marxismus (im Kapp-Putsch von 1920 hatte er noch eine Rote Brigade geführt).
Das Erlebnis der Kameradschaft im Schützengraben an der Front, die alle Standesunterschiede aufzuheben schien, und der Erfolg der staatlich gelenkten Kriegswirtschaft mit ihrer Zwangslösung sozial-ökonomischer Probleme ließen die beiden Straßers an einen "deutschen Sozialismus" glauben, in dem der Staat die Nationalwirtschaft lenkt und den Arbeiter von aller gesellschaftlichen Benachteiligung befreit. Hauptfeind auch bei ihnen: der "jüdische Internationalismus".
Bei den Straßers gab es einige Berührungspunkte mit dem Marxismus: der Kampf gegen die aus der wilhelminischen Ära stehengebliebenen feudalistisch-restaurativen Strukturen, das Eintreten für die Weiterentwicklung des Sozialstaates (Gregor Straßer: "Wir wollen keine almosenhafte Sozialpolitik") und die dröhnende Kampagne gegen den "undeutschen" Kapitalismus.
Die arbeiterfreundlichen Thesen der beiden Straßers fanden vor allem bei den nord- und westdeutschen NS-Gruppen Anklang, die alle Mühe hatten, im Ruhrgebiet mit seiner stramm sozialdemokratisch-kommunistischen Arbeiterschaft propagandistisch voranzukommen. Selbst jene Angestellten der Großbetriebe, die sich als Arbeitnehmer verstanden, hörten eher auf Straßers sozialistische Parolen denn auf die der Münchner Nazis.
Gregor Straßer hatte sich bereits als Wortführer der nord- und westdeutschen Nationalsozialisten so fest etabliert, daß sich Hitler mit ihm arrangieren mußte, als er -- Ende 1924 vorzeitig aus der Haft entlassen -- daranging, die NSDAP erneut aufzubauen. Im März 1925 erhielt Straßer, der schon vor dem Münchner NS-Putsch Gauleiter von Niederbayern gewesen war, von Hitler den Auftrag, eine norddeutsche Parteiorganisation zu schaffen.
Straßer sammelte die verstreuten NS-Gruppen im Norden und Westen und vereinigte sie nach mühevollen Verhandlungen zu einer "Arbeitsgemeinschaft der nord- und westdeutschen Gaue der NSDAP". Der Niederbayer übernahm die Leitung, zum Geschäftsführer erwählte er sich einen quicken Rheinländer, der nichts als sozialistisch und radikal sein wollte: Joseph Goebbels. 1926 wurde der 29jährige Gauleiter von Berlin und fiel bedingungslos zu Hitler um.
Gregor Straßer aber, inzwischen Reichspropagandaleiter, sah eine Chance, die Basis der NS-Linken auszuhauen. Jetzt kam die Stunde seines Bruders: Otto Straßer ging nach Berlin und gründete dort im März 1926 (ohne vorherige Zustimmung Hitlers) den "Kampfverlag", der mit seinen sechs Wochen- und drei Tageszeitungen zeitweilig zur größten publizistischen Macht innerhalb der NSDAP wurde.
Unter einem eigenen Wahrzeichen (Hammer und Schwert über einem Hakenkreuz) verbreiteten die Blätter der Brüder Straßer ihre sozialistische Botschaft. "Einziges dem Leibkapital nicht dienstbares Arbeiterorgan Berlins" nannte sich Straßers "Berliner Arbeiterzeitung", und das war ein Programm: Die Straßers und ihre Freunde ließen nicht davon ab, den Nationalsozialismus sozialistisch zu interpretieren.
Dabei schlugen die Straßer-Blätter auch gegenüber den Arbeiterparteien Töne an, die so gar nicht zu der antimarxistischen Haßkampagne der Hitlerschen NSDAP paßten.
Die "Nationalsozialistischen Briefe", eine Kreation der Brüder Straßer? bekundeten ihre "Verbundenheit" mit der "deutschen Arbeiterbewegung, ja der "marxistischen? Bewegung", und erwiesen sogar dem Marxismus-Mitbegründer Friedrich Engels als einem "geistig hochstehenden Menschen" ihre Reverenz.
"Bei jedem Arbeitskampf", registriert der Historiker Kühnl? "bei jedem Protest gegen Teuerungen und gegen den Abbau der Sozialleistungen stand die Kampfverlag-Presse in einer Front mit den "Marxisten'." Und der Straßer-Vertraute Franz Stöhr? Abgeordneter der NSDAP, erklärte im Reichstag, seine Partei und die SPD wollten doch beide im Grunde dasselbe, nämlich die sozialistische Republik.
Wenn die Straßer-Blätter die SPD attackierten, dann immer nur von links -- als feige, korrupt und verbürgerlicht. "Der Nationale Sozialist" echauffierte sich: "Das haben die Schurken von der SPD aus dem deutschen Proleten gemacht: aus ihm, der einmal das Geschick der Welt in Händen hielt!"
Mit solcher Demagogie konnte zwar das Straßer-Lager nicht in die festgefügte Front der marxistischen Arbeiterparteien eindringen, wohl aber in den äußeren Rändern der Arbeiterschaft, unter Nichtwählern und jungen, nach Taten verlangenden Menschen Zulauf erhalten.
Die Macht der Straßers in der Partei wuchs von Monat zu Monat: In West- und Norddeutschland, in Sachsen und Thüringen standen ihre Vertrauten an den Hebeln des Parteiapparates.
Seit Gregor Straßer im Januar 1928 Reichsorganisationsleiter? eine Art Generalsekretär der Partei, geworden war, galt sein Name "beinahe mehr als jener von Hitler", wie sich der ehemalige Gauleiter Albert Krebs erinnert. Er kontrollierte den Parteiapparat? ihm folgten die meisten Gauleiter, zu ihm hielt fast die Hälfte der Reichstagsfraktion.
So stark schien Straßers Position, daß manche schon das Ende Hitlers gekommen sahen. Ein Geheimbericht des Reichsinnenministeriums hielt 1930 fest, das sozialistische Straßer-Lager habe sich in der Partei durchgesetzt, jetzt sei sicher, "daß die NSDAP genau die gleichen Ziele verfolgt wie die KPD". Und die "Weltbühne" prophezeite bereits, "daß der Zeitungskönig Straßer eines nicht sehr fernen Tages seinen Herrn und Meister Hitler in die Ecke stellt".
Hitler ließ jedoch das Straßer-Lager unangetastet, solange die Partei keine Chance hatte, an die Macht zu kommen. Er taktierte so vorsichtig und unverbindlich, daß die beiden Straßers ernsthaft glaubten, am Ende werde sich auch Adolf ihnen anschließen.
Doch als Anfang 1930 die katastrophalen Folgen der Weltwirtschaftskrise spürbar wurden und schlagartig die innenpolitische Szene in Deutschland veränderten, trat Hitler gegen die Straßers an. Denn der linke Flügel der Partei drohte zu ruinieren, was Hitler seit Jahren mühevoll anbahnte: das Bündnis mit den bürgerlich-konservativen Mächten, ohne deren Hilfe er niemals in die Berliner Reichskanzlei hätte einziehen können.
Hitler zermürbte Otto Straßer? der sich mit Gregor über taktische Fragen entzweit hatte. Am 4. Juli 1930 verkündeten die Schlagzeilen der Kampfverlag-Presse: "Die Sozialisten verlassen die NSDAP." Wenige Monate später war der Verlag bankrott.
Als somit offenbar wurde, daß Hitler das Bündnis mit der Rechten suchte, keimte in der SA der Verdacht auf, die Parteitruppe sei dem nach Macht und Respektabilität drängenden Führer ein Hindernis. Den Verdacht trugen Handzettel weiter, die plötzlich in SA-Lokalen auftauchten: "Adolf verrät uns Proletarier!"
Führer der SA stellten daraufhin Hitler die Frage, wie er es mit dem Sozialismus halte. Als Hitler auswich, trat Ostdeutschlands ranghöchster SA-Führer Walter Stennes mit seinen Einheiten in den Streik -- und dies in einem für die Partei entscheidenden Augenblick: Im September 1930 sollte ein neuer Reichstag gewählt werden, zum erstenmal hatte die NSDAP eine Chance, die Verbitterung der Arbeitslosen und Deklassierten für das Hakenkreuz auszubeuten.
Die SA, bisher schlagkräftigster Helfer im Wahlkampf, weigerte sich, Berliner Wahlkundgebungen der Partei zu schützen, solange man nicht ihre Forderungen nach mehr Sozialismus erfülle. Ihr Groll richtete sich gegen den Mann, der auch Gregor Straßer als Verräter galt: Goebbels.
Er war es gewesen, der im Auftrag Hitlers die Kampagne gegen den Kreis um Otto Straßer angefacht hatte. Er war es, der den Einfluß der SA zurückdämmen wollte. Er war der Informant, der jede Kritik an Hitler nach München weitermeldete. Gegen ihn schlug die Berliner SA los.
In der Nacht vom 29. zum 30. August 1930 überfielen Rollkommandos der SA die Geschäftsstelle der Berliner Gauleitung in der Hedemannstraße, überwältigten die Wachen und zerschlugen das Mobiliar, wobei sie die Internationale sangen -- "aus Daffke", wie sie später sagten. Goebbels stürzte in den nächsten Zug und reiste nach München, um seinem Führer zu melden, was geschehen war.
Kurz darauf stand Hitler vor Stennes und beschwor ihn, die Partei nicht zu verlassen. Mit Tränen in den Augen zog Hitler von einem SA-Lokal zum anderen und drängte die SA-Männer, ibm weiterhin zu vertrauen. Er versprach, die Forderungen von Stennes zu erfüllen. Die SA-Männer ließen sich besänftigen.
Kaum aber hatte Hitler den ersten sensationellen Reichstags-Wahlerfolg seiner Partei (18,3 Prozent der Wähler hatten für die NSDAP gestimmt) hinter sich, da rächte er sich für die Berliner Unbill. Er löste den SA-Chef Pfeffer von Salomon ab und stellte seinen alten Freund Ernst Röhm an die Spitze der SA. Der, mehr Landsknecht als Sozialist, wurde 1934 mit Gregor Straßer von Hitler ermordet.
Die Reichstagswahl im November 1932 brachte der NSDAP einen Verlust von zwei Millionen Stimmen. Hitler, dessen Kassen leer waren, schien zu hoch gespielt zu haben. Gregor Straßer, auf ein Übereinkommen mit der Reichswehr und mit den Gewerkschaften erpicht, traf mit ihm eine sensationelle Übereinkunft, die erst kürzlich durch die Forschungen des Historikers Udo Kissenkoetter bekanntgeworden ist. Kissenkoetter faßt die mündliche Hitler-Straßer-Absprache so zusammen:
Straßer wird als Vizekanzler, einige andere NS-Führer werden als Minister in eine Regierung Schleicher eintreten. Das Arbeitsbeschaffungsprogramm der NSDAP wird Grundlage des Regierungs-Programms sein. Hitler selbst zieht sich auf eine Art Ehrenvorsitz der Partei mit allerdings erweiterten Vollmachten zurUck. Zu seiner wirtschaftlichen Absicherung bekommt er den gesamten (der Partei gehörenden) Eher-Verlag einschließlich des "Volkischen Beobachters" überschrieben, nachdem der Verlag und die gesamte Partei von Schleicher finanziell saniert worden sind.
Das hätte bedeutet: Hitler zieht sich aus der Politik zurück, Straßer übernimmt die Führung. Der Flügelmann der NS-Linken, so will es Kissenkoetter erscheinen, hielt "für einen kurzen historischen Augenblick die Geschicke Deutschlands in den Händen".
An dem Reichswehrminister Schleicher konnte die Lösung der Krise nicht mehr scheitern, denn Straßer einigte sich mit ihm rasch. Am 29. November ließ Straßer seinen Führer in München wissen, er möge sofort nach Berlin kommen, damit die Verständigung mit Schleicher perfekt werden könne.
Hitler nahm noch am gleichen Tag den D-Zug, der München um 21.20 Uhr verließ. Doch als Straßer und ein Vertreter Schleichers am nächsten Morgen auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin Hitler begrüßen wollten, war dessen Schlafwagenabteil leer. Hitler war unterwegs ausgestiegen.
Kurz darauf erfuhr Straßer, daß Hitler seine Meinung geändert hatte. Der Reichstagspräsident Hermann Göring, dem Schleicher einen Ministerposten verwehrt hatte, war Hitler per Auto entgegengefahren und hatte ihm das Straßer-Projekt wieder ausgeredet.
Noch einmal versuchte Straßer, seinen Führer umzustimmen. Bei einer Unterredung in Weimar blieb er jedoch isoliert, kaum einer seiner Anhänger unter den NS-Führern unterstützte Straßer. Der zuckerkranke Mann, noch an den Folgen eines schweren Skianfalls leidend, gab auf. Triumphlerend notierte sich Goebbels: "Straßer hat auf der ganzen Linie verloren."
Sein Rücktrittsbrief an Hitler verriet, daß er seiner Konzeption treu blieb. Er wandte sich gegen "die brachiale Auseinandersetzung mit dem Marxismus", die nicht zum "Mittelpunkt der innenpolitischen Aufgabe" werden dürfe; es gehe darum, "eine große, breite Front der schaffenden Menschen zu bilden" und den Staat "zur Durchführung des deutschen Sozialismus in allen seinen Konsequenzen fähig zu machen".
Als dieser letzte braune Sozialist 1934, gleichzeitig mit dem Ehepaar Schleicher, ermordet wurde, war er 42 Jahre alt. Seine Urne wurde nicht beigesetzt. Sie steht noch heute in der Wohnung der Witwe Else Straßer.

DER SPIEGEL 44/1979
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„Die letzten wurden 1934 ermordet“

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