DER SPIEGEL



EDELMETALLE

Aus den Fugen

Nach dem Gold haben die Spekulanten auch das Silber entdeckt. Der Preis hat sich in zehn Monaten fast verdreifacht.

Millionen Münzsammler sind maßlos enttäuscht", klagte Horst Winskowsky, Vizepräsident der "Gesellschaft für internationale Geldgeschichte". Was den deutschen Sprecher des renommierten Münzsammler-Klubs am meisten ärgert, ist der "Rückzieher Bonns in letzter Minute".

Zwei Tage vor dem vorgesehenen Ausgabetermin, am Montag vergangener Woche, hatte das Bundesfinanzministerium beschlossen, die neue Silber-Gedenkmünze nicht auszuliefern. Die Fünfmarkstücke zu Ehren des Atomforschers Otto Hahn bleiben vorerst in den Filialen der Deutschen Bundesbank liegen.

Die Bonner konnten wohl nicht anders. Denn die neue Münze ist -- wegen der Preisexplosion am Silbermarkt -- längst mehr wert als fünf Mark. Sie zum Nennwert abzugeben, hieße Geld verschenken.

Das Gedenkstück enthält sieben Gramm Silber. Zum aktuellen Marktpreis (1030 Mark pro Kilo) müßten allein schon diese sieben Gramm sieben Mark und 21 Pfennig kosten.

Hinzu kommen noch, so die Kalkulation der Münzexperten im Finanzministerium, 24 Pfennig Prägekosten pro Silberling sowie 94 Pfennig für die Mehrwertsteuer und· weitere zwei bis drei Pfennig für den Kupferanteil. Zu heutigen Preisen lägen damit die Herstellungskosten des Silber-Hahn bei 8,42 Mark.

Die drastisch erhöhten Silberpreise haben inzwischen auch alle anderen Silberprägungen vergangener Jahre im Wert steigen lassen. Inflationsangst, Sammlerwut und Silberfieber haben die Fünfmarkstücke, Europas letzte Zahlungsmittel in Silber, die seit 1951 in 73 Varianten mehr als 260 Millionen Mal geprägt wurden, zu einem Hit für Horter und Spekulanten gemacht.

Besonders begehrt ist die Prägung in Spiegelglanz. Noch 1966 zählte Bonns offiziöse Verkaufsstelle für Sammlermünzen in Bad Homburg, die ihre Kundschaft regelmäßig mit sämtlichen Neuprägungen beliefert, magere 1400 Spiegelglanz-Abonnements. Den silbernen Otto Hahn wollten die Homburger schon 350 000 mal in Glanzausgabe verteilen.

Nach der Auslieferungssperre für Otto Hahn müssen die Sammler mit weiteren Preissteigerungen für ältere Münzen rechnen. Sie sind oft froh, selbst so schlichte Serien zu ergattern wie einen Stempelglanz-Satz der letzten vier 1974 erschienenen Silber-Fünfer -- zu weit über 50 Mark pro Satz.

Was die Kauflust der Silbersammler erst richtig anheizt, ist die seit drei Monaten anhaltende Preis-Hausse für das Edelmetall (siehe Graphik). An den Metallbörsen London, New York und Chicago ist der Silberhandel, der lange Zeit im Schatten des populären Goldgeschäftes stand, völlig aus den Fugen geraten.

Allein im September stiegen die in London notierten Preise um 49 Prozent. Die Silberpreise haben sich in den vergangenen zehn Monaten fast verdreifacht und kletterten damit weit stärker als der Goldpreis.

"Das kann man", stöhnt der Generalbevollmächtigte der Frankfurter Metallschmelze Degussa, Werner Knies, "nicht mehr als geordnete Marktverhältnisse bezeichnen."

Geordnete Verhältnisse sind in naher

Zukunft nicht zu erwarten. Die indischen Silberhändler, die noch in den

Vorjahren die chronische Lücke zwischen Silberförderung und industriellem Verbrauch durch Abbau ihrer Vorräte geschlossen hatten, stoppten im Februar dieses Jahres ihre Exporte

in den Westen. Als dann auch noch

Mexiko als größter Produzent der Welt (Silberförderung 1978: 53,4 Millionen Unzen) seine Ausfuhren fast halbierte,

gab es bei den Preisen kein Halten mehr.

Obendrein verweigerte der amerikanische Kongreß eine seit langem diskutierte Freigabe von 15 Millionen Silberunzen aus den US-Reserven. So könnte es, befürchtet Degussas Silberexperte Knies, schon vor dem Jahreswechsel zu "einem Engpaß in der Silberversorgung des Marktes" kommen. Es müsse befürchtet werden, daß einige kapitalstarke Spekulanten auf "Erfüllung ihrer Dezember-Kontrakte bestehen" und damit auf Auslieferung des auf Termin gekauften Silbers pochen werden. Aus Angst vor einer Silber-Panik wollen die Börsenchefs von Chicago und New York nur rund ein Zehntel der fälligen Mengen ausliefern.

Kein Wunder, daß sich längst auch deutsche Bankiers auf die Lage eingestellt haben und am Edelmetall-Fieber kräftig verdienen. Die Nachfrage nach den mehrwertsteuerfreien Silberzertifikaten der Deutschen Bank -- der Kunde kauft eine Mindestmenge von eintausend Unzen und erhält darüber ein Zertifikat -- schnellte in den letzten sechs Wochen um fast 50 Prozent in die Höhe. Die Metallhändler der Westdeutschen Landesbank berichten: "Die Käufe von Silberbarren haben sich seit dem Sommer vervierfacht."

Da wollen dann alle im Gold- und Silberstrom schwimmen. Seit Mitte Oktober bietet die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank ihren Kunden Gold- und Silberdepots -- steuerfrei -- in Luxemburg. Und die Hamburger Privatbank Marcard & Co startet Anfang November das erste "Goldaufbaukonto" Deutschlands -- die Metall-Horter lassen Monat für Monat für einen bestimmten Betrag die Barren und Münzen in ihrem Safe aufstocken.


DER SPIEGEL 44/1979
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