26.11.1979

TERRORISTENHinter dem Vorhang

Terroristen sammeln sich offenbar in der Schweiz zu neuen Attentaten. Di Waffenarsenale sind voll, nur die Kasse ist knapp. Deshalb wird, vermuten Fahnder, „mit höchstem Risiko Kleingeld“ gemacht.
An einem Montag, dem 19. März,
stürmten zwei Frauen und ein Mann in Darmstadt eine Filiale der Bank für Gemeinwirtschaft und eröffneten sogleich das Feuer -- mit Colts, Kaliber 45.
Ein 6ojähriger Rentner schwang einen Prospektständer und schlug das Trio in die Flucht. Die Täter entkamen mit mageren 50000 Mark -- in einer blauen Segeltuchtasche.
Als später der Flucht-Renault entdeckt wurde, sicherten Kriminalbeamte ein Lotterielos ("Der große Preis") in der Tasche eines Trenchcoats, der herrenlos im Fond lag. Das Blankopapier trug die Fingerabdrücke des Alemannen Christian Klar, 27, aus Lörrach.
An einem Montag, dem 19. November, drangen drei Männer und eine Frau in Zürich in eine Niederlassung der Schweizerischen Volksbank ein und bedrohten das Personal -- mit Colts, Kaliber 45.
Die Täter bedienten sich an den Kontokorrent-Schaltern 1, 3 und 4 und sackten 138 000 Franken in einen Plastikbeutel, 335 000 Franken -- in eine blaue Segeltuchtasche ein. Draußen, beim Brunnen an der Ecke Füsslistraße/St.-Anna-Gasse, schwangen sie sich auf Fahrräder und "pedalten" (so die "Neue Zürcher Zeitung") in Richtung Bahnhof. Einer sprach eine Art Zürcher Dialekt -- wieder der Alemanne Christian Klar aus Lörrach bei Basel?
In Fußgängerzone und Ladenpassage kam es zu einer wilden Schießerei: eine Tote, mehrere Schwerverletzte, ein Täter gefaßt, drei entkommen.
Daß die Überfälle von Darmstadt und Zürich, wie auch Bankraube der jüngsten Zeit in Nürnberg und Genf, "wie eine Kette zusammengehören" (ein Zielfahnder) erschließt sich der deutschen und schweizerischen Polizei aus mancher Parallele im Asservatenbestand und beim Tathergang.
Vor allem aber: Die Raubserie zeugt von einer finanziellen Dauermisere der Terroristen, die nicht mehr, wie früher, über Millionen verfügen. Folglich "müssen sie jetzt immer wieder", schließt ein Sprecher des Bundeskriminalamts (BKA), "bei höchstem Risiko Kleingeld machen".
Tatsächlich steht der Etat der flüchtigen Buback-, Ponto- und Schleyer-Mörder dem Umsatz eines mittleren Unternehmens kaum nach: Sie haben,
* Unterirdische Ladenpassage "Shop-Ville".
schätzt das BKA, allmonatlich die Miete für rund zwanzig konspirative Kurier- und Kommandowohnungen aufzubringen, die Kosten einiger Dutzend Autos zu tragen, die Tickets aufwendiger Fernflüge zu bezahlen. Nicht zuletzt ist da auch noch regelmäßig "Sold" an die eigenen "Fighter" (RAF-Jargon) fällig.
Die Millionen indessen, welche die RAF noch aus der 1977 gezahlten Lösegeldsumme (4,5 Millionen Mark) des damals entführten Wiener Textil-Industriellen Walter Michael Palmers hortet, sind derzeit offenbar für die Kader unerreichbar: Gewisse Nummernkonten bei Banken in Zürich -- heißt es unter Sicherheitsexperten diskret -- seien blockiert; kürzlich Inhaftierte oder Erschossene hätten ihren Genossen in Freiheit den Kode nicht verraten.
Und schon 1977, als die Terroristin Gabriele Kröcher-Tiedemann, nach Ansicht von Fahndern Teilnehmerin am Wiener Opec-Überfall, im Schweizer Jura gefaßt wurde, flossen die Gelder aus Palästinenser-Quellen an die "westdeutschen Legionäre" (PLO-Terminus) längst nicht mehr so reichlich wie einst. "Gabi" (Deckname: "Nada") hatte vielmehr registrierte Scheine aus dem Palmers-Geld im Wagen versteckt -- damals eines der ersten Indizien für das BKA, "daß da jetzt eine Kriegskasse in der Schweiz sein muß".
Ein anderer Fund im Fond zeigte an, daß sich westdeutsche Terroristen auf konspirative Beihilfe Züricher Genossen stützen können: Kodeworte wie "Käse 1", "Käse 2" in Papieren der Kröcher-Tiedemann wurden als Hinweise auf Kurierwohnungen, Waffendepots und eine Paßfälscherwerkstatt gedeutet.
Im Zusammenspiel der westdeutschen Gruppen RAF, "2. Juni" und "Revolutionäre Zellen" mit den italienischen "Roten Brigaden" beim Austausch von Waffen, Sprengstoff und Falschpapieren war die Schweiz in den vergangenen Jahren eine Drehscheibe gewesen, eine "heimliche Nische", wie BKA-Chef Horst Herold formuliert.
Wenn Cheffahnder Herold an Hand der Computer-Ausdrucke der "Beobachtenden Fahndung" ("Befa 7") aus einem Kreis von "600 bis 700 hochgefährlichen Personen des Umfelds" immer wieder einige in die Schweiz reisen sah, war für ihn klar: Ein "oft berufs- oder einkommensloser Personenkreis" erschwand da "hinter einem Vorhang im Dunkeln, hinter dem Freiräume für Treffs, Versorgung, Planung und Bereitstellung existieren".
Folgt man den Prognosen, die Herold immer wieder in den Lagebesprechungen der Sicherheitsexperten stellt, dann steht der Bundesrepublik im Wahljahr 1980 "ein neuer großer Schlag vom Kaliber Schleyer" bevor -- und eine der Basen für diese Aktion soll die Schweiz sein.
Ziel eines Attentats, kombiniert der BKA-Chef, sei entweder das BKA in Wiesbaden oder aber ein Bonner Spitzenpolitiker. Herold über Vorbereitungen und Logistik der Terroristen: "Wohnungen, Waffen, Funkfernzünder, Raketenwerfer -- alles ist vorhanden für solch einen Schlag, nur das Geld noch nicht."
Auch die 138 000 Franken, mit denen die Terroristen in Zürich einstweilen entkommen konnten, reichen nicht lange. Neue Banküberfälle stehen nach Kriminalisten-Kalkül bevor.
Drei der Züricher Täter, darunter wahrscheinlich Klar, hielten sich bis Ende vergangener Woche vermutlich noch in einer konspirativen Wohnung versteckt. Den vierten Mann nahm die Polizei auf einer Bank an der Trambahnhaltestelle "Bahnhofquai" fest: Rolf Clemens Wagner, 35, Volkswirtschaftler und Jurist (neun Semester), der als der große Stratege des "Kommandos Siegfried Hausner" bei der Schleyer-Entführung gilt.
Im vergangenen Jahr war er schon einmal mit drei Komplizen in Zagreb verhaftet, von der jugoslawischen Regierung dann aber nach langem diplomatischem Ringen mit Bonn in den Irak abgeschoben worden. Wagners Spur blitzte seither immer wieder auf -- bei seinen Flügen aus Nahost nach Europa via Tunis zum Beispiel. Um "Einzelkämpfer wie ihn", meint Herold, hätten sich in der Terrorszene heute "neue starke Satellitenringe gebildet".
Wagner, zeitweilig offenbar drogenabhängig, war schon bei fast einem Dutzend Bankrauben dabei. "Du bist über den Fluß gegangen", schrieb ihm in einem offenen Brief ein Freund. Über den Fluß, das sollte heißen: Er schoß auf jeden, der sich ihm in den Weg stellte.
Auch in Zürich. Wagner floh mit der Segeltuchtasche voll geraubten Geldes in die unterirdische Ladenstraße "Shop-Ville" und ballerte um sich. "Alles ging durcheinander", erinnert sich Anzugverkäufer Sergio Ahl, ein Augenzeuge: "Plötzlich riß eine Frau die Hände vor den Kopf und brach unmittelbar neben der Rolltreppe zusammen. Dann sah ich den getroffenen Polizisten, wie er sich etwa dreißig Meter vom Tatort weg in die Nische eines Treppenaufgangs schleppte. Dort brach er vollends zusammen."
Augenzeuge Heinz Baumgartner, gerade im Lokal "Silberkugel" beim Frühstückskaffee, sah mit an, wie Wagner die 56jährige Hausfrau Edith Kletzhandler erschoß: "Da packte mich die Wut, ich rannte hinaus."
Der Augenzeuge verfolgte Wagner auf dem Bahnhofsplatz zusammen mit Polizisten. Doch der Mann mit der Segeltuchtasche wäre wahrscheinlich entkommen, hätte Baumgartner ihn nicht auf der Bank sitzen sehen: "Ich erkannte ihn an dem langen Schal mit großem braun-rot-gelbem Karo-Muster."
Wagner sagte kein Wort, als ein Polizist ihm die Handschellen anlegte. Später, im Hauptquartier der Züricher Stadtpolizei, ließ er sich willig und freundlich von allen Seiten photographieren -- was von Kriminalbeamten als Signal gedeutet wird: Sollte Wagner sprechen wollen?

DER SPIEGEL 48/1979
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 48/1979
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TERRORISTEN:
Hinter dem Vorhang

Video 00:38

Skifahrer filmt Lawinenabgang Plötzlich bricht der Schnee weg

  • Video "Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil" Video 01:30
    Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil
  • Video "Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch" Video 01:19
    Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch
  • Video "Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA" Video 01:00
    Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA
  • Video "Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: Das ist das Risiko nicht wert" Video 02:11
    Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: "Das ist das Risiko nicht wert"
  • Video "Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband" Video 00:48
    Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband
  • Video "Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen..." Video 01:27
    Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen...
  • Video "Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino" Video 01:17
    Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino
  • Video "AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen" Video 06:44
    AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen
  • Video "Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist" Video 01:47
    Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist
  • Video "Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger" Video 01:05
    Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger
  • Video "Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert" Video 04:28
    Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert
  • Video "Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung" Video 02:29
    Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung
  • Video "Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber" Video 00:35
    Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber
  • Video "Dieselskandal: Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?" Video 06:20
    Dieselskandal: "Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?"
  • Video "Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten" Video 02:27
    Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten
  • Video "Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg" Video 00:38
    Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg