26.11.1979

Entführungen ins Schattenreich

Einem braven Studenten der Gesamthochschule Kassel, der sich Mittwoch morgens zwischen acht und elf für die "Geschichte warenintensiver Bedürfnisse" interessiert, mag der Dozent auf den ersten Blick wie ein waschechter Jesuit erscheinen, bebrillt, groß, schlank und dunkel.
In der zweiten Stunde dann, wenn der Rhetor die schwarzen Schuhe abstreift, dicke graue Wollsocken sehen läßt und es sich im Schneidersitz auf dem Tisch bequem macht, entsteht aus der Vogelperspektive des kargen Hörsaals 1409 der Eindruck, ein indischer Guru lagere seinen Jüngern zu Füßen.
Ganz aus der Nähe betrachtet, zwischen elf und zwölf Uhr, sieht der Guru eher aus wie Lederstrumpf nach acht Wochen Rohkost. Das Auge scharf, die Haut von Tropensonne gegerbt und kein Gramm Fett am Leib. Nimmermüde bedenkt der Lehrer mit seinen Schülern die ungelösten Fragen. Nun sitzen alle auf dem Fußboden, der Meister mit dem Rücken zur Wand.
Er gestikuliert lebhaft mit beiden Armen, zaust sich zwischendurch das Haar, ruft "großartig" und "Johannes!. Phantastisch!", zeigt seinen Nabel vor, nestelt nach Bargeld und schickt den Nachbarn Kaffee holen, für alle. Nie verschlägt es ihm die Sprache. An so einem Vormittag passieren die Energiekrise und Aristoteles, Arbeitsteilung, Luftverkehr, Kindererziehung, Hurerei, Schattenökonomie und Jesus Christus Revue, unter anderem. Der Lehrer ist eben ein Generalist, womöglich gar ein Universalist. Die Studenten genießen's.
Ivan Illich in Kassel! Der Welt bekanntester Priester, der dem Papst Paroli geboten hat, der von Mexiko aus ganz Südamerika aus den Angeln zu heben schien und der nebenbei in zehn Jahren ein halbes Dutzend Wissenschaften umgewälzt hat: die Medizin ("sie enteignet die Gesundheit"), das Verkehrswesen ("Tempo lähmt die Phantasie, 25 Stundenkilometer sind genug"), die Pädagogik ("Schulen helfen nicht"), dazu Ökonomie ("schöpferische, nützliche Arbeitslosigkeit"), Soziologie ("Revolution in den Institutionen!") und natürlich Theologie ("Entkirchlichung").
Jedesmal, wenn Illich Maß genommen, einen weiteren Bestseller auf die Walze gelegt hatte, zitterten die Gebeutelten, sahen sie sich plötzlich einer ganz neuen Qualität der Kritik konfrontiert: Wer läßt sich schon gern sagen, daß er seine Sache nicht besser, sondern besser gar nicht machen soll? Ivan der Schreckliche hält nämlich durchweg alle Experten, diesen ganzen gutbezahlten Haufen von Doktoren, Priestern und Lehrern, für völlig entbehrlich. Das sind doch, lehrt er, alles "warenabhängige Mängelwesen", die anderen Leuten das Leben kaputtmachen.
Und er selbst? "Ich als semitischer Lehrer will als Rhetor, nicht als beamtete Lehrperson vor ihnen stehen", verspricht er den Kasseler Studenten, von denen die meisten ausgerechnet beamtete Lehrer werden wollen. Nun gut, in Hessen, aber immerhin. Mein Nachbar schreibt deshalb Illichs Potpourri gar nicht erst mit. "Mir stinkt sein Weihrauch", flüstert er. Den habe ich nicht geschnuppert.
Für einen Gottesmann, der Keuschheit und Brevier in Ehren hält, gibt er sich ganz locker. "Was die Dekane der großen Fakultäten zwischen 1950 und 60 für einen Stuß dahergeredet haben", will er von einem fleißigen Hörer erforschen lassen. Außerdem wünscht er sich "eine junge Frau, eine Studentin", die "mal herausarbeitet, wie sich die Hurerei in Göttingen entwickelt hat". Dort wohnt Illich jetzt. Niemand weiß, für wie lange -- auch er selbst nicht.
Denn seit Ivan Illich, vor 53 Jahren, als Sohn eines katholischen Zivilingenieurs aus Split in Dalmatien und einer jüdischen Mutter mit spanisch-amerikanischen Vorfahren in Wien zur Welt kam, treibt es ihn umher. Priester in Rom und New York, Puerto Rico und Mexiko; Päpstlicher Hausprälat; Wanderer in der Sahara; Rhetor in jedem Kontinent der Erde. Sein mexikanisches Institut "Centro intercultural de documentacion" galt der CIA als "Treffpunkt fast aller lateinamerikanischen Guerrilleros", dem Vatikan als Teufelswerk. Vor drei Jahren hat Illich das Centro aufgelöst.
Wie Skylab hat er seither die Erde umkreist. Der Himmel mag wissen, warum dieser polyglotte Mensch für ein ganzes Wintersemester ausgerechnet in Kassel runtergekommen ist. Die neue Gesamthochschule aus profitablem Beton ist so potthäßlich, daß nicht Illich, sondern nur eine große Pendelbirne sie erlösen könnte.
Immerhin sucht man dort nach Alternativen zur Industriegesellschaft, genau wie Illich es tut. "Ich danke Ihnen", verspricht er seinen Zuhörern, "daß Sie sich von mir so eigenartige Wege führen lassen" -- derzeit enden sie alle in einem Schattenreich.
Im nächsten Jahr wird ein neues Buch Licht in dieses Dunkel bringen: Illich erhellt die "Schattenökonomie". Falls ich seiner Vorlesung richtig folgen konnte, geht es darum, daß der "Homo oeconomicus", der gewöhnliche Lohnabhängige, so gut funktioniert, weil seine Frau zu Hause "Schattenarbeit" leistet. Sie erledigt eine nicht bezahlte, aber von der Lohnarbeit determinierte Tätigkeit, zum Beispiel den Abwasch. Schattenarbeit ist es auch, wenn Mutti sich Männe hingibt, damit der sich gut gelaunt zur Arbeit trollt.
Durch die Energiekrise werden die Schatten nun immer länger. Jetzt gibt es weltweit reichlich "Lohn-Arbeitslose", auch männliche, die notgedrungen Schattenarbeit leisten. Illich sieht das als erfreuliche "Metamorphose": "Ich glaube, daß sich das Bild zum häuslichen Menschen hin entwickelt", der nur ein Messer in der Küche hat, Pflanzen und Tiere achtet, sich für Windmühlen und Teezubereitung interessiert. "Wir sind an einem Knotenpunkt!" Das schreiben sich die meisten Studenten auf. Nur ein Mädchen, das den Knoten wohl schon passiert hat, strickt unerschrocken weiter. Endziel: Selbstversorgung, weg von den "warenintensiven Bedürfnissen".
Während Illieh so plastisch vom einfachen Leben erzählt, weht merkwürdigerweise ein Duft von großer weiter Welt durchs Haus. Auch das verdanken wir dem Rhetor. Er läßt uns teilhaben an seinen Neigungen ("ich habe, seit meiner Zeit in der Wüste, eine Vorliebe für Kamelmilch"), Reisen ("Karneval in Rio sehr genossen") und Abenteuern ("die Vierzehnjährige tanzte nur für mich den Krischna-Tanz"). Wohl aus Rache wird ihm vorgeworfen, daß allein sein letzter Flug von Mexiko nach Frankfurt die Mutter Erde mehr Sauerstoff gekostet hat als eine Herde Elefanten.
Illich sieht das ein. Er ist im Prinzip sowieso für die völlige Abschaffung aller Flugzeuge, weil sie "notwendigerweise zum Instrument schichtenspezifischer Privilegien werden". Mein Nachbar stöhnt auf. Aber laut zu motzen wagt er nicht.
Denn Vater Illich, in zwölf Sprachen belesen, hat die Art, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen und seine Diskussionspartner stets auf semantische Schlitterpartien zu entführen: Griechisch, Hebräisch, Hindi ... was verstehen Sie nicht? Dabei ist ein Gesamthochschüler froh, wenn er Latein kann. Auf dem zweiten Bildungsweg' den viele Kasseler gewandert sind, wächst das nicht am Straßenrand.
Illichs nachmittägliches "Forschungscolloquium zur Geschichte und Klassifikation nichtbezahlter Tätigkeiten" ist natürlich gratis, aber leider auch privatissime. Die Menge zerstreut sich. Ein Student klimpert ohne Arg noch ein bißchen auf der Gitarre.
Das Lied ist alt, eine Klage von Brecht und Weill vor dem Untergang der Stadt Mahagonny: "Oh, show us the way to the next whisky-bar. Oh, don't ask why ...

DER SPIEGEL 48/1979
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