DER SPIEGEL



Wenn des wohr waar...

SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz über den Beginn des Prozesses gegen Dieter Zlof in München

Von Mauz, Gerhard

Dieter Zlof, der am Dienstag dieser

Woche 37 Jahre alt wird, spricht überwiegend Bayrisch, und zwar erbarmungslos. Da muß schon der Gerichtsberichterstatter der "Süddeutschen Zeitung", der ausgezeichnete Kollege Erwin Tochtermann, als Dolmetscher und Sachverständiger für Schreibweisen herhalten.

So erfährt man denn, daß sich "Spuizoig" Spuizoig schreibt und Spielzeug heißt. "Von sieme bis fünfe" ist als von sieben bis fünf zu verstehen, "damoi" darf als damals gedeutet werden, "vui" besagt nicht etwa (von einem Legastheniker geschrieben) "pfui", sondern viel, "Arbat" ist gleich Arbeit, und wer "einzoit" hat, der hat eingezahlt. Und wenn Dieter Zlof sagt, "wenn des wahr waar", dann will er "wenn das wahr wäre" sagen.

Eine Einführung ins Bayrische ist indessen nicht nur des inhaltlichen Verständnisses wegen erforderlich. Man benötigt sie auch, um ein Gefühl für das Klima dieser Hauptverhandlung zu bekommen.

Dieter Zlof bestreitet entschieden, an der Entführung von Richard Oetker beteiligt gewesen oder gar der Haupttäter zu sein. Es findet also ein Indizienprozeß statt. Aus Umständen und Anzeichen muß sich das Gericht seine zum Freispruch oder zur Verurteilung führende Überzeugung bilden.

Gerichte, die nach einem Indizienprozeß verurteilen, sehen sich nicht selten Angriffen ausgesetzt. Und die Öffentlichkeit pflegt dann unter anderem vorzubringen, daß die Atmosphäre vergiftet und der Angeklagte verurteilt gewesen sei, bevor er den Mund aufmachte.

Nirgendwo in der Bundesrepublik läßt sich das Klima einer Hauptverhandlung so schwer ergründen wie in Bayern. Selbst wenn nicht bayrisch gesprochen wird, ist man immer nah am Idiom -- und wann in dem gelassen oder grob verhandelt wird, wer von den Zugereisten weiß das schon.

Auch sind im Bayrischen oder nahe am Bayrischen jähe Übersprünge möglich. Die Sonne scheint, doch in der nächsten Sekunde schmettern Blitze. Selten kündigt sich etwas an. Was eben noch toleriert wurde, wird im nächsten Augenblick als Unverschämtheit angeprangert. Freundlichkeit schlägt urplötzlich in Zorn um. Das Naturell, das der Mundart zugrunde liegt, steckt voller Überraschungen. Seine Interpreten erklären das gerne mit Urwuchs, mit einer unmittelbaren Beziehung zum Elementarischen, mit besonderer Echtheit. Kritiker des Naturells sprechen manchmal von Hinterhältigkeit.

Ist Dieter Zlof, der in der vergangenen Woche zur Person und zur Sache das Wort nahm, unvoreingenommen angehört worden? Die Antwort ist leicht -- denn selbst wenn Dieter Zlof Voreingenommenheit begegnet sein sollte: Sie hat ihn nicht irritiert.

Manchmal wurde ihm offenbar der Vorsitzende Richter Dieter Zeiler, 47, bedenklich. Richter Zeiler ist ein Brillenbügelbeißer. Die Brille setzt er nur auf, wenn er vor oder neben sich etwas in den Unterlagen studiert. Stellt er eine Frage, so setzt er die Brille ab. Hört er zu, so nimmt er das Ende des linken Brillenbügels zwischen die Lippen. Der ein wenig angespannte Gesichtsausdruck, mit dem er dann dasitzt, könnte vom Angeklagten schon mißdeutet werden.

Doch Dieter Zlof ist nicht zu irritieren. Und Wenn ihn etwas beunruhigt, dann verschweigt er das nicht. Er erkundigt sich ganz direkt, ob man es ihm übelnehme, "wenn i so was sag". Richter Zeiler versichert, er könne getrost so reden, wie ihm der Schnabel gewachsen sei. "Is recht", bedankt sich Dieter Zlof -- und bleibt weiterhin keine Antwort schuldig.

Manchmal überwältigt es Dieter Zlof. Wenn man auf seine Familie kommt, auf die Kinder Michael und Alexander, die er nicht mehr gesehen hat, seit er am 30. Januar dieses Jahres in Untersuchungshaft kam, dann bricht er in Tränen aus.

Doch diese Tränen könnte auch ein Schuldiger vergießen. Einen unüberhörbaren Aufschrei der Unschuld gibt es wohl nicht -- oder wir haben kein Ohr für ihn. Es bleiben, wenn ein Angeklagter bestreitet, nur die Anzeichen. Die erste Woche im Prozeß gegen Dieter Zlof muß darum zweimal erzählt werden.

Fur die beiden Vertreter der Anklage, den Oberstaatsanwalt Hartmut Koppenhöfer, 41, und den Staatsanwalt Karl Heinz Dietzel, 36, hat die erste Prozeßwoche nichts gebracht, was sie dazu zwingt, Abstriche an ihrer Anklage (SPIEGEL 48/1979) wegen eines in Mittäterschaft begangenen Verbrechens des erpresserischen Menschenraubes vorzunehmen.

Für die Anklage ist Dieter Zlofs Biographie durch ein Hin und Her gekennzeichnet, das sie stützt. Ein mittelmäßiger Schüler der mit den Eltern "ganz

gut" auskam, doch keine engere Beziehung zu ihnen hatte. Sieben Jahre Volksschule, drei Jahre Wirtschaftsaufbauschule, mittlere Reife, zwei Jahre als Bankkaufmann, Lohnbuchhalter, graduierter Betriebswirt -- und endlich Abneigung gegen "stupide Tätigkeiten".

Verkaufsförderung für Schokoladenfirmen, Tauchschulen auf Elba, in Ägypten, Kenia und der Bundesrepublik, freie Tätigkeit für ein Finanzierungsbüro, Barkeeper: ein buntes Leben. Im Frühjahr 1970 geht er mit seiner späteren Frau nach München, und da "is des Autogschäft langsam losgangen".

Er kauft und verkauft gebrauchte Autos. Er macht, sagt er, gute Geschäfte. Er richtet die Autos her, bevor er sie weiterverkauft. Er baut eine Werkstatt auf, die er bis zum Frühsommer 1977 führt. Dann muß er den "Schuppen" abreißen, weil der schwarz gebaut war. Schwarz, rabenschwarz soll auch der Gewinn gewesen sein, den er gemacht hat. Er will Steuern hinterzogen haben. Mehr als 60 000 Mark, die er im Keller liegen hatte, will er nicht einräumen. Die Anklage kann für sich verbuchen, daß Dieter Zlof nur bis zu diesem Betrag etwas sagt. Richter Zeiler mahnt. 15 Jahre kann Dieter hof bekommen, wenn man ihn für schuldig befindet. Ist es da nicht besser, die Steuerfahndung als das kleinere Übel zu wählen?

Dieter Zlof sagt nichts Erschöpfendes darüber, woher er seine Autos bekam und an wen er sie weiterverkaufte -nichts jedenfalls, was seinen außerordentlichen Geschäftserfolg einleuchtend macht. Wer den Umbau eines Pritschenwagens bei ihm in Auftrag gab und ihn nicht abholte, weiß er nicht. Warum er für diesen Wagen eine Garage mietete, wird nicht zwingend erklärt. Die Anklage nimmt an, daß dieser Wagen dazu hergerichtet und benutzt wurde, die 21 Millionen Mark Lösegeld abzutransportieren.

Er hat gespielt und will sehr viel gewonnen haben. Doch als ein großer Gewinner ist er in der Spielbank nicht bemerkt worden. Er hat einen 1000-Mark-Schein aus dem Lösegeld ausgegeben, doch seine Erklärung dafür ist nicht überwältigend. Er hat einen Wald von 1000-Mark-Scheinen um sich errichtet, angeblich seines Spielsystems wegen. Er hat sehr viel Geld ausgegeben nach Richard Oetkers Entführung, einen teuren Mercedes gefahren und ein Grundstück gekauft.

Die Anklage kann für sich notieren, daß Dieter Zlof auf alles antwortet, was man ihn fragt und was man ihm vorhält. Denn inmitten von überzeugenden oder wenigstens nicht rundweg bestreitbaren Angaben -- fallen die Passagen der Aussage besonders auf, die dürftig sind.

Von der Verteidigung her läßt sich das alles ganz anders sehen. Das, was für die Anklage ein Hin und Her ist, belegt für sie eine positive Aktivität, einen unermüdlichen Unternehmungsgeist und einen Einfallsreichtum, die rühmenswert und nicht vorwerfbar sind. Für die Verteidigung ist etwa die Offenheit, mit der Dieter Zlof einräumt, daß er keine engere Beziehung zu seinen Eltern hatte, ein Beleg seiner Ehrlichkeit. Er sagt, was war, er macht sich und anderen nichts vor.

Und wenn man unschuldig ist, darf man darauf Vertrauen, nicht verurteilt zu werden -- dann darf es einem wichtig sein, sich nicht nach der Erledigung des falschen Verdachts auch noch der Steuer gegenüberzusehen. Gerade daß Dieter Zlof auf heikle Fragen ganz offen sagt, daß er da keine vollbefriedigende Antwort geben kann, spricht für ihn.

Die Verteidigung hat keinen Anlaß einzuspringen, während Dieter Zlof aussagt. Er verteidigt sich selbst, er läßt nichts aus. Und als es ans Spielen kommt, an das Roulett -- da wird er überwältigend. Er hat Marigny de Grilleau gelesen, der ein Mathematiker und Wahrscheinlichkeitstheoretiker sein soll und von dem es die Schriften "Ein Stück pro Angriff" und "Praktische Anwendung" gibt. Er hat de Grilleau verstanden (im Gegensatz zu anderen).

Er ist kein Mensch mit Spielleidenschaft, bewahre. Daß Systeme, die zum Erfolg führen, ein Schmarren sind, er weiß es. "Ma ko des Roulett net systematisch überwindn", sagt er, das ist eine "unverbrüchliche feste Überzeugung von mir". Doch dann -- dann trägt er vor, daß es "in der Person des Spielers" eben doch einen Weg zum Erfolg gibt.

Dieter Zlof bietet sich als ein Spieler, der meint, keinem Wahn zu unterliegen, der jedoch auf das massivste einem Wahn unterworfen ist, mit der Präzision einer klinischen Studie dar. Er spricht halblaut, beschwörend, so behutsam, wie man sich in der Nähe eines verletzlichen Geheimnisses benimmt.

Aber ein System -- ein System hat er nicht gehabt. Er durchschaut den Wahn anderer Spieler. Als es ums Spielen geht, gleicht Dieter Zlof einem Menschen, mit dem man eben noch ganz normal geredet hat (ob man ihm nun glaubt oder nicht) -- der aber plötzlich sagt, dazu müsse er erst heute abend Napoleon befragen; einem Menschen also, der ganz selbstverständlich mit dem Jenseits verkehren zu können meint.

Ist er ein besessener Spieler, der sich einbildete, einen beständigen Weg zum Spielgewinn gefunden zu haben -- der jedoch nur eine Glückssträhne erwischte, die man durchaus erwischen kann? Wenn er den besessenen Spieler nur spielt, ist seine Einlassung zu diesem Thema genial.

Am Freitagnachmittag vergangener Woche beginnt Richard Oetker auszusagen. Konzentriert, ohne jeden Affekt, sympathisch -- er ist für sein Leben gezeichnet, es ist ein Jammer, ihn so zu sehen, gerade weil er nichts aus dem macht, was ihm angetan wurde. Ja, im nachhinein ist ihm einiges aufgefallen. Er ist offenbar schon geraume Zeit vor der Tat ausgeforscht worden.

Zum Tathergang wird Richard Oetker erst in dieser Woche aussagen. Vier Tage lang hat er jetzt Dieter Zlof gehört. Hat ihn die Stimme Dieter Zlofs an etwas erinnert, was er hörte, als er in eine Kiste eingesperrt war? Leichtfertig wird Richard Oetker den Angeklagten gewiß nicht belasten. Doch gerade darum wird alles, was er aussagt. schwer wiegen.


DER SPIEGEL 49/1979
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DER SPIEGEL 49/1979

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