03.12.1979

GESTORBENWalter Schultze, Hans Nachtsheim, Arno Assmann

Walter Schultze, 85. Als Hitler während des mißglückten November-Putsches 1922 in München bei einem Schußwechsel in der Residenzstraße stürzte und sich den Arm ausrenkte, stand der junge Arzt und Parteigenosse Walter Schultze seinem Führer hilfreich zur Seite. Eilig besorgte er ein Fluchtauto und -- tags darauf auf Vermittlung des damals NS-freundlichen Professors Sauerbruch -- einen verschwiegenen Assistenzarzt, um den völlig deprimierten Hitler in Uffing am Staffelsee ärztlich zu versorgen. Der Einsatz des Hitler-gläubigen Jungnazis
lohnte: Nach der Machtergreifung 1933 gelangte Schultze durch Protektion des Führers zunächst als Staatskommissar und Leiter des Gesundheitswesens ins Bayerische Innenministerium und bekam 1934 eine Honorarprofessur an der Münchner Universität. 1935 rückte er zum Reichsdozentenführer auf. Schnitze sollte jüdische Dozenten von den Hochschulen vertreiben. Er löste die Aufgabe genauso wie den Führerbefehl, das Leben von Geisteskranken auszulöschen. Im Mai 1960 wurde der frühere Ministerialdirektor (Photo) in einem NS-Prozeß in München wegen Beihilfe zum Mord zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Anklage warf dem Arzt vor, an Euthanasie-Aktionen gegen mindestens 380 Erwachsene und Kinder mitgewirkt zu haben. Schultze konnte darin vor Gericht keine Schuld entdecken: "Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, daß ich keinen Augenblick das Gefühl hatte, ein Unrecht oder gar ein Verbrechen begangen zu haben." Vorletzten Dienstag starb Walter Schultze in seiner Villa in Krailing.
Hans Nachtsheim, 89. Aus seiner Grunderkenntnis, der Mensch habe sich im Laufe seiner Entwicklung "seiber zum Haustier" gemacht, leitete der Biologe und Genetiker Nachtsheim brisante Visionen für die menschliche Entwicklung ab: Durch den Wegfall der natürlichen Auslese, schädigende Umwelteinflüsse und die therapeutischen Erfolge der Medizin werde der mit immer mehr Erbleiden ins Leben tretende Mensch der Zukunft zum Prothesenmenschen degenerieren. Zugleich warnte Nachtsheim vor einer Bevölkerungsexplosion und forderte gesetzgeberische Maßnahmen zur weltweiten Geburtenkontrolle. Obwohl erklärter Gegner des Nationalsozialismus und dessen Rassentheorien, wurde Nachtsheim während des Dritten Reichs Leiter der Abteilung für Experimentelle Erbpathologie am Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erbiehre und Eugenik in Berlin. Die Ost-Berliner Humboldt-Universität? an der er ab 1946 das Institut für Genetik leitete, verließ er 1949, "weil ein Genetiker an einer sowjetisch kontrollierten Hochschule nicht mehr frei arbeiten" könne. Nachtsheim? danach Direktor 1 des Instituts für Genetik an der Freien Universität Berlin, starb am vorletzten Samstag in Boppard.
Arno Assmann, 71. Seine erfolgreichste Intendantenzeit hatte der gebürtige Breslauer am Münchner Gärtnerplatztheater, als er Anfang der sechziger Jahre die abgewirtschaftete Operette wiederbelebte. Aber auch als Schauspieler hat Assmann etwas verkörpert, was dem deutschen Subventionstheater anrüchig war und nur selten glückte: einen Boulevardstil? der ihm elegant, selbstironisch, witzig und charmant geriet und ihn auch zum begehrten Fernsehstar machte -- so in den TV-Verfilmungen der "Deutschstunde" von Siegfried Lenz und des Fontane-Romans "Stechlin". Knapp eine Woche nach dem Selbstmord seiner Frau nahm sich Arno Assmann vergangenen Freitag bei München das Leben.

DER SPIEGEL 49/1979
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