22.10.1979

„Warum diese Duldsamkeit?“

Mehrere Monate lang haben die Gießener Sozialwissenschaftler Professor Reimer Gronemeyer, Edith Gerth und Frank Henkes in der hessischen Kleinstadt Bad Hersfeld die soziale Situation der dort lebenden Zigeuner erhoben. Aus dem Rowohlt-Band „In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt“ veröffentlicht der SPIEGEL Auszüge:
Der Magistrat der Stadt Bad Hersfeld schreibt am 26. September 1978 auf unsere Anfrage: "Zur Zeit leben in Bad Hersfeld rund 200 Zigeuner ... Diese große Anzahl von Zigeunern stellt für unsere Stadt (rund 30 000 Einwohner) ein echtes Problem dar."
Der Anteil der Zigeuner an der Revölkerung des Staatsbades Hersfeld liegt unter ein Prozent. Wo also ist das Problem?
Zirka siebzig Prozent der Zigeuner (162 Personen) leben im Kistnersgrund, der Rest wohnt überwiegend in einigen in der Nähe gelegenen Straßen (Dreherstraße und Schlosserstraße). Städtische Einfachwohnungen sind es in beiden Fällen.
Der Kistnersgrund liegt am Fuße einer Mülldeponie. Dort befinden sich drei Häuser mit insgesamt 23 Wohneinheiten. Sie sind erbaut zwischen 1958 und 1962. Vorher standen Baracken auf dem Platz. Die Wohnungen haben eine Feuerstelle, keine Heizung. Sie haben einen Kaltwasserhahn, keine Toilette, keine Dusche.
Im Winter 1978/79 waren die Wasserleitungen zugefroren, die Sammeltoiletten vereist. Die Kinder fürchten sich, nachts dort hinzugehen -- wegen der Ratten. Die Wohnungen sind überbelegt. Die Wände sind feucht. Kein Wunder, daß Erwachsene und Kinder vielfach krank sind.
Daß die Wohnbedingungen im Kistnersgrund menschenunwürdig sind, darüber besteht Einigkeit vom Zigeuner bis zum Bürgermeister. Dennoch beantragte die SPD am 12. März dieses Jahres in der Stadtverordnetenversammlung die "Sperrung der Haushaltsmittel" (eine Million) für den "Neubau der Wohnanlage für die Landfahrer". Statt dessen soll das Projekt "Erholungsgebiet in den Fuldaauen" realisiert werden.
Zwar dringt die SPD mit dem Antrag nicht durch, aber der Neubau für die Zigeuner stößt ohnehin seit Jahren auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Bürgermeister Hartmut H. Boehmer, CDU: "Wir haben hier insgesamt 18 Standorte untersucht, Realisiert werden konnte keiner." Vor allem deshalb, weil sich unmittelbar nach Ankündigung des ins Auge gefaßten Bauplatzes dort sofort eine Bürgerinitiative bildet, die den Bau verhindert.
Im folgenden werden die Geschichte des Konfliktes, die gegenwärtige Strategie der Behörden, die Diskriminierung der Zigeuner und die Vorstellung der Zigeuner zur Lösung des Problems skizziert. Die Darstellung beruht auf Interviews mit vielen betroffenen Zigeunern, Vertretern der Behörde und Hersfeldern.
1945 kehrten eine Reihe von Zigeunern aus Bergen-Belsen und anderen Konzentrationslagern nach Bad Hersfeld zurück. Im Kistnersgrund werden Baracken errichtet für Flüchtlinge, dorthin werden auch die Zigeuner eingewiesen. Dort wohnen sie noch heute.
Bürgermeister Dr. Jansen faßt die Entstehung des Konfliktes schon 1958 in die Worte: Die Stadt sei "1945 gezwungen worden, die Zigeuner "als Verfolgte des Naziregimes? aufzunehmen".
Nachdem Zigeunerkinder einem Bauern Kartoffeln vom Acker gestohlen haben sollen, erreicht der Konflikt zwischen Hersfeldern und Zigeunern 1958 einen Siedepunkt. Die gewählten Repräsentanten des Volkes gießen Öl ins Feuer: Die "Landplage im Kistnersgrund" ("Hersfelder Zeitung") kommt vor den Kreistag.
Landrat Zerbe fordert: Den Zigeunern "muß die Lust an Bad Hersfeld vergehen". Der damalige Bürgermeister Dr. Jansen fordert die Bauern auf: "Sie müssen selbst bei frischer Tat jemanden fangen, dann können wir schon einschreiten." Der Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes? Benedikt Obermaier, formuliert noch unverhohlener: "Warum diese Duldsamkeit? Braucht vielleicht die Festspielstadt Bad Hersfeld dramatische Motive?" Die Aufforderung zur Gewalt gegen Zigeuner wird in der Lokalzeitung im Gedicht der Woche ("Das Zigeunerparadies in Bad Hersfeld") offen ausgesprochen. Man sagt nicht zuviel, wenn man feststellt, daß dieses Gedicht auch im "Völkischen Beobachter" hätte stehen können.
Der Landrat entlastet die staatlichen Organe von der Pflicht zur Aufklärung von Straftaten, indem er die Zigeuner kollektiv für schuldig erklärt: "Der Landrat bemerkte, daß es grundsätzlich gleichgültig sei, wo gestohlen worden ist, fest stehe, daß der Kistnersgrund der Herd der Übergriffe sei."
Wenig später bedauert die "Hersfelder Post", daß der Beschluß des Magistrats? im Kistnersgrund "einen nicht brennbaren Mast mit hellen Lampen zu errichten, die während der Dunkelheit brennen sollen", noch nicht durchgeführt sei. Die Umzäunung des Lagers wird gefordert, und der Bürgermeister will in die Notunterkünfte eine Polizeistation mit fünf Beamten legen.
Sechs Jahre später sollen die Zigeuner Hühner und Kaninchen gestohlen haben. Die Bürger fordern, laut "Hersfelder Zeitung",
* Registrierung aller im Lager Lebenden,
* Einstellung der Unterstützung für die Zigeuner,
* Umzäunung des Lagers mit Stacheldraht.
In einem Leserbrief antwortet der Sprecher der Zigeuner:
Der Bericht über eine "Bürgerversammlung" erinnert doch sehr an Zeiten vergangener Rassenhetze ... Vor 30 Jahren wurden schon einmal ganze Gruppen verdächtigt, beschuldigt und öffentlich gebrandmarkt. -- In Auschwitz wurden sie dann verbrannt. Damals hieß es: "Die Juden sind alle Verbrecher" -- die Juden sind unser Unglück. Heute hat man nur noch die Zigeuner ... Reste der Zigeuner ... Hat man vergessen, was unserem Volk geschah? Wir Sinti sind fast 1000 Jahre Flüchtlinge ... Wir wurden als "Fremde" gejagt, verfolgt, unserer Führer beraubt, mißhandelt, gequält und hingerichtet. Wir lehnen es aber ab, mit Asozialen und Verbrechern in einen Topf geworfen zu werden. Wir sind weder faul noch unsauber. Bitte besuchen Sie meine Wohnung. Fast alle Zigeuner üben ein Gewerbe aus ... Alle Einwohner von Kistnersgrund leiden unter der äußersten Primitivität der Wohnungen. So zusammengepfercht und mit primitiven Toiletten versehen, ergeben sich eine Menge Unzuträglichkeiten. Wir, die dort Wohnenden, haben doch wohl am meisten darunter zu leiden. Nur durchgreifende Änderungen: Auflockerung der Wohnraumballung, Sanierung der Straßen und Plätze (Teerung, Beseitigung des Schlamms und so weiter) könnten eine Änderung bringen. Alle Lösungen sollten aber mit Verständnis und Liebe angestrebt werden, nicht mit Stacheldraht. 1976 kann die Stadt Bad Hersfeld auf 30 Jahre Kistnersgrund zurückblicken. Aus den Versprechungen, die menschenunwürdigen Quartiere zu beseitigen, ist nichts geworden. Seit zwei Jahren versuchen die Behörden wieder einmal, einen anderen Platz zu finden. Bisher vergeblich.
Nachdem die SPD 15 Jahre den Bürgermeister gestellt hat, regiert nach der verlorenen Wahl von 1977 in Bad Hersfeld ein Bürgerblock aus CDU, FDP und Freier Wählergemeinschaft. Das Wahlversprechen der CDU hatte der Stadtverordnete Hartwig so formuliert: "Ich sorge dafür, daß die Zigeuner von der Hohen Luft verschwinden." Hartwig ist der Meinung, "daß das Gebiet südlich der Kläranlage ... geeignet sei, um die Landfahrer aus dem Stadtteil Hohe Luft wegzubringen, gleichzeitig aber nicht die Bewohner des Zellersgrundes zu belasten". "Zuzüge von Zigeunern sollten unterbunden werden."
In dieses von Kläranlage, Bahndamm und Industriegebiet umgrenzte Areal sollen alle Zigeuner Hersfelds umgesiedelt werden. Auch die aus der Schlosserstraße und Dreherstraße. Die CDU beantragt 1977 in der Stadtverordnetenversammlung (Drucksache 10/145): Der Magistrat möge beauftragt werden "festzulegen und sicherzustellen, daß in die durch die Umsiedlung frei werdenden Wohnungen im Stadtteil Hohe Luft nicht wieder Landfahrer eingewiesen werden".
Landfahrer sind nach Hersfelder Sprachregelung Zigeuner. Die SPD stellt einen im Blick auf den Zuzugsstopp analogen Antrag. Der Fraktionsvorsitzende der FDP fordert: "Zuzüge von Zigeunern von auswärts sollten unterbunden werden."
Ob hier ein Verstoß gegen Artikel 11 des Grundgesetzes vorliegt, wäre zu prüfen. Jedenfalls wurde im Lauf unserer Untersuchungen klar, daß ein Zuzugsstopp für die Schlosser- und Dreherstraße gegen Zigeuner bereits durchgeführt wird, obwohl es keine neue Siedlung gibt. Eine Zigeunerin mit ihren Kindern durfte zum Beispiel die leerstehende Wohnung über der ihrer Mutter nicht beziehen.
Die SPD lehnt den Zellersgrund als Platz ab. Sie will statt dessen neue Obdachlosenunterkünfte im Kistnersgrund errichten. Die Zigeuner selbst wenden sich an den Bürgermeister und machen darauf aufmerksam, daß auf dem ins Auge gefaßten Grundstück früher eine Abdeckerei betrieben worden sei.
Aus einem Gespräch mit einem älteren Zigeuner vom Kistnersgrund: "Ja, da können wir nicht hinziehen ... Das ist, wollen wir mal sagen, wie bei den Juden, die haben Sabbat. Und wir dürfen nicht dahin ziehen, also, wo mal die Pferde geschlachtet wurden."
Seit Anfang 1978 ist ein neuer Platz offiziell im Gespräch: die Haunewiesen, ein Überschwemmungsgebiet zwischen Autobahn, Bundesstraße und Gewerbegebiet. Schon im Juni vergangenen Jahres wendet sich eine zahlenmäßig starke Bürgerinitiative an den Bürgermeister. Es wird ein Protestschreiben überreicht: "... legen wir hiermit im Interesse unserer Sicherheit schärfsten Protest gegen diesen Plan ein ... erwarten mit Nachdruck, daß dieses Umsiedlungsvorhaben unbedingt verhindert wird."
Der Bürgermeister beruhigt. Im Protokoll der Stadtverordneten-Versammlung heißt es: "Hinsichtlich des schlechten Bildes, das sich den nach Hersfeld einfahrenden Personen bieten sollte, bemerkt Bürgermeister Boehmer, daß das gesamte Gebiet abgeböscht und mit einem Sichtschutz versehen werde ... Die Gruppe, die die Autobahnabfahrt benutze, könnte natürlich die Zigeuner und Landfahrer sehen. Es werde alles darangesetzt, um in diesem Bereich Sichtschutz zu gewähren." Zugleich freilich kritisiert Bürgermeister Boehmer auch die "Verteufelung" der Zigeuner und weist auf die andere Lebensweise und die besondere Geschichte der Zigeuner hin.
Familie K. bemüht sich seit Jahren um eine Wohnung außerhalb des Kistnersgrunds. Herr K. erzählt resigniert, daß bei der Wohnungssuche immer wieder das gleiche passiere: Wenn Frau K., die keine Zigeunerin ist, sich vorstelle, seien die Vermieter freundlich; käme er, würde es heißen, die Wohnung sei schon vergeben; selbst Wohnungen, die keiner haben will, weil sie zu teuer sind, hätte er nicht bekommen.
"Ich habe einmal eine leerstehende Wohnung gefunden, unter der war ein Kindergarten; als ich mich dann um die Wohnung bewarb, hat es geheißen: "Herr K., wer schickt denn noch seine Kinder hin, wenn Sie dort einziehen!" -- Also bin ich ein Menschenfresser! Das schlimmste ist der Ruf. Es heißt immer Kistnersgrund und Zigeuner." Als sich Frau K. über die offene Diskriminierung ihres Mannes beklagte, antwortete man ihr: "Lassen Sie sich scheiden, dann finden Sie auch eine Wohnung."
Wasser an den Wänden, Schimmel an den Möbeln.
Häufig werden auch subtilere Methoden, sich die Zigeuner vom Hals zu halten, angewandt. So hatte ein Vermieter keine Skrupel, von einer Zigeunerfamilie 5000 Mark Kaution für eine Wohnung zu verlangen.
Ein Beamter des Liegenschaftsamtes berichtet, man habe im Auftrag der Stadt versucht, Häuser für die Zigeuner zu kaufen, "aber als bekanntwurde für wen die Häuser bestimmt waren, lehnten die Besitzer den Verkauf ab".
Frau Z. berichtet, die Ortspolizei habe ihr, der Mutter und den drei Geschwistern 1968 die deutschen Pässe mit der Begründung "Befehl von oben" abgenommen und gegen Fremdenpässe getauscht, was zum Beispiel bedeutet, daß die seit Generationen in Deutschland Lebenden für jede Auslandsreise ein zeit- und kostenaufwendiges Visum beantragen müssen.
Die Behörden zitierten sogar Frau Z. und ihre Geschwister aufs Amt, wo sie aufgefordert wurden, ihren Lebenslauf unter Aufsicht handschriftlich niederzulegen, denn, so Frau Z., "Analphabeten werden nicht eingebürgert". Erst wenn die Geschwister die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, können sie die ihnen zustehenden Wiedergutmachungsgelder für die KZ-Haft der Mutter in Höhe von 3500 Mark, die auf dem Gemeindeamt festliegen, abholen.
Frau L. ist mit einem Zigeuner im Kistnersgrund verheiratet. Sie erzählt, daß ihr ältester Sohn demnächst seinen Hauptschulabschluß machen wird und danach eine Bäckerlehre machen will. In der Hohen Luft gibt es eine Bäckerlehrstelle. Als Frau L. mit dem Sohn bei dem Bäcker vorspricht und er erfährt, wo die Familie wohnt, will er den Jungen nicht einstellen.
"Arbeit gibt es auch nicht", ergänzt ihr Mann, "es genügt alleine schon, wenn man sagt, daß man aus dem Kistnersgrund kommt, und schon heißt?s, "die Stelle ist schon besetzt". Und wenn mal was geklaut wird, heißt es immer, es waren die Zigeuner, und dann nachher stellt sich raus, wir waren?s gar net, aber wir werden immer zuerst verdächtigt!"
Der für den Kistnersgrund zuständige Sozialarbeiter bemerkt zur Situation der Zigeunerkinder in der Schule: "Die kleinen Kinder in der Grundschule diskriminieren die Zigeunerkinder noch nicht; das tun sie erst, wenn sie älter werden, durch die Eltern bedingt. Wenn ein Kind zu Hause erzählt, es sitzt neben einem Zigeuner, kommen sofort die Eltern in die Schule gerannt und fordern, daß man ihr Kind woandershin setzt."
Viele Zigeuner, mit denen wir in Bad Hersfeld sprachen -- insbesondere die jugendlichen -, beklagten sich darüber, daß ihnen in fast allen Gaststätten der Zugang verwehrt wird. "Manche haben", sagt Frau K., "sogar ein Schild an der Tür, wo draufsteht, daß Zigeuner net reindürfen." Ein Besuch der Diskothek "Bei Pitt", vier Kilometer von Bad Hersfeld entfernt, bestätigt uns diese Aussage. An der Eingangstür hängt ein Schild mit der Aufschrift "Für Landfahrer verboten".
Herr Schäfer, Leiter des Kreissozialamtes, sieht den Zweck der Sozialarbeitertätigkeit eher "in der Überwachung der Siedlung, wenn was nicht stimmt", sowie "die Kinder zur Schule zu bewegen und für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Den Zigeunern würde das schon gefallen, wenn sie jemanden hätten, der für sie alle Sachen erledigt!"
Die Meinung, daß Zigeuner nicht arbeiten wollten, taucht im Gespräch, in unterschiedlichen Variationen, immer wieder auf. Herr Schäfer: "Im Sommer sind sie mit dem Wohnwagen auf Achse, keiner weiß, wo, und dann kommen sie zurück, um Unterstützung zu kassieren." Daher habe man auch Landfahrern, die ein Auto besitzen, die Sozialhilfe gekürzt, denn das Sozialamt sei der Auffassung, die müßten eine zusätzliche Einnahmequelle haben.
Ein Beamter berichtete, die Stadt habe einer Zigeunerfamilie? die sich bereit erklärte, aus Hersfeld wegzuziehen, die Umzugskosten in Höhe von 3000,- DM erstattet. Die Familie zog zu den Eltern nach Oberroden, von wo sie jedoch nach dem Tode der Mutter wieder nach Hersfeld zurückkehrte.
Der Leiter des Kreisgesundheitsamtes ist der Ansicht, der Kistnersgrund sei trübsinnig und kaum noch anzubieten. Er habe schon mehrere Protokolle an die Stadt weitergeleitet, mit der Aufforderung zur Verbesserung der Lage. Aber für unbewohnbar könne er die Häuser schließlich auch nicht erklären, da es für die Zigeuner sowieso keine Wohnungen gäbe.
Die Wohnungen im Kistnersgrund haben eines gemeinsam: Sie sind zu klein für die kinderreichen Familien, Sickerwasser und Schimmel an den Wänden zerstören die Möbel und die Gesundheit der Bewohner.
Das Gesundheitsamt hat sich auch schon im Kistnersgrund umgesehen. Frau B.: "Ja, die stören sich doch net dadrum. Die sagen immer, es wird gebaut, und doch passiert nix! ... Und unheimlich Ratten. Da traut man sich nachts nicht mehr raus. Ein Kind wurde ins Bein gebissen. Ich dachte, ich krieg?n Herzschlag. Das hab? ich auf dem Gesundheitsamt vorgebracht. Die waren da und haben sich das angesehen. Den Kindern haben sie gesagt, sie sollen nicht drauftreten." Das Gesundheitsamt legt zwar dann Rattengift aus, aber die Müllkippe oberhalb der Siedlung bildet den idealen Unterschlupf für die Ratten.
In einem offenen Brief an den Landrat des Kreises Hersfeld/Rotenburg, den Magistrat und an alle Stadtparlamentsfraktionen formulierten die Zigeuner schon vor zweieinhalb Jahren ihre Forderungen:
* "An Zigeuner, die den Kistnersgrund verlassen wollen, sollen angemessene städtische Wohnungen vermietet werden.
* Für Zigeuner, die im Kistnersgrund weiterhin wohnen möchten, sollen Häuser mit menschenwürdigen Wohnungen gebaut werden.
* Die Wohnungen, die in der Dreherstraße von Zigeunern bewohnt werden, müssen ganz renoviert werden."
Vor einem halben Jahr machten wir eine Umfrage bei den Hersfelder Zigeunern, um ihre genauen Wohnwünsche und -bedürfnisse festzustellen. Im Rahmen dieser Umfrage wurden etwa 80 Prozent der Familien befragt. Einstimmiges Urteil der Zigeuner: Niemand will auf einen Platz ziehen, auf dem alle Zigeuner konzentriert werden sollen. Herr C.: "Da können sie bauen, was sie wollen, ich ziehe nicht hin." In ein Getto möchten sie auf keinen Fall.
Die Familien der Dreherstraße möchten bis auf eine Familie in ihren Wohnungen bleiben und fordern, daß diese Wohnungen renoviert werden. Wenn sie wegziehen möchten, dann höchstens mit ein oder zwei Familien, die sie sich aber aussuchen möchten.
Im Kistnersgrund würden auch zwei Familien bleiben, wenn dort menschenwürdige Wohnungen gebaut würden. Denn dort können sie relativ ungestört Schrott und Altmaterial ablagern. Die meisten Familien aber möchten aus dem Kistnersgrund heraus und haben schon oft, bisher erfolglos, versucht, eine Wohnung oder ein Haus zu finden. Ganz auseinander möchten die Familien nicht ziehen, denn sie wollen untereinander Kontakt haben.
Die Mehrzahl der Hersfelder Zigeuner sind Händler, die in den Sommermonaten reisen, um ihrem Gewerbe (Handel mit Haushaltswaren, Teppichen, Antiquitäten) nachzugehen. Ihr Reisegebiet ist im wesentlichen Hessen, nur wenige fahren weiter weg. Aber von Jahr zu Jahr wird es schwieriger, Standplätze zu finden. An den Ortsrändern werden sie, kaum angekommen, weitergeschoben. Herr Z.: "Ach um Gottes willen, sind doch keine Plätze, wo wir bleiben können! Wir sind noch keine zwei Stunden da, müssen wir weg, sofort ist die Polizei da!"
Frau B. berichtet: "Wir wurden von den Plätzen vertrieben, wo wir hinwollten. Dann hatten die Kinder Schulschwierigkeiten gehabt. Ich bekam dann ein Buch mit, wo immer eingetragen wird, wo sie in die Schule gegangen sind. Es war eine ganze Menge, wo sie nicht die Schule besuchten, weil sie keine Schulmöglichkeiten hatten. Als ich heimkam, mußte ich das Buch abgeben und bekam dann vom Regierungspräsidenten Bescheid, warum ich meine Kinder net in die Schule geschickt hätte? (Der Schulleiter) sagte dann, wenn das noch mal vorkommt, muß ich mit einer Schulstrafe rechnen, oder ich darf nicht mehr reisen."
Schulpflicht und Reisegewerbe schließen einander aus. So stecken viele Zigeunerfamilien in dem Dilemma, entweder ihr Gewerbe auszuüben und damit in Kauf zu nehmen, daß die Kinder -- meist bedingt durch fehlende Standplätze -- nur sporadisch zur Schule gehen, oder den Beruf an den Nagel hängen, denn sechs Wochen Schulferien im Sommer reichen nicht aus, um den Unterhalt für das ganze Jahr zu verdienen.
Die Tatsache, daß auch Zigeuner in den Konzentrationslagern der Nazis umkamen, ist vielen Bürgern heute nicht einmal bewußt. Die Zigeuner aber haben nicht vergessen; nicht selten vergleichen sie ihre Lage in Bad Hersfeld mit der im "Dritten Reich". Das wollen Beamte und Bürger natürlich nicht hören. "Die sollen doch endlich mal vergessen, das muß doch ein Ende haben!" (Magistratsrat Klingler).
Frau B. stammt aus Österreich und kam 1942 ins KZ. Sie erzählt: "Das erste Lager war Auschwitz, von dort kamen wir nach Ravensbrück? von dort nach Mauthausen und dann nach Bergen-Belsen. In Bergen-Belsen wurden wir dann befreit. Ich war elf Jahre, als ich nach Auschwitz kam. Ich bin mit meinen jüngsten Geschwistern, die Jüngste war zweieinhalb, reingekommen. Die Mutter hatten sie schon früher reingesteckt, sie wurde vergast."
Die Erinnerung an diese Zeit ist bis heute wachgeblieben, und Berichte über die NS-Verbrechen, wie der Majdanek-Prozeß oder Fernsehsendungen wie "Holocaust" werden mit kritischem Interesse verfolgt, insbesondere, wenn einmal über die Verfolgung der Zigeuner berichtet wird.
Frau B.: "Sonst hört man immer nur von den Juden, das hat mich ja so geärgert. Und wie viele tausend Zigeuner sind da umgekommen?"

DER SPIEGEL 43/1979
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