22.10.1979

China: Öffnung nach Westen

Zum erstenmal reist ein Herrscher Chinas durch Deutschland: Partei- und Regierungschef Hua, dessen Volksrepublik eine Art Prager Frühling erlebt. Sie soll ein blühender Industriestaat werden -- Mao ist ins Abseits geschoben.

Man merkt, daß man alt wird", sagte der deutsche Alt-Kanzler und erhob sich mühsam aus seinem Sessel, um seinen chinesischen Gast zu begrüßen.

Der Politiker aus Peking äußerte höflich eine Bitte: "Auf meinen Besuch habe ich mich auch deswegen so gefreut, weil ich hoffte, Sie würden mir einen Rat geben. Wie sollen wir es machen, um China zu reformieren?"

So fragte der Verantwortliche für Chinas Außenpolitik, Vizekönig Li Hung-tschang, vor 83 Jahren im Sachsenwald, auf der Rückreise von einem Moskau-Besuch, den pensionierten Reichskanzler Otto von Bismarck. Der blieb den Ratschlag schuldig.

Fünf Jahre später kam noch einer der vielen Söhne des Kaisers von China nach Berlin, der "Sühneprinz": Zur Wiedergutmachung des "Boxer"-Mords am deutschen Gesandten in Peking mußte der Prinz vor Wilhelm 11. einen Kotau andeuten*. Doch ein chinesischer Kaiser kam nie nach Europa.

Jetzt besichtigt zum ersten Mal in der Geschichte ein regierendes Haupt aus China das andere Ende des eurasischen Kontinents, reist ein Herrscher über das größte Volk der Erde zum ersten Mal durch Deutschland: Partei- und Regierungschef Hua Kuo-feng, 59, Nachfolger des großen Mao, der China nur zweimal -- Richtung Moskau -- verließ, Nachfolger aber auch des weitgereisten Premier Tschou En-lai.

Hua besucht diese Woche fünf Bundesländer, die Krefelder Thyssen-Edelstahlwerke, die Hamburger Airbus-Fabrik des MBB-Konzerns, Siemens in München und Daimler-Benz in Sindelfingen. Im Fluge -- an Bord eines Hubschraubers, der ihn nach Trier bringt -- wirft er einen Blick auf die deutsche Landwirtschaft. Auch trägt er sich, fernsehwirksam für fünf deutsche Landesfürsten, in Goldene Bücher ein und hält mit dem Vorsitzenden Strauß eine gemeinsame Jause ab.

Zwar ließ Kanzler Schmidt mit Blick auf den Entspannungspartner in Moskau betonen: "Wir wollen aus dem Hua-Besuch kein epochales Ereignis machen." Ein solches Ereignis ist der Besuch dennoch. Mit 85 Begleitern durchstreift Hua drei Wochen lang auch Frankreich, England und Italien. Wer hätte sich wohl den Großen Steuermann Mao Tse-tung auf den Champs-Elysées vorstellen mögen oder auf Hamburger Hafenrundfahrt?

Hua sucht in Europa -- mit welchem Erfolg auch immer -- Hilfe bei dem Versuch, China zu reformieren. Seit dem Tod von Mao und Tschou vor drei Jahren ist in China Ungeheures geschehen: Das Reich öffnet sich dem Westen stärker als je in der Geschichte Chinas. Es hat sich seither schon so rasch und so gründlich verändert wie kein anderer sozialistischer Staat je zuvor. Es hat, wovor Mao inständig warnte und wovor vielen Maoisten in der Welt grauen mag, "die Farbe gewechselt".

Auf der Grenzstation Baoan an der Bahnstrecke zwischen Hongkong und Kanton haben die Genossen Grenzsoldaten die lebensgroße Gipsbüste ihres Staatsgründers Mao in die Abstellkammer geräumt. Dort verstaubt sie zwischen schmutzigem Teegeschirr. ·Beim Aufstand des Geheimbundes "Die Faust? (genannt Boxer) 1900 wurde der Gesandte von Ketteler ermordet. Die Großmächte intervenierten und erzwangen die Sühne.

Nur drei Jahre nach seinem Tod ist einer der größten Politiker der modernen Geschichte, der Mann der Großen Proletarischen Kulturrevolution, der die Welt wie kaum ein anderer in Unruhe versetzt hat, der nicht nur Millionen seiner Landsleute, sondern auch Millionen in aller Welt als Messias einer neuen Politlehre faszinierte, ins Abseits geschoben.

Mao, der Große Steuermann, ist im China des Jahres 1979 ein Mann von gestern. Die Stunde gehört den Nachfolgern Hua Kuo-feng und Teng Hsiao-ping.

Maos Losungen und Sprüche, die jahrelang, auf riesige Plakatwände gemalt, dem Volk die Richtung weisen sollten, wurden in der Woche vor dem 30. Jahrestag der kommunistischen Machtübernahme am 1. Oktober übertüncht. An ihre Stelle sind Bilder für Verkehrserziehung oder gar Werbeposter für Cashmere-Pullover und Fernseher, für Marlboro und Coca-Cola getreten.

In den Schulen und Universitäten, Volkskommunen und Betrieben, Kindergärten und Sportvereinen, wo das einhämmernde Zitieren von Mao-Sprüchen noch vor einem Jahr zum festen Ritual gehörte, nimmt keiner mehr auf den toten Volkshelden Bezug. Am leichtesten fiel der jähe Wechsel noch den auf Anmut dressierten Kleinen in den Kindergärten, die bei ihren Tanzvorführungen im Lied die Silbe "Mao" nur durch die Silbe "Hua" zu ersetzen brauchten.

Noch beruft man sich, um das Volk nicht vollends zu irritieren, auf die "Mao-Tse-tung-Ideen", die freilich nicht mehr "Maos Weisheit allein" entsprungen seien, sondern dem Kollektivverstand der Staatspartei.

Zur Wahrung der Kontinuität wird der neue Kurs mit einem eher beiläufig geäußerten Mao-Zitat gerechtfertigt: "Die Wahrheit in den Tatsachen erkennen." Diese radikale Abkehr vom Dogma, hin zum Pragmatismus, zwingt zu der Annahme, daß die wahrheitsträchtigen Tatsachen so gut wie alles widerlegen, was Mao einst unter Posaunenschall und dem Geschrei aufgeputschter Millionen geschaffen hatte. Der große Ideologe gerade noch gut genug als Wegbereiter für die Macht des Faktischen -- das klingt absurd, für viele auch traurig, aber die neuen Machthaber lassen Zweifel eigentlich nicht zu.

So soll auf dem Festbankett zum 30. Staatsgründungstag Nachlaßverwalter Hua den Namen Maos in seiner Ansprache nicht einmal mehr erwähnt haben. In der offiziellen Proklamation zum 30. Stiftungsfest ließ Marschall Jeh Tschien-jing, 82, vor 10 000 geladenen Funktionären in Pekings "Großer Halle des Volkes" gerade noch die Errungenschaften der ersten acht Jahre dieser drei Jahrzehnte gelten -- was danach kam, unterzog er vernichtender Kritik.

Maos "Großer Sprung nach vorn", das Volkskommunen-Experiment von 1958, geriet zum "linken Irrtum": "1958 entfernten wir uns von den Prinzipien ... in Verletzung der objektiven Gesetze unserer ökonomischen Arbeit." Der Marschall pries Maos Selbstkritik von 1962. Dann bezeichnete er die gesamte Kulturrevolution von 1966 als "irrige Politik".

Maos damaligen "engsten Waffenkameraden" Lin Piao, Maos Ehefrau Tschiang Tsching und ihre drei wichtigsten Anhänger ("Die Viererbande"), allesamt nun eine "konterrevolutionäre Gang", beschuldigte Jeh, das Land auf zehn lange Jahre in Chaos, Blutbäder und Terror gestürzt zu haben.

Die Kulturrevolutionäre hätten die Modernisierung des Landes als "Verwestlichung" denunziert und das Streben nach wirtschaftlichem Fortschritt als "Kapitalismus", die Übernahme ausländischer Erfahrungen aber als "nationalen Verrat". Sie hätten die Arbeiter von der Arbeit abgehalten und das Leistungsprinzip durch "reaktionäre" Gleichmacherei ersetzt. Sie hätten dem Volk die Freiheit der Rede, der Publikation, der Lehre und der Forschung geraubt und den "phantastischen Unsinn" propagiert: "Je mehr Kenntnisse einer sammelt, desto reaktionärer wird er."

Und weiter: Sie hätten das historische Erbe und die Kultur zerstört, geistige Autokratie und Nihilismus geübt, Erziehung und Wissenschaft um viele Jahre zurückgeworfen, die Partei unterminiert, die Jugend vergiftet.

Schließlich nannte Marschall Jeh in seiner Grundsatzrede zum Revolutionsfeiertag Namen von zwei Männern, die sich im Kampf gegen die Kulturrevolution verdient gemacht hätten: Teng Hsiao-ping und Hua Kuo-feng.

Teng zwar hatte nicht viel kämpfen können, weil er schon 1966 sein Amt als Partei-Generalsekretär verlor und dann viele Jahre als Kellner in einem Offizierskasino hatte arbeiten müssen. Immerhin war er ein prominentes Opfer.

Hua aber war nicht einmal das, sondern stieg mit der Kulturrevolution aus der Anonymität eines Provinz-Funktionärs an den Hof Mao Tse-tungs auf. Er wurde von Jeh sozusagen zum Ehren-Opfer der Rotgardisten befördert.

Hua unterbrach an dieser Stelle den Marschall Jeh bei der Verlesung seiner Rede: Er müsse nun aber auch auf die Verdienste des Referenten selbst hinweisen, und zwar bei der Zerschlagung der "Viererbande".

Das war in der Tat das Werk der Drei-Mann-Koalition Jeh, Teng und Hua, die sich ihre Aufgaben offenbar geteilt haben: Teng der den 900 Millionen Menschen nach Jahrzehnten des Konsumverzichts das Ziel eines blühenden Industriestaates gesetzt hat, bestimmt die Richtlinien der Politik, Hua setzt sie in die Praxis um, Jeh sichert sie als Verteidigungsminister ab.

Das Verhältnis zwischen Teng und Hua dürfte dem zwischen Mao und Tschou in etwa entsprechen -- nur ein paar Nummern kleiner. Wie Makler Tschou den hochfliegenden Utopisten Mao oft aus seinen linksradikalen Träumen zurückholte, korrigiert heute Hua, der Mann der Mitte, den Rechtsaußen Teng.

Teng hat sich mit seinem besserwisserischen Zynismus wenig Freunde gemacht, zweimal wurde er davongejagt.

Anders Hua. Unauffällig, aber beharrlich stieg er mit der Kulturrevolution nach oben und rückte dem Herzen seines Vorsitzenden so nahe, daß er von diesem noch in das höchste Regierungsamt berufen wurde ein Techniker der Macht, vertraut mit allen Überlebensregeln und Taktiken der Anpassung.

Wo Teng, 75, privat ein leidenschaftlicher Freund von Bridge und Majong, keine Kompromisse kennt und auch schon mal alles riskiert, weiß Hua um die Konzessionen, die man dem Zeitgeist oder den Mächtigen zu machen hat, wenn man vorankommen will. Er beherrscht die Kunst des Möglichen. Während Teng im Grunde eher wie ein Westler wirkt, ist Hua der Chinese par excellence.

Als Bauernsohn Su Tschu 1920 in der nordchinesischen Provinz Schansi geboren, schloß er sich mit 17 Jahren der Roten Armee Maos an, kämpfte als Partisan gegen die Japaner und gab sich selbst den Kriegsnamen Hua Kuofeng ("China lieben und verteidigen").

Als seine Kompanie 1949 die Provinz Hunan, die Heimat Maos, eroberte, blieb er dort als Parteisekretär -- 23 Jahre lang. Er heiratete die elf Jahre jüngere Genossin Han Tschi-jün, die heute die politische Abteilung in der Außenhandelsgesellschaft für Leichtindustrie leitet und, so Hua, mit dem Fahrrad ins Büro fährt.

Das Ehepaar hat vier Kinder, das wären zwei zuviel nach den Normen der heute vorgeschriebenen Geburtenbeschränkung. Offiziell heißt es nun, zwei der Hua-Kinder seien adoptiert, dann wären die Eltern tadelsfrei.

Ende der 50er Jahre leitete Hua die Partei in einem Landkreis, zu dem Schaoschan gehörte, der Geburtsort des Vorsitzenden Mao. Gewissenhaft setzte er die von Mao angeordnete Kollektivierung der Bauern durch, ließ "Konterrevolutionäre" erschießen, richtete Schulen ein, sorgte für Krankenhäuser, kümmerte sich um die regelmäßige Lieferung von Industrieartikeln für die Bevölkerung, kämpfte gegen Epidemien und für die Steigerung der Getreideproduktion. 1955 erschien in einer Funktionärs-Zeitschrift ein Artikel Huas über Landwirtschaft, gleich hinter einem Beitrag Maos.

Nach Maos "Großem Sprung nach vorn", bei dem Hua in seinem Kreis folgsam Maos Sozial-Experiment durchsetzte, machte auch Hua einen Satz nach vorn: Am 25. Juni 1959 besuchte Mao die Stätte seiner Kindheit. Hua begleitete ihn in das von ihm selbst eingerichtete Mao-Museum, gleich darauf stieg er in die Provinzleitung der Partei auf.

Er unterstützte 1966 Maos Kulturrevolution, wurde Vize-Vorsitzender des örtlichen Revolutionskomitees und nach einem Mao-Besuch in der Provinz-Hauptstadt Tschangscha endlich Parteichef von ganz Hunan.

Dort blieb er bis 1972, als Mao sich von seinem Gefährten Lin Piao verraten glaubte. Der einsam gewordene Vorsitzende erinnerte sich des braven Unbekannten in Hunan und holte ihn nach Peking, um die Vorgänge aufzuklären. Resultat: Lin Piao soll nach einem Putschversuch ums Leben gekommen sein.

Hua wurde Minister für die Staatssicherheit. Nun mußte er zeigen, daß er noch mehr konnte. Auf einer Landwirtschaftskonferenz zum Thema "Lernen von Datschai", Maos Musterkommune, stritten sich der gerade zum erstenmal rehabilitierte Teng und Maos Ehefrau Tschiang Tsching über die richtige Linie. Hua machte einen Vermittlungsvorschlag, der sogleich im Rundfunk verbreitet wurde.

Als Mao sich am 7. April 1976 unter dem Druck der Linken von Teng trennte, berief er nicht den Kandidaten Tschiang Tschings zum Premier, sondern Hua, den Mann des Augenmaßes, der fortan um die Gunst seines Vorsitzenden mit allerlei Ranküne kämpfen mußte -- so wie es früher an Chinas Kaiserhöfen Sitte war.

Schon der Reformfreund Li Hung-tschang hatte 1896 während seines Besuchs bei Bismarck geklagt: "Wie kann ich erfolgreich sein, wenn alle bei mir zu Hause, Regierung und Land, Schwierigkeiten machen und mich immer wieder hindern!"

Zum Umgang mit Kaisern hatte der Preuße einen Ratschlag parat. "Gegen den Hof angehen kann man nicht", lehrte Bismarck seine Kunst des Möglichen. "Die Hauptsache ist: Wenn in der obersten Leitung Raketensatz ist, dann geht vieles, wenn er fehlt, geht nichts."

In China ging im Frühjahr 1976, vier Monate vor Maos Tod, so gut wie nichts mehr. Am 30. April 1976 führte Hua seinen neuseeländischen Kollegen Muldoon dem Parteichef Mao vor; als der Gast ging, blieb Hua noch bei seinem Herrn und erstattete Bericht über den Stand der Kampagne gegen den eben gestürzten Teng: "In einigen Provinzen sieht es schlecht aus."

Der seit langem sprachgelähmte Mao schrieb daraufhin ein paar Schriftzeichen auf drei Zettel: "Laß dir Zeit, überhaste nichts." "Handele nach den bisherigen Grundsätzen." Und: "Hast du die Sache in der Hand, bin ich beruhigt."

Diese Mao-Zitate, die auch Anweisungen für Maos Diätkoch hätten sein können, gelten heute als das Vermächtnis des großen Steuermanns. Den dritten Zettel präsentierte Hua allerdings erst nach Maos Tod am 9. September 1976 dem Politbüro -- als Berufungsurkunde.

Die Armee wünschte sich Teng als Nachfolger, der freilich gegen Tschiang Tschings Linke nicht durchzusetzen war: Die wünschten sich Tschiang Tsching als Mao-Nachfolger.

Nach wochenlangen Verhandlungen mit Alt-Marschall Jeh kam eine Koalition gegen Tschiang Tsching zustande, politisch bestimmt von Teng, repräsentiert durch Hua, gedeckt von der Armee und der Palastgarde unter Maos ehemaligem Leibwächter Wang.

Einen Monat nach Maos Tod, in der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober 1976, lud Hua die Mao-Witwe mit ihren drei Gefährten in die "Große Halle des Volkes". Über die hausinterne Fernsehanlage konnte Hua beobachten, wie die Vier überwältigt und abgeführt wurden. Die Ära Maos und seiner Getreuen war zu Ende, die Anklagewelle gegen die "Viererbande" begann zu rollen.

Seither hängt Huas Bild landesweit neben dem Maos, und das brodelnde, marschierende, revoltierende China ist plötzlich ganz zivil geworden, wirkt privat und menschlich. Zur 30-Jahr-Feier gab es keine Massenaufmärsche, nicht einmal ein Feuerwerk. Auf dem Festbankett der Funktionäre und Staatsgäste in Schanghai, einst Hochburg der Partei-Linken um Tschiang Tsching, führten eine Sopranistin und ein Zauberkünstler ihre Fertigkeiten vor. Beim offiziellen Kulturabend zum Jahrestag sagte nicht mehr, wie bei solchen Gelegenheiten zuvor zwölf Jahre lang, eine stramme Revolutionärin in Uniform das Programm an, sondern eine ondulierte Dame im Abendkleid mit Perlenkette. Eine Solistin im französischen Kostüm mit blitzender Brillantbrosche sang Liebeslieder aus Filmen der 30er Jahre, ein Ballettpaar tanzte Spagat und Spitze -- zu Ehren von 30 Jahren Kommunismus in der Volksrepublik China.

Vier Herren im westlichen Straßenanzug mit Krawatte ahmten die "Comedian Harmonists" nach, ein handfertiger Senior zersägte eine Dame, ein Duett von Cello und Harmonika trat auf, ein "Freund" -- "Genosse" sagt man nur noch unter Parteimitgliedern -- pfiff auf einer Flöte die Zigeunerweise von der Nachtigall, ausgegeben als Volkslied aus dem befreundeten Rumänien.

Da ging ein Programmpunkt mittendrin ganz unter: ein Lied "Erinnerungen an Mao Tse-tung", und auch ein Song von den "Vier Modernisierungen" in Landwirtschaft, Industrie, Wissenschaft und Rüstung. Das paßte nicht ins Varieté.

China ist anders geworden. Die Menschen auf den Straßen und Gassen, in Häusern und Höfen zeigen sich entspannt, als seien sie nach schwerem Fieber genesen. Wie im Operetten-Klischeebild vom Land des Lächelns spazieren sie fröhlich durch die Parks, knabbern Obst und Popcorn? spielen Karten -- was den Kulturrevolutionären mißfiel -- und widmen sich emsig dem Photo-Hobby, obschon ein einfacher Apparat etwa zwei Monatslöhne kostet, ein Rollfilm einen Tagesverdienst.

Liebespaare halten Händchen, fliegende Händler bieten Zuckerrohrstücke und Spielzeuge an, Film-Magazine zeigen Photos von Gina Lollobrigida, auch von einer Chinesin im westlichen Wickelkleid, das sich bis zum Oberschenkel öffnet -- Porno-Horror für die Rote Garde.

Die von den Rotgardisten einst verteufelten Nobel-Restaurants sind wieder geöffnet und voll besetzt. Theater- und Kinokarten gibt es nicht mehr nur über die Betriebe, sie werden frei verkauft. Schwarzhändler stellen sich zeitig an und setzen die Billetts hernach zum Überpreis ab. Der Arbeiterveteran in der Vorführwohnung wagt ausländischen Besuchern seinen Herzenswunsch zu äußern: einen TV-Apparat, aber, bitte, für Farbfernsehen.

Noch gibt es in Schanghai weniger als 1000 Geräte. Ein Auto im Privatbesitz fährt in ganz China nicht. Doch ganz China ergibt sich nach der ersten Lohnerhöhung seit 12 Jahren dem Konsumrausch vor Obst- und Gemüsebergen auf dem Trottoir und in prall gefüllten Läden, die weit mehr Waren anbieten als etwa die sowjetischen.

Ausländische Touristen werden von chinesischen Passanten auf der Straße angesprochen -- viele erproben ihre alten Englischkenntnisse aus vorrevolutionärer Zeit oder ihre neuen aus dem Fernsehkursus. "Wir haben Freunde in der ganzen Welt", verkündeten Transparente zum Staatsgründungstag. Auf riesigen Bildtafeln sind Kraniche konterfeit, die gen Westen ziehen.

* Mao übergibt am 30. April 1976 Premier Hua seine vollmacht.

Die Spaziergänger scheuen sich nicht mehr, von Westlern, in China gern Langnasen genannt, ein Geschenk anzunehmen. Mütter geben ihnen ihre Babys auf den Arm. Eine Polaroid-Kamera fasziniert sogleich Hunderte, sie prüfen die Quarzuhr des Westlers, seinen Taschenrechner. Knaben leihen ihm ihr Fahrrad für eine Runde.

Vor einzelnen Schaufenstern der Kaufhäuser ballen sich die Gaffer: Dort werben japanische Firmen für ihre elektronischen Produkte, ermuntert von der Regierung, die ihrem Volk den Fortschritt des Auslands vorführen will -- und, als Stimulans, die eigene Rückständigkeit.

Gegen die von Hua gebrandmarkte "provinzielle Arroganz" öffnet seine Regierung das Land planmäßig dem Westen. Die Lautsprecher in den Büschen des Pekinger Sommerpalastes übertragen nicht mehr Polit-Sprüche im Stakkato, sondern Opernarien und auch schon einmal Softmusik der 50er Jahre vom Broadway.

Der früher Funktionären mittleren Ranges vorbehaltene gedruckte Informationsdienst mit Zitaten aus der Auslandspresse -- bevorzugte Quelle: der SPIEGEL -- ist jetzt für jedermann am Kiosk frei erhältlich.

Bühnen in Schanghai, auf denen einst "Das rote Frauenbataillon" kreiert wurde, spielen Shakespeares "Wie es euch gefällt". Zum bunten Abend singt ein Tenor, noch im Kader-Anzug, "0 sole mio" und "Santa Lucia". Noch diesen Monat kommt Englands Old Vic Theatre mit "Hamlet" nach China.

Die Berliner Philharmoniker waren da und spielten den weiland verpönten Beethoven. In der Provinzhauptstadt der chinesischen Mongolei Huhehot läuft der englische Film "Tod auf dem Nil". Der US-Thriller "Konvoi" brachte in Peking so volle Häuser, daß die erste Vorstellung auf morgens um sechs vorverlegt werden mußte. Günter Grass liest vor Deutsch-Studenten aus dem "Butt"; die Rolling Stones haben sich in der Volksrepublik angesagt.

Ai Tsching? einer der bedeutendsten zeitgenössischen Lyriker Chinas, stand seit seiner Verurteilung als "Rechtsabweichler" 1957 mit Verbannung nach Sinkiang unter Publikationsverbot. Jetzt veröffentlichte das Parteiorgan "Volkszeitung" fünf seiner Gedichte, Produkt einer Deutschlandreise. Auszüge:

Trier, die liebenswerte alte Stadt hat eine liebenswerte Fremdenführerin. Ich kenne ihren Namen nicht. Sie hat anziehende Augen, von ihren Lippen fließt eine wohlklingende Stimme.

Oder:

Wie die Wirtin im Bavaria-Keller ist München.

Der Körper kräftig-gesund in schöner Pose.

Doch ihr Ruf ist nicht gut, weil sie einst mit einem Brandstifter ihre Zeit vertat, einem Schurken.

Im China von 1979 breitet sich eine Stimmung aus wie einst im Prag des Frühlings 68: voll Erwartungen in den großen Städten, voll Unsicherheit ob der kommenden Dinge in der Provinz, mit Resignation auf dem Lande, wo die Bauern glauben, sie müßten eines Tages wieder einmal die Zeche zahlen.

Zum Beweis der Ernsthaftigkeit des Reformeifers, als Antrieb zu neuen Ufern auch gewährt die Hua-Regierung -- wie einst Dubceks Prag -- den Bürgern bisher unbekannte Freiheiten und Rechte. Wie in anderen Großstädten Chinas erscheinen an der 200 Meter langen Mauer einer Garage am Pekinger Tschang-an-Boulevard (früher: "Der-Osten-ist-rot-Boulevard") täglich neue Wandzeitungen mit harscher Kritik an Behörden und Regierung.

Der Platz für die Hunderte Plakate reicht nicht, so wurde vor der Mauer eine Wäscheleine für zusätzliche Blätter gespannt. Diskussionsgruppen versammeln sich, einzelne tragen ihre Klagen vor, ein Polizist bewacht das Ganze.

Die "fünfte Modernisierung", der Anlauf zur Demokratie, greift auf den Staat über. Acht bürgerliche Satelliten-Parteien dürfen sich im Rahmen einer Art Volksfront (Vorsitzender: Teng Hsiao-ping) wieder betätigen. Zum 1. Januar erhält China zum ersten Mal in seiner Geschichte ein Strafgesetzbuch und eine Strafprozeßordnung; eine Kodifikation des Zivilrechts wird vorbereitet.

Zuständig für den Übergang zum Gesetzesstaat ist der frühere Pekinger Bürgermeister Peng Tschen, eines der ersten und prominentesten Opfer der Kulturrevolution; zum Staatsfeiertag wurde er mit elf weiteren alten Teng-Anhängern ins ZK berufen und Politbüro-Mitglied.

Sogar das in allen anderen sozialistischen Staaten so gefürchtete spontane Zusammenrotten unzufriedener Bürger ist -- in Grenzen -- gestattet. Mehrere tausend Bauern und Armee-Veteranen lauschten am 13. September mitten auf dem Platz des Himmlischen Friedens neben dem Mao-Mausoleum Protestreden gegen Chinas "neue reiche Klasse". Ein Redner klagte, zur Feudalzeit hätten die Beamten Beschwerden von Petenten immerhin angehört, während sich heute kommunistische Kader am Telephon verleugnen ließen.

400 Schüler, die ihre Uni-Aufnahmeprüfung bestanden hatten, aber dennoch nicht zum Studium zugelassen wurden, veranstalteten ein Sit-in ("Wir wollen lernen") vor dem Gebäude des Pekinger Revolutionskomitees, der Stadtverwaltung. Am Staatsgründungstag demonstrierten dort mehrere hundert Chinesen für 23 Künstler, die ihre Gemälde nicht an der Demokratie-Mauer hatten ausstellen dUden.

Zwölf Tage lang lagerten Arbeitslose aus der Provinz vor dem Torhaus zum Funktionärsviertel Tschungnanhai. Hunderte Bittsteller harrten vor der Stadtverwaltung aus und verlangten Arbeit. In China gibt es nach amtlichen Angaben 20 Millionen Arbeitslose. Die Regierung stellte 1000 Funktionäre ab, um die Beschwerden der Bittsteller an Ort und Stelle zu untersuchen.

Am 10. Oktober protestierten rund 5000 Pekinger Professoren und Studenten gegen die Besetzung ihrer Universitätsgebäude durch ein offenbar sonst obdachloses Artillerieregiment. Die Gelehrten marschierten von der Demokratie-Mauer zum Platz des Himmlischen Friedens und wieder zurück und riefen: "Nieder mit den Privilegien der Pekinger Garnison!"

Um die Protestbewegung unter der städtischen Jugend nicht überborden zu lassen, erging vorigen Dienstag, als der Reisende Hua eben in Paris seine Honneurs machte, ein exemplarisches Urteil: Der 29jährige Herausgeber einer Untergrundzeitung ("Erkundungen") wurde mit 15 Jahren Haft belegt -- unter anderem weil er die Diktatur des Proletariats in China als "feudalen Monarchismus im sozialistischen Gewand" definiert hatte.

Solange die Regierung keine durchschlagenden Erfolge aufzuweisen hat, geben die Linken offenbar den Kampf um die Macht noch nicht vollends verloren. Unter den Millionen einst auf Mao eingeschworener Jugendlicher und mit Posten honorierter Mitläufer gibt es gewiß noch Hunderttausende, die ihren Glauben an den Maoismus behalten haben.

Die Chefbuchhalterin einer Schanghaier Radiofabrik auf die Frage, wo die Anhänger der "Viererbande" aus dem Betrieb geblieben seien: "Sie sind alle noch da." SPIEGEL: "Haben sie denn ihr Denken reformiert?" Antwort: "Nein."

Um auch in dieser Richtung ein sichtbares Exempel zu setzen, werden Frau Mao und ihre drei Mitverschwo

* "Sein größter Bluff".

renen, die derzeit im Prominentengefängnis Tschinscheng nahe den Minggräbern bei Peking einsitzen, demnächst vor Gericht gestellt. Premier Hua versprach auf einer Pressekonferenz vor seiner Europa-Reise, "zum Tode wird man sie nicht verurteilen".

Zugleich muß die Regierung aber offensichtlich auch Konzessionen an linke Kritiker machen, Überspitzungen im Liberalisierungs-Kurs kappen. So veröffentlichte die Pekinger Presse zu Maos drittem Todestag am 9. September eine Mao-Rede von 1956, die der Vorsitzende vor Musikern gehalten hatte. Er warnte damals vor der "totalen Verwestlichung".

Voriges Jahr durften die Teilnehmer einer Nationalen Jugendkonferenz am Schluß zum ersten Mal seit zwölf Jahren wieder Walzer tanzen; in diesem März wurde das Tanzen in der Volksrepublik China wieder verboten.

Verwunderlich ist eigentlich nur, daß die linke Résistance gegen den neuen Kurs Pekings nicht viel massiver ausfällt. Denn was in der Kulturrevolution als widerwärtiger Kapitalismus angeprangert wurde, ist jetzt en vogue: Die ausländischen Konzerne sind eingeladen, in China Mehrwert zu akkumulieren, wofür sich die Volksrepublik in Milliardenhöhe verschuldet. Die einheimischen Kapitalisten, die einst mit einem Jahreszins von fünf Prozent auf ihr enteignetes Kapital abgefunden worden waren und in der Kulturrevolution auch diese Rente noch verloren, erhielten die ausgefallenen Summen jetzt en bbc nachgezahlt.

Den Arbeitern werden wieder nach ihrer Leistung Prämien gewährt; in der Zahnrad-Fabrik von Tschungking gibt es bei einem Durchschnittslohn von 70 Mark Leistungszuschläge bis zu 90 Mark -- Stundenlohn und Akkord gelten wieder, die Fabriken dürfen das produzierte Übersoll auf dem Markt verkaufen.

Was für ein Kommunismus ist dies noch? Der "Markt" (so auch der Name eines neuen Wirtschafts-Fachblatts) soll die Preise regulieren, die zentrale Planung soll zugunsten selbständiger Entscheidungen der Unternehmen abgebaut werden. In den Fabriken hat kein Revolutionskomitee, keine Arbeitervertretung und nicht einmal mehr die Parteizelle zu bestimmen, sondern allein der Direktor.

Selbständiges Handwerk und privater Handel bringen das Dienstleistungsgewerbe in Schwung. An jeder dritten Bushaltestelle verkaufen Bauern -- oder sind es schon Zwischenhändler? -- Maiskolben. Wer eine Luftpumpe hat, verkauft für zwei Pfennig Luft an die Radfahrer im Straßenverkehr, wer eine Nähmaschine (Neupreis: drei Monatslöhne) besitzt, näht unter freiem Himmel Hemden und Hosen.

Maos Musterbetrieb für die Landwirtschaft, die Kommune Datschai in der Provinz Schansi ("Lernen von Datschai!"), vor wenigen Jahren noch ein Wallfahrtsort für Hunderttausende gläubiger Pilger, wurde im China Hua Kuo-fengs zum "ultralinken Irrtum" erklärt. An Stelle der fast erreichten Lohngleichheit erhielten die Datschai-Landarbeiter jetzt wieder die begehrten Privat-Parzellen für den Eigenbau.

In ganz China sollen die Bauern auf ihrem Eigenland von 338 Quadratmetern je Familie viel mehr anbauen, auch Hühner halten, Kräuter sammeln, Fische angeln -- und all das mit Gewinn auf den freien Märkten verkaufen.

In Kanton, wo es vor dem Einmarsch der Kommunisten 1949 an die 80 000 private Handwerker und 40 000 Hausierer gab, bis zur Kulturrevolution 9000 und danach keinen einzigen mehr, haben die Behörden jetzt 15 000 Zulassungen für privat geführte Geschäfte erteilt. In Peking, wo die Zahl der privaten Speisehäuser schon vor der Kulturrevolution durch Verstaatlichung von 14 000 auf 600 zurückgegangen war, erhielten jüngst 300 Unternehmer die Konzession.

In Schanghai, so lobte das Lokalblatt "Wen Hui Bao", haben sich 600 ehemalige Kapitalisten mit ihren vor kurzem ausgezahlten Fünf-Prozent-Entschädigungsbeträgen an einer Baugesellschaft beteiligt. Gründungskapital: 24 Millionen US-Dollar.

Kein Zweifel: Die einst expropriierte Bourgeoisie ist bereit, bei Chinas Wirtschaftsaufschwung mitzumachen. Das schwerste Hindernis sind nicht die von der Realität widerlegten Kritiker von links oder die liberalen Ultras von der Demokratie-Mauer. Die größte Hürde für den Sprung ins Industriezeitalter bilden die Massen, die dem neuen Kurs

* In der Ostsee-Kommune, Provinz Hupei.

mißtrauen: Bisher ist es nicht gelungen, die riesigen Energien des chinesischen Volkes für den Richtungswechsel freizusetzen.

Die Furcht, es könne noch einmal ganz anders kommen, Terror und Willkür der Roten Garden brächen noch einmal los, sitzt den meisten Chinesen noch in den Knochen, trotz aller Beteuerungen Tengs, die "schlimme Zeit" sei "für alle Zeit vorbei".

Zu oft in den 30 Jahren der Volksrepublik wurden Bürokraten und Arbeiter für Eigeninitiative und selbständiges Denken bestraft. Die Erfahrung lehrt sie, daß eine Prämie für Überstunden von heute im nächsten Jahr schon eine Selbstkritik vor der Betriebsversammlung zur Folge haben könnte. Ein junger Eisenbahner schrieb an die "Volkszeitung", viele seiner Arbeitskollegen hätten ernsthaft an die Losungen der Kulturrevolution geglaubt, "und dann war alles Betrug".

Zu der neuen Losung von der Wahrheit, die in den Tatsachen zu suchen sei, läuft in China ein Zusatz um: "Die Wahrheit ist, was jene mit großer Macht und hohem Amte für wahr erklären."

Die Menschen begreifen den Wandel kaum: All das, was jetzt geschieht, hat mit Maoismus nichts und mit Kommunismus wenig zu tun. Der Umschwung ist offenbar zu radikal, als daß er von Dauer erscheinen könnte.

Längst haben sich die Chinesen ausgeklügelte Techniken des Anpassens und Überlebens angeeignet, die einer aktiven Wirtschaftsgesinnung nicht eben förderlich sind: alle Weisungen von oben wortgetreu auszuführen, sich nicht zu engagieren, dabei aber immer noch irgendwo einen kleinen persönlichen Vorteil herauszuholen.

Die traditionelle Lust an der Arbeit etwa ging dabei verloren. "Wer arbeitet, verdient 25 JUan im Monat", lautet solch eine Volksweisheit zum Krankfeiern. "Wer nicht zur Arbeit geht, verdient 27 Jüan im Monat" er spart die Busfahrkarte.

In einer Schanghaier Fabrik traf der SPIEGEL auf eine ganze Arbeitsgruppe von 20 Frauen, die mit zusammengelegten Händen untätig an ihrem Werktisch saßen: Die Zulieferung hatte nicht geklappt. "Vielleicht morgen" werde es wieder Material und damit Arbeit geben, eine andere Beschäftigung "läßt unser System noch nicht zu", erläuterte der Direktor. Sie dürfen auch nicht nach Hause.

Die Wahrheit in den Tatsachen wird an dem Versprechen der Führung gemessen werden, jedem einzelnen Chinesen schnellstens zu einem materiell besseren Leben zu verhelfen, nicht etwa einer dubiosen Allgemeinheit in einer fernen Zukunft.

Schnelle Hilfe als Initialzündung aber kann nur aus dem Westen kommen, nach Art des Marshallplans für das darniederliegende Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie Westdeutschland aus den Kreditspritzen der Amerikaner damals, nach zwölf Jahren Terrorherrschaft ("Unter eurer Viererbande", so Regierungs-Chinesen zu deutschen Besuchern), ein Wirtschaftswunder fabriziert hat, so sollen es die Chinesen heute machen.

Die Blütenträume eines schier unbegrenzten China-Geschäfts sind in den Chefetagen der großen westlichen Konzerne inzwischen zwar verwelkt: Peking mußte Anfang des Jahres sein zu hoch angesetztes Ziel revidieren, schon 1985 den Anschluß an die Industrienationen zu finden.

Doch die Offenheit, mit der die Pekinger Führung den Zeitplan der "Vier Modernisierungen" korrigierte, ohne dabei das Ziel aufzugeben, hat Eindruck gemacht. Vieles, was an den chinesischen Plänen utopisch erschien, gilt unter Fachleuten inzwischen für technisch machbar.

Auch viele der warnenden Stimmen, China könne Mammutkredite und Großeinkäufe im Westen am Ende gar nicht bezahlen, sind wieder leiser geworden: Chinas Schuldendienstquote wird nach übereinstimmenden Aussagen der Wirtschafts-Experten kaum höher als auf 12 bis 15 Prozent steigen -- weit unter der Marke der Sowjet-Union und der Ostblockländer (50 Prozent), Brasiliens und Mexikos.

Aus dem revidierten Plan hat der China-Experte Rüdiger Machetzki vom Hamburger Asien-Institut errechnet, daß der chinesische Import von 17,2 Milliarden Mark im Jahr 1978 auf 31,7 Milliarden Mark im Jahr 1985 steigt, bei gleichzeitiger Erhöhung des Exports von 17 Milliarden Mark auf 44 Milliarden Mark.

Bezahlen will China mit Rohstoffen (Mineralien, Kohle und Erdöl), in steigendem Maß aber auch mit einfachen Maschinen, deren Bau in den Industrieländern inzwischen zu teuer geworden ist. Allein mit Japan ist eine Steigerung der Öl-Exporte auf 30 Millionen Tonnen anvisiert.

Japan und seit kurzem die USA werden den größten Anteil der insgesamt rund 31 Milliarden Mark des chinesischen Importvolumens buchen. Das Bundeswirtschaftsministerium wirbt um deutsche Unternehmen, die China bei der Exploration von Edelmetallen wie Mangan, Wolfram, Antimon und Vanadium unterstützen. Aus deutscher Sicht, so das Ministerium, ist das mit China geschlossene Rohstoffabkommen eine "politische Zukunftsinvestition".

Ziemlich weit gediehen sind deutschchinesische Verhandlungen über acht komplette Kohlebergwerke (für acht Milliarden Mark), ein Hüttenwerk in der Provinz Hopei, mehrere Walzwerke für insgesamt fast fünf Milliarden Mark sowie mindestens fünf Chemieanlagen für 1,5 Milliarden Mark.

Vizepremier Ku Mu kündigte an, China werde demnächst der Weltbank beitreten und auch Kredite der Bank nicht verschmähen. Kapitalinvestitionen von Ausländern sind bereits durch ein Gesetz geregelt. Allein in den Monaten April und Mai hat sich China auf dem Eurokreditmarkt rund drei Milliarden Dollar mit einer Laufzeit von fünf Jahren geliehen.

Doch Peking sucht Westhilfe auch für seine vierte Modernisierung -- die Neuausstattung seiner völlig veralteten Armee mit Waffen, wozu Frankreich womöglich bereit ist. Bonn lehnt die gewünschte Lieferung beispielsweise von Panzerabwehrraketen made in Germany ab -- aus Rücksicht auf Moskau. Es könnte sein, daß die Chinesen die Zwangslage Bonns gegenüber Moskau nicht verstehen, sich keinesfalls, so die deutsche Regierungs-Maxime, "gegen die Sowjet-Union in Stellung bringen zu lassen".

So alt wie Rußlands -- berechtigte -- Furcht vor deutschem Militarismus ist die Liebe der Chinesen zu diesem brisanten Exportgut, auch wenn gewiß nicht mehr gilt, was 1896 Vizekönig Li zu Bismarck sagte.

"Ich habe jetzt die vorzüglichste Armee der Welt gesehen, die deutsche", schwärmte da der Chinese. "Wir müssen reorganisieren, und zwar mit preußischen Offizieren und nach preußischem Muster."


DER SPIEGEL 43/1979
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China: Öffnung nach Westen