22.10.1979

Das Stück zum Filbinger-Sturz

Wenn sich Leute Zeitungszitate pathetisch um die Ohren hauen, wenn zum Frühstück Tomaten und Lesefrüchte auf klappernden Versfüßen serviert werden, dann kann der Autor eigentlich nur Hochhuth heißen.
Probe aus dem Mund der Heldin: "Gibt jetzt nur Brote und Tomaten, Käse ist auch da, / Wurst muß ich erst holen, Bier ist da... / Im "Spiegel" stand -- kann trotzdem stimmen -- / sie hätten allein in Baden-Württemberg! 64 000 Bewerber in anderthalb Jahren durchgefilzt."
Replik ihres Lebensgefährten: "Aber nur 55 abgelehnt -- / 55 von über 60 000: / So gefährlich ist Klaus nie gewesen!"
Darauf der als Arzt vom Radikalenerlaß bedrohte Klaus (der hinter Tina getreten ist, um ihr eine halbe Tomate, die sie aufschnitt, wegzunehmen) kauend: "Furchtbar, daß man dauernd ans Essen denkt, / wann ma dünner werden will ... / Was hoast g?sagt? 64000 in an Bundesland?"
Wo man sich so um Kopf und Schillerkragen redet in einem Dialekt, der so echt ist wie Seppelhosen in Las Vegas, da hat unser dramatischer Chefankläger das Wort.
Sein neues Stück heißt "Juristen"*, und man schmeichelt den "drei Akten für sieben Spieler" kaum, wenn man
* Rolf Hochhuth: Juristen. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg; 208 Seiten; 18.50 Mark.
feststellt, daß noch nie ein unbeholfenerer Text einen edleren Zweck erfüllt hat. Über die Vorarbeiten zu dem Stück über Radikalenerlaß und ehemalige Nazi-Richter ist niemand Geringerer als Filbinger gestürzt -- der Eifer des dramatischen Gipfelstürmers und die Gedächtnislücken des damals noch regierenden Bergwanderers hatten sich da auf das schönste ergänzt.
Hochhuths "Juristen" sind eine Mischung aus Ursache und Wirkung. In dem Stuttgarter Minister Heilmayer porträtiert Hochhuth einen Filbinger, wie er von Hochhuths Enthüllungen erreicht wird. Das Stuttgarter Theater unter dem Filbinger-Opfer Peymann wollte die "Juristen" als Abschiedsvorstellung aufführen. Das künstlerische Glück Peymanns wollte es, daß das Stück nicht rechtzeitig fertig wurde und statt dessen Thomas Bernhard mit seinem Nazirichterstück "Vor dem Ruhestand" dem ersten Pensionär des Landes Baden-Württemberg seine Aufwartung machte.
Hochhuths Stück, dessen Absichten edel und dessen Mittel Komödienstadel sind, soll im nächsten Jahr an der Freien Volksbühne in Berlin ur- und kurz darauf in Rostock in der DDR erstaufgeführt werden. Dann wird, schenkt man dem jetzt als Buch vorliegenden Text Glauben, auf der Bühne die Promotion der Ministertochter Tina in einer Altbauwohnung gefeiert werden.
Die neue Hochhuth-Heldin, im zweiten Monat schwanger und soeben zum Doktor jur. promoviert, lebt mit ihrem Verlobten zusammen und erwartet den Besuch ihres Vaters, der sich mittels eines absichernden Polizeiaufgebots ankündigt.
In die Vorbereitung der Feier platzt ein Mediziner, der die Ministertochter verehrt und sie daher dauernd mit "Du Schöne" anredet. Er bittet sie um Fürsprache bei ihrem Vater, da er unter den Radikalenerlaß zu fallen droht: Er hat als junger Student 1968 in Esslingen an den Anti-Springer-Demonstrationen teilgenommen.
Die beiden Verlobten sind zwar enttäuscht, daß ihr Freund um Protektion bittet, überhören aber die bittere Ironie, als der Mediziner auf den Satz "Der Papa wird?s schon richten" mit einem dräuenden "Schon hinrichten" antwortet.
Und so kommt es dann auch. Der Minister ist zu Besuch, der Arzt bittet ihn um Hilfe, ein Wort gibt das andere ... plötzlich überreicht der Mediziner dem Minister alte Akten, in denen festgehalten ist, was er als Hitlerscher Militärrichter angerichtet hatte. Aus Liebe zu Tina und aus hoher Gesinnung will er jedoch dem Minister nichts tun. Sein Doktorvater nimmt ihn ohnehin mit nach Amerika, wo es keinen Extremistenerlaß gibt.
Vater und Tochter schleudern sich nach dem hochfahrenden Abgang des jungen Arztes bittere Wahrheiten entgegen. Die Tochter, die schon eingangs angeekelt ihre juristische Laufbahn an den Nagel hängen wollte, möchte jetzt sogar ihre Leibesfrucht -- bei dem Großvater! -- abtreiben. Doch am Schluß siegt der Grundsatz: "Das Leben geht weiter!"
Hochhuths Stück, das Visionen von Toten als Menetekel an die Bühnenwand malt, verpufft seltsam folgenlos. Da es seine wortgeschwollene Empörung von Anfang an wie einen Kropf bläht, sind Steigerungen nach den fürchterlichen NS-Enthüllungen nicht mehr möglich.
Denn schon vorher schäumt Hochhuth, Gemeinplatzhirsch unter Deutschlands Dramatikern, teils im Text, teils in den Szenenanweisungen, gegen die Zerstörung der Altbauwohnungen durch die SPD in Frankfurt, gegen des Kanzlers Opferung von Hanns Martin Schleyer, gegen die hohen Abgeordnetendiäten, gegen Ausländergesetze, gegen die NS-Vergangenheit von Carstens; aber auch -- merkwürdigerweise dagegen, daß man Carstens mit seinen Erinnerungslücken vor dem Untersuchungsausschuß stürzen wollte.
Zum Wüten der 1-leeres- und Marine-Richter während des Krieges hat Hochhuth ebenfalls eine aparte These bereit: Er sieht sie als konsequente Fortsetzung der bereits von den Römern mit Schadenfreude beobachteten Selbstzerfleischung der Germanen.
Damit das Ganze auch als Bühnenspektakel konsumierbar wird, hat sich Hochhuth einen Polizisten ausgedacht, der unter Durchfall leidet und dauernd mit seiner schweren Ausrüstung, mit der er den Minister schützen soll, in die Wohnung und auf den Lokus scheppert.
Und Wortwitze, die wie folgt gehen: Als Klaus berichtet hat, daß ihn ein Kollege vom RCDS verpfiffen habe, sagt Dieter: "Ring ist immer schlecht, Eisenring, Halsring, / Ring christlichdemokratischer Studenten. / Ehering."
Die schönsten Witze erschließen sich allerdings nur dem Leser, da Hochhuth sie in die Szenenanweisungen verpackt hat. So, wenn er Dieter sagen läßt: "Um die Frauen zu kennen, / muß man sie als Schwiegermütter erlebt haben!" Und dazu kommentiert: "Er hat -- ohne es zu wissen -- einen Erfahrungssatz aus Flakes momentan verschollener Autobiographie "Es wird Abend" zitiert ..."
Dergleichen wird der Theaterbesucher später missen müssen. Und fraglich ist auch, ob ihm ein Regisseur oder Schauspieler den folgenden gewünschten Charakterzug wird klarmachen können, wenn Hochhuth verlangt: "Dieters Gesicht ist von Staatsverdrossenheit entstellt."
Was Hochhuths Stück entstellt, ist eher dramatische Unverdrossenheit.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 43/1979
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