17.09.1979

BANKENKlare Zielgruppe

Mit präzisen Verhaltensregeln will die Bankenaufsicht unseriösen Kreditvermittlern das Geschäft verderben.
In ihrem Briefkasten fand Inge-Lore Bähre vor einigen Wochen eine unerbetene Offerte: "Wir haben Ihre finanziellen Verhältnisse überprüft", hieß es in dem Schreiben eines Berliner Geldinstituts, "und können Ihnen einen Kredit über 4000 Mark bei einem monatlichen Zinssatz von nur 0,4 Prozent gewähren."
Kredit brauchte die Adressatin zwar nicht, aber der Brief kam ihr gerade recht. Denn Inge-Lore Bähre, Präsidentin des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen, sammelt seit langem Material über das wild wuchernde Gewerbe der privaten Kreditvermittler.
Erst Ende August hatte sie in einer dreiseitigen "Verlautbarung" Banken und Sparkassen auf die "Grundsätze ordnungsgemäßen Verhaltens" bei der Zusammenarbeit mit Kreditvermittlern hingewiesen. Unseriösen Geldverleihern. die mit verheißungsvollen Werbesprüchen finanzschwachen Kunden schnelles und billiges Geld versprechen, wollte sie damit das Geschäft vermiesen.
Bähres "blaue Briefe" erreichten indes nur einen Teil der Branche, die Sparkassen und Banken, nicht aber die privaten Kreditvermittler, deren Offerten auch in Bähres Briefkasten landeten. Denn anders als Banken und Sparkassen unterliegen die Vermittler nicht der strengen Überwachung des Bundesamtes, sondern nur der laxen Kontrolle regionaler Gewerbeaufsicht.
Für 15 Mark kann sich jeder, der als Geldmakler arbeiten will, die erforderliche Gewerbegenehmigung beschaffen. Abgelehnt wird nur, wer "in ungeordneten Vermögensverhältnissen lebt" oder "in den letzten fünf Jahren wegen eines Verbrechens oder einer Konkursstraftat rechtskräftig verurteilt worden ist" (Gewerbeordnung).
Wo es vielleicht ein wenig an der Qualifikation oder am Anstand mangelt, da hilft die Werbung aus. Im Anzeigenteil der Lokalpresse verspricht die Branche Wunderbares: "Bargeld sofort!", "Eilkredite zu Sonderkonditionen", "Spezialkredit ohne Bankauskunft", "Kredit per Telefon" -- und das alles bei "niedrigen Raten".
Die Zielgruppe der verlockenden Angebote ist klar umrissen: Hausfrauen, Rentner und Soldaten werden besonders heiß umworben, obwohl sie, wie jeder andere auch, ihre Geldprobleme bei einer der 44 000 Banken- und Sparkassenfilialen zu weitaus günstigeren Konditionen lösen könnten.
Neben der billigeren Konkurrenz kommen die rund 5000 privaten Geldverleiher erstaunlich gut zurecht, auch wenn nicht alle Wucherzinsen verlangen. Manche "Kredithaie" fahren einen Rolls-Royce und haben Millionen auf ihren Konten, andere bringen es -- wie der Ex-Hühnerzüchter Franz Hubinger -- zu einem Schloß bei Wien und einer Luxusvilla im Tessin.
Trotz zahlloser Gesetze und Erlasse haben Gerichte und Behörden es bisher nicht geschafft, das florierende Geschäft mit überhöhten Zinsen zu unterbinden. Im Schnitt werden effektive Jahreszinsen von gut 20 Prozent verlangt, oft sind es 40 Prozent und mehr.
Selbst mit eindeutigen Vorschriften nehmen es viele Geldhändler dabei nicht allzugenau. Immer wieder verschleiern sie gesetzeswidrig die effektiv zu zahlenden Zinsen durch gesondert berechnete Provisionen, allzuoft geben sie mit keinem Wort zu erkennen, daß sie die Kredite nur im Namen anderer Geldinstitute vermitteln.
Das soll, wenn es nach Frau Bähre geht, nun endlich anders werden. Mit präzisen Spielregeln möchte das Bundesaufsichtsamt den Unseriösen in der dubiosen Branche das Handwerk legen.
Künftig will die Behörde jeden Vermittler. der "aufgrund besonderer Vereinbarungen mit dem Kreditinstitut ermächtigt" ist, über Darlehensanträge zu entscheiden und Geld auszuzahlen, als Zweigstelle des Kreditinstituts ansehen. Die Folge: Der Vermittler durfte dem Kunden keine Maklerprovision oder ähnliche Gebühren mehr in Rechnung stellen. Außerdem könnte der Makler nicht mehr allein mit seinem Namen werben.
Auch Banken und Sparkassen möchte das Aufsichtsamt härter anpacken. Arbeiten sie mit Maklern zusammen, die Kreditanträge im eigenen Namen ohne Hinweis auf das auszahlende Kreditinstitut annehmen, so machen sie sich unter Umständen der "Beihilfe zum unerlaubten Betreiben von Bankgeschäften" schuldig.
Schützenhilfe erhält Frau Bähre inzwischen von Bundesfinanzminister Hans Matthöfer. In einem Verhaltenskatalog sollen nach Matthöfers Willen "möglichst bald" alle Geldinstitute "Leitlinien für die Zusammenarbeit mit Kreditvermittlern vereinbaren, um künftig nach Möglichkeit die Einschaltung unseriöser Kreditvermittler auszuschließen".
Leitlinien dieser Art hatte der Bankfachverband Konsumenten- und gewerbliche Spezialkredite (BKG), der rund hundert Teilzahlungsbanken vertritt, bereits im März vergangenen Jahres ausgearbeitet, war aber bei den übrigen Verbänden des Kreditgewerbes auf Widerstand gestoßen. Das sei, behaupteten Banken und Sparkassen, allein Sache der Teilzahlungsbanken.
Das will inzwischen niemand mehr so sehen. Über den Verhaltenskodex, den der BKG im zweiten Anlauf vorlegt, wollen nun alle Kreditinstitute debattieren -- auch jene, die noch vor kurzem behaupteten, sie hätten mit Kreditvermittlern nichts zu tun.

DER SPIEGEL 38/1979
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