17.09.1979

MEDIZIN Zerbeulte Zellen

Tierversuche haben ergeben, daß die von der Margarine-Industrie als Vorsorgekost gegen Herzinfarkt gelobten „essentiellen“ Fettsäuren krank machen können. Unilever-Kommentar: „Abstrus.“
Ende Juni erhielt der Münchner Pharma- und Toxikologe Dr. Hans Bräuer, Inhaber eines privaten Forschungsinstituts für klinische Chemie in München, einen Anruf aus dem Hamburger Unilever-Haus.
Es meldete sich der Chefjurist des Margarine-Giganten( 74 Prozent Marktanteil) und bot dem Wissenschaftler Bräuer "die Hilfe unseres Hauses bei der Interpretation Ihrer Untersuchungsergebnisse" an. "Der Leiter unserer Forschungsabteilung" könne doch kurzerhand nach München kommen.
Auch in juristischer Hinsicht, ließ der Margarine-Mann durchblicken, könnte Bräuer möglicherweise Rat brauchen. Schließlich sei Wissenschaftlern die Problematik des "unerlaubten Eingriffs" in die Rechte eines Gewerbebetriebes nicht immer voll geläufig.
Alarmiert hatten Unilever erste Meldungen über Tierversuche, die Bräuer auf eigene Kosten an der Münchner und an der Freien Universität Berlin hatte durchführen lassen.
Die Tests verheißen nichts Gutes für den "becel"- und "Flora-Soft"-Umsatz: Die in der Unileverkost reichlich vorhandenen mehrfach ungesättigten, sogenannten essentiellen Fettsäuren können, wie Pharmakologe Bräuer im Tierversuch herausfand, Leber und Nieren schädigen und Anämie auslösen.
Jahrelang hatte die Unilever-Werbung (Aufwand: rund 100 Millionen Mark) den Bundesbürgern eingeredet. die geheimnisvollen "essentiellen" (auch als "Linolsäure" bezeichneten) Fettsäuren seien wegen ihres cholesterinsenkenden Effekts ein vorbeugender Schutz gegen Herzinfarkt.
Nur wer es "konsequent" zum Beispiel mit "becel" halte, so die Behauptung, für die es bis heute keinen wissenschaftlichen Nachweis gibt, entkomme dem großen Killer der Zeit. Nach dem Erscheinen einer SPIEGEL-Titelgeschichte (17/1979) über diesen "großen Bluff" freilich reagierte Unilever mit feinen Änderungen seiner Werbetexte*.
Der Verdacht, die angeblich so gesundheitsfördernden ("Ihr Herz braucht becel") und hochgelobten "essentiellen" Fettsäuren könnten ihre Tücken haben, war auch dem Münchner Wissenschaftler Bräuer schon vor Jahren gekommen.
Unter den vielen Hundert Patienten, die freipraktizierende Ärzte zur Blutfettbestimmung in das Bräuer-Institut geschickt hatten, fielen immer wieder einige auf, die hochgradig anämisch waren, ohne daß es dafür eine Erklärung gab. Die verschiedenen klinischchemischen und hämatologischen Meß
* Vor dem SPIEGEL-Titel stand auf jedem "becel"-Margarinebecher: "von höchstem Wert für Ihre Gesundheit." Heute: "Von besonderem Wert für Ihre Gesundheit. -- "becel"-Werbetext alt: "Wissenschaftler fordern linolsäurereiche Nahrungsfette ... Der Körper kann sie nicht selber bilden. Sie muß ihm deshalb zugeführt werden." "becel"-Werbetext neu: "Wie können wir vernünftiger leben? Es gibt eine ganze Reihe von Maßnahmen. Wir sollten z. B. weniger rauchen und uns mehr bewegen. -- "becel"-Behauptung alt: "Die drei von becel helfen, den Cholesterinspiegel zu senken." Neu: "Die drei von becel -- ein Beitrag zur Senkung des Cholesterinspiegels . . . im Rahmen einer vernünftigen Lebensweise ..."
werte schlossen die bekannten Ursachen der Blutarmut aus. Nur ein Zusammenhang ergab sich stets: Die anämischen Patienten hatten gleichzeitig einen sehr niedrigen Cholesterinspiegel.
Dessen Ursache war schnell geklärt: Alle hatten aus Furcht vor hohen Cho-. lesterinwerten seit langem ihren gesamten Fettverbrauch, wie von der "becel"-Werbung angeraten, auf den Verzehr von "essentiellen" Fettsäuren umgestellt und allem cholesterinreichen Fett, etwa der Butter, abgeschworen.
Eine Nachschau in nahezu 4000 Krankenblättern der 1. Medizinischen Universitätsklinik Wien und eine Spezialuntersuchung der Budapester Medizin-Hochschule, von Bräuer angeregt, bestätigten im vergangenen Jahr den Zusammenhang von Cholesterinmangel und Anämie.
Warum aber konsequent cholesterinarme Ernährung blutarm machen kann, hat der Münchner Wissenschaftler jetzt erkunden lassen.
Aus den Beständen des Münchner Universitätsinstituts für Tierhygiene erwarb Bräuer 20 Schweine und ließ sie unter ständiger Aufsicht und Betreuung, regelmäßige Gewichts- und Blutbildkontrollen eingeschlossen, unterschiedlich ernähren. Das Schwein gilt den Ernährungsphysiotogen als "Modelltier für den Menschen
Außer dem üblichen gebrauchsfertigen Standard-Schweinefutter erhielten jeweils vier Tiere pro Kilogramm Körpergewicht und Tag zusätzlich entweder
* 1,5 Gramm "essentielle" Fettsäuren
in Form von Distelöl oder > 1,5 Gramm "becel"-Diätmargarine
oder
* 1,5 Gramm cholesterinreiches Frischeidotter oder
* 1,5 Gramm Butter.
Eine Kontrollgruppe von vier Schweinen bekam nur Standardfutter in den Trog.
Nach drei Monaten wurden die 20 Versuchstiere geschlachtet und von Veterinärärzten pathologisch untersucht. Außerdem wurden von allen lebenswichtigen Organen und Gefäßen Proben entnommen, pro frisch geschlachteter Sau jeweils 48 Stück.
Die 960 lebendfrisch entnommenen, ohne Zersetzung fixierten, konservierten und unterschiedlich eingefärbten Gewebeschnitte, etwa des Herzens, der Leber, der Niere, des Gehirns, der Geschlechtsdrüsen, der Nerven, der Blutadern und Koronargefäße, wurden sodann einem Fachinstitut der Berliner Freien Universität zur histologischen Untersuchung eingesandt.
Die Auswertung durch die West-Berliner Wissenschaftler, die weder über die unterschiedlichen Fütterungsbedingungen informiert waren noch wußten, welche Gewebeproben den einzelnen Nahrungsgruppen zuzuordnen seien, ergab: Bei allen Schweinen, die entweder Distelöl oder Diätmargarine als Futterzusatz erhalten hatten, war es zu deutlichen sogenannten Lipidnephrosen gekommen -- in bestimmten Abschnitten der Nieren hatten sich zellschädigende Fetteinlagerungen gebildet. Ähnliches war in wichtigen Bereichen der Leber passiert.
Außerdem hatten diese Tiere generell im Fettgewebe extrem hohe Mengen von mehrfach ungesättigten Fettsäuren abgelagert, wodurch die Konsistenz des Körperfetts schwabbelig und wäßrig geworden war.
Gaschromatographische Spezialanalysen förderten das genaue Ausmaß zutage: Die mit einem Zubrot "essentieller" Fettsäuren gefütterten Tiere hatten viermal so viel Fett eingelagert wie jene Mit-Schweine, die Eigelb- oder Butterzusätze oder ausschließlich normale Schweinekost erhalten hatten.
Damit sei aufgeklärt, so Pharmakologe Bräuer, warum eine an "essentiellen" Fettsäuren reiche, aber cholesterinarme Ernährung eine chronische Anämie auslösen kann: Durch die extremen Fetteinlagerungen in der Zellmembran -- alle Zellmembranen des Körpers haben im Grunde den gleichen Aufbau -- wird die Zellhaut der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) gewissermaßen ausgebeult, in ihrer Elastizität geschwächt und durchlässig. Wasser und Salze können ungehindert hinein- und hinausdringen, so daß die Blutzellen schließlich zerreißen können.
Zwar wissen die Zellmembranforscher, daß der Körper von sich aus den Erythrozyten-Untergang eine Zeitlang durch erhöhte Produktion neuer Blutzellen kompensieren kann. Doch sie wissen auch, daß sich dieser Mechanismus eines Tages erschöpft -- es kommt zur Anämie.
Er halte es für "äußerst unwahrscheinlich", erklärte demgegenüber Dr. Fritz-Markus Delfs von der Unilever-Forschung in Hamburg, "daß man mit einer linolsäurereichen Kost jemand in die Gefahrenzone der Anämie bringen" könne. Er hält die Bräuer-Studie für methodisch anfechtbar.
Dem Münchner Wissenschaftler Bräuer dagegen zwang sein Schweine-Experiment die Erkenntnis auf, daß nicht alles "von höchstem Wert für die Gesundheit" sein kann, was die Werbung preist. Dem Leiter der Unilever-Forschung hat er die Untersuchungsergebnisse, wie erbeten, eingehend erläutert. Unilevers Margarine-Mediziner Delfs nennt Bräuers Fettfutter-Versuch "abstrus", will ihn aber wiederholen, falls "seine Resultate Anlaß zu Bedenken geben".
Margarine-Geschäftsführer Kurt Möck in Hamburg denkt unterdes schon weiter: "Wir können die Linolsäure" -- also das laut Werbung so Gesunde -- "auch rausnehmen aus der Margarine. Für uns ist maßgeblich die jeweils herrschende Wissenschaftler-Meinung."

DER SPIEGEL 38/1979
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