08.10.1979

„Kopp mang die Beene und bumm weg“

Richard Huschke, Jahrgang 1893, wurde 1911 Berufsradfahrer, erkämpfte zwei deutsche Meistertitel der Straßen-Profis und siegte in mehr als 100 Rennen. „König Richard“ war zu seiner Zeit populär wie Didi Thurau heutzutage; er lebt als Rentner in Calw/Württemberg.
SPIEGEL: Am Donnerstag dieser Woche beginnt in Berlin die diesjährige deutsche Saison der Sechstagerennen. Vor 55 Jahren, 1924, haben Sie, Herr Huschke, zusammen mit Ihrem Partner Krupkat, am gleichen Ort einen Weltrekord gefahren: 4544,2 Kilometer in sechs Tagen und sechs Nächten. Ist dieser Weltrekord in Gefahr?
HUSCHKE: Nein, der wird von keinem mehr gebrochen. Den nehm? ich mit ins Grab. 4500 Kilometer! Das ist fast so weit wie von Berlin nach Mekka oder Nowosibirsk. Heute schaffen sie knapp die Hälfte ... (lacht).
SPIEGEL: Wie haben Sie es damals geschafft?
HUSCHKE: Wir waren härter und besser trainiert. Ich bin mit Franz Krupkat gefahren, dem "lustigen Franz". Der war aus Berlin-Wedding, ein Dauerfahrer. Er ist im Jahr darauf gestürzt, doppelter Schädelbruch und gleich tot. Aber 1924, da waren wir beide prima in Form. Wir sind immer richtig abgedonnert. Stundenlang! Richtig rrummm. Kopp mang die Beene und bumm war ich weg!
SPIEGEL: Und Ihre Gegner?
HUSCHKE: Eine Weile haben die am Hinterrad geklebt, dann sind die abgefallen. Damals fuhren wir sieben oder acht Stunden pausenlos volles Tempo. Sechs Tage lang war man täglich 21 Stunden hintereinander im Sattel. Heute fahren die viele Stunden weniger. Wir wollten ja einen Weltrekord fahren und nicht die Beine gemütlich hochnehmen.
SPIEGEL: Wann haben Sie denn geschlafen?
HUSCHKE: Geschlafen? In den sechs Tagen habe ich zusammen höchstens 12 Stunden geschlafen. Jeder Fahrer durfte pro Tag nur drei Stunden von der Bahn. Da wurde er gebadet, massiert, mußte essen und konnte vielleicht zwei Stunden schlafen. Aus der Halle, dem "Kaiserdamm-Velodrom" an der Avus, durften wir nicht raus. Vormittags war kein Publikum in der Halle. Da sind wir eben für die Putzfrauen Jagden gefahren. Am unteren Rand der Bahn hatten die Veranstalter Latten hingelegt. Du mußtest also oben auf der Bahn fahren. Wenn du langsamer als 24 Stundenkilometer wurdest, bist du abgerutscht.
SPIEGEL: Kam das vor?
HUSCHKE: Klar. Manche waren so müde, daß sie eingeschlafen sind. Dann gab?s einen Bums, und dann lag er an der Erde.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich denn munter gehalten?
HUSCHKE: Mit Hechtsuppe.
SPIEGEL: Mit Hechtsuppe? Kein Arsen? Kein Strychnin?
HUSCHKE: Paß mal auf. Damals war Doping erlaubt. Ich habe ein paar Fahrer daran sterben sehen. Deshalb gab?s bei mir nur Hechtsuppe. Von sechs bis acht Hechten die besten Stücke durchpassiert. Davon drei Thermosflaschen voll getrunken und weg war die Müdigkeit. Im Hecht ist nämlich soviel Phosphor, er macht dein Gehirn hellwach.
SPIEGEL: Und die Fahrer, die sich nicht mit Hechtsuppe gedopt haben?
HUSCHKE: Alle kaputt. Alle längst tot.
SPIEGEL: Munter allein genügt ja nicht. Woher kam Ihre Hochform, die Kraft und die Ausdauer?
HUSCHKE: Ich war eigentlich kein Bahnfahrer, sondern seit 1911 Straßenfahrer, Berufsfahrer. Unsere Rennen gingen immer über 300, 400 Kilometer. Mal habe ich Wien-Berlin gewonnen. 600 Kilometer im Stück, Tag und Nacht gefahren, 22 Stunden hintereinander. Zusammen mit meinem Bruder Adolf bin ich auch 25-Stunden-Rennen gefahren, 1000 Kilometer und mehr ohne Pause.
SPIEGEL: Wie hält man das aus?
HUSCHKE: Ich war immer vergnügt. Aufgeben, das gab?s bei mir nicht. Trainiert haben wir aber ganz anders als heute. Nur 120 Kilometer pro Tag, aber immer auf Krawall. Schnelligkeit! Schnelligkeit! Heute machen sie 200 lahme Kilometer im Training. Alles Quatsch. Wanderfahrten bringen nichts.
SPIEGEL: Also können wir von den jungen deutschen Fahrern nichts erhoffen?
HUSCHKE: Ich will dir mal was sagen: Die sind alle nicht hart genug. Die sind alle verweichlicht. Zum Beispiel der Thurau. Die müßten anders, viel härter trainieren. Unsere Rennen waren viel schwerer. Bei einem Defekt mußtest du den Reifen mit den Zähnen von der Felge reißen.
SPIEGEL: Härteres Training für Thurau?
HUSCHKE: Der Thurau, wenn der richtig trainieren würde, würde auch nichts bei rauskommen.
SPIEGEL: Immerhin bekommt er 10 000 Mark pro Sechs-Tage-Nacht.
HUSCHKE: Da habe ich aber besser verdient. Vor dem Ersten Weltkrieg habe ich in den letzten drei Rennen 5500 Goldmark gewonnen, ich hatte die ganze Tasche voll Gold.
SPIEGEL: Und beim Sechstagerennen?
HUSCHKE: Konnte man auch von leben. Manchmal setzte das Publikum so viel Prämien aus, daß wir gar nicht zur Punkte-Jagd kamen. Die Leute standen alle auf den Bänken und haben so lange "Richard! Richard!" oder "Husch, husch, die Waldfee" gebrüllt, bis ich nach vorne gegangen bin und die Prämien eingefangen habe.
Ach Gott, was wir damals alles hatten: zentnerweise Kartoffeln, ein lebendes Schwein, sechzig, achtzig Zentner Mehl, Hunderte Flaschen Sekt, Wein, Schnaps, Likör, ein paar tausend Zigaretten, ein Boot, ein Motorrad. Nach unserem Weltrekord 1924 haben wir drei Lastwagen voll Prämien nach Hause gefahren.
SPIEGEL: Das Publikum war also auch besser als heute?
HUSCHKE: Ja. Erstens waren die Hallen immer ausverkauft. Noch morgens um sechs wollte keiner nach Hause. Zweitens hat sich das Publikum für den Sport interessiert. Heute gehen sie hin, um eine Gaudi zu haben. Heute sagt das Publikum: Ach, Radrennen ist ja ganz schön, aber die Fahrer stören dabei.
SPIEGEL: Gehen Sie als Zuschauer noch manchmal hin?
HUSCHKE: Ja, klar. Es kommt auch vor, daß ich vom Radrennen träume. Nur schöne Sachen, Siege und so.
SPIEGEL: Sie würden also nochmals Profi werden wollen?
HUSCHKE: Gleich! Aber dann würde es anders laufen in Deutschland.

DER SPIEGEL 41/1979
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