05.11.1979

DER SCHWARZE FREITAG

Im bösen Jahr 1931 war nichts mehr zu bremsen. Was 1929 aus einer Mischung von Dummheit, Hysterie und echter Rezession begonnen hatte, schlug anderthalb Jahre später in den Zustand einer weltweiten Anarchie um.
Besonders im alten Europa verwilderten die Sitten, die politischen und die wirtschaftlichen. In Deutschland hieben die militanten Schlägertrupps der Kommunisten und der Nationalsozialisten aufeinander ein. Arbeitslosigkeit, Reparationen und die internationale Hochfinanz wurden zu Schlagworten einer chauvinistischen Propaganda von rechts.
In Frankreich, dem von Reparationszahlungen begünstigten Nachbarland, begann eine wilde Beggar-myneighbour-Politik gegen Österreich, Deutschland und Großbritannien. Ihr tieferer Grund war die Angst, Deutschland könne dank der Krise seine Verpflichtungen aus dem Versailler Vertrag loswerden -- was dann auch geschah.
* Am Tisch rechts neben Hitler: Hugenberg; rechts hinter Hugenberg: Schacht.
In den USA setzten die New Dealer des demokratischen Volkstribunen Franklin Delano Roosevelt zum Sturm auf die Institutionen an und hetzten die Großen des Bankgewerbes vor Senatsausschüsse und Gerichte.
Längst nicht mehr blieb die Krise auf das Ökonomische allein begrenzt, und längst nicht mehr wurde mit den Instrumenten der Vernunft um Lösungen gefochten. In einem Netzwerk politischer Bedenken und Intrigen, Rücksichtnahmen und Abhängigkeiten verkam die internationale Wirtschafts- und Finanzpolitik zu einem konzeptionslosen Etwas.
Statt zusammen den Wirtschaftsapparat des kapitalistischen Westens wieder flottzubekommen, setzte ein wilder Krieg aller gegen alle ein. Nur zwei Jahre später war daraus ein politischer und wirtschaftlicher Bilateralismus geworden, der die Welt und die Nationen deutlicher trennte als je zuvor in der moderneren Industriegeschichte.
1913, immerhin, gab die Goldwährung jedem, der reisen wollte, die Möglichkeit, sich unbürokratisch mit Devisen zu versorgen. Der internationale Handel trieb den Staaten peinliche Grenzformalitäten aus. 1931 begannen jene Länder, die diesen Fortschritt in Gang gesetzt hatten, ihre Devisen zu bewirtschaften, und der Grenzverkehr wurde so behindert, daß Auslandsreisen zum Ärgernis wurden.
Vom Frühjahr 1931 an verschlimmerten sich die Dinge zur Apokalypse. Horrormeldungen über Pleiten, Kursstürze und Massenkündigungen überrollten sich gegenseitig. Von der Börse, dem Schreck des Schwarzen Freitags, redete kaum noch einer. Jetzt stand ganz anderes auf dem Spiel: der Bestand des Wirtschaftsgefüges, das Überleben der Staaten. Der gefährdetste Staat von allen aber war das Deutsche Reich.
Die Deflationspolitik der deutschen Regierung hatte der Wirtschaft so zugesetzt, daß nichts mehr lief, und die Finanzen des Reiches so ausgedörrt, daß nichts mehr in der Kasse war. Die deutsche Rezession von 1928 und die amerikanische Depression von 1930, die dem großen Börsenkrach gefolgt war, hatten sich in Deutschland unheilvoll verquickt: Das von Auslandskrediten gestützte Land trieb an den Abgrund des Staatsbankrotts.
Seit Heinrich Brüning mit Notverordnungen regierte, war das Volk es gewohnt geworden, daß dem Schlimmen stets das Schlimmere folgte. Wie schlimm es aber am Ende noch kommen würde, das konnte sich bis in den Mai 1931 hinein niemand so recht vorstellen, weil es dafür kein Beispiel gab.
Das Schlimmste kam, wie Hitler, unerwartet und unvermittelt aus dem Nachbarland Österreich.
Am 11. Mai 1931 veröffentlichte die Österreichische Creditanstalt, die angesehenste Privatbank des Landes, ihren Jahresabschluß. Das wesentlich von der Wiener Rothschild-Bank beherrschte Institut meldete dabei Verluste in der sensationellen Höhe von 140 Millionen Schilling (etwa 73 Millionen Mark). Damit war fast das gesamte Eigenkapital der Bank von 145 Millionen Schilling aufgezehrt. Die Creditanstalt war nach kaufmännischen Begriffen bankrott, der Run auf die Banken begann.
Sturm auf die Österreichische Creditanstalt
Bankzusammenbrüche allerdings galten in den Krisenjahren seit 1929 nicht mehr als Sensation, sondern als Tagesroutine. Allein in Deutschland hatten vom Herbst 1928 bis zum Herbst 1930 genau 357 Banken, Sparkassen und Leihhäuser dichtgemacht -- jeden zweiten Tag eine andere. Die Sitten waren so heruntergekommen, daß sich nur noch die wenigsten Pleitiers eine Kugel durch den Kopf schossen. Dennoch war das Malheur mit der Creditanstalt etwas Besonderes. Denn sie hatte nie als schwach gegolten.
Im Gegenteil. Noch im Oktober 1929 hatte das Institut auf Drängen der Wiener Regierung die bankrotte Bodenkreditanstalt in Wien übernommen und sein Geschäftsvolumen damit gewaltig ausgedehnt. Doch später stellte ein britischer Wirtschaftsprüfer fest, daß die Creditanstalt neben den 80 Millionen Schilling zusätzlichen Kapitals gleich 140 Millionen Schilling Verluste mitgekauft hatte. Bemerkt der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Charles P. Kindleberger: "Die Bodenkreditanstalt brachte der Creditanstalt Großkredite an Industriekonzernen mit, welche nur dadurch gerechtfertigt werden konnten, daß man die Tageswerte ignorierte."
So war es. Das zusätzliche Geschäftsvolumen hatte sich als Luft erwiesen, die Schulden dagegen waren stabil geblieben. Die Verluste der Creditanstalt entsprachen ungefähr den mitgekauften Verlusten der Bodenkreditanstalt.
Augenblicklich, am 12. Mai 1931, begann der Sturm auf die österreichischen Banken. Zwei Wochen später war der Creditanstalt ein Viertel sämtlicher Fremdgelder gekündigt, und das wiederum setzte die übliche Kettenreaktion in Gang, mit der die Finanzen des gesamten Kreditgewerbes heruntergezogen wurden. Denn die Anstalt mußte nun aus Guthaben Bargeld machen und es zumeist in Form von Devisen auszahlen. Das aber schaffte sie nicht.
Um ihr, von der ein großer Teil der österreichischen Industrie abhing, über die Runden zu helfen, mußte nun die Österreichische Nationalbank, also die Währungsbank, so viel Devisen geben, daß die Gold- und Devisendeckung des österreichischen Schillings binnen einer Woche von 83,5 auf 67,5 Prozent schrumpfte.
Der Weg nach unten wurde noch abschüssiger, weil viele vorsichtige Österreicher nun eine allgemeine Entwertung des Schillings voraussahen, Deshalb zogen sie ihre Gelder rasch ab, um sie in sichere Devisen umzuwechseln. Die Devisen wiederum schoben sie vorerst in den Strumpf.
Nun mußte die Nationalbank sich bei devisenstarken Ländern Überbrückungskredite besorgen. Als gold- und devisenreiches Land galt besonders die Republik Frankreich, und an deren Währungsbank wandten sich die Wiener nun. Dort aber erfuhren sie verblüfft eine neue Variante der Wirtschaftskrise: die der politischen Pression.
Geld nämlich, sagten die Franzosen, gebe es aus französischen Beständen nur, wenn Österreich seine gerade mit Deutschland begonnenen Verhandlungen über eine Zollunion beider Länder einstelle, denn eine solche Union widerspreche dem Buchstaben des Versailler Vertrages.
Die Österreicher, ohne einen starken Zollpartner kaum lebensfähig, ließen sich auf solche Bedingungen nicht ein. Der Versailler Vertrag, sagten sie, verbiete lediglich eine staatliche Union beider Länder. Doch die Franzosen, aus Angst vor der deutschen Gefahr, blieben hart.
Die ultimative Haltung Frankreichs führte sofort zum Rücktritt der österreichischen Regierung. Und damit hatte sich die Weltwirtschaftskrise zu einem diplomatischen Krieg der Nationen, zu einer Aggression der Völker gegeneinander gesteigert. Die nächste Station auf dem Weg zur Weltkatastrophe war erreicht.
Das wurde Montagu Norman, dem deutschfreundlichen Gouverneur der Bank von England, zu riskant. Um die nun drohende internationale Währungs- und Kreditkrise zu verhindern,
* Mit Innenminister Franz Winkler (2. v. l.).
machte er über Nacht einen Kredit von rund 150 Millionen Schilling für die Österreicher locker. Das aber war für Frankreich ein Signal, die internationale Krise noch ein wenig anzuschärfen.
Die Bank von Frankreich verkaufte nun, nur um den Briten einen Denkzettel zu verpassen, einen großen Teil ihrer Pfund-Bestände an den Devisenbörsen und operierte damit offen gegen die britische Währung. Dieses eher von Impertinenz als von Intelligenz gesteuerte Verhalten führte mit zu jener Pfund-Schwäche, aus der heraus die Weltwährungskrise im Spätsommer 1931 begann. Mehr Porzellan war im Augenblick nicht zu zerschlagen. Aber es kamen noch bessere Gelegenheiten.
Einstweilen war die Creditanstalt nun gerettet. Für das internationale Finanzgeschäft aber kam Montagu Normans große Tat zu spät. Das Mißtrauen der Gläubiger richtete sich nun, da Frankreichs Währungsbanker wild um sich schlugen, auch gegen die deutschen Großbanken. Deren Bilanzen nämlich sahen ebenfalls nicht rosig aus, und den Deutschen gegenüber werde Frankreich, so vermuteten Insider, mit noch weit härteren Bandagen antreten, wenn es um Kredite ging: Noch mi Mai 1931 wurden deshalb bei den deutschen Großbanken 288 Millionen Mark Auslandskredite gekündigt.
Unvermittelt lösten auch diese Kündigungen eine Kettenreaktion aus. Die Nervosität der deutschen Bankkundschaft, analysierte der Wirtschaftspublizist Hans E. Priester, habe auch damit zusammengehangen, "daß diese Banken die größten Abnehmer von Auslandsgeldern gewesen waren und daß man ihre inländischen Engagements seit einiger Zeit durchaus nicht optimistisch beurteilte".
In der Tat. Anfang Mai geriet der Karstadt-Konzern in Schwierigkeiten und Ende Mai auch die Versicherungsgruppe Nordstern. In dieser Lage sind besonders solche Kreditinstitute gefährdet, die sich gerne auf spekulative Engagements einlassen. Eines dieser Institute war die von dem einstigen Börsianer Jacob Goldschmidt aufgebaute Darmstädter und Nationalbank ("Danatbank"), das zweitgrößte Kreditinstitut des Reiches.
Die Danatbank war von dem Run auf die deutschen Institute folglich am härtesten betroffen. Sie mußte 97 Millionen Mark Kreditkündigungen hinnehmen. Die Dresdner Bank, deren Geschäfte gleichfalls als waghalsig galten, war mit 79 Millionen Mark dabei. Das schon damals weitaus größte Institut, die Deutsche Bank und Disconto-Gesellschaft, kam mit 51 Millionen Mark Abzügen davon, die Commerz- und Privatbank mit 36 Millionen.
Am besten stand die Berliner Handelsgesellschaft der legendären Bankiersfamilie Fürstenberg da, die sich mit Auslandsgeldern und Industriekrediten stur an altfränkische Bankregeln gehalten hatte und von der ganzen Krise unbeeindruckt blieb.
Zwischen Danatbaak und Berliner Handelsgesellschaft auch hatte es wenige Jahre vorher eine Episode gegeben, die besser als jede Bankentheorie zeigt, was angemessenes und was Fehlverhalten in der Vorgeschichte einer großen Krise ausmachen.
Auf dem Höhepunkt der deutschen Nachkriegskonjunktur, im Jahre 1927 nämlich, hatte der Fürstenberg-Partner Otto Jeidels die lukrativen Geschäftsverbindungen seiner Berliner Handelsgesellschaft mit dem Bremer Nordwolle-Konzern sausen lassen, nur weil ihm dessen Expansionspläne überzogen vorkamen und er dafür keinen zusätzlichen Kredit verantworten zu können glaubte.
Den Kunden Nordwolle erbte daraufhin der Danat-Chef Jacob Goldschmidt, ein typischer Expansionist. Das Ergebnis ist faszinierend: Die Berliner Handelsgesellschaft überlebte, weil sie sich von den Nordwolle-Leuten nichts vormachen ließ. Die Danatbank ging an der Nordwolle zugrunde -- und mit dieser Affäre begann dann der eigentliche Absturz der deutschen Wirtschaft ins Bodenlose.
Die Nordwolle-Affäre geschah, kurz nachdem der Kredit der Deutschen im internationalen Geschäft durch eine leichtfertige Äußerung des Kanzlers Brüning noch weiter ins Wanken geraten war: "Die Regierung ist sich bewußt", hatte Brüning am 6. Juni 1931 in einer überflüssigen Erklärung zum Young-Plan gesagt, "daß die aufs äußerste bedrohte wirtschaftliche und finanzielle Lage des Reiches gebieterisch zur Entlastung Deutschlands von untragbaren Reparationszahlungen zwingt."
Die Erklärung des Kanzlers hatte nur innenpolitisch wirken, nämlich die Gemüter der durch eine neue Notverordnung gebeutelten Deutschen besänftigen sollen. Aber das interessierte einen Ausländer wenig. Außenpolitisch mußte sie deshalb verheerend wirken. Ein neuer Run auf die deutschen Banken setzte ein, und die Reichsbank mußte binnen vier Tagen weitere 400 Millionen Mark opfern. Das Reich, so hatte doch dessen Kanzler selbst gesagt, stand vor der Zahlungsunfähigkeit.
Genau in diese Lage hinein platzte, wie um das neue Mißtrauen gegen die Deutschen nachträglich noch zu rechtfertigen, der Fall Nordwolle/ Danatbank, das schlimmste Unternehmens-Desaster der Weimarer Republik. Es läutete am 17. Juni 1931 die Endzeit für Weimar cm.
An diesem 17. Juni 1931 zeigte die Norddeutsche Wollkämmerei, die Kernfirma des Bremer Textilkonzerns Nordwolle, einen Bilanzverlust von 24 Millionen Mark an, gleichzeitig aber den Rückzug der Firmeninhaber Carl, Friedel und Heinz Lahusen aus dem Vorstand des Unternehmens. Nicht so sehr die Höhe des Verlustes, vielmehr das plötzliche Aussteigen des Inhabertrios alarmierte die Umwelt.
Zu Recht. Schon wenig später wurde deutlich, daß die Nordwolle nicht etwa nur 24, sondern gleich 200 Millionen Mark Miese gemacht hatte, denen allenfalls noch 140 Millionen Mark Aktiva gegenüberstanden. Ein 60-Millionen-Loch verunzierte die Bilanzen, und daran waren die drei Lahusens schuld.
Die Brüder Lahusen hatten am Jahresanfang 1931 auf steigende Rohstoffpreise gesetzt und sich für ein volles Jahr mit Wolle eingedeckt. Die Preise aber waren dahn weiter gerutscht, und die drei von der Nordwolle hatten diesen Verlust in den Büchern einer niederländischen Firma der Lahusens (Ultramare) versteckt, die sie früher einmal gegründet hatten, um den deutschen Fiskus zu hintergehen.
Die Bremer Firma, von einer renommierten Industriellenfamilie betrieben, war pleite. Entsetzlicher noch als die Pleite selbst war das Betrügerische und das Spekulative daran. Am entsetzlichsten aber war, daß ausgerechnet die schon wackelige Danatbank Hauptgläubiger der Nordwolle war. Wieder setzte ein Run auf die Bank ein.
Allein am 19. Juni 1931 mußte die Reichsbank aus diesen Gründen 70 Millionen Mark Devisen abgeben. Damit wiederum näherte sie sich der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestnotendeckung durch Gold und Devisen von 40 Prozent: Binnen eines Monats war die Reichsbank an den Rand der Manövrierunfähigkeit geraten. Noch einmal nahm das Tempo der Krise zu.
Der amerikanische Präsident Herbert Hoover schien eine Entwicklung dieser Art vorausgeahnt zu haben. Jedenfalls hatte Hoover seinem Finanzminister Andrew Mellon schon am 5. Juni 1931 ein Moratorium für Europa vorgeschlagen, weil er die Lage in der Alten Welt für bedrohlich hielt. Doch Hoover mußte sich vorhalten lassen, dies alles sei doch Europas ureigener Schlamassel, mit dem es selbst fertig werden müsse.
Dennoch beriet der Präsident vom 6. bis zum 16. Juni, also bis einen Tag vor der Nordwolle-Pleite, mit einer Reihe von Finanzexperten, die bald sogar ein zweijähriges Moratorium vorschlugen. "Im Ausland Mißtrauen gegen die deutsche Industrie."
Nach allerlei Palaver entschied die Gruppe sich dann für ein Jahr, beschloß aber gleichzeitig, den mißtrauischen und aggressiven Franzosen vorher nichts davon zu verraten, "um die größtmögliche Schockwirkung zu erzielen" (Kindleberger).
Am 20. Juni, auf dem Höhepunkt des Nordwolle-Skandals, wurde das Moratorium verkündet, und natürlich legten sich die Franzosen wieder quer. Das zog die Abschlußverhandlungen über das Hoover-Moratorium derart in die Länge, daß der Beruhigungseffekt vorzeitig abf laute. Wieder begannen Geldabzüge aus Deutschland, und die Reichsbank rutschte nun hart an die Notendeckungsgrenze von 40 Prozent heran. Erst am 7. Juni stimmten die Franzosen dem Moratorium zu.
Da aber war es schon geschehen, daß die "Basler Nationalzeitung" auf die latenten Schwierigkeiten einer deutschen Großbank hinwies und dabei den Namen der Danatbank nannte. Angeblich soll er ihr von Vertretern des Konkurrenten, der Deutschen Bank, gesteckt worden sein.
Die Stimmung gegen Deutschland schlug nun wieder um. Am 10. Juli kommentierte die gleiche Zeitung aus Basel zu den anhaltenden Geldabzügen aus Deutschland: "Man muß die Dinge beim rechten Namen nennen: Die unerhörten Vorkommnisse bei einer Anzahl deutscher Industriegesellschaften, die Vorfälle bei Karstadt und Nordwolle ... haben im Ausland Mißtrauen gegen die deutsche Industrie und die deutsche Bankenwelt hervorgerufen."
Was die Zeitung noch nicht wußte: Am Tage davor, am 9. Juli, hatte Danat-Inhaber Jacob Goldschmidt dem Reichskanzler Brüning erklären müssen, wegen der starken Geldabzüge und der Nordwolle-Pleite die Zahlungen nicht mehr aufrechterhalten zu können. Die sofort alarmierte Reichsbank aber, hart an ihrer Deckungsgrenze, konnte nicht mehr beispringen und benötigte nun ihrerseits einen internationalen Überbrückungskredit.
Dessen schnelle Gewährung jedoch scheiterte wieder einmal an den Franzosen. Sie knüpften daran die vom Fall Österreich her bekannten politischen Bedingungen. So sollten die Deutschen ihre Kritik am Young-Plan aufgeben, die Zollunion mit den Österreichern begraben, die rüde Propaganda der Nazis unterbinden, über eine Revision der deutsch-polnischen Grenze im Bereich des polnischen Korridors zwischen Pommern und Ostpreußen schweigen und den Bau des Panzerschiffes A verschieben.
Besonders der letzte Punkt verstieß gegen die Rechte der Deutschen. Der Versailler Vertrag nämlich hatte dem Deutschen Reich zwar den Bau von schweren Kriegsschiffen untersagt und ins einzelnen die Höchstgrenzen der Schiffstonnage, der Schiffszahl und der Bewaffnung festgelegt, er verbot aber keineswegs den Bau des Panzerschiffs A.
Dieser Schiffstyp war -- ganz im Gegenteil -- erst aufgrund der Beschränkungen des Versailler Vertrages entwickelt worden: ein Mini-Schlachtschiff mit 10 000 Tonnen Wasserverdrängung und nur wenigen schweren Geschützen. Sechs solcher Schiffe durfte Deutschland laut Vertrag bauen, und das Panzerschiff A, die spätere "Deutschland", war nur das erste davon.
Jetzt wurden die Amerikaner aufs neue alarmiert. Sie begannen schon kurz darauf über Stillhalteabkommen auch für die kommerziellen Schulden der Deutschen zu beraten. Die französische Obstruktion hatte also, da sie die Katastrophe der Deutschen verschärfte, immer mehr Zugeständnisse an die Deutschen erzwungen -- Zugeständnisse, deren Vorzüge später Hitler nutzte.
Neben den Amerikanern versuchten aber auch die Deutschen selber, der Krise durch innere Solidarität der Kreditinstitute beizukommen. Dies jedoch schlug fehl: Die Deutsche Bank wollte die Danatbank nicht retten, und die Dresdner Bank war selber in Schwierigkeiten.
Am 11. Juli, einem Sonnabend, teilte Jacob Goldschmidt dem Reichskanzler Brüning mit, am 13. Juli die Bankschalter nicht mehr öffnen zu wollen. Und wie um das Entsetzliche noch ganz und gar unerträglich zu machen, erfuhr die Regierung am gleichen Tage auch, die Landesbank der Rheinprovinz sei zahlungsunfähig.
Nun waren Regierung und Reichsbank vollends in der Bredouille. Denn bevor sie die private Danatbank hätten retten dürfen, mußten sie zunächst dem öffentlich-rechtlichen Institut in Düsseldorf helfen.
Die Lage war so verzweifelt, daß Regierung und Reichsbank sogar ihren hochfahrenden Kritiker, den ehemaligen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht, zur Beratung zuzogen. "Außer der Forderung, die Danatbank müsse liquidiert werden", resümiert Karl Erich Born in seinem Buch "Die deutsche Bankenkrise 1931", aber hatte "Schacht keine Vorschläge für die Reichsregierung".
Wohl in der Annahme, in einer Krise sei für ihn ohnehin kein Ruhm zu gewinnen, lehnte Schacht sowohl das ihm
angetragene Amt eines Treuhänders
der Danatbank als auch das eines Reichsbanken-Kommissars ab. Der ehemalige Reichsbankpräsident ging auf sein Gut Gühlen im Brandenburgischen zurück und wartete auf für ihn bessere Zeiten. Schacht: "Ich habe an der weiteren Gestaltung der Bankverhältnisse keinen Anteil mehr genommen."
"Die Gegner der Republik waren unter sich."
Die Regierung sicherte nun die kleinen Gläubiger der Danatbank, ließ die Bank und den Nordwolle-Konzern zusammenbrechen und führte zwei Bankfeiertage ein, um die Liquidität des Bankensystems nicht noch weiter zu gefährden. Zunächst schien nun das Schlimmste überstanden. Durch einen Kapitalschnitt und staatliche Garantien wurde die gleichfalls angeschlagene Dresdner Bank gerettet, so daß sie später in die Lage kam, die Reste der Danatbank aufzunehmen. Durch das Basler Stillhalteabkommen, bei dem 6,3 Milliarden Mark deutsche Auslandsschulden für sechs Monate gestundet blieben, bekam das deutsche Finanzwesen für einige Zeit Luft. Und selbst das Ende der Reparationen wurde nicht mehr für ganz unmöglich gehalten. Reichskanzler Brüning war, nach eigener Schau der Dinge, hundert Meter vor dem Ziel.
Aber andererseits hatten Regierung und Reichsbank in ihrer Not zu den ersten dirigistischen Maßnahmen gegriffen. Die Devisen wurden bewirtschaftet und damit der internationale Handel im Kern getroffen. Schon bald wirkte sich das verhängnisvolle Gesetz aus, nach dem eine dirigistische Maßnahme zwangsläufig die nächsten nach sich ziehen muß. Die Abdrift in einen längst als überwunden geltenden Merkantilismus begann. Er beherrschte die dreißiger Jahre bis zum Krieg.
Zusätzlich aber wurde durch politische Herrenreitereien das Mißtrauen des Auslands neu geweckt. Der ganz Schlaue, der "an der weiteren Gestaltung der Bankverhältnisse keinen Anteil mehr genommen" hatte, der Ex-Reichsbankpräsident, Ex-Währungskommissar und Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei, Hjalmar Schacht, hatte auf die politischen Hasardeure von rechts gesetzt und verlieh ihrer vom deutschnationalen Zeitungszaren Alfred Hugenberg in Bad Harzburg improvisierten Heerschau den Glanz seiner Anwesenheit. Wieder ging es eine Station weiter auf dem Weg zum Abgrund.
"In der Harzburger Front", so der
Historiker Karl Dietrich Bracher, "waren alle Gegner der Weimarer Republik, mit Ausnahme der Kommunisten, unter sich." Es waren die Antirepublikaner und Monarchisten aus den Offizierskorps und den Welrverbänden, "und diesen Exponenten der äußeren Macht sekundierten die Wirtschaftsführer, die sich jetzt mit den führenden Interessenverbänden gegen die bestehende bürgerlich-sozialdemokratische Kompromißordnung und auch gegen die zunächst begrüßte autoritäre Notlösung Brünings entschieden hatten" (Bracher). Deutschnationale Volkspartei, NSDAP, Stahlhelm, Reichslandbund, Wirtschaftsverbände, Deutsche Volkspartei, Alldeutsche und etliche Fürstenhäuser waren vertreten. "Die prominente Reihe umfaßte Hugenberg und Hitler mit ihren Reichstags- und preußischen Landtagsfraktionen". es war alles vorhanden, nur kein wie auch immer eingestimmter Sozialist.
Vorangegangen war am 9. Juli 1931 eine Vertretertagung der Rechtsopposition, die "den Entscheidungskampf zur Niederringung des heutigen Systems" proklamiert hatte. Dieses System war natürlich nur deshalb anfechtbar, weil es durch die langdauernde Wirtschaftskrise schwach und durch die Deflationspolitik weiter geschwächt worden war. Hitler, Hugenberg und die anderen betrieben nun den Sturz Brünings, für Hitler selbst bedeutete die Harzburger Heerschau, daß cr alle jene Kräfte beisammen sah, die er später dann unter Führung seiner eigenen Partei zusammenbringen wollte.
Verheerend für den Kredit der Republik wirkte der Auftritt des ehemaligen Reichsbankpräsidenten Schacht. Der Bankier erklärte sein Erscheinen zunächst als Beweis des überparteilichen Charakters der Veranstaltung, artikulierte dann aber die Forderung der Wirtschaft nach "Rettung von diesem System". Und als käme er direkt von Hitler, der ja immer über die "Systemzeit" redete, kritisierte Schacht "die falschen inneren Grundlagen des bisherigen Systems, seine Unaufrichtigkeit, seine Rechtsunsicherheit und seinen Mangel an Handlungsfreiheit".
Was durch eine unvermittelt hereingebrochene, in Deutschland durch Reparationsverpflichtungen und durch eine technologische Arbeitslosigkeit verschärfte Krise über das Land gekommen war, was durch eine falsche Art der Krisenbekämpfung verschlimmert wurde, das plötzlich war nun die "Unaufrichtigkeit" des gesamten "Systems": "In der Tat mußte der deutschen Kreditfähigkeit aus solcher Kritik nur noch weiterer Schaden erwachsen", analysiert Bracher. "Hier wie in den politischen Fragen erwies der Tag von Harzburg erneut die verderbliche Taktik der "Nationalen Opposition?, die durch rücksichtslose Destruktionspolitik wider besseres Wissen und ganz nach den Lehren der kommunistischen Verelendungstheorie den Weg zur Macht zu ebnen suchte."
Der Verfall ging weiter. Hindenburg verweigerte bald die Unterzeichnung weiterer Notverordnungen, und Brüning -- immerhin kurz vor dem außenpolitischen Erfolg eines Endes der Reparationen -- ging. Hitlers Partei war nun kurz vor der Macht.
"Ein wohlerzogener Hensquast, Herrenreiter und Schönredner."
Mit ihrer Duldung und Hugenbergs Hilfe kam der politisch konzeptionslose Franz von Papen ins Kanzleramt. Vorher hatten sich Hitler und der undurchsichtige Reichswehrminister Kurt von Schleicher darüber geeinigt, daß die Nazis Papen um den Preis rascher Neuwahlen tolerieren würden -- von denen Hitler sich dann den endgültigen Sieg versprach.
"Für den Verfall des öffentlichen Lebens konnte nichts bezeichnender sein als die Ernennung dieses wohlerzogenen Hansquasts, Herrenreiters und Schönredners, der von ferne etwas von "konservativer Revolution? hatte läuten hören" (Golo Mann).
Ausgerechnet mit einem von Papen zusammengestellten Kabinett der Barone ging es in den fürchterlichen Winter von 1931/32, der sechs Millionen Arbeitslose brachte. 3,5 Millionen davon wurden als Dauerarbeitslose ausgesteuert und mußten von den Gemeinden versorgt werden Bevor es dann zum Untergang der Demokratie in Deutschland kam, aber erschütterte ein weiteres Ereignis die Weltwirtschaft: Das britische Pfund trennte sich von der Golddeckung.
Zu spät, wie immer zu spät, hatten die Franzosen erkannt, was sie mit dem britischen Pfund angestellt hatten. Folglich fanden sie sich im Spätsommer, als das Pfund von einem internationalen Run belästigt wurde, wieder auf der Seite der Briten. Aber die Abzüge aus London waren so erheblich, daß die Regierung am 21. September 1931 die Bindung an das Gold aufgab.
Die kleinen Länder zogen daraufhin noch mehr Geld und Gold aus London ab. Nun wurde auch äußerlich klar, daß die Briten an einer überbewerteten Währung festgehalten hatten. "Großbritannien hatte den Goldstandard verlassen", kommentiert der britische Finanzexperte Percy James Grigg, "aber nicht auf elegante Weise, sondern mit einem katastrophalen Sturz von 30 Prozent und mehr, wodurch jede damals in der Welt noch vorhandene Grundlage der Kohärenz und Stabilität zerstört wurde."
Am 21. September notierte das Pfund 4,86 Dollar, im Dezember einen Monatsschnitt von 3,47 Dollar. 25 Länder werteten ab, Britanniens Anspruch, Währungsführer der Welt zu sein, war dahin. Der Westen trieb führungslos dahin. Und die Deutschen?
Die Deutschen, natürlich, sie werteten nicht ab, denn sie hielten das Ganze für einen inflationistischen Trick der Briten. Doch da die halbe Welt abgewertet hatte, blieb die wirtschaftliche Erholung Deutschlands nun erst recht aus: Wer gegen schlechter bewertete Währungen antritt, kann im Exportgeschäft nichts werden. Und gerade das Auslandsgeschäft brauchten die Deutschen, um ihre Reparations-Verpflichtungen zu erfüllen.
Für die deutsche Demokratie war dies der letzte Stoß -- und für den Welthandel, der weiter schrumpfte, der in Bewirtschaftung und Bilateralismus trieb, auch. Noch einmal Kindleberger: "Ob man die Schuld am Aufstieg der Nazis den Reparationen zumißt, der Ruhrbesetzung, der Inflation von 1922-23, der Nichtabwertung von 1931 oder der Deflationspolitik Brünings -- die Tatsache ist unbestritten, daß Brüning scheiterte."
Hundert Meter vor dem Ziel? Vielleicht. Der Dilettant Papen erhielt das Ende der Reparationen geschenkt. Sein Nachfolger von Schleicher, der ein "sozialer General" sein wollte, "war kein starker Mann" (Golo Mann). "Eines war es", so Mann, "von den Büros des Reichswehrministeriums aus eine wenig elegante, intrigante Personalpolitik zu betreiben, ein anderes, in diesem Winter 1932 auf 1933 an der Spitze des Deutschen Reiches zu stehen."
Im Winter der sechs Millionen Arbeitslosen. Im Winter aber auch, da die härteste Rezession abflaute und die Attraktion Hitlers nachließ. Die bösen drei Jahre seit dem Schwarzen Freitag hatten die deutsche Politik so umhergeworfen, daß gerade im entscheidenden Augenblick diejenigen am Ruder waren, die nichts mehr begriffen. Krisengründe: immer dort, wo sie keiner vermutet hat.
Was hätten ein Stresemann oder auch nur ein früher Brüning aus der Lage im Januar 1933 gemacht? Die Krise hatte alles desavouiert, was in Deutschland sich verantwortlich fühlte. Am 30.. Januar 1933 kam Hitler. Das Spiel war aus.
Es ist unerheblich, welche Fernwirkungen die Krise nun noch hervorbrachte. Mit Hitler war jene Figur möglich geworden, die das Weltgeschehen von jetzt an bestimmte. Erheblich
* Mit Reichskanzler van Papen (links), Papen-Nachfolger von Schleicher (rechts) auf Hindenburgs Gut Neudeck in Ostpreußen.
bleibt nur, wie es zum Schwarzen Freitag kam, wie weit Hitler von ihm noch profitierte und ob sich seinesgleichen wiederholen kann.
Die Krise selbst, ihre Vorboten zeigten es, war unausweichlich. Der Versailler Vertrag mit seinen Reparationsverpflichtungen für die Deutschen hatte das Gefüge der Weltwirtschaft verdreht. Einem Riesen-Geldtransfer stand kein Gütertransfer mehr gegenüber.
Europas neue Staaten, die aus der Erbmasse der Habsburger Doppelmonarchie entstanden waren, hatten sich als zunächst nicht lebensfähig erwiesen: Österreich selbst, Ungarn, Jugoslawien, die Tschechoslowakei. Sie alle benötigten künstliche Stützung, die wiederum das Wirtschaftsgefüge belasteten.
Europas Industriestaaten begannen eine teils überhastete Modernisierung, die Arbeitslosenheere freisetzte. Das Weltreich Großbritannien nahm seine Rolle nicht mehr wahr, weil es sich mit seinem künstlichen Währungskurs selbst Schwierigkeiten bereitete. Das neue Weltreich USA erkannte seine Rolle nicht rechtzeitig und gab sich einem wilden Konsum-, Wohlstands- und Spekulationsrausch hin.
Diese unheilvolle Kombination bewirkte, daß gegen Ende der zwanziger Jahre mehrere konjunkturelle Abwärtskurven zusammenfielen: Der Nachkriegsboom, eine übliche Erscheinung nach großen Kriegen, näherte sich dem Ende. Ein normaler Konjunkturzyklus, der etwa in Deutschland mit der Währungsreform von 1923/24 begonnen hatte, desgleichen. Und ein sogenannter Langwellenzyklus, der nach der Durchdringung der Weltwirtschaft mit den modernen Technologien der Chemie, der Elektrizität und des Verbrennungsmotors zu tun hatte, lief gleichzeitig aus.
In den USA, dem neuen Geldgeber der Weltwirtschaft, normalisierte sich eine Überkonjunktur, die mit dem Durchbruch der amerikanischen Gesellschaft zum Massenkonsum, zum Massenautomobil zusammenhing.
So gewaltig die Krise ohnehin programmiert war, so banal waren ihre Auslöser und so dilettantisch ihr Management. Und je mehr Möglichkeiten der Krisenbewältigung es gab, desto sicherer wurde immer wieder die schlechteste gewählt.
Babbitts Wahn, der Geld- und Konsumrausch des amerikanischen Durchschnittsbürgers, war die erste Schwachstelle des Systems. An ihm, der mit hoben Krediten im Wallstreet-Spiel hing, brach der New Yorker Börsenkrach aus.
Den Massenverkäufen und den abreißenden Kreditströmen des Kleinbürgers war der Börsenticker nicht mehr gewachsen. Zufällige und absichtliche Nachrichten-Verzögerungen, das Elend der auf Aktiensicherheiten beruhenden Kredite brachten die Kurse in einen Abgrund, den sie sonst nicht erreicht hätten. Der Schwarze Freitag im Oktober 1929 wurde zum Angelpunkt des Geschehens: Schon der Ausdruck genügte, um alles entsetzlich zu machen.
Augenblicklich riß die US-Konjunktur ab. Keiner konnte mehr so viel konsumieren wie vorher. Das Geld war weg. Und nun auch sprang der Funke nach Europa, dort am hellsten nach Deutschland, dem von amerikanischem Geld abhängigen Land. Und damit begann der Tragödie zweiter Teil. Die Fehlleistungen der Walistreet-Banker wurden durch jene der deutschen Regierung noch übertroffen.
Sie führte durch stramme Deflations- und Sparpolitik die seit 1928 angeschlagene Konjunktur in den Abgrund. Je tiefer es damals ging, desto mehr wurde der internationale Ruf des deutschen Finanzwesens, auf den die Wirtschaft des Reiches so sehr angewiesen war, erschüttert. Vier, fünf, sechs Millionen Arbeitslose gaben kein weltweites Renommee: Der Run auf die deutschen Banken, der Zusammenbruch des zweitgrößten Kreditinstituts, der Danatbank, riß die letzten Bastionen hinunter.
Eine bösartige Kampagne der Rechts-Politiker gegen die ungeliebte Republik entfesselte sich am wirtschaftlichen Chaos. Brüning, Papen, Schleicher, Hitler hieß die Chronologie des Geschehens, die Babbitt am 25. Oktober 1929 in Gang gesetzt hatte. Merkantilismus, Eifersucht der Nationen, Entfremdung der Völker, faschistische und parafaschistische Regierungen in Europa, schrumpfender Welthandel und dirigistische Auslandsbeziehungen vergifteten die Heilungsphase in den dreißiger Jahren. Und das Wenige, das an Erkenntnissen aus der Krise kam, die Lehre von Keynes und die ordoliberale Schule von Freiburg -- es mußte erst Nazizeit und Krieg überstehen, bevor es genutzt wurde.
Ist das Ganze wiederholbar? Nichts ist wiederholbar, dessen Ursachen aufgeklärt oder dauerhaft beseitigt sind. Börsenkatastrophen, wie sie vor vier Wochen erst wieder geschahen, wiederholen sich in gewissen Abständen. Sie führen nicht mehr in den Abgrund.
Bankzusammenbrüche wie Herstatt gibt es auch in diesen Tagen noch -- sie ziehen nicht mehr die ganze Wirtschaft mit. Technologische Lücken wie Ende der sechziger Jahre, als Europa noch war wie Amerika 1929 und als die Mikroprozessoren noch nicht erfunden waren, auch sie gibt es immer wieder. Alle möglichen Gründe der Krise von 1929 bis 1932 sind längst wieder dagewesen, nur die Krise nicht. Warum?
Entscheidendes hat sich geändert. Kein ruinöser Friedensvertrag störte die Konjunktur der Nachkriegszeit, sondern die Ost-West-Aufrüstung begünstigte sie. Keine Führungsnation fehlte mehr, die USA waren stets zur Stelle, wenngleich gelegentlich mit falschen Mitteln. Kein dümmlicher Chauvinismus behinderte die Verständigung der alten Industrieländer. Das transatlantische Verhältnis funktionierte, und die Europäische Gemeinschaft zwang zu ständiger Kommunikation.
Auch die schlimmsten Fehler der Zeit vor fünfzig Jahren drohen in der Gegenwart kaum. Die Krisenanalyse, das Krisenmanagement sind klarer und besser, die Informationstechnik, der große Fortschritt der siebziger Jahre, wird Pannen wie den Streik eines Börsentickers vermeiden.
Das soziale Gefälle in den Industriestaaten ist geringer, der Staatsanteil am Volkseinkommen größer geworden, antizyklische Politik also eher möglich und eher zumutbar. Und das internationale Währungssystem ist stabil geworden, seit es flexibel wurde.
Nein, die Gründe von 1929 werden es nie wieder sein, die eine Krise bringen, und die Krise selbst wird nie wieder so sein wie damals. Nur leider: Krisenbekämpfung und nationalökonomische Theorien sind keine Naturwissenschaften. Beide sind einzig abhängig von zeitgeschichtlichen Erfahrungen, von Gegenwartsströmungen, von Empirie. Sie sind ein freilich veredeltes Tagesgeschäft, das sich nicht an Künftigem orientieren kann, sondern immer nur an Gewesenem.
Das Künftige aber wird anders sein als das Gewesene. Die Krise von morgen -- wenn sie denn kommt -- kommt unvorhergesehen wie die von 1929: heimtückisch, aus einer Konstellation, für die es kein Vorbild gibt. Ende

DER SPIEGEL 45/1979
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