01.10.1979

MEDIZIN

Heilende Geister

Klinikärzte westlicher Prägung und Medizinmänner aus dem Busch trafen sich in Australien. Fazit des Meetings: Die naturnahe "traditionelle Medizin" ist auf vielen Gebieten überlegen.

Als lächerlich, wenn nicht skandalös hätten konservative Schulmediziner abgetan, was sich in der ersten Septemberwoche in Canberra abspielte:

Auf dem Campus der australischen Universität trafen sich Ärzte und Wissenschaftler aus aller Welt mit Medizinmännern Asiens und Afrikas. Harvard-Professoren diskutierten mit indischen Naturheilern, kräuterkundige Buschdoktoren mit Pharmaforschern aus New York und Peking.

Die ungewöhnliche Begegnung -- Anlaß war der erste internationale Kongreß für "traditionelle Medizin" -- kennzeichnete eine Wende in der Gesundheitspolitik für die Entwicklungsländer: die Abkehr von der technisierten Hochglanzmedizin, verbunden mit einer Aufwertung altüberlieferter Heilmittel und -methoden.

Enttäuscht vom geringen Erfolg westlicher Medizin in der Dritten Welt, hat sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für diese neue Strategie entschieden. Sie setzt ihre Hoffnung nicht länger in hochqualifizierte Ärzte und moderne Krankenhäuser. Künftig, so WHO-Sekretär Robert M. Bannerman in Canberra, sollen auch "Barfußdoktoren" und fortgebildete Medizinmänner die Gesundheit von Millionen Unterversorgten bessern helfen.

Als Scharlatane und Zauberer waren die volkstümlichen Heiler verspottet und sogar verfolgt worden, von den Kolonialherren ebenso wie später von der eigenen, westlich orientierten Führungselite. Die Segnungen europäischer und amerikanischer Medizin -- Spezialistentum, blitzende Kliniken und teure Apparate -- galten als prestigefördernd.

Auch der WHO schienen sie 30 Jahre lang Garanten für ihr ehrgeiziges Ziel: Gesundheitsfürsorge für alle bis zum Jahr 2000. Tatsächlich stieg die durchschnittliche Lebenserwartung in der Dritten Welt auf rund 50 Jahre, gelangen vereinzelte Siege wie die Ausrottung der Pocken (SPIEGEL 11/ 1979).

Aber gleichzeitig klaffte die Lücke zwischen arm und reich immer tiefer. Gesundheit blieb ein Gut für wenige -- die Cholera, die Fellachen-Krankheit Bilharziose und die Malaria gerieten außer Kontrolle und infizierten Millionen. An Masern, Keuchhusten oder Tuberkulose, allesamt längst durch *Links: Rituelle waschung; unten: im Albert-Schweitzer-Hospital in Lambarene.

Impfung vermeidbar, sterben noch immer jährlich fünf Millionen Kinder.

Dennoch lassen sich in den Entwicklungsländern nur die wenigsten Ärzte dort nieder, wo drei Viertel der Bevölkerung leben: in den Slums oder auf dem Lande. Dort kommt, so eine WHO-Angabe, auf jeweils 10 000 Menschen ein einziger ausgebildeter Gesundheitshelfer -- in westlichen Ländern, etwa der Bundesrepublik, sind es 20 Ärzte pro 10 000 Einwohner.

Hilfe suchen Kranke in der Dritten Welt deshalb immer noch überwiegend bei den sogenannten traditionellen Heilkundigen: bei Medizinmännern, Schamanen und "weisen Frauen". Deren Methoden und Arzneien will nun die WHO aufgreifen, analysieren und weiterentwickeln.

Rund 200 Traditionsmediziner -- vom Leibarzt des Dalai-Lama bis zum Klinikdirektor aus Bombay -- berichteten auf dem Kongreß in Canberra über ihre Praktiken. Selbstbewußtsein trugen dabei vor allem die Vertreter der drei ältesten und noch heute wichtigsten altüberlieferten Heilkunden zur Schau: des hinduistischen Ajurweda, des islamischen Unani und der chinesischen Medizin.

Allein in Indien wenden mehr als 500 000 Ajurweda-Therapeuten ihre "Wissenschaft vom Leben" an, 15 000 sind es in Nepal. Zehntausende praktizieren auf dem Subkontinent das islamische Unani, und beide Medizinsysteme beeinflussen Heiltechniken in vielen Ländern Asiens und Afrikas.

Ein Schatz von mehr als 8000 Rezepturen (die unveröffentlichten nicht gerechnet), ferner Diät und Joga bilden die Grundlage dieser Medizin-Lehren; die Behandlung des ganzen Menschen, nicht nur einzelner Organe, ist ihre Philosophie.

Wirksam auch nach westlichen Maßstäben sind Ajurweda und Unani vor allem bei Stoffwechselerkrankungen, Magen-, Darm- und Hautleiden. Indische Doktoren berichteten über erstaunliche Erfolge bei Rheuma, das mit westlicher Medizin bis heute allenfalls gelindert werden kann.

Bekanntestes Beispiel für die Kenntnisse der alten Arzneibrauer ist die Nutzung der blutdrucksenkenden Klettenpflanze Rauwolfia. Sie wurde, wie auch die asiatische Pflanzendroge Ephedrin, Basis vieler Allergie-Mittel -- vom Westen erst in jüngster Zeit wiederentdeckt. Keineswegs, so meinte denn auch Hakim Mohammed Said, Gesundheitsberater der pakistanischen Regierung, betrachte sich der Subkontinent als medizinisches Entwicklungsland.

Noch intensiver als zur Zeit der "Viererbande" wollen die Chinesen künftig ihre überlieferten Heilverfahren einsetzen. Akupunktiert wird heute schon bei 200 Krankheiten und selbst bei schweren Operationen. Die Nadel-Behandlung kostet meist nur ein Zehntel dessen, was für westliche Arzneien oder Betäubungsmittel ausgegeben werden müßte.

Wie die traditionelle chinesische Medizin sind auch Ajurweda und Unani fest etabliert: Fast sechs Jahre dauert eine Ajurweda-Ausbildung an einem der 98 indischen Fach-Colleges, die es dafür gibt.

Auch die in großer Vielfalt außerhalb der drei Hauptsysteme praktizierenden Heiler, Medizinmänner und Geburtshelferinnen finden in den Ländern der Dritten Welt zunehmend offizielle Anerkennung.

In Malaysia, wo für zwölf Millionen Einwohner weniger als 2500 Ärzte westlicher Prägung zur Verfügung stehen, ist das Monopol des Hochschul-Doktors auch im öffentlichen Gesundheitsdienst gebrochen. Medizinmänner, "Bomoh" oder "Dukun" genannt, werden an den Kliniken des Landes fortgebildet. Man betraut sie auch mit der Behandlung der zahlreichen Rauschgiftsüchtigen. Mit einer Kombination von spirituellen Bädern, Naturheilmitteln und Aufmalen religiöser Texte auf die Haut gelang es in Kuala Lumpur einem Dukun, 300 Süchtige dauerhaft zu entwöhnen.

In den Dschungelhospitälern werden die Medizinmänner als Vermittler zwischen ihren Stammesangehörigen und den Weißkitteln eingesetzt. Aus der Klinik, so berichtete Professor Roland Werner (Bremen), nimmt der Dukun dann Erfahrungen im Handhaben von Impfmesser und Funkgerät mit in sein Dorf.

Nur selten finden "aufgeklärte" Ärzte westlicher Prägung in der Dritten Welt Zugang zu ihren ländlichen Patienten: Ob Moslems, Hindus, Buddhisten oder Christen -- sie alle leben bis heute im Glauben an Geister, die Seele und Körper beeinflussen. Tabus sind oft unverständlich, haben aber ihre Funktion in der traditionellen Gesund* In Kuala Lumpur.

heitsvorsorge. Dr. Dorothea Sich vom Heidelberger Institut für Tropenhygiene, seit zehn Jahren Gynäkologin in Seoul, nannte als Beispiele die koreanische Geburtsanzeige: Ein geschmücktes Strohseil am Haus mahnt die Dorfbewohner, nicht einzutreten -- die Geburt ist Sache der Familie. So werden Aufregung und schädliche Keime von Mutter und Säugling ferngehalten.

* Mit Geisterboot, das die Krankheiten der Dorfgemeinschaften aufnehmen aufl.

Um ähnlichen "Aberglauben" auszurotten. wurden in Taiwan schwangere Frauen mit Polizeigewalt ins Krankenhaus gebracht -- bis die Gesundheitsbehörden sich des angerichteten Schadens bewußt wurden.

Mit ihrem neuen Programm will sich die WHO jetzt den tatsächlichen Bedürfnissen der Dritten Welt anpassen. Da drei Viertel aller Todesfälle durch Armut bedingt sind, wurden neue Prioritäten gesetzt:

* Sauberes Wasser vor Antibiotika; > ausreichende Nahrung vor Vitaminpillen;

* Muttermilch vor industrieller Babynahrung;

* einheimische Pflanzen-Arzneien vor

importierten Medikamenten; > ländliche Gesundheitszentren vor großen Schwerpunktkrankenhäusern;

* Gesundheitshelfer vor Ärzten.

Bei der Konferenz in Canberra gab es keine Konfrontation zwischen Traditionalisten und Modernen. Vielmehr erklärten etliche westliche Ärzte unverhohlen den Bankrott ihrer anonymen Apparatemedizin. Zur Blindheit gegenüber dem Patienten erzogen -- so meinte etwa der amerikanische Anthropologe und Psychiater Arthur Kleinman -, sehe der Schulmediziner nur noch das Kollektiv von Organen.

Nach dem Vorbild volkstümlicher Heilkunst, so Kleinman weiter, könne die westliche Medizin wieder humanisiert werden -- auch ohne Trance und Geisterbeschwörung.


DER SPIEGEL 40/1979
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