24.09.1979

LINKESchwafel, schwafel

Streit über jenes ferne Land, dessen Schicksal einst die Apo einte, hat Westdeutschlands Linke entzweit: Vietnam.
Ein Dutzend Jahre ist es her, da demonstrierte der rote Rudi Dutschke unter Transparenten mit dem Text: "Schafft zwei, drei, viele Vietnam." Heute indes scheint schon ein einziges Vietnam ihm zuviel.
Die Sozialisten in Hanoi beschuldigt Dutschke der "Zerstörung aller sozialistischen Ansätze". Unter ihrem Regiment würden die Menschenrechte "verletzt von A bis Z".
Es sei, bekennt der Apo-Veteran, für ihn "bitter festzustellen, daß diejenigen, für deren Sieg und Frieden man sich jahrelang eingesetzt hat, sich nun entpuppen als Mächtige, die wie traditionelle asiatische Eroberer handeln".
Seit dem vietnamesischen Einmarsch in Kambodscha, spätestens seit der Flüchtlingstragödie im Südchinesischen Meer ist Vietnam für Westdeutschlands Linke nicht mehr, was es einmal war: ein alle Fraktionen einigendes "Symbol gegen alle ausbeuterische Herrschaft". "Dieses Symbol", weiß der West-Berliner Linksprofessor Wolf-Dieter Narr? "hat in letzter Zeit viel gelitten."
Mehr noch: Das Verhältnis zu Vietnam ist, so die linke "Tageszeitung" ("taz"), zur "Gretchenfrage" geraten, die wie kaum ein Streitpunkt zuvor jene einander entfremdet, die einst Seite an Seite gegen den "US-Völkermord in Vietnam" gestritten haben.
Moskautreue Sozialisten müssen sich von anderen Linken die heikle Frage gefallen lassen, ob das mit der Sowjet-Union verbündete Hanoier Regime nicht selber Völkermord betreibe, nämlich die "Endlösung der Chinesenfrage", ein "Holocaust in Südostasien" ("taz"). China-Freunde wiederum sehen sich der Ansicht konfrontiert, seit Pekings Strafexpedition nach Vietnam im Februar dieses Jahres sei die "Zerstörung des Mythos vom chinesischen Kommunismus" perfekt (so das Hamburger Linksmagazin "Avanti").
Desillusioniert und demoralisiert durch das Fiasko in Fernost, reagierten Linke monatelang "wie gelähmt" (Selbstkritik im kommunistischen "Arbeiterkampf"). Viele Genossen, ließ sich ein Leserbriefschreiber in der eher grünen als roten, jedenfalls bunten "Tageszeitung" vernehmen, seien "momentan sprachlos".
Inzwischen freilich scheint die Denkpause beendet, ist das peinliche Schweigen dem Lärm linker Flügelkämpfe ge* Oben: in West-Berlin; unten: vor der Küste von Malaysia.
wichen -- weltweit. In den USA sind gar die beiden prominentesten Vietnam-Streiterinnen der sechziger Jahre über Vietnam auseinandergeraten: die Protestsängerin Joan Baez und die Schauspielerin Jane Fonda.
Die Baez ("Ich trage keine ideologischen Scheuklappen") warf in einem offenen Brief der Regierung in Hanoi unmenschliche Behandlung politischer Gegner vor. Das veranlaßte die Fonda zu dem Kommentar, die Sängerin habe sich "auf die gleiche Stufe mit den engstirnigsten und negativsten Elementen" begeben; Repressionsmaßnahmen gegenüber den einstigen Unterdrückern seien zumindest verständlich.
Joan Baez erwiderte, der Vorwurf, sie habe "das vietnamesische Volk verraten", sei schlicht "lächerlich": "Ich "verrate? höchstens jene 17 oder 18 greisen Stalinisten, die die Macht ausüben." Falsch sei auch die Behauptung, sie habe Fehlinformationen der CIA über Vietnam verbreitet; vielmehr sei ihre Kontrahentin Jane "schlecht informiert und von Politikern umgeben, die sie am Draht ziehen wollen".
Ähnliche Argumente und Unterstellungen wie im Schwesternkrieg zwischen der singenden "Jeanne d?Arc der USA" ("Weltwoche") und der schauspielernden "La Pasionaria Amerikas" ("Time
Auf der einen Seite der Front -- bei einem Teil der orthodoxen Linken, im Umfeld der DKP -- herrscht die mehr oder weniger offen vertretene These vor, die angeblichen Vietnam-Vertriebenen seien in Wahrheit Auswanderer mit niederen Motiven: durchweg einstige Ami-Nutten, Schieber- und Schmarotzer-Typen, die das hungernde, zerstörte Land lieber im Stich lassen, als bei seinem sozialistischen Wiederaufbau mitzuarbeiten.
Die Schuld am Massenexodus wie am tausendfachen nassen Tod treffe, so diese Lesart, vor allem die USA (die Vietnam Entwicklungshilfe verweigern) sowie die südostasiatischen US-Verbündeten (die aus rassistischen Gründen chinesischstämmige Flüchtlinge abwiesen), aber auch das kommunistische China (das sich aus ideologischen Motiven geweigert habe, die kapitalistisch orientierten "boat people" aufzunehmen).
Auf der anderen Seite des linken Spektrums -- bei Spontis und Bunten, bei Radikalliberalen und Antiautoritären wie Dutschke -- wird die soziale Herkunft der Flüchtlinge ähnlich beurteilt. "Aber wenn schon", fragt ein Hamburger Bürgerinitiativler, "sollen die deshalb sterben müssen?" Und auch die Verantwortlichkeit am Massentod im Ozean wird anders verteilt: Zumindest eine "Teilschuld" treffe Vietnam, dessen Minderheitenpolitik den Flüchtlingsstrom verstärkt habe.
Den Jane-Fonda-Part in der westeuropäischen Vietnam-Diskussion hat der in Stockholm lebende Schriftsteller Peter Weiss übernommen: Das sozialistische Hamburger Monatsblatt "Konkret" veröffentlichte in seiner jüngsten Ausgabe ein Weiss-Plädoyer für die von Hanoi praktizierte Behandlung politisch Mißliebiger in Sammellagern: "Um das Leben von 50 Millionen Menschen zu schützen, müssen einige Zehntausende, die die Nation gefährden, in Gewahrsam gehalten werden."
Das Elend der "boat people" kommentierte Weiss mit dem Hinweis, deren "klassenmäßige Zugehörigkeit" gehe daraus hervor, "daß sie für den Einzelplatz noch ca. 6000 Dollar aufbringen können".
In die Rolle der Joan Baez fand sich beispielsweise Weiss, schwedischer Schriftsteller-Kollege Jan Myrdal: Weiss rechtfertige, wetterte er, eine "faschistische Gesellschaft", wenn er Hanois Umerziehungslager billige.
Nicht minder scharf reagierten westdeutsche Linke. Wolf-Dieter Narr und Klaus Vack vom Offenbacher "Sozialistischen Büro" kritisierten öffentlich Weissens "Zynismus" ("Wo gehobelt wird, da fallen Späne") und sahen die Glaubwürdigkeit der gesamten Linken in Gefahr: "Indem Peter Weiss kein Wort über das nachweisliche Elend der Flüchtlinge verlor, sondern allein die vietnamesische Regierung rechtfertigte, hat er die unteilbaren Menschenrechte herrschaftsinteressiert verteilt."
Die Weiss-These, die "boat people" seien Emigranten, keine Vertriebenen, veranlaßte jüngst die "taz", auf ihrer Frontseite ein bitterböses Anti-Weiss-Gedicht zu drucken: Wir haben von Emigranten zu reden: sagt uns Peter Weiss.
Dazu schweigen die Emigranten auf dem Meeresboden, denn sie sind schon naturalisiert.
"Die Neue" hingegen, die altlinke Konkurrentin der "Tageszeitung", hat -- wenn auch weniger in Leitartikeln als mit ihrer Nachrichtenauswahl -- Position in Hanoi-Nähe bezogen: Gern druckt die "Neue" Spekulationen, nach denen viele der Vietnam "angelasteten Flüchtlinge aus der VR China kommen" oder BBC und "Stimme Amerikas" mit ihren südostasiatischen Propagandasendern "Flüchtlingsproduktion der Ätherwellen" betreiben.
In diese Weltsicht fügt sich, daß die "Neue" einen kritischen "taz"-Beitrag über Jane Fonda mit den Worten charakterisiert: "Schwafel, schwafel, schwafel." Im "Neue"-Leserbriefteil wird dem Konkurrenzblatt vorgeworfen, es sei "hereingefallen" auf "antikommunistische Kampagnen der bürgerlichen Presse".
Einig scheinen die linken Vietnam-Diskutanten nur mehr in einem einzigen Punkt: Empörung über die "widerliche doppelte Moral" (Narr/Vack) jener, die einst schwiegen, als amerikanisches Napalm auf Vietnam regnete, die nun aber die Flüchtlingsnot zum Anlaß für antikommunistische Propaganda nehmen.
So sehen etwa die CDU-Abgeordneten Elmar Pieroth und Matthias Wissmann keinen Widerspruch darin, Spenden zur Linderung des asiatischen Flüchtlingselends zu werben und zugleich die Meinung zu vertreten, in Indochina habe nicht lange genug Krieg geherrscht: "Der Westen hat 1975 keinen guten Eindruck gemacht, als er Vietnam überstürzt fallen ließ."
Wieder einmal, mokiert sich "Konkret" über die von "Bild"-Springer wie CSU-Strauß geförderte Spenden-Kampagne, herrsche "Einheits- und Einheizstimmung im Land": "Die Stollwerck-AG stiftet 100 000 Tafeln Schokolade für die Flüchtlinge", aber "für die Verhungernden in Kampuchea? die ärmsten Opfer des US-Imperialismus und seiner chinesischen Kollaborateure, gibt es keinen Hilferuf, keine Mark und keinen Groschen".
Die Hilfsbereitschaft einiger Linker indes mutet nicht minder selektiv an. Die DKP etwa findet in ihrem Parteiblatt "UZ" kaum ein gutes Wort für die Flüchtlinge, sondern agitiert einseitig für Hilfe an Hanoi: Bonn möge der vietnamesischen Regierung endlich die schon vor Jahren versprochenen Wiederaufbau-Millionen auszahlen, die wegen Uneinigkeit über eine Berlin-Klausel gesperrt sind.
Immerhin kann die DKP ihre Forderung nach Hanoi-Hilfe mit einem Appell des Kinderhilfswerks "Terre des Hommes" (TdH) abstützen: "Die beste Maßnahme gegen den Flüchtlings. strom aus Vietnam", urteilt die deutsche TdH-Zentrale, "ist die Hilfe für die Menschen in Vietnam. Eine Verweigerung der Hilfe für die Menschen in Vietnam kommt einer Bestrafung der Menschen dort gleich und wird den Flüchtlingsstrom nur verstärken."
Und auch die Theologie-Professorin Uta Ranke-Heinemann? Tochter des Ex-Bundespräsidenten und eine der prominentesten Vietnam-Kriegsgegner von einst, argumentiert: "Wenn Vietnam erst einmal durch ausländische Hilfe die Chance für einen vernünftigen Neuaufbau bekommt, werden die Menschen das Land nicht mehr in diesem Maße verlassen."
Allmählich allerdings scheint sich in der Linken die Einsicht durchzusetzen, daß die bislang diskutierte "Alternative Vietnam- oder Flüchtlingshilfe ... vom humanitären Standpunkt aus völlig heuchlerisch" ist: Beides, schreibt die "taz", müsse zugleich gewährt werden -- ein Standpunkt, den selbst der radikale "Kommunistische Bund" (KB) vertritt.
Aus "Angst", die "bürgerliche Kampagne zur Flüchtlingsfrage" zu verstärken, gesteht der KB in seinem "Arbeiterkampf", seien "viele Genossen" den Rechten "ins Messer" gelaufen. Trotz aller Abscheu gegen die antikommunistischen Begleittöne der Springer- und Unions-Kampagne dürfe die Linke Ertrinkenden nicht die Solidarität verweigern: "Sicher ist der Aufbau Vietnams die beste Garantie zur Lösung des Flüchtlingsproblems? aber die Flüchtlinge schwimmen da nun mal letzt im Meer."
Die KB-Gruppe Kassel regte Anfang dieses Monats gar an, die "gegenwärtige Parteinahme" für die Regierung in Hanoi zu überprüfen. Denn eines habe die gesamte Linke aus der Entwicklung der letzten Jahre in Südostasien lernen können: Ein Staat, der "heute unterstützenswert ist, muß vielleicht schon morgen verurteilt beziehungsweise bekämpft werden".

DER SPIEGEL 39/1979
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