20.08.1979

Unternehmen Tannenberg

August 1939: Wie der SD den Überfall auf Polen vorbereitete (III)

Heinrich Müller, SS-Oberführer und

Chef der Geheimen Staatspolizei, gab die letzten Befehle. Er reiste Ende August 1939 durch Oberschlesien, um die Männer des Unternehmens Tannenberg auf das große Provokationsstück vorzubereiten, mit dem Adolf Hitler den Krieg gegen Polen eröffnen und zugleich begründen wollte.

Der Gestapo-Chef hatte es eilig, denn jeden Augenblick konnte Hitler den Angriffsbefehl erteilen, den er schon einmal gegeben, dann aber wieder zurückgezogen hatte. Hitler versuchte noch immer, durch diplomati

© 1979 Limes Verlag, München. Das Buch von Alfred Spieß und Heiner Lichtenstein. das der SPIEGEL-Serie zugrunde liegt, erscheint Ende August unter dem Titel Das Unternehmen Tannenherg" (190 Seiten; 22 Mark).

sche Verhandlungen die Westmächte von Polen zu trennen, doch die Geduld ging ihm allmählich aus.

Desto mehr beschleunigte Müller die letzten Tannenberg-Vorbereitungen. Er war von dem SD-Chef Heydrich, dem Erfinder des Provokationsplans, mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet worden, seit der Koordinator des Unternehmens, SS-Oberführer Mehlhorn, und der Einsatzführer Hellwig wegen des Wirrwarrs bei dem in letzter Minute abgesagten Angriff in der Nacht vom 25. zum 26. August abgesetzt worden waren.

Heydrich und Müller hatten daraufhin den Einsatzplan revidiert. Es sollten nun an den Überfallorten weniger SS-Männer eingesetzt werden, als ursprünglich beabsichtigt worden war, und kein polnisches Gebiet betreten werden.

Die Kommandogewalt wurde wieder nach dem alten Plan verteilt: Der SS-Oberführer Dr. Dr. Otto Rasch sollte den Scheinangriff auf das Forsthaus bei Pitschen, der SS-Standartenfuhrer Dr. Hans Trummler die Abwehr bei Hochlinden und der SS-Sturmbannführer Alfred Helmut Naujocks den Überfall auf den Sender Gleiwitz leiten. Nur das Kommando über den Scheinangriff gegen das Zollbaus bei Hochlinden wurde neu besetzt.

Neuer Einsatzführer wurde der SS-Sturmbannführer Karl Hoffmann, der den Marsch der Hellwig-Truppe am Abend des 25. August mitgemacht hatte. Müller flog nach Oberschlesien und weihte Hoffmann ein.

Hoffmann erinnert sich: "Ich wurde zum Flugplatz nach Gleiwitz befohlen, wo ich Müller treffen sollte. Als ich zu dem Flugplatz kam, war dort gerade ein einmotoriges Flugzeug gelandet, dessen Propeller noch lief. Müller stand neben der Maschine.

Müller fragte mich, ob ich an Stelle von Hellwig dessen Kommando beim Einsatz Hochlinden übernehmen wolle, worauf ich erwiderte: "Wenn es befohlen wird, mache ich es." Hierauf holte Müller eine Karte hervor. Wir legten uns zusammen auf den Rasen des Flugfeldes, wo mir Müller dann nochmals den Einsatzplan erläuterte.

Ich bemerkte, daß ich die Örtlichkeit aus dem vorangegangenen verpatzten Einsatz noch kennen würde. Müller sagte hierauf abschließend: "Dann ist ja alles in Ordnung." Mit diesen Worten verabschiedete er sich, stieg wieder in seine Maschine und flog davon."

Müller zog sich in sein Stabsquartier in Oppeln zurück und bestellte Naujocks zu sich. Die Vorbereitungen für den Anschlag auf den Sender Gleiwitz befriedigten Gestapo-Müller nicht; ihm mißfiel vor allem, daß der Scheinangriff ohne eine einzige "Konserve" geplant war, ohne einen jener KZ-Häftlinge, die Müller ermorden lassen und dann als vermeintliche Polen an den Überfallorten deponieren wollte.

"Von Müller erfuhr ich", weiß noch Naujocks, "daß auch am Sender Gleiwitz eine solche "Konserve? am Tatort zurückgelassen werden sollte. Müller erklärte mir, daß auch die von ihm an den Sender zu bringende "Konserve? in eine polnische Uniform gekleidet sein sollte."

Das freilich erschien Naujocks ziemlich unsinnig. Naujocks: "Ich machte Müller klar, daß die von mir in Gleiwitz durchzuführende Aktion unter dem Gesichtswinkel polnischer Insurgenten, das heißt: in Zivil, vor sich gehen sollte und nicht mit vorgetäuschten polnischen Soldaten. "Na schön", sagte Müller, "dann bekommen Sie ihn eben in Zivil. Sie beginnen Ihre Aktion um 20 Uhr, und in der Zeit zwischen 20 Uhr und 20.10 Uhr bringe ich Ihnen die Konserve an den Sender."

Müllers ursprünglicher Plan machte deutlich, daß der Gestapo-Chef die besondere Lage im Fall Gleiwitz noch nicht völlig durchdacht hatte. Mehrere Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt und dazu noch in einer großen Stadt einen Insurgenten vorzuweisen, der bei einem Überfall erschossen worden war -- dazu brauchte man ein Opfer, bei dem verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein mußten.

Dem Toten mußte zugetraut werden, bei einer derartigen Aktion mitgemacht zu haben. Das Opfer mußte mit Polen sympathisieren, dies vielleicht sogar schon öffentlich bekundet haben.

Man fand einen solchen Mann: Franz Honiok, Vertreter für Landmaschinen, wohnhaft in Hohenlieben nördlich von Gleiwitz. Der verbrecherische Plan des Gestapo-Müller sollte den ahnungslosen Mann zum ersten Toten des Zweiten Weltkriegs machen.

Man wußte, daß der 1898 geborene Honiok dem Polentum zuneigte. Ein ehemaliger Rentmeister, der häufig Eingaben von Honiok bearbeitete, berichtet, Honiok habe am oberschlesischen Aufstand im Jahre 1921 auf polnischer Seite teilgenommen, eine Armbinde mit den Nationalfarben Polens (rotweiß) getragen und sei mit einem Gewehr bewaffnet gewesen. Etwa von 1923 bis 1925 habe er in Polen gelebt, sei danach aber wieder ins Deutsche Reich zurückgekehrt. Er habe auch weiterhin aus seiner Sympathie für Polen keinen Hehl gemacht, wenngleich er nicht politisch aktiv geworden sei.

Wer nun vorgeschlagen hat, diesen Franz Honiok für das Gleiwitz-Unternehmen auszuwählen, kann nicht mehr geklärt werden. Möglicherweise hat Gestapo-Müller unmittelbar nach dem Gespräch mit Naujocks die örtliche Gestapostelle kontaktiert und sie ersucht, einen mit Polen sympathisierenden Mann zu benennen. Was mit dem Mann geplant war, dürfte Müller auch da noch nicht offen gesagt haben.

Honiok wurde am 30. August 1939 in Hohenlieben festgenommen. Wie es dazu kam, hat der damalige Kriminalsekretär Karl Nowak* geschildert, der in jenen Tagen bei der Gestapostelle Oppeln tätig war.

Er erinnert sieh noch genau, daß er damals in das Zimmer des SS-Obersturmführers Dr. Joachim Deumling, des stellvertretenden Leiters der Gesta* In dem Buch von Spieß und Lichtenstein nur "Karl N." genannt. Der SPIEGEL nennt -- abweichend vom Buch alle wichtigen Zeugen, sofern sie der Forschung bekannt sind, mit vollem Namen.

postelle, gerufen wurde: "In dem Zimmer saß am Schreibtisch ein SS-Sturmbannführer. Neben ihm stand ein SS-Führer in feldgrauer Uniform, der mir gleichfalls bekannt war. Außerdem standen noch ein Kriminalinspektor aus Breslau und Dr. Deumling bei dem Schreibtisch.

Nachdem ich mich vor dem Schreibtisch aufgestellt hatte, erklärte mir der Sturmbannführer etwa wörtlich: "Das, was Sie heute sehen, darüber dürfen Sie weder heute noch in hundert Jahren zu irgend jemand etwas sagen." Der Sturmbannführer fragte mich sodann, ob ich Polnisch könne. Nachdem ich bemerkt hatte, daß ich mich in der polnischen Sprache verständigen könne, sagte mir der Sturmbannführer: "Nun, dann fahren Sie mal mit dem Inspektor. Nehmen Sie Ihr Schließzeug mit!" Hiermit waren Handschellen gemeint.

Mit dem Inspektor ging ich dann zu einem vor dem Hause stehenden Pkw der Gestapostelle Oppeln. Der Inspektor setzte sich neben unseren Fahrer, während ich hinten im Fahrzeug Platz nahm. Es war gegen Mittag, als wir in Richtung Großstrehlitz abfuhren. Die Fahrt führte weiter über Tost, Peiskretscham, wo wir an der Bergschule in die Straße nach Hohenlieben einbogen."

Der Wagen hielt vor dem Restaurant Jarzombek in Hohenlieben. Die damalige Wirtin des Gasthauses weiß noch, daß "zwei Zivilisten, die ich vorher noch nie gesehen hatte, in Begleitung des Landjägermeisters M. in unsere Gaststätte kamen. Sie setzten sich an einen Tisch und bestellten bei unserer Angestellten Helena zwei Gläser Bier.

Inzwischen hatte ich das Mittagessen fertig, und ich ließ durch Helena unseren damals 18 Jahre alten Sohn Friedhelm rufen. Helena kehrte zurück und erzählte, daß Friedhelm von dem Landjägermeister zu Honiok geschickt worden sei, um diesen zu holen. Ich war zunächst darüber erbost, daß M. meinen Sohn weggeschickt hatte, ohne mich zu fragen."

Wie die Wirtin weiter berichtete, ist ihr Sohn Friedhelm aber nicht zur Familie Franz Honiok gegangen, sondern zu einer verwandten Familie gleichen Namens. Der Sohn der Wirtin dürfte den Beamten gesagt haben, daß er Honiok nicht erreicht habe. Daraufhin entschloß sich der Inspektor, selbst in die Wohnung zu gehen. Nowak berichtet darüber:

"Nach etwa zehn Minuten kam der Inspektor in Begleitung eines kleinen verwachsenen Mannes zurück, dessen Alter ich auf etwa 30 bis 40 Jahre schätzte. Der Inspektor führte diesen Mann, der einen einfachen grauen Anzug trug, am Ärmel. Nach dem ganzen Benehmen des Mannes nehme ich an, daß er überrascht war, plötzlich abgeholt zu werden. Der Mann wirkte "richtig verdattert".

Der Mann war ruhig, sprach jedoch kein Wort. Der Inspektor wies dem Manne den Platz neben mir an, und wir fuhren sodann nach Beuthen zur dortigen Polizeikaserne. Auf dem Hof der Polizeikaserne verließ uns der Inspektor, wobei er zu mir sagte: "Sie haften mit Ihrem Kopf für den Kerl."

Nach etwa vier Stunden kam der Inspektor zurück. Es war bereits finster. Der Inspektor sagte mir: "Fahren Sie zur Dienststelle Oppeln zurück und nehmen Sie den Mann in Verwahrung, aber so, daß er mit niemandem zusammenkommt." Ich glaube mich noch zu erinnern, daß der Inspektor hinzugefügt hat: "Der Mann muß anonym bleiben. Es wird keine Einlieferungsanzeige gemacht."

Wir fuhren zurück nach Oppeln, wo wir etwa gegen Mitternacht eintrafen. Ich erhielt den Befehl, den Mann nicht im Gefängnis, sondern in der Aktenkammer einzuschließen. Die Aktenkammer hatte kein Fenster, sondern war zum Flur hin mit einem Gitter abgeschirmt. In der Kammer stand eine Bank, auf der der Mann nächtigen konnte. Außerdem schaffte ich vom Hausmeister einige Decken heran.

Im Laufe des nächsten Vormittags wurde ich zu Dr. Deumling gerufen, der mir befahl: "Sie nehmen jetzt den Mann und liefern ihn ins Polizeigefängnis Gleiwitz ein." Ich erhielt 50 Reichsmark als Zehrgeld. Mit dem gleichen Wagen und demselben Fahrer wie am Vortage fuhren wir dann, nachdem ich den Mann aus der Aktenkammer abgeholt hatte, nach Gleiwitz.

Kurz nach Mittag kamen wir in Gleiwitz an, wo der Mann zunächst mit dem Fahrer im Wagen verblieb, der auf dem Hof des Polizeigefängnisses stand. Ich begab mich zu den Diensträumen des Grenzpolizeikommissariats, wo ich mich bei einem 55-Führer melden sollte. Es handelte sich um den gleichen Führer, der auch bei der Besprechung am Vortage zugegen gewesen war. Ich wurde in ein Zimmer geführt, in dem er mit zwei weiteren Herren in Zivil saß.

Nachdem ich mich gemeldet hatte, erhielt ich von dem SS-Führer den Befehl, den Mann im Polizeigefängnis in Gleiwitz einzuliefern, wo dieser jedoch isoliert gehalten werden sollte. Der SS-Führer schenkte mir noch zwei Kognaks ein und entließ mich dann mit dem Bemerken: "Bei Dunkelwerden kommen Sie wieder mit Ihrem Wagen zum Polizeigefängnis.""

Der "Sturmbannführer", der "Inspektor", der "SS-Führer" und "die beiden Zivilisten" dürften dem "Konservenkommando" Müllers angehört haben. Aus der Anwesenheit des Kriminalinspektors kann geschlossen werden, daß die Verhaftung Honioks längst angeordnet worden war.

Auch sollte Honiok wohl ursprünglich in der Polizeikaserne Beuthen und nicht in Oppeln eingesperrt werden. Deshalb waren in Oppeln keine weiteren Vorbereitungen zu treffen und somit Angaben über den Zweck der Festnahme gleichfalls nicht erforderlich. Es konnte also die befohlene strenge Geheimhaltung ohne Schwierigkeiten gewahrt werden.

Langer Geheimhaltung bedurfte es freilich nicht mehr, denn inzwischen hatte sich Hitler endgültig zum Krieg entschlossen. Die Verhandlungen mit den Westmächten waren ergebnislos geblieben, Polen und seine westlichen Beschützer machten keine Miene, den deutschen Pressionen nachzugeben.

Am Mittag des 31. August 1939 fiel die Entscheidung. Wenige Minuten vor 13 Uhr gab das Oberkommando der Wehrmacht allen militärischen Kommandostellen Hitlers Kriegsbefehl durch: Angriff am nächsten Morgen um 4.45 Uhr. Als Außenminister von Ribbentrop in die Reichskanzlei kam, sagte ihm Hitler: "Die Sache rollt." Ribbentrop: "Ich wünsche viel Glück."

Kurz darauf muß Heydrich über Hitlers Entscheidung informiert worden sein. Er alarmierte die Tannenberg-Kommandos, darunter auch Naujocks in dessen Quartier im Gleiwitzer "Haus Oberschlesien", der als erster mit seinen Leuten losschlagen sollte. "Am Nachmittag gegen vier Uhr", berichtet Naujocks, "kam ein Direktanruf von Heydrich. Er hat nur gesagt: "Bitte um Rückruf."Dann habe ich angerufen in der Adjutantur und bin mit Heydrich verbunden worden, und Heydrich sagte: "Großmutter gestorben." Das war klar."

Kurze Zeit vorher war die Wache der Schutzpolizei, die seit Tagen verstärkt Gelände und Anlagen des Senders Gleiwitz an der Tarnowitzer Landstraße sicherte, auf höheren Befehl zurückgezogen worden. Der ehemalige Oberst der Schutzpolizei Karl Luban, damals Leiter des Polizeiabschnitts I in Gleiwitz, weiß noch genau, wie das geschah.

"Am 31. 8. 1939", erzählt er, "wurde ich zu dem Kommandeur der Schutzpolizei in Gleiwitz bestellt, der mir in Gegenwart des Sachbearbeiters für Einsatzangelegenheiten eröffnete, daß die Polizeiwache am Gleiwitzer Sender zurückgezogen werden sollte, da ab sofort Sicherheitspolizei den Schutz des Senders übernähme. Dies entspräche einer besonderen Anordnung des Reichsführers-SS und Chefs der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler. Auf meine Frage, warum gerade dieses Objekt aus dem Schutz durch meine Polizeieinheiten herausgenommen wurde, erhielt ich lediglich die Erklärung, daß Himmler den entsprechenden Befehl gegeben habe."

Gegen 16 Uhr, so bezeugt der Postoberamtmann Erich N., ehemaliger Leiter des Senders Gleiwitz, "erschien eine neue Polizeieinheit und löste die vor wenigen Stunden aufgezogene Wache ab. Nur zwei Posten waren ständig im Gelände zwischen Grundstückseingang, Sender- und Wohngebäuden und dem Turm unterwegs, während der dritte Posten und der Wachhabende sich im Wachlokal aufhielten und die Eingangspforte bedienten". Diese Wache zog offenkundig nur zum Schein auf. Während des Überfalls auf den Sender trat sie Naujocks und seinen Leuten nicht entgegen. Sie hat offenbar von dem Unternehmen gewußt.

Von der Wachablösung muß auch Naujocks unterrichtet worden sein. Es lag schließlich in seinem Interesse, jedes Risiko auszuschalten. Er selbst hatte inzwischen seine Männer alarmiert und eingeweiht. Dazu der ehemalige Fahrer von Naujocks:

"Etwa eine halbe bis eine Stunde vor dem Überfall auf den Sender Gleiwitz sind wir von Naujocks im Hotel zusammengerufen worden. Naujocks eröffnete uns, daß wir einen polnischen Überfall auf den Sender Gleiwitz vorzutäuschen hätten. Bei diesem Überfall sollte ein Volksdeutscher aus Polen, der erst kurz vorher in Gleiwitz zu uns gekommen war, eine polnische Ansprache halten."

Naujocks setzte seine Gruppe auch davon in Kenntnis, daß beim Sender durch ein anderes Kommando ein Mann niedergelegt werden sollte, um den Tod eines Insurgenten vorzutäuschen.

Dann gab Naujocks das Zeichen zum Aufbruch. Die Männer mußten sich im Hotel vorsichtig bewegen, denn "Haus Oberschlesien" -- Horst Bienek hat dies in seinem Gleiwitz-Roman "Die erste Polka" eindringlich beschrieben -- war mit hohen Militärs und Vorauskommandos der aufmarschierenden Truppen überbelegt*. Erst auf der Straße ließen sie alle Vorsicht fallen und rannten zu ihren Wagen.

Inzwischen wurden im Polizeigefängnis in Gleiwitz die Vorbereitungen

* Horst Bienek: "Die erste Polka". Carl Hanser Verlag, München/Wien; Sonderausgabe 1979. 381 Seiten; 16.80 Mark.

getroffen, um Honiok zum Sender zu schaffen. Kriminalsekretär Nowak fuhr zum Polizeigefängnis in Gleiwitz.

"Als wir dort ankamen", berichtet er, "stand vor dem Polizeigefängnis bereits eine schwarze Limousine, in der außer dem Fahrer die beiden Zivilisten saßen, die ich am Morgen bei dem SS-Führer gesehen hatte.

Während wir warteten, kam der SS-Führer aus der Dienststelle heraus. Er trug einen weißen Kittel und sah aus wie ein Arzt. Er ging über den Innenhof des Präsidiums in das Polizeigefängnis. Nach einer Weile kam er -- immer noch mit dem weißen Kittel bekleidet -- wieder aus dem Gefängnis heraus. Hinter ihm kam der Inspektor, der den Mann (Honiok) untergehakt am Arme führte.

Ich hatte den Eindruck, daß der Mann etwas benommen war. Der Inspektor setzte den Mann auf den vorderen Wagenplatz. Als der Mann saß, fiel ihm der Kopf nach vorne. Er rührte sich nicht.

Der Inspektor setzte sich in die Limousine. Während der Fahrt sank der Mann immer mehr in sich zusammen. Ich nehme an, daß der SS-Führer dem Manne eine Spritze verpaßt hat, denn anders kann ich mir das Verhalten des Mannes nicht erklären."

Aus dem weiteren Bericht des Kriminalsekretärs: "Die Fahrt führte in Richtung Hindenburg. Plötzlich bog die schwarze Limousine nach links ab, und wir hielten an. Dabei sah ich, daß wir am Gleiwitzer Sender waren. Meiner Erinnerung nach sind wir auf einen Feldweg neben dem Sendergelände eingebogen."

Im Sender hatte inzwischen der Überfall begonnen. Naujocks' ehemaliger Fahrer erinnert sich: "Wir haben uns mit zwei Fahrzeugen zum Sender Gleiwitz begeben. Wir waren insgesamt etwa sechs oder sieben Personen. Wir haben unsere Fahrzeuge auf der Straße abgestellt und sind alle zum Hauptgebäude des Senders gegangen."

Naujocks ließ zwei Mann am Eingang zurück, die die "Konserve" in Empfang nehmen sollten. Die übrige Gruppe drang durch einen Seiteneingang in das Sendergebäude ein.

Naujocks: "Punkt 20 Uhr waren wir im Sender. Es ging ganz programmgemäß. Der Pförtner war nicht auf seinem Platz. Wir sind in das Sendergebäude hineingegangen. Wir hatten MPs und Pistolen dabei. Und die Leute leisteten begreiflicherweise keinen Widerstand. Wir haben ein paar Warnschüsse in die Decke abgegeben, um ein bißchen Krawall zu machen und die Leute einzuschüchtern."

"Im Senderaum", so beschreibt der ehemalige Leiter des Senders den Überfall, "befand sich der Telegraphenwerkführer Nawroth. In Erwartung der Abendnachrichten fanden sich auch der diensthabende Maschinist Kotz und der Hausmeister Foitzik im Senderaum am Lautsprecher ein.

Kurz vor 20 Uhr sahen die Genannten, daß zu der Tür des Maschinenraumes, die durch drei Glaswände zwischen Sende- und dem tiefer gelegenen Maschinenraum zu beobachten war, fünf Männer in Zivilkleidung hereinkamen und über die Treppe zwischen den Glaswänden zum Senderaum heraufstiegen.

Foitzik ging ihnen entgegen, öffnete die Glastür des Senderaumes und fragte: "Was wünschen die Herren?" Da zogen die inzwischen eingetretenen Männer Pistolen und riefen. "Hände hoch!" Der erste, der die Hände aufwärts streckte, war der (ebenfalls anwesende) Polizeiwachhabende. Dann erst folgte das völlig verdutzte Senderpersonal.

Alle vier wurden mit einer dünnen, aber festen Kordelschnur mit den Händen auf dem Rücken und einer Schlinge um den Hals gefesselt. Dann mußten sich sämtliche Gefesselten im Kellergang unterhalb des Senders mit dem Gesicht zur Wand aufstellen, einer der Männer übernahm mit gezückter Pistole die Bewachung."

Im Senderaum versuchte der rundfunktechnische Spezialist der Eindringlinge, die Mikrophonanlage in Gang zu setzen. Da dies nicht gelang, wurden die beim Sender Beschäftigten einzeln aus dem Kellergang in den Senderaum heraufgeholt. Sie sollten Auskunft über die Bedienung der Anlage geben.

"Nawroth wurde", so berichtet der ehemalige Senderleiter, "als erster in den Senderaum zurückgeführt und unter Bedrohung mit Pistole und Schlägen gegen Rücken und Gesäß ausgefragt, wie man den Sender besprechen kann. Er erklärte, daß die Besprechung nur über Leitungen vom Fernsprechamt erfolge."

Tatsächlich strahlte der damalige Sender Gleiwitz kein eigenes Programm aus. Alle Sendungen wurden vom Rundfunkverstärkeramt Breslau übernommen. Daraufhin suchten die Naujocks-Leute nach dem Gewittermikrophon. Mit dessen Hilfe teilte man den Hörern bei Gewitter mit, daß die laufende Sendung unterbrochen werden müsse, worauf dann die Antenne geerdet wurde.

Das Mikrophon wurde schließlich im Geräteschränkchen gefunden und angeschlossen. Der ehemalige Leiter des Senders meint dazu: "Hernach müssen sich die Männer mit der Einschaltung des Mikrophons am Senderendverstärkergestell anhand der Bezeichnungen zurechtgefunden haben; sie schalteten die Modulationsleitung mit dem aus Breslau kommenden Programm vom Senderverstärker ab."

Und Naujocks weiß noch: "Nachdem die laufende Sendung unterbrochen war, hat dann der der polnischen Sprache mächtige Mann die vorbereitete Rede durch das Mikrophon gesprochen." Der ehemalige Naujocks-Fahrer ergänzt: "Danach wurde dann auf Befehl von Naujocks in die Luft geschossen und auch Lärm gemacht."

Der Wortlaut der Ansprache ist nicht bekannt. Der ehemalige Leiter des Senders Gleiwitz weiß nur:

"Auf die Knackgeräusche bei den Umschaltungen wurde der Betriebsleiter des Rundfunksenders (Klose), der sich in seiner Wohnung befand, von seiner Frau aufmerksam gemacht. Er beobachtete den Empfang. Als nach einer kurzen Pause aus dem Lautsprecher ertönte: "Achtung! Hier ist Gleiwitz. Der Sender befindet sich in polnischer Hand ...", stürmte Klose hemdsärmelig aus der Wohnung ins Sendergebäude, riß die Tür zum Senderaum auf und sah dort fremde Männer hantieren. Einer legte die Pistole auf ihn an. Klose schlug einen Haken, lief zur Tür hinaus in die Wohnung, rief das Überfallkommando an und verständigte den Amtsvorsteher des Fernsprechamtes."

Naujocks ließ sich jedoch nicht irritieren, die Aktion ging ohnehin zu Ende. Aus der Naujocks-Aussage: "Wir haben ungefähr 13 Minuten gebraucht bis zur Unterbrechung der Sendung. Die Sendung von uns dauerte dann etwa vier Minuten. Als sie geendet hatte, haben wir das Sendergebäude geräumt. Den Mann, der das Senderpersonal bewachte, habe ich abrufen lassen. Ich habe als letzter das Gebäude verlassen."

Da sah Naujocks, was er erwartete: die Leiche eines Mannes. Es war Franz Honiok. Kriminalsekretär Nowak hatte den letzten Weg des Opfers beobachtet:

"Vor uns im Feldweg stand die schwarze Limousine. Ich sah, wie der Inspektor und die beiden Zivilisten ausstiegen und nach rechts zum Senderge-Fände hin weggingen. Ich blieb im Wagen sitzen. Nach kurzer Zeit kam der Inspektor allein zu unserem Fahrzeug zurück und holte den Mann ab. Der Mann konnte sich nicht mehr bewegen. Der Inspektor hatte ihn von hinten unter die Arme gefaßt und trug ihn so vor sich her zum Sendergelände.

Ich glaube nicht, daß der Mann, als er von dem Inspektor aus dem Wagen gehoben wurde, tot war. Dies schließe ich daraus, daß der Mann, während der Inspektor ihn anhob und forttrug, gelegentlich noch den Kopf aufrichtete. Der Mann war meiner Meinung nach benommen."

Der Naujocks-Fahrer sah den Toten zuerst "im Gebäude an der Tür liegen. Er lag leblos da; ob er tot war oder nicht, habe ich nicht festgestellt. Ich habe auch bei ihm keine Blutspuren entdeckt. Ich habe aber auch nicht lange hingesehen, sondern habe gemacht, daß ich aus dem Gebäude hinauskam". Möglicherweise sind dem Fahrer, da er den Sender eilig verließ, die Blutspuren entgangen. Naujocks aber sah sie. Nach seiner Erinnerung lag das Opfer jedoch unmittelbar vor dem Gebäudeeingang: "Nach dem Verlassen des Gebäudes sah ich neben dem Eingang einen Mann liegen. Es war halbdunkel. Etwas vom Innenlicht strahlte nach draußen. Ich bin hingegangen und habe ihn mir angesehen. Sein Kopf war blutig, das ganze Gesicht blutverschmiert.

Kurz darauf befreite ein Beamter der am Sender eingesetzten Sicherheitspolizei das gefesselte Senderpersonal. Durch die polnische Durchsage im Rundfunk alarmiert, trafen wenig später auch die ersten Schutzpolizeibeamten des etwa 700 Meter vom Sender entfernten Polizeireviers 4 ein.

Zwei von ihnen sahen die Leiche Honioks. Der damalige Hauptwachtmeister Julius Filor berichtet: "Ich öffnete aus Neugierde die rückwärtige Tür des Sendergebäudes und wollte den Senderaum betreten, wurde jedoch sofort von einem Beamten der Sicherheitspolizei, der eine Pistole in der Hand hatte, mit dem Vermerk hinausgewiesen, daß ich nichts in diesem Raume zu suchen hätte.

Dabei sah ich jedoch, daß zu seinen Füßen eine Person lag. Der Raum war erleuchtet, so daß ich erkennen konnte, daß die Person schlechte Kleidung trug, so wie sie bei den Polen und armen Deutschen üblich war. Der Mann lag auf der rechten Seite und mit dem Gesicht zu der gegenüberliegenden Wand, so daß ich das Gesicht nicht sehen konnte."

Der Polizeimeister Max Schliwa, der die Leiche Honioks aus einer näheren Entfernung sah, bemerkte auch eine Blutlache. Schliwa: "Als ich einen Blick in den Senderaum warf, lag dort eine Person in Hockstellung auf der Seite. Vor ihr befand sich eine Blutlache. Ich sah den Toten etwa zehn Meter vor mir, d. h. halb links vor mir, an einer Schalttafel oder etwas Ähnlichem liegen."

Inzwischen war das "Konservenkommando" längst verschwunden und auch Naujocks unbehelligt mit seiner Gruppe wieder davongefahren. Er eilte ins "Haus Oberschlesien", um seinem Chef Heydrich nicht ohne Stolz den erfolgreichen Abschluß der Aktion zu melden.

Doch da erlebte er eine arge Überraschung, wütend fuhr Heydrich ihn an: "Sie lügen!" Minute um Minute hatte der Chef der Sicherheitspolizei und des SD an seinem Rundfunkapparat gesessen und auf die Naujocks-Show gewartet. Heydrichs Apparat war auf den Sender Gleiwitz eingestellt, doch was der SD-Chef hörte, war nur eine Sendung von Radio Breslau.

Der allmächtige, schier allwissende Heydrich merkte zu spät, was zumindest jeder Radio-Fan in Deutschland wußte: daß Gleiwitz ein schwacher Lokalsender war, der nur das Programm des größeren Reichssenders Breslau auf gleicher Frequenz ausstrahlte und dessen Sendungen außerhalb Schlesiens nicht empfangen werden konnten.

Das brachte Heydrich gegen Naujocks auf, der SD-Mann bekam "mächtigen Ärger mit Heydrich", wie er formuliert. Denn die rundfunktechnische Unwissenheit Naujocks' machte das ganze Provokationsstück Heydrichs zur Farce: Wenn der angebliche polnische Überfall auf den Sender Gleiwitz an den meisten deutschen Rundfunkapparaten gar nicht zu hören war -- was nutzte dann der Propagandatrick?

Doch Heydrich blieb nichts anderes übrig, als weiterzumachen, zumal die anderen Tannenberg-Kommandos längst im Einsatz waren. Etwa zu der Stunde, als der Scheinüberfall auf den Sender Gleiwitz bereits lief, erhielten sie das Stichwort "Agathe" für die Auslösung ihrer Aktionen. Dabei stand der Zeitpunkt schon fest, zu dem nach Durchgabe des Stichwortes die Aktion beginnen sollte.

Sturmbannführer Hoffmann berichtet: "Gegen 20 Uhr kam dann der Alarmbefehl, den uns Dr. Trummler im Speisesaal des Schlosses übermittelte. Wir ließen uns diesmal aber mit der Abfahrt mehr Zeit bis gegen 23 Uhr, da wir auf Grund der Erfahrungen aus dem vorangegangenen Einsatz ein zu frühes Eintreffen am Einsatzort vermeiden wollten. Als Zeitpunkt für den Scheinangriff war 4 Uhr morgens angesetzt."

Da keine besondere Eile geboten war, wurde diesmal die "polnische Truppe" bereits in Ehrenforst umgekleidet. "Außerdem", so berichtet der ehemalige SS-Hauptscharführer Josef Grzimek, "wurden nunmehr auch die Waffen an uns ausgegeben, die uns ebenfalls zunächst wieder abgenommen worden waren."

Gegen Mitternacht besetzte das Kommando die vorgesehenen Ausgangspositionen. Dort wurden die Männer nochmals über ihre Aufgabe belehrt. Die in polnische Uniformen gekleideten SS-Leute sollten vom Walde her durch den Wiesengrund bis zum deutschen Zollbaus vordringen und es demolieren.

Nach Angaben Trummlers hatte er seinen Männern einen Sonderbefehl Heydrichs zu verlesen:

"1) Ab sofort wird nur noch polnisch gesprochen. Es wird ausgeschwärmt und in geöffneter Ordnung vorgerückt. Hierbei werden deutschfeindliche Lieder und die polnische Nationalhymne gesungen. Es wird ferner ständig in polnischer Sprache auf Deutschland geschimpft. Es sind die Worte wie "Hoch lebe Polen", "Nieder mit den Germanen" zu gebrauchen. Bei diesem Vorrücken ist ständig in die Luft zu schießen.

2) Bei Erreichen des deutschen Zollhauses ist dieses vollständig zu zertrümmern und das gesamte Inventar zu zerschlagen. Die deutschen Beamten des vor uns liegenden Zollhauses sind von den Polen erschlagen worden. In dem Zollhaus selbst befindet sich nur noch ein Zivilist, der unbehelligt zu bleiben hat."

Dann marschierten die "Polen" los -- in Richtung auf das Zollhaus bei Hochlinden. Hoffmann: "Wir arbeiteten uns lautlos kriechend oder gebückt gehend bis auf hundert Meter an das Zollhaus heran. Genau um 4 Uhr gab ich durch mehrere Pistolenschüsse in die Luft das Zeichen zum "Angriff".

Mit Schüssen in die Luft, Gebrüll, Zurufen, Flüchen und Kommandos in polnischer Sprache stürmten wir auf das Zollbaus los. Meiner Erinnerung nach haben wir mit scharfer Munition geschossen. Wir kamen bis auf 30 Meter an das Zollhaus heran, als aus diesem heraus vereinzelte Schüsse fielen.

Am Zollhaus angelangt, wurden die Fensterscheiben zerschlagen, die Tur demoliert, ins Dach geschossen und ein großer Lärm inszeniert. Durch die Schüsse flogen die Pfannen vom Dach. In dem Zollhaus lag neben einem weiteren SS-Mann ein Polizeihauptmann, der auch von Berlin mit nach Ehrenforst gekommen war, Deckung suchend am Boden.

Dieser Polizeihauptmann rief mir zu: "Hört auf zu schießen!" Ich ließ daraufhin das Feuer einstellen, worauf einige Männer in das Zollhaus eindrangen und das Innere mit Gewehrkolbenschlägen demolierten."

In dem Mann, den Hoffmann neben dem Polizeihauptmann sah, erkannte Grzimek "unzweifelhaft einen der SS-Unterführer wieder, die ich schon in Breslau gesehen hatte". Grzimek lief durch die Räume, noch unsicher, wie er sich verhalten sollte.

"Da wir deutsches Eigentum vor uns hatten", so Grzimek, "konnten wir den Sinn der Befehlsgebung nicht ganz verstehen und zögerten mit dem Beginn der Demolierung der Einrichtung. Erst als die SS-Unterführer mit der Zerstörung begannen und uns immer wieder zum Mitwirk. aufforderten, gingen auch wir an die Demolierung des gesamten Inventars heran.

Auch die Türen und Fenster des Zollhauses wurden vollständig zertrümmert. Bei diesem Vernichtungswerk gingen auch einige von uns mitgeführte Karabiner in Trümmer. Wir durften das Zollhaus nicht eher verlassen, bis es im Innern restlos zerstört war."

Die Männer schlugen so heftig auf das Mobiliar ein, daß sie gar nicht den Lkw bemerkten, der in der Nähe des Zollhauses hielt. In wenigen Minuten wurde der Wagen entladen, arbeiteten sich ein paar Gestalten mit ihrer Last an das Zollhaus heran.

Erst als Hoffmanns Leute das Haus verließen, stolperten sie in der Dunkelheit darüber.

Grzimek: "Ich bückte mich und sah mehrere Männer bewegungslos am Boden liegen, welche polnische Uniformstücke trugen und -- was mir besonders aufgefallen ist -- den Kopf kahlgeschoren hatten. Als ich die leblosen Körper vor mir liegen sah, erschrak ich sehr und kniete mich nieder, weil ich glaubte, es handle sich um Kameraden von uns.

Wir glaubten zunächst, es seien einige Kameraden von uns durch unvorsichtiges Schießen ums Leben gekommen. Erst als wir antraten und keiner von uns fehlte, bekamen wir Zweifel. Offiziell haben wir über diese Angelegenheit nichts erfahren. Wir meinten aber, daß an dem Gesamteinsatz an dem Zollhaus noch weitere Männer beteiligt gewesen waren, die nicht zu unserem speziellen Kommando gehörten."

Auch Hoffmann kombiniert: "Die "Konserven? müssen während unseres Scheinangriffes am Zollhaus gelegen haben, da später unter den SS-Männern hiervon die Rede war, die sich z. T. an Einzelheiten des Aussehens und der Uniformen der Opfer erinnern konnten. Ich erinnere mich, daß die SS-Männer meiner "polnischen Gruppe" von Schußverletzungen an diesen Leichen gesprochen haben. Nach den Erzählungen der SS-Männer haben die Leichen Schußverletzungen in Brust und Rücken aufgewiesen."

Die Häftlinge dürften ebenso wie Honiok vorher betäubt und dann erschossen worden sein. Hellwig erklärte später, man habe den Opfern vor dem Einsatz Injektionen gegeben, um sie bewußtlos zu machen. Dann seien sie zu dem Überfallort gebracht und dort durch einen Schuß getötet worden. Die Täter hätten Erfahrung darin gehabt, wie eine Leiche nach einem Kopf-, Lungen-, Bauch- oder Herzschuß liege.

Die bewußtlosen Häftlinge, so Hellwig weiter, habe man in diesen charakteristischen Stellungen erschossen. Um im übrigen die Täuschung für den Fall einer späteren Untersuchung vollständig zu machen, seien in die Uniformen dieser angeblich im Kampf gefallenen polnischen Soldaten echte Soldbücher, Kino- und Straßenbahnfahrkarten der Grenztruppen beziehungsweise Grenzorte gesteckt worden.

Inzwischen war auch die dritte Tannenberg-Aktion nach Plan abgelaufen: der Scheinüberfall auf das Forsthaus Pitschen.

Die ehemaligen Besitzer des Gasthofes, in dem das Kommando untergebracht war, erinnerten sich noch später daran, daß am Abend des 31. August 1939 gegen 19 Uhr ein "Zivilist" erschienen sei, der ein Zimmer verlangte und dort die Uniform eines hohen SS-Führers anzog. Es dürfte der SS-Oberführer Rasch gewesen sein. Er befahl dem Kommando, sich zum Abmarsch bereitzumachen.

Die Wirtsleute und das Personal mußten die Küche und alle anderen nach der Hofseite liegenden Zimmer verlassen, bis die Mannschaften verladen waren. Vor der Abfahrt bestellte der Kommandoführer noch 40 Liter Tee mit Rum für 22 Uhr, und das Kommando fuhr davon.

Aus dem Bereitstellungsraum zog der in "Räuberzivil" gekleidete Trupp laut polnisch redend und singend durch den Wald zum Forsthaus. Ein Fuhrmann, der sich beim Holzabfahren verspätet hatte, hörte die Gruppe und geriet in Angst und Schrecken.

Am Forsthaus angekommen, wurde wild in die Luft geschossen. Ein paar Kugeln trafen das Forsthaus. Mehl

* Nach der Reichstagssitzung in der Kroll-Oper, 1. September 1939.

horn hat erfahren, daß "die Küche im Forsthaus zerstört und dort ein halber Eimer Ochsenblut verschmiert worden war". Außerdem täuschte das Kommando Rasch noch ein Opfer vor.

Beim Morgengrauen wurde in der Nähe des Forsthauses festgestellt, daß dort ein Grab aufgeschüttet war. Als man später nachgrub, fand sich darin nur Gerümpel. Noch bevor der Bürgermeister von Pitschen Gegenmaßnahmen veranlassen konnte, war das Kommando verschwunden.

Pünktlich gegen 22 Uhr waren alle wieder in der Gastwirtschaft. Bei Tee mit Rum hielt der Kommandoführer eine Ansprache. In Anwesenheit des Bedienungspersonals und der Wirtsleute stellte er das Kommando als Verteidiger der Heimat dar. Dann feierte er den ersten Sieg gegen Polen.

Gestapo-Müller aber ließ bei seinen Mitarbeitern solche Siegesstimmung nicht aufkommen. Er drängte abermals zur Eile: Die Gestapo mußte an den Überfallorten sofort mit ihren Scheinermittlungen beginnen, ehe Kriminal- oder Schutzpolizei eintraf, und auch Photos der angeblich polnischen Leichen brauchte die Berliner Zentrale.

Gleich nach dem Naujocks-Überfall hatte das Polizeipräsidium in Gleiwitz erfahren, daß für die Ermittlungen am Tatort allein die Gestapo zuständig sei. Die Kriminalpolizei durfte lediglich einen Beamten vom Erkennungsdienst abstellen, der Photos machen sollte.

"Ich photographierte", erzählt der Erkennungsdienstler, "die Leiche (Honioks) von allen Seiten, aus der Nähe und auch aus einer gewissen Entfernung. Anschließend untersuchte ich alle Gegenstände etc. nach Fingerabdrücken und fand auch mehrere, die ich dann nach Bestäubung abnahm." Der Beamte war gerade dabei, seine mit Blitzlicht geschossenen "10 bis 12 Lichtbilder" zu entwickeln, da drängte ihn die Gestapo, er solle "sofort aufhören und die Platten einpacken. Ich sagte darauf, daß ich bereits einige Negative fertig hätte. Man blieb jedoch dabei, daß alles einzupacken und zu übergeben sei, da das Material dringend nach Berlin gebracht werden müsse".

Auch in Hochlinden ließ Müller zur Eile mahnen, zumal dort jeden Augenblick Truppen der Wehrmacht erwartet wurden. Über die Straße Hochlinden-Chwallentzitz sollte der erste deutsche Angriff gegen Polen laufen.

Wie am Sender Gleiwitz mußten auch am Zollbaus Hochlinden Müllers "Konserven" photographiert werden. Der Zugführer Kernbach erfuhr am nächsten Tag, "daß von den Toten in der Nacht zuvor an Ort und Stelle im Gelände Blitzlichtaufnahmen gemacht worden sind, die nach Berlin gesandt worden seien". Anschließend wurden die Leichen weggeschafft.

Müller aber dauerte das alles zu lange, er hatte sich bereits sein Flugzeug bestellt, um nach Berlin zurückzufliegen und Heydrich den Abschluß des Unternehmens zu melden. Er hatte noch einen anderen Grund zur Eile: In wenigen Stunden begann das von der Wehrmacht verhängte Flugverbot für zivile Maschinen.

"Müller gab Anweisung", erinnert sich einer seiner Begleiter, "die Maschine habe so rechtzeitig loszufliegen, daß sie bis zum Eintritt der Flugverbotszeit wieder in Berlin sein könne. Kaum daß die Maschine am Flugplatzgelände zum Stillstand gekommen war, kamen Müller und ein höherer Wehrmachtsoffizier zur Maschine. Müller war in Zivil. Er hatte einen kleinen Koffer bei sich und ein Paar Dienststiefel."

Müller traf noch rechtzeitig in Berlin ein, um persönlich zu erleben, was die nationalsozialistische Propagandamaschine aus dem Unternehmen Tannenberg machte. Presse und Rundfunk des Dritten Reiches traten in wohlinstrumentierter Entrüstung an, der Weltöffentlichkeit das Ungeheuerliche zu melden, das sich an den Ostgrenzen Großdeutschlands begeben hatte.

Schon um 22.30 Uhr hatte der Rundfunk ernste Zwischenfälle an der deutsch-polnischen Grenze gemeldet, darunter auch einen bewaffneten polnischen Überfall auf den Sender Gleiwitz. Kurz darauf waren neue Horrormeldungen eingelaufen: "polnische Provokationen" im Gebiet Kreuzburg und Hochlinden.

Am nächsten Tag, dem 1. September 1939 -- die Panzer der Wehrmacht rollten bereits durch Polen -, vereinigte sich die ganze deutsche Presse zum "flammenden Protest" gegen Polen. Der "Völkische Beobachter" sah einen "vorbereiteten Angriff polnischer Aufständischenbanden unter Beteiligung regulärer Soldaten", die "Rhein-Front" krakeelte: "Polnische Wahnsinnige sind in deutsches Gebiet eingedrungen."

"Bisher konnte", so schrieb das Zentralorgan der NSDAP, "einwandfrei festgestellt werden, daß ein Angriff auf Pitschen in der Nähe von Kreuzburg erfolgt ist. Ein weiterer Angriff auf Hochlinden hält zur Zeit noch an."

Und immer phantastischer wurden die Angaben über Gefangene und Tote: Bei Hochlinden sollten "acht Polnische Insurgenten und sechs polnische Soldaten", bei Pitschen "fünfzehn Polen, darunter sechs Angehörige polnischen Militärs", gefangengenommen worden sein. Die Grenzpolizei habe einen Toten und mehrere Verwundete zu veneichnen? die Polen mehrere Tote -- so der "Völkische Beobachter".

Die Pressekampagne am Morgen des 1. September war freilich nur das propagandistische Vorspiel, das den Auftritt Adolf Hitlers vorbereiten sollte. Gegen zehn Uhr fuhr er in seinem Wagen durch die fast menschenleeren Straßen Berlins zur Kroll-Oper, wo sich bereits die Mitglieder des Deutschen Reichstages versammelten -- zur Entgegennahme von Hitlers Kriegsbotschaft.

Hitler erklärte denn auch prompt, es sei seitens Polens zu 14 Grenzzwischenfällen gekommen, darunter "drei ganz schweren"; Polen habe "nun heute nacht zum erstenmal auf unserem eigenen Territorium auch durch reguläre Soldaten geschossen". Der Führer steigerte seine Stimme: "Seit 4.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!"

Doch das Ausland glaubte Hitler und seinen Propagandisten kein Wort mehr. Mochten sich die Diplomaten des Dritten Reiches auch mühen, den Einmarsch in Polen "eher als eine Polizeiaktion hinzustellen", wie der französische Botschafter nach Paris meldete -- die Westmächte waren nicht bereit, Polen fallenzulassen.

Unternehmen Tannenberg war gescheitert. Die Deutschen wagten es nie, einer kritischen Öffentlichkeit die angeblich gefangengenommenen Polen vorzuführen. Auch die Leichen der toten "Polen", nicht einmal die Aufnahmen von ihnen wurden vorgezeigt -- ein SD-Kommando hatte die Leichen der sechs ermordeten KZ-Häftlinge am Vormittag des 1. September in einem Wald bei Hochlinden vergraben.

Selbst Heydrich und sein Intimus Müller konnten sich nicht verhehlen, daß sie ihr Ziel verfehlt hatten. "Dr. Trummler und ich", berichtet Hoffmann, "mußten am 1. 9. nach Berlin zur Berichterstattung zu Müller, der mit unserem Einsatz nicht zufrieden war. Er bemängelte, daß wir zuwenig Lärm und damit auch zuwenig Aufsehen erregt hätten."

Was blieb, war ein dünnes propagandistisches Unternehmen zur Irreführung des eigenen Volkes und einiger leichtgläubiger Journalisten aus dem Ausland. Gestapo-Müller und der Chef des Reichskriminalpolizeiamtes, SS-Standartenführer Arthur Nebe, mußten eine Sonderkommission aufstellen, die an den Tatorten Gleiwitz, Hochlinden und Pitschen Spurensicherung zu betreiben und Zeugen zu vernehmen hatte.

Nach drei Tagen hatte die Kommission genügend Material zusammen, um die Propagandaschreiber des Auswärtigen Amtes zu befriedigen. Sie sollten mit dem Material ein "Weißbuch der Reichsregierung" erstellen und darin nachweisen, daß Deutschland das Opfer polnischer Provokationen geworden sei.

Für Gäste aus neutralen Ländern ließ Kripo-Chef Nebe ein elektrisch betriebenes Schaumodell der Grenzzwischenfälle anfertigen und in seinem Amt aufstellen. Drückte man auf eine Taste, dann leuchteten versteckte Lämpchen auf und schepperten getarnte Spiel-Maschinengewehre.

Reinhard Heydrich stand bei solchen Vorführungen gern dabei und murmelte fast immer den gleichen Spruch. Heydrich: "Ja, ja, so nahm der Krieg seinen Anfang." Ende


DER SPIEGEL 34/1979
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