20.08.1979

„Den alten Volksgeist erwecken“, Alain de Benoist

SPIEGEL: Ist Frankreichs "Neue Rechte" ein neofaschistischer Stoßtrupp oder nur eine Intellektuellenmode? Muß man sie überhaupt ernst nehmen?
BENOIST: Wir sind keine Neofaschisten und keine neue Mode, sondern eine intellektuelle Bewegung der jungen Generation gegen die alte. Sie begann bereits Ende der 60er Jahre, zur gleichen Zeit, als sich die Neue Linke von den orthodoxen Marxisten ablöste.
SPIEGEL: Warum spricht man aber erst jetzt, zehn Jahre nach ihrer Gründung, von der Neuen Rechten?
BENOIST: Seit dem Krieg wurde die öffentliche Debatte hier in Frankreich ausschließlich von linken Gruppen beherrscht. Mit dem Niedergang der marxistischen Ideologien in den letzten Jahren und dem politischen Scheitern der beiden Linksparteien PCF und PS entstand ein ideologisches Vakuum. Da plötzlich entdeckte die Presse, daß unsere intellektuelle Bewegung dem neuen Zeitgeist entspricht.
SPIEGEL: Lag es nicht daran, daß der neue Pressezar Hersant, der "Le Figaro" und das Boulevardblatt "France-Soir" übernommen hat, für Sie regelrecht Reklame macht?
BENOIST: Ja, das hat auch eine Rolle gespielt. Louis Pauwels, der von Hersant ernannte Chefredakteur des neuen "Figaro Magazine", hatte uns zur Mitarbeit in der Redaktion aufgefordert. Dadurch erweiterte sich unser Leserkreis von etwa 100 000 auf fast zwei Millionen Franzosen.
SPIEGEL: Sie verdanken Ihren Erfolg einem Mann, der ein Kollaborateur der Nazis war und sich von seinen früheren Ansichten nie ausdrücklich distanziert hat.
BENOIST: Hersants Vergangenheit ist nicht dunkler als die vieler prominenter Linker, wie die des Sozialisten. Chefs Francois Mitterrand, des KP-Chefs Georges Marchais oder wie diejenige von Ihrem SPD-Chef Willy Brandt.
SPIEGEL: Weil Brandt ein Nazi-Gegner war?
BENOIST: Mir mißfällt, daß er sich damals einfach ins Ausland abgesetzt hat. Die Kämpfer des 20. Juli imponieren mir mehr.
SPIEGEL: Wie das, wo Sie Hersants Vergangenheit belanglos finden?
BENOIST: Für mich als Journalist ist vor allem wichtig, daß ich volle Meinungsäußerungsfreiheit habe. Hersant respektiert sie voll und ganz. SPIEGEL: Was ist nun eigentlich das Neue an der Neuen Rechten -- im Unterschied zur traditionellen Rechten, die vor dem Krieg einflußreich war?
BENOIST: Die alte Rechte war ein Sammelsurium aus Traditionalisten im katholischen Sinne, aus Royalisten und Bonapartisten. Ich bin weder Christ noch Royalist noch Nationalist und habe auch keine antisemitischen Regungen. Wir sind von der traditionellen Rechten ideologisch mindestens so weit entfernt wie von den Linken.
SPIEGEL: Und doch stehen Sie im reaktionären Lager und nicht auf der Seite etwa der Liberalen. Sie haben ja das Etikett "Neue Rechte" selber geprägt. Worin liegt die Übereinstimmung mit der alten Rechten?
BENOIST: In der Ansicht, mit der sich alle Rechtsstehenden von allen Linken unterscheiden: in der ausdrücklichen Anerkennung der Ungleichheit und Unterschiedlichkeit der Menschen.
SPIEGEL: Das Gleichheitsideal gilt doch nur für bestimmte gesellschaftliche Lebensbereiche. Sie hingegen machen in Ihren Aufsätzen und Schriften aus der Ungleichheit der Menschen ein absolutes Naturgesetz.
BENOIST: Nein, ich stimme zum Beispiel im Rechtssystem dem Grund-Satz der Gleichbehandlung und im Bildungsbereich der Chancengleichheit zu. Auf dem Boden einer gemeinsamen Kultur und Geschichte sind die Unterschiede unter den Menschen in gewisser Weise relativ.
SPIEGEL: Sie weichen hier von Ihrer eigenen Doktrin, der Bejahung prinzipieller Ungleichheit, ab. Damit könnte sich sogar jeder Sozialist einverstanden erklären.
BENOIST: Da täuschen Sie sich aber. Hier in Frankreich hängen die linken Theoretiker immer noch am Grundsatz, daß sämtliche Unterschiede nur milieubedingt seien. Unter Kommunisten gibt es immer noch den Glauben, man brauche nur die Verhältnisse zu ändern, und schon entstehe der neue, allgemein gleiche Mensch.
SPIEGEL: Kein seriöser Theoretiker hier im Westen, auch kein kommunistischer, glaubt noch an dieses Dogma. Sie verbinden Ihren Grundsatz aber mit der Vorstellung von einer hierarchischen Gesellschaft, die von einer "Elite der Fähigsten" beherrscht wird. Damit bleiben Sie der Tradition der reaktionären Rechten Frankreichs treu.
BENOIST: Gar nicht. Wir sind Jungkonservative, keine Reaktionäre! Wir wollen das Elite-Denken neu begründen, nicht im Sinne der Privilegien oder der Kastengesellschaft. Wir gehen davon aus, daß die moderne Gesellschaft, ob demokratisch oder totalitär, von einer kleinen Führungsgruppe geleitet wird. Auch in den sozialistischen Ländern, die dem totalen Egalitarismus huldigen, gibt es heute eine kleine Führungsschicht.
SPIEGEL: An dieser Erkenntnis ist nichts Neues.
BENOIST: Neu aber ist, daß wir dieses Prinzip nicht abschaffen wollen, sondern bejahen sofern jedem der Weg zur Elite offensteht. Das heißt, wir bekämpfen jede Art von Privilegierung und verlangen statt dessen die optimale Förderung angeborener Begabungen.
SPIEGEL: Wie müßte der Staat beschaffen sein, der diese Idee praktisch durchsetzt?
BENOIST: Ich bin kein Politiker und auch kein Futurist.
SPIEGEL: Ist es für Ihre Theorie denn einerlei, ob die neue Gesellschaft demokratisch oder totalitär verfaßt ist?
BENOIST: Ich bejahe grundsätzlich die parlamentarische Demokratie damit wir uns nicht mißverstehen. Viel wichtiger als die Institutionen des politischen Systems sind uns aber die gesellschaftlich überlieferten Mythen und der darin enthaltene Volksgeist. So ist der Geist unserer Epoche vom Gleichheitsmythos geprägt.
SPIEGEL: Wollen Sie die Errungenschaften der Französischen Revolution liquidieren?
BENOIST: Ich kritisiere nicht das Prinzip und die Notwendigkeit der Revolution, sondern nur die mit ihr verbundene Schreckensherrschaft und das totalitäre Denken. Ich will nicht das Rad der Geschichte zurückdrehen.
SPIEGEL: Sie und Ihre Freunde schreiben in vielen Artikeln, daß das politische und kulturelle Leben vor allem durch die Vorherrschaft der Ökonomie zugrunde gerichtet wurde. Sie kritisieren damit die Grundlagen der Industriegesellschaft.
BENOIST: Man muß mit dem Fortschritt nicht auch seine Nachteile akzeptieren. Wir wollen eine Begrenzung der Eigendynamik der Ökonomie und den Abbau der multinationalen Macht der Wirtschaft. Die Verkümmerung des Lebens auf die Eindimensionalität muß aufgehalten werden.
SPIEGEL: Diese Verbindung aus Wachstumskritik und Kulturkritik hat die Frankfurter Schule schon vor 20 Jahren erheblich prägnanter formuliert. Sind Sie unversehens ein Anhänger der "Kritischen Theorie"?
BENOIST: Im Spätwerk von Herbert Marcuse gibt es tatsächlich eine gewisse Übereinstimmung mit unseren Ansichten, aber wir kritisieren die soziale Eindimensionalität von einer ganz anderen Warte aus. Die Frankfurter Schule vertritt mit ihrer negativen Anthropologie das genaue Gegenteil von dem, was wir wollen.
SPIEGEL: Sie wollen sich offenbar nicht entscheiden, ob Sie den technischen Fortschritt und den damit verbundenen Zuwachs an Entfremdung bejahen sollen oder nicht.
BENOIST: Ich bin voll und ganz für den technologischen Fortschritt, wie etwa den Ausbau der Atomenergie. Ich wehre mich lediglich gegen die Fortschrittsideologie in ihrer moralischen Bedeutung.
SPIEGEL: Aber auch der technologische Fortschritt bedeutet fortschreitende Verfügungsgewalt über die Natur und Fremdbestimmung des Menschen ...
BENOIST: ... es sei denn, eine politische Autorität greift steuernd ein. SPIEGEL: Wie das?
BENOIST: Die staatliche Autorität muß zum Beispiel einem Fabrikbesitzer verbieten, den Fluß zu verschmutzen, weil die Schönheit der Natur genauso wichtig ist wie das Industrieprodukt.
SPIEGEL: Das könnte jeder Umweltschützer unterschreiben.
BENOIST: Wenn die Umweitschützer nur kein Zurück-zur-Natur predigen würden! Die sind doch dem Wahn verfallen, jeden Fortschritt überhaupt aufhalten zu können.
SPIEGEL: Verlangen Sie die Unterordnung der Ökonomie unter die Politik?
BENOIST: Ja, absolut. Der Staat muß die Ökonomie beherrschen, nicht umgekehrt.
SPIEGEL: Sie sprachen aber auch von der falschen Wertordnung der Gesellschaft, die grundlegend geändert werden müsse. Was meinen Sie damit?
BENOIST: Wir möchten gegen den Ungeist des Ökonomismus und Egalitarismus den alten Geist der europäischen Kulturen wiedererwecken.
SPIEGEL: Warum sollen die vorchristlichen Kulturen der Griechen, Römer, Kelten und Germanen humaner gewesen sein und darum der menschlichen Natur eher entsprechen als die Neuzeit?
BENOIST: Weil dort der alte Grundsatz naturgegebener Ungleichheit Gültigkeit hatte und die hierarchische Gesellschaft mit ihrer elitären Ordnung eine natürliche Rechtfertigung besaß. Diese Grundstrukturen werden im übrigen von den wissenschaftlichen Erkenntnissen gestützt. SPIEGEL: Welche meinen Sie? BENOIST: Zum Beispiel die Forschungen des Ethologen und Nobelpreisträgers Konrad Lorenz über angeborenes Triebverhalten. Aber auch die Untersuchungen der amerikanischen Spezialisten der Verhaltensgenetik Edward 0. Wilson und Richard Dawkins, denen zufolge die soziale Struktur biologisch definiert ist. Wichtig sind auch die Erkenntnisse der Biogenetik. Sie zeigen, wieweit menschliches Verhalten durch die Erbmasse vorbestimmt ist.
SPIEGEL: Viele dieser Forschungen sind teils widerlegt, teil umstritten, teils rein hypothetischer Art. Vor allem aber sind es keine Belege für eine humane Ur-Zivilisation in Europa. Die von der Neuen Rechten propagierte "Wiederverwurzelung" der Menschen scheint eher mit dem Mythos von Volk, Blut und Boden begründbar zu sein.
BENOIST: Der Blut-und-Boden-Mythos ist eine groteske Perversion der Wiederverwurzelungsidee. Die Menschen sind doch überall wieder auf der Suche nach ihrer Verwurzelung. Zum Beispiel das Buch "Roots" des schwarzen Amerikaners Alex Haley oder die jungen Völker der Dritten Welt. Selbst die Neue Linke ist im Begriff, die Wiederverwurzelung zu entdecken.
SPIEGEL: Denen schwebt aber etwas anderes vor als Ihnen. Sie haben wörtlich geschrieben: "Was sind die historischen und vergänglichen Vaterländer angesichts der fleischlich-sinnlichen und ewigen Vaterländer? Was bedeuten schon die Barrieren der Geschichte angesichts der Grenzen des Blutes?" Das ist Blut-und-Boden-Mythologie.
BENOIST: Damit meinte ich die Kultur der Regionen und der ethnischen Minderheiten in Frankreich.
SPIEGEL: Und der Aspekt des Blutes?
BENOIST: Ich meine zum Beispiel das Volk der Bretonen oder das der Basken. Für sie ist die historisch entstandene französische Nation im Vergleich zur eigenen Kultur fast bedeutungslos. Sie sehen daran, daß gerade beute die "fleischlich-sinnlichen und ewigen Vaterländer" wiederauferstehn.
SPIEGEL: Was hat das Minderbeitenproblem und der erstarkende Regionalismus mit Blutsbanden zu tun?
BENOIST: Es ist klar, daß die ethnische Eigenart der regionalen Minderheiten ein Teil ihrer kollektiven Persönlichkeit ausmacht, auch wenn wohl dieser Aspekt nicht so wesentlich ist. Unter "Wiederverwurzelung" verstehe ich ganz allgemein, daß sich die Volksgruppen ihrer Kulturgeschichte wieder bewußt werden und die Menschen im Bewußtsein ihrer Vergangenheit und Zukunft leben lernen.
SPIEGEL: Das sind doch Leerformeln. Der heutige Mensch ist in seiner gewachsenen Kultur integriert, ob er sie nun schätzt oder nicht.
BENOIST: Ich sehe das anders. Die sozialen und regionalen Kulturunterschiede wurden eingeebnet. Überall herrscht der "American way of life", die Konsumgesellschaft. In der zentralistischen Staatsbürokratie wird alles nivelliert. Und die von linken Theoretikern beeinflußte Politik versucht, alle Unterschiede auszumerzen.
SPIEGEL: Was, bitte, haben die kommunalen Kulturtraditionen mit den "ewigen Grenzen des Blutes" zu tun?
BENOIST: In Frankreich wurzeln die meisten kulturellen Traditionen der Minderheiten in einem ethnischen Grund. Natürlich ist es nur ein Grund. In vielen Artikeln gegen den Rassismus habe ich immer hervorgehoben, daß die Geschichte wichtiger ist als die Biologie, die Kultur wichtiger als die Natur.
SPIEGEL: Sie weichen wieder in Leerformeln aus. Zur Geschichte Europas gehören ja auch die letzten 200 Jahre der Industrialisierung und die Entstehung der modernen Gesellschaft, die Sie ablehnen.
BENOIST: Wir müssen erst noch die beständigen Werte in unserer vieltausendjährigen Zivilisationsgeschichte Europas herausarbeiten und interpretieren, ehe wir sie kennen.
SPIEGEL: Zu diesen "beständigen Werten" rechnet die zu Ihrer Bewegung gehörende Zeitschrift "éléments" das germanische Deutschland und die deutsch-französische Völkergemeinschaft, wie sie unter Karl dem Großen bestanden hat. Warum?
BENOIST: Weil beide Völker das Herz und manchmal auch ein wenig Geist und Seele Europas sind.
SPIEGEL: In dem Heft wird unter dem kollektiven Pseudonym "Robert de Herte" geschrieben, die Wiedervereinigung sei dem deutschen Volk schicksalhaft vorgezeichnet.
BENOIST: Ich habe dies nicht geschrieben, ich glaube aber an die europäische Integration -- und ich meine damit diejenige ganz Europas, also auch die der östlichen Völker. Und eine der wichtigsten Voraussetzungen hierfür ist die Wiedervereinigung der Deutschen in Unabhängigkeit von Russen und Amerikanern.
SPIEGEL: Die Deutschland-Widmung des "éléments"-Heftes ist kein Einzelfall. In Ihren Theorieheften, in Ihren Büchern und Aufsätzen kommt der deutsche Geist ausführlich zu Wort.
BENOIST: Die heutige Bedeutung des deutschen Denkens rechtfertigt den Platz, den wir ihm zuerkennen.
SPIEGEL: Uns verwundert, daß Sie sich offenkundig von einer Gruppe Deutscher faszinieren lassen, die auch zur Zeit der Nazis bedeutsam war oder die heute zu den Reaktionären gehört.
BENOIST. In meinem Buch "Vu de droite" zeige ich, daß selbst Denker wie Bertrand Russell und sogar Antonio Gramsci für mich maßgeblich waren. Ich meine ohnehin, daß das alte Schema links-rechts oder faschistisch-antifaschistisch für unsere Theorieversuche nicht mehr paßt.
SPIEGEL: Mag sein, daß bei Ihnen die Grenzen verschwimmen. Trotzdem fällt das Schwergewicht auf, das Sie den Wegbereitern, den Vor- und Mitdenkern des Nationalsozialismus einräumen. Sie huldigen dem am Mord von Rathenau mitbeteiligten Nationalisten Ernst von Salomon und feiern die schießwütigen Freikorps als Retter der Weimarer Republik -- eine Verherrlichung des ultrarechten Terrorismus.
BENOIST: Meiner Ansicht nach bringen Sie verschiedene nationalistische Strömungen durcheinander.
SPIEGEL: Besonders intensiv haben Sie sich auch mit dem für das Staatsverständnis der Nazis bedeutenden Theoretiker Carl Schmitt befaßt. Neben Arnold Gehlen rechnen Sie ihn zu Ihrem wichtigsten Vorbild.
BENOIST: Das Schwergewicht des philosophischen Werkes von Carl Schmitt, der mit den Nazis in Konflikt geriet, ist heute in der ganzen Welt anerkannt.
SPIEGEL: Den konservativ-elitären Dichter Ernst Jünger nannten Sie den "bedeutendsten lebenden Schriftsteller des deutschen Sprachraums" -- und nicht etwa Heinrich Böll oder Günter Graß.
BENOIST: Jünger gehört wegen seiner existentialistischen Grundhaltung zu den beliebtesten deutschen Autoren in Frankreich. Ich finde es eigenartig, als Vorwurf zu hören, daß wir uns für Ihre Schriftsteller interessieren.
SPIEGEL: Es liegt an den Objekten Ihres Interesses. So werden in der "Nouvelle Ecole", für die Sie verantwortlich zeichnen, in fast jedem Heft deutsche Autoren aus der Nazizeit über Kultur und Rasse zitiert. In einem Richard Wagner gewidmeten Heft ist eine Abhandlung über Erbgut und Musikbegabung zu finden, die fast ausschließlich Rassengenetiker der Nazizeit zitiert. Eine Würdigung des als Rassentheoretiker bekannt gewordenen Ludwig Schemann stammt aus Ihrer Feder.
BENOIST: Zitieren heißt nicht, mit dem Zitierten übereinzustimmen. Außerdem zitierte ich verschiedene Ansichten.
SPIEGEL: Im Patronatskomitee Ihrer Theoriezeitung sitzt mit Ernst Anrich sogar ein Mitglied der deutschen NPD -- neben einem Apartheidstheoretiker aus Südafrika und Biogenetik-Aposteln aus den USA. Zu Ihren engsten Freunden und Mitarbeitern gehört auch der jeglicher liberaler Neigungen unverdächtige Armin Mohler.
BENOIST: In unserem Patronatskomitee sind 200 weltweit bekannte Persönlichkeiten, unter anderen auch Arthur Koestler, Konrad Lorenz und Mircea Eliade. Im übrigen bin ich sehr ver-
* Mit Winifred, Schwiegertochter Richard Wagners, 1939 in Berlin.
ärgert, daß Sie die verschiedenen konservativen Strömungen in Deutschland nicht differenzieren.
SPIEGEL: Ihren Zeitschriften nach zu schließen, besteht zwischen Ihrer Wiederverwurzelungsidee und den Rassismustheorien zur Zeit des Nationalsozialismus eine gewisse Affinität -- übrigens auch in bezug auf Ihre Wissenschaftsgläubigkeit, die den Eindruck erweckt, eine genetische Überlieferung europäischer Kulturwerte lasse sich naturwissenschaftlich beweisen -- was ja barer Unsinn ist.
BENOIST: Ich selber habe immer das Gegenteil behauptet, ich halte diese Auffassung ebenfalls für lächerlich. Uns geht es um die Werte, die die zweitausendjährige Geschichte des Christentums überdauert haben.
SPIEGEL: Was auch immer dies für Werte sein mögen -- wie sollen sie gerettet werden?
BENOIST: Durch den Wegfall des Latein- und Griechischunterrichts in den Schulen zum Beispiel haben wir unsere Beziehung zum Altertum ganz verloren. Diese Vergangenheit müssen wir uns wieder aneignen.
SPIEGEL: Altgriechisch als erste Fremdsprache, Keltisch und Germanisch als zweite und dritte Fremdsprache -- wäre das eine Schulreform für das Europa des 21. Jahrhunderts?
BENOIST: Man kann die Sprachen unserer kulturellen Vergangenheit lernen, ohne daraus eine erste und zweite Fremdsprache zu machen -- es sei denn, man möchte alles verhöhnen.
SPIEGEL: Herr de Benoist, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Alain de Benoist
gründete gemeinsam mit ultrarechten Studenten 1968 den "Groupement de recherche et d'études pour la civilisation francaise", dessen Abkürzung "Grece" an die antike hellenische Kultur erinnern soll. Diese inzwischen 5000 Mitglieder umfassende Organisation wurde zum harten Kern der Neuen Rechten. Sie fordert zum "Kulturkrieg" auf gegen alles, was ihr nicht als urtümlich europäisch erscheint: das Christentum, den Kommunismus und den Amerikanismus. Seit elf Jahren ist Benoist, 36, auch Herausgeber und Chefredakteur der neurechten Theoriezeitung "Nouvelle Ecole" und Verlagschef von "Editions Copernic", deren Bücher neben Rassen theorien auch das Elitedenken und die Idee naturgegebener Ungleichheit wissenschaftlich rechtfertigen sollen. Benoists 1977 erschienene enzyklopädische Abhandlung "Vu de droite" gilt heute als Standardwerk der Neuen Rechten.

DER SPIEGEL 34/1979
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