20.08.1979

ÄRZTEBündnis der Sparer

Ortskrankenkassen und die ärztliche Standesführung in Bayern wollen den Kostenanstieg mit einem eigenen „Modell“ bremsen: Der Kassenarzt soll für kostensparende Behandlung honoriert werden.
Seit Jahren erhalten Bayerns 10000
Kassenärzte von ihrer Kassenärztlichen Vereinigung (KV) regelmäßig Faltblätter und Plakate fürs Wartezimmer, auf denen meist viel Gutes über die Mediziner und wenig Gutes über Krankenkassen (oder auch Gewerkschaften und Medien) zu lesen ist. Doch mancher bayerische Arzt, der letzte Woche die jüngste Propagandasendung seiner Standesführung durchfieselte, mochte seinen Augen kaum trauen: Da war plötzlich nur noch vom harmonischen Gleichklang zwischen Arzt, Patient und Krankenkasse die Rede.
Die überraschten Empfänger entnahmen einem Rundschreiben ihres KV-Chefs Hans-Joachim Sewering, daß eine neue Ära angebrochen sein mußte: Statt Kampf gegen, ab sofort "echte Partnerschaft" mit den Krankenkassen, und zwar "langfristig".
Warum der Sinneswandel auch im Interesse jedes einzelnen Kassenarztes liegen müsse, erläuterte Sewering unverblümt. In "ausgesprochen konstruktivem Geist" habe er mit den Krankenkassen "das bayerische Modell einer Honorarregelung" ausgehandelt, das Bayerns Kassenärzten mehr Einkommen verheiße als den Kollegen in anderen Bundesländern und trotzdem den Beitragszahlern der Krankenkassen die dringend notwendige "Beitragsstabilität" garantiere.
Wie dieses Wunder verwirklicht werden soll, erklärte Sewering ebenfalls: Der rückwirkend ab 1. Juli geltende neue Honorarvertrag begrenze zwar den Zuwachs der "kassenärztlichen Gesamtvergütung" für die Dauer eines Jahres auf 6,6 Prozent, doch die Kassen seien willens, Überschreitungen zu tolerieren, wenn Bayerns Kassenärzte "durch Intensivierung der ambulanten kassenärztlichen Diagnostik und Therapie" erreichen, daß
>die Zahl der Krankenhauseinweisungen zurückgeht,
* insgesamt weniger Arzneimittel verschrieben werden,
* die Verordnungen von sogenannten physikalischen Leistungen wie Massagen und Bädern eingeschränkt und
* Krankschreibungen auf das unumgängliche Minimum reduziert werden.
Sewering ließ keinen Zweifel: Greife das neuartige "Leistungsprinzip" nicht, stünden ab Jahresende entscheidende "kostendämpfende Maßnahmen" seitens der Krankenkassen ins Haus.
Denn darauf hatten Bayerns Krankenkassen bestanden, als sie den Plan ersannen, "die Kassenärzte in die Mitverantwortung zu zwingen, was sie an Ausgaben bewirken", wie der Geschäftsführer des Landesverbandes der Ortskrankenkassen, Hans Sitzmann, den Hintersinn des Bayern-Modells definiert.
Wie überall im Bundesgebiet hatten auch die Krankenkassen Bayerns während der letzten Monate festgestellt, daß die Kassenärzte den Psychoschock des sogenannten Kostendämpfungsgesetzes offenbar überwunden hatten.
Allein die Ausgaben für Arzneimittel waren im ersten Quartal dieses Jahres um 14,5 Prozent gestiegen, im Urlaubsmonat Juni sogar um 15 Prozent. Die Kassenärzte hatten wieder mehr Patienten in die Krankenhäuser eingewiesen, darunter manchen, der auch zu Hause hätte kuriert werden können, und weit über 20 Prozent mehr Massagen und Bäder verordnet.
Unter dem gesetzlichen Zwang zur "einnahmeorientierten Ausgabenpolitik" erkannten die Kassendirektoren plötzlich auch: "Im westdeutschen Gesundheitswesen gibt es keinen Anreiz zum Sparen. Daher muß man ihn schaffen." (Sitzmann).
Eine Lösung drängte sich schon nach einer flüchtigen Analyse der einzelnen Kassenkosten auf: Nahezu 80 Prozent der gesamten Ausgaben werden direkt oder indirekt von den 10 000 niedergelassenen Kassenärzten verursacht.
Allein die von ihnen ausgestellten Arzneiverordnungen, Klinikeinweisungen, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und Atteste für "Heil- und Hilfsmittel" lösen für die Krankenkassen Folgekosten von 60 Prozent ihrer Gesamtausgaben aus.
Eine Untersuchung der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein kam den bayrischen Krankenkassen gerade recht. Danach entfallen allein auf die Allgemeinmediziner drei Viertel aller Krankschreibungen? nahezu zwei Drittel aller Kassenrezepte, fast die Hälfte aller Klinikeinweisungen und über 90 Prozent aller Überweisungen an andere Kassenärzte. Im Klartext: Jeden fünften Kassenpatienten schickt der niedergelassene Praktiker zu irgendeinem Facharzt. jeden siebten ins Krankenhaus. Fast jeder zweite Berufstätige (40 Prozent), der bei ihm in der Praxis erscheint, wird für Tage oder Wochen arbeitsunfähig geschrieben.
Um diesen kostenträchtigen Trott zu unterbrechen, trugen Bayerns Krankenkassen ihren Kassenärzten "eine Art Sozialpakt" (Sitzmann) an. Schon bei Verhandlungsbeginn machte der Vorsitzende des Ortskrankenkassenverbandes, Fritz Schenk, deutlich: "Es soll den Kassenärzten zum wirtschaftlichen Vorteil gereichen, wenn sich durch ihre Tätigkeit in anderen wesentlichen Ausgabenbereichen Einsparungen ergeben."
KV-Chef Sewering fand das Angebot "sehr interessant", bat sich eine achtwöchige "Denkpause" aus, dann stimmte er zu.
Er schluckte auch die Forderung der Krankenkassen, für den Fall des Scheiterns die "Konfliktlösung" (Sitzmann) in den "Sozialpakt" einzubauen. Sollten Bayerns Kassenärzte zur besseren ambulanten Diagnostik lediglich vermehrt ihre Apparate einsetzen, ohne daß dies im Endeffekt zu Einsparungen führt, ist ein neuinstallierter "Einigungsausschuß" am Zug, der dann Sparmaßnahmen anzupeilen hat.
Der Gefahr, daß dieser "Einigungsausschuß" nur palavert, haben die Kassen vorgebeugt: Kommen die Paktpartner im direkten Gespräch nicht zügig voran, fällt einem "unparteiischen" Dritten das Machtwort zu.
Und dieser Neutrale soll Bayerns CSU-Wirtschaftsminister Anton Jaumann werden. Denn der wird -- so das Kalkül der Krankenkassen -- mit Sicherheit nicht ausgerechnet in dem Jahr Bayerns Wählervolk mit höheren Krankenkassenbeiträgen vergrämen wollen, in dem sein Parteichef Franz Josef Strauß Bundeskanzler werden will.

DER SPIEGEL 34/1979
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