10.09.1979

TERRORISTENEtwas läuft

Vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf muß sich die mutmaßliche Terroristin Angelika Speitel wegen Mordes verantworten. Es geht auch um Beteiligung an der Ermordung von Buback, Ponto und Schleyer.
Behutsam pirschten sich zwei Polizisten durch das Wäldchen am Zickenbrink an eine Lichtung heran. Dort, im Dortmunder Südcn, ballerten zwei Männer und eine Frau mit Pistolen auf die "Welt am Sonntag", die an einem Baum befestigt war.
Ein Anrainer des Erholungsgeländes -die nächsten Häuser stehen etwa 250 Meter entfernt -- hatte sich über ruhestörenden Lärm beschwert. Eine Funkstreife war losgeschickt worden, wenig später folgte ein zweites Polizeifahrzeug.
Als die beiden uniformierten Beamten noch knapp sechs Meter von den Schützen entfernt waren, wurden sie entdeckt und von dem Trio sofort ins Visier genommen. Polizeimeister Hans-Wilhelm Hansen trafen tödliche Schüsse aus einer Neun-Millimeter-Luger, ehe er seine Maschinenpistole abdrücken konnte. Hansens Kollege Otto Schneider wurde verletzt, er feuerte aber noch im Liegen auf die Schützen.
Es war Sonntag, der 24. September 1978, 14.45 Uhr: Im Wald lagen, außer den beiden Polizisten, eine Frau und ein Mann, er in den Unterleib, sie in den Oberschenkel getroffen. Ein weiterer Mann konnte, offenbar unverletzt, entkommen; wahrscheinlich war es Christian Klar oder Rolf Heißler.
Der angeschossene Pistolenschütze war bald identifiziert: Michael Knoll. erst zwei Tage zuvor vom Bundeskriminalamt zur Fahndung ausgeschrieben, als Randfigur der terroristischen Szene. Knolls Fingerabdrücke waren in der Wohnung des am 6. September letzten Jahres in einem Düsseldorfer Lokal erschossenen mutmaßlichen Terroristen Willy Peter Stoll gefunden worden. Knoll erlag zwei Wochen später seinen Schußverletzungen.
Die verletzte Frau wurde zunächst nur mit großer Wahrscheinlichkeit als Angelika Speitel erkannt, eine der meistgesuchten mutmaßlichen Terroristinnen: Gesichtsnarben, ein angewachsenes Ohrläppchen und auffallend auseinanderstehende obere Schneidezähne sprachen dafür, dennoch schien die Gesichtsform anders als auf einem älteren Fahndungsphoto zu sein. Letzte Sicherheit, nämlich Fingerabdrücke zum Vergleich, fehlten, aber bereits am Tag nach der Schießerei stand ihre Identität fest: Aus Stuttgart-Stammheim war Ehemann Volker Speitel eingeflogen worden. In der Bochumer Klinik "Bergmannsheil" identifizierte er seine Ehefrau Angelika, die ihn wütend beschimpfte.
Nur der Ehemann konnte Angelika Speitel sofort und mit Gewißheit erkennen: Sie hatte sich 1977 bei dem Kölner Schönheitschirurgen Leo Adelheim ihre "wirklich sehr häßliche Nase" (Adelheim) operieren lassen, für 2500 Mark und unter falschem Namen. Der stark ausgeprägte Nasenspitzenknorpel wurde entfernt.
Als nach der Schießerei in Dortmund Photos der Speitel in die Zeitungen kamen, erkannte Adelheim seine Patientin, die sieh -- Ausnahme in seiner Praxis -- strikt geweigert hatte, die üblichen Photos vor und nach dem Eingriff machen zu lassen.
Von Donnerstag dieser Woche an muß sich nun die einstige Kontoristin Angelika Speitel, 27, vor dem 4. Strafsenat des Oberlandesgerichts (OLG) Düsseldorf verantworten, von der Generalbundesanwaltschaft des Mordes, des versuchten Mordes, der Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung und anderer Delikte beschuldigt.
Verhandelt wird, an zwei Tagen jede Woche, in jenem schaff abgeschirmten Polizeigebäude an der Tannenstraße, wo derzeit auch, an jeweils zwei anderen Tagen, vor dem 6. OLG-Strafsenat das Verfahren gegen den Terrorismus-Theoretiker Norbert Kröcher und sei* Links: mit Rechtsanwalt Klaus Croissant 1976; rechts: Fahndungsphoto.
nen Komplizen Manfred Adomeit stattfindet (SPIEGEL 32/1979).
Möglicherweise gibt der Düsseldorfer Prozeß näheren Aufschluß über Vorbereitung, Ausführung und Beteiligte der drei spektakulärsten Terrortaten. Denn Angelika Speitel soll, neben der Tatbeteiligung in Dortmund und an einem Banküberfall in Essen im Februar 1977, als Angehörige der "Rote Armee Fraktion" (RAF)
* vor der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seiner Begleiter, am 7. April 1977, an den Vorbereitungen beteiligt gewesen sein und Tatort sowie Fluchtweg der Mörder ausgekundschaftet haben,
* die geplante Entführung des dann erschossenen Bankiers Jürgen Ponto am 30. Juli 1977 sowie die Entführung des dann ermordeten Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer am 5. September 1977 unterstützt, womöglich mit vorbereitet haben.
Angelika Speitel, geborene Weiner, Stuttgarterin aus gutbürgerlichem Hause und seit 1969 mit Volker Speitel verheiratet, gehörte seit 1974 dem "Komitee gegen die Folterung politischer Gefangener" an. Zuerst heuerte Volker Speitel bei dem -- inzwischen zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilten -- Rechtsanwalt Klaus Croissant in Stuttgart an, dann beschaffte er auch seiner Frau einen Job in der Kanzlei.
Sie lebte, inzwischen getrennt vom Ehemann, in einer Stuttgarter Kommune zusammen mit den später in der Terrorszene aktiven Willy Peter Stoll, Christoph Wackernagel -- im November 1977 in Holland verhaftet und ausgeliefert -- und Siegfried Hausner zusammen, der als Beteiligter des Überfalls auf die Deutsche Botschaft in Stockholm ums Leben kam.
Zu einem nicht näher präzisierten Zeitpunkt habe sich, so die Anklage, Angelika Speitel, die für Croissant auch Botendienste erledigte und Gefangenenbesuche in Stammheim machte, der RAF angeschlossen und bis zu ihrer Festnahme "im terroristischen Untergrund" gelebt.
Ihre Aufgabe sei es vor allem gewesen, für die RAF-Gruppe "Wohnungen als Stützpunkte ausfindig zu machen", zuletzt im Ruhrgebiet und auch, über Zeitungsinserate, im Frühjahr 1978, in der Bundeshauptstadt Bonn.
Nun hat zwar Angelika Speitel, der eine führende Position in der zerschlagenen Bande des inzwischen ebenfalls verurteilten Anwalts Siegfried Haag zugeschrieben wurde, wie üblich, "keine Angaben zur Sache gemacht" (Anklage). Gleichwohl verfügt die Bundesanwaltschaft über ein amtlich verfaßtes Gesprächsprotokoll aus der Bochumer Krankenhauszeit von Angelika Speitel, das nicht nur auf ihre eigene Verstrickung hinweist, sondern auch Aufschluß über Denken und Strategie der Terroristen gibt, speziell im Fall Schleyer. Frage: Wie sind Sie in die Terrorszene gekommen?
Antwort: Wer mit offenen Augen durch das Leben geht, muß erkennen, daß hier etwas geändert werden muß.
Frage: Warum morden Sie zu diesem Zweck?
Antwort: Das ist eine Art Krieg. Frage: Kriege sind doch sinnlos, durch Kriege ist bisher nichts verändert worden.
Antwort: In Vietnam hat das Volk Krieg geführt und gesiegt.
Frage: Wir sind nicht im Krieg, und Sie treffen doch immer die Kleinen, wie in Dortmund die Polizisten.
Antwort: Das war ursprünglich nicht geplant.
Auf die Entführung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer angesprochen, sagte Angelika Speitel, die kurz vor der Erschießung Schleyers im Elsaß gesehen worden sein soll, man habe sich in der erhofften Reaktion der Bundesregierung getäuscht: "Wir haben bis zuletzt erwartet, daß unsere Gefangenen freigelassen würden."
Auf den Einwand, der Staat könne doch nicht erpreßbar sein, sagte sie: "Dem Schleyer ist es bei uns gut gegangen, wir hätten ihm kein Haar gekrümmt. Es war alles für die Freilassung in die Wege geleitet, Schleyer hat bei uns nur abgenommen."
Auf die Frage, warum Schleyer dann nicht freigelassen worden sei, sagte Angelika Speitel: "Den mußten wir erschießen, sonst wären wir unglaubwürdig geworden." Und außerdem: "Der hätte uns doch sofort verraten."
Neben solchem Wissen und möglicher Beteiligung nehmen sich auch andere Bezüge belastend aus. Handgranaten, die nach der Schießerei in Dortmund auf der Lichtung gefunden worden waren, stammten aus einem Militärdepot in der Pfalz, gefälschte Papiere, die Angelika Speitel und Knoll bei sich hatten, aus einem Einbruch in eine Gemeindeverwaltung in Tirol.
Solche Papiere waren auch bei den Terroristen Stoll, Sonnenberg und Folkerts gefunden worden. Günter Sonnenberg, bei seiner Festnahme in Singen schwer verletzt, gilt ebenso als Buback-Attentäter wie Knut Folkerts, gegen den der Generalbundesanwalt Ende August vor dem OLG Stuttgart Anklage wegen Mordes an Buback erhoben bat.
Im September 1977 hatte Folkerts, in Holland deswegen bereits verurteilt und dann ausgeliefert, in Utrecht einen Polizeibeamten erschossen, als Mitglieder der Haag-Bande einen Mietwagen zurückgaben und dabei festgenommen werden sollten. Angemietet hatte den Wagen eine "Ursula Dietrich" aus Hamburg, deren Ausweispapiere gefälscht waren. Möglicherweise hatte Angelika Speitel die Dietrich-Papiere vorgelegt und war, zusammen mit Brigitte Mohnhaupt, nach der Schießerei in Utrecht entkommen.
63 Zeugen sind für das auf mehrere Monate angesetzte Verfahren gegen Angelika Speitel geladen, die von vier Anwälten verteidigt wird -- ein vergleichsweise geringer Aufwand, gemessen an anderen Terroristen-Prozessen. Doch die Bundesanwaltschaft glaubt sich diesmal auf besonders viele harte Indizien und Aussagen stützen zu können.
Im Bochumer Krankenhaus war Angelika Speitel auch gefragt worden, ob sie annehme, jemals wieder frei zu sein. Ihre Antwort: "Was mit mir wird, ist nicht so wichtig. Hauptsache, daß draußen wieder etwas läuft."

DER SPIEGEL 37/1979
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