10.09.1979

Ein Gringo im Urwald

Werner Herzog bereitet einen neuen Film vor -- mit und unter Indianern in Peru. „Brutale Menschenrechtsverletzung“ begehe er dabei, wirft ihm die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ vor, die Indianer verschickten Proteste.
Ein Schiff wird kommen -- über die grünen Hügel im Dschungel Perus, geschoben und gezogen von ein paar Hundertschaften Indianer, unterstützt von altertümlichen Maschinen.
Das Schiff muß über den Berg, weil der Gringo-Abenteurer Carlos Fermin Fitzcarraldo so von einem Fluß zum anderen, parallel laufenden, übersetzen will, und der soll ihn, ohne widrige Stromschnellen zum Ziele führen: Kautschuk.
Am Ende des lateinamerikanischen Kautschuk-Booms, um die Jahrhundertwende, gedenkt dieser Fitzcarraldo noch einen großen Coup zu landen. Und wozu? "Es geht", sagt Werner Herzog, Deutschlands Film-Visionar, "um Caruso und große Oper im Urwald."
Denn, so Herzogs Drehbuch-Idee zu seinem neuen Film, der Gringo will sich mit dem Wahnsinns-Trip einen Traum verwirklichen: einmal Grand Opéra für sich und seine Freunde in der Amazonas-Stadt Iquitos, seinem Heimatort.
Für die Hauptrolle wurden bereits hohe Namen gehandelt, Jack Nicholson etwa, für einen flankierenden Part Mick Jagger, auch für Klaus Kinski wäre was dabei. Vor Ort, in Peru, jedenfalls hat Herzog schon das mitwirkende Volk verpflichtet, Indianer vom Stamme der Aguaruna, und zwei historische Schiffe, Baujahre 1902 und 1906, liegen in Iquitos an den Leinen. Anfang nächsten Jahres wird losgedreht.
Mittlerweile freilich ist Herzogs Indianer-Projekt unter heftige Attacken geraten. Vorwürfe: Herzog beute die Indianer aus und mißachte ihre Rechte, er wolle sie wieder als "Wilde" darstellen und trage durch ökonomische Anreize eine "schlimme Spaltung" unter die Bevölkerung; die Unisono-Haltung der Dörfler, am Film nicht mitzuarbeiten, sei durch wilde Schüsse eines peruanischen Offiziers gebrochen und der eine oder andere Wortführer ins Gefängnis geworfen worden.
Peruanische Anthropologen und Zeitungen hatten die Alarmglocke gezogen, Amnesty International fragte an, aber auch die Indianer selbst wandten sich mit Protesten (teils mit Daumenabdruck signiert) an Regierung und Öffentlichkeit. Letzte Woche nahm die "Gesellschaft für bedrohte Völker" den Ruf in Deutschland auf.
Diese Menschenrechtsorganisation, 1970 gegründet, hervorgegangen aus dem Biafra-Komitee, setzt sich "speziell für unterprivilegierte, diskriminierte oder verfolgte rassische, ethnische und religiöse Minderheiten" ein und unterstützt die "Emanzipationsbewegungen eingeborener Völker".
Über die weltweiten Kontakte der "Gesellschaft" gelangten die "Nachrichten über diskriminierende, brutale und folgenschwere Methoden und Menschenrechtsverletzungen" der Herzog-Produktion gegen Indianer ins Heimatland des Regisseurs; ein Conquistador mit Kamera?
Tatsächlich gerät das Herzog-Team mit seinem Film in eine indianische Aufbruchstimmung. Nach jahrhundertealter Auspowerung, Verfolgung, Liquidation sind die Ureinwohner auf dem mühevollen Weg, Identität, Selbstbewußtsein, Rechtsgarantien zu finden, ihren Landbesitz zu sichern, eigene Handels- und Kommunikations-Systeme auszubauen, ein einig Volk von Brüdern zu werden.
Seit einigen Jahren bilden sich Kooperativen, Bauernvereinigungen, Regionalräte; die Schwierigkeiten, die ihnen entgegenstehen, sind hoch wie die Anden und mächtig wie der Amazonas: Sprachenvielfalt und ethnische Zersplitterung, Isoliertheit der Reservate, Zivilisationsschäden, verschiedene Bildungsstufen -- und die zumeist feindselige Haltung der jeweiligen Regierung und weiterhin rücksichtslose Rohstoff-Ausbeutung ihrer Gebiete.
Perus Bevölkerung besteht zu 50 Prozent aus Indianern. Der Stamm der Aguarunas, bei denen Herzog drehen will, lebt zum Großteil um einen Oberlauf des Amazonas, den Maranon -schon Schauplatz für Herzogs "Aguirre" mit dem wilden Kinski als "Zorn Gottes".
Die Gesamtzahl der Aguarunas wird auf 20 000 geschätzt; das Dorf Wawaim (290 Seelen), Herzogs Hauptdreh-Ort, liegt am Mündungsdreieck der Flüsse Maranon und Cenepa. Über einen Hügel zwischen den beiden Gewässern soll der Gringo Fitzcarraldo sein Kautschuk-Schiff schleppen.
In Berichten des Dorfes Wawaim und eines Gebiets-Rates, Vertreter von 50 Gemeinden, stellt sich der Konflikt mit dem Herzog-Team so dar:
Im Februar dieses Jahres sei Herzog in Wawaim erschienen. Er kündigte an, er wolle einen Film "über das Leben des Cauchero (Kautschukbaron) Fitzcarraldo" drehen und brauche dazu, neben anderem, rund 1000 Männer mit "langem schwarzem Haar" -- Konfliktstoff genug.
Denn der historische "Cauchero", der Ire Fitzgerald, gilt bei den Indianern als einer der brutalsten Kautschuk-Raffer und Indianer-Mörder des Amazonas-Gebietes. Die Vorstellung, als "Wilde" (mit langen Haaren) wieder ihre Elendszeit zu spielen, schreckte sie auf.
Unbeeindruckt von der als ungenügend empfundenen Dreh-Legitimation, besorgt um weitere Zerstörung ihrer Sozialstruktur, lehnten die Aguarunas jede Kooperation ab und pochten auf die "Unverletzlichkeit und Unantastbarkeit unseres Gebietes".
"Trotz Verweis aus unserem Territorium versuchte das Unternehmen, Hilfe hei unseren Brüdern, Händlern und Militärs zu erkaufen." Es kam, die Gründe sind nicht eindeutig, zum Auftritt des schießwütigen Offiziers? die Indianer akzeptierten den Vertrag -.- nun mit erheblich minderem Lohnangebot. Die Aguarunas: "Wir wissen jetzt, daß Fitzcarraldo und Herzog sich ähnlich sind."
Herzog war bei der Schieß-Szene nicht dabei; gegen die Presse-Darstellungen, vor allem gegen die tatsächlich entstellenden in der peruanischen, protestiert er wütend: "Medienfurz." Bei den "allerersten Kontakten" habe es zwar "Probleme" gegeben, wegen ausgestreuter "Gerüchte": "Inzwischen haben wir unsere Pläne erklärt und sind in vollem Einvernehmen mit den Aguarunas von Wawaim."
Es sei auch eine "dreiste Lüge", daß vier Indianer verhaftet wurden und durch ihn "das Leben des Dorfes zum Erliegen" komme. Er habe sich auch nie "das Recht angemaßt, auf dem Territorium der Aguarunas eine Invasion zu machen", und sein Film werde "ihre Identität nicht verzerren".
Die Aguarunas seien freilich kein "Stamm unberührter Eingeborener". vielmehr die "politisch am besten organisierte Indianergruppe Perus", sie hielten starke Kontakte zu anderen Gemeinden und zur Außenwelt. Herzog: "Alle erschienen in ihrer Versammlung mit modernen langen Hosen und Hemden, einige sogar mit T-Shirts, auf denen John Travolta und "Disco-Fever" gedruckt war."
Der "Geist des Filmes" werde auf seiten der Aguarunas sein und versuchen, "ihre starke Kultur zu zeigen, so wie sie vor John Travolta war".
Wer filme, sagte Herzog einmal, für den gebe es "ein übergeordnetes Recht". Als Kinski bei den "Aguirre" -- Dreharbeiten die Rolle hinwerfen und abreisen wollte, drohte er ihm "acht Kugeln in den Kopf" an, mit der neunten wollte er sich selbst erledigen.
Tollkühn, oder monomanisch, getrieben von Bild-Visionen, stürzt er sich in die extremsten Film-Abenteuer. hungrig nach Landschaften, Gesichtern, Absonderlichkeiten, ob in der Sahara, auf einem Vulkan, im Bayerischen Wald oder im Dschungel.
Einer, der im Film seine Ego-Verwirklichung betreibt, stieß bei den Aguarunas auf ein Volk, das sein National-Ego finden will -- und mußte wohl auf Empfindlichkeiten treffen. Nun lebt Herzog mit den Indianern "seit Monaten in Harmonie", und auch die Wawaim-Leute seien inzwischen "wütend über die Presse".
Herzog hat, als Dreh-Vorbereitung, sogar ein "Entwicklungsprogramm" in Gang gesetzt, für Wawaim einen Sanitätsposten gestiftet, ein Schnellboot und ein großes Boot, "damit die Wawaimer ihre Früchte selbst zum Markt bringen können" und dadurch Zwischenhändler ausfallen. Ein Agrar-Experte im Film-Camp lehre die Eingeborenen, "ertragreichere Kakaopflanzen" zu ziehen, und die zu rodende Schneise, über die Fitzcarraldos Schiff seine Berg- und Talfahrt machen wird, soll nachher Pflanzung werden.
Beim Hamburger Filmfest, nächste Woche, an dem Herzog teilnimmt, erwartet ihn freilich kein Segens-Gruß: Die "Gesellschaft für bedrohte Völker" will eine Aktion gegen ihn starten.

DER SPIEGEL 37/1979
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