10.09.1979

HERRENMODEFast eine Seuche

Bei wohlhabenden Mittelstandlern wird der Maßanzug wieder Mode. Manche Top-Manager hingegen steigen auf Konfektions-Kleidung um.
Rund 200 000 deutschen Männern ist es nicht Jacke wie Hose, ob eine Meisterhand oder ein Massenfabrikant ihre AnzUge zusammennäht: Die Herren tragen Maß.
Sie schätzen die auf den Leib geschneiderte Garderobe als unaufdringliches Statussymbol -- nur für Eingeweihte erkennbar an den Ärmel-Knopflöchern, die im Gegensatz zu Konfektions-Kleidung in den Stoff geschnitten und von Hand gefaßt sind. Der Anzug mit dem feinen Unterschied kostet je nach Schneider und Stoff zwischen 1200 und 2800 Mark.
Trotz solch stattlicher Preise lassen sich wieder mehr Bundesbürger ihre Kleidung anmessen: In den vergangenen zwei Jahren stieg, Inflation abgerechnet, der Umsatz der Herrenschneider um elf Prozent auf 600 Millionen.
So baute der Münchner Maßschneider Michael Hussmüller, Modewart beim Bundesverband des Bekleidungshandwerks, in diesem Jahr schon knapp 600 Anzüge- nahezu 100 mehr als 1978. Heinz Reeker, Sehneidermeister in Moers, erhöhte im vergangenen Jahr seine Maßproduktion von 450 auf 500 Stück. "Es gibt einen deutlichen Trend zum Maßanzug", resümiert der Münchner Prominenten-Näher Max Dietl, der Fürst Rainier von Monaco, Ex-Bundespräsident Walter Scheel und Schauspieler Curd Jürgens einkleidet.
Aus solch finanzkräftiger Klientel rekrutierte sich lange Zeit ein Großteil der Schneider-Kundschaft. Doch neuerdings erscheint auch der Mittelstand vermehrt in Deutschlands Maßateliers: Ärzte, in den vergangenen Jahren zu Großverdienern aufgestiegen, sind ebenso maßbewußt geworden wie Rechtsanwälte und Kaufleute. Die betuchten Herren schätzen an den handgefertigten Textilien, daß die Anzüge physische Mißhelligkeiten wie dicke Bäuche oder kurze Beine weitgehend kaschieren -- und, wenn gekonnt auf Körpermaß geschnitten, obendrein unnachahmlich bequem sind.
Erfinder solcher Maßanzüge war der englische Salonheld George ("Beau") Brummel: Der Kleider-Freak, Anfang des 19. Jahrhunderts tonangebend in Londons High-Society, ließ seine Garderobe nach eigenen Entwürfen anfertigen -- Kreationen aus Reitjackett und Breeches, die erstmals Ähnlichkeit mit heutigen Anzügen aufweisen.
Konfektionskleidung begann sich erst. Ende des Ersten Weltkrieges langsam durchzusetzen: Nur die Armeren mochten sich einen der krude geschnittenen Anzüge kaufen. Marktbeherrschend wurde der Anzug von der Stange nach 1939, als auch Kleidung rationiert war und Maßanzüge zusätzliche "Punkte" kosteten. Inzwischen ist Fabrikware salonfähig -- auch wenn sie an den Realitäten scheitert wie beim Kanzlerkandidaten Strauß ("Es ist eben schwer, ein Tönnchen anzuziehen", hieß es über Strauß beim "18. Weltkongreß der Herrenschneider" letzten Monat in München).
"Fünf Jahre nach dem Krieg", erinnert sich der Düsseldorfer Textil-Experte Heinz Lademann? "war der Maßanzug so gut wie tot." Die Zahl der Schneidereien sank von 45 500 auf heute 9000. Das überlebende Häuflein verdient freilich nicht schlecht: Ein durchschnittlicher Betrieb stichelt jährlich rund 70 000 Mark Umsatz zusammen. Und Zunft-Stars wie Hussmüller und Dietl machen gar Millionen. "Die schlechten Zeiten sind vorbei", konstatiert Heinz Reeker.
Denn inzwischen kommen auch junge Leute, die das Handwerk längst an den Freizeit- und Leger-Look verloren glaubte, zum Anmessen -- mal an der Seite des Vaters, der seinem Sohn ein Maßgewand zum Abitur schenkt; und mal solo, wie jüngst zu Dietl ein Banklehrling, der maßgekleidet auf schnelleres Fortkommen in der Firma hoffte.
"Bei aufstrebenden Managern", so hat der Frankfurter Unternehmensberater Maximilian Schubart beobachtet. "ist der Maßanzug schon fast zu einer Seuche geworden."
Viele der großen Bosse hingegen steigen, paradox genug, eben jetzt auf Konfektion um. So trägt der bayrische Porzellanfabrikant und SPD-Bundestagsabgeordnete Philip Rosenthal, der einst mehrmals im Jahr die Londoner Nobel-Schneiderei Sullivan, Woolley & Co beehrte, nur noch Anzüge von der Stange. Und auch der Düsseldorfer Rank-Xerox-Chef Jürgen Götzelmann kauft, nachdem er "halbe Tage" bei Anproben zubrachte, nur noch Qualitäts-Konfektion -- etwa Anzüge von Boss (600 Mark) oder Regent (900 Mark).
Da kann der ambitionierte Manager-Nachwuchs mit seiner Maß-Schale kaum noch Eindruck schinden: Wenn sich bei Schubart "so ein junges Würstchen im Maßanzug" vorstellt, denkt sich der Personalvermittler erst mal: "Ab mit ihm in die Buchhaltung."

DER SPIEGEL 37/1979
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