03.09.1979

FERNSEHENBotschaft huckepack

Um ein neues Informationssystem für den Bildschirm ist zwischen Funkhäusern und Verlagen Streit entbrannt. Der Grund: Die technischen Grenzen zwischen Fernsehen und Presse beginnen zu verschwimmen.
Das neue Bildschirm-System läßt
sich kinderleicht bedienen. Auf Knopfdruck bringt es leuchtend bunte Bilder auf den Fernsehschirm -- stumme, unbewegte Texte mit Buchstaben, Ziffern, Satzzeichen, garniert mit blinkenden Hinweissymbolen zu graphisch gestalteten Überschriften, Tabellen, Landkarten in Farbe.
Wenn die Rundfunkanstalten, wie geplant, im kommenden Frühjahr bundesweit Versuchssendungen mit dem neuen Textprogramm starten, können die Fernsehteilnehmer außer den herkömmlichen TV-Programmen zusätzlich solche Text-Nachrichten aus Politik und Kultur, Wirtschaft und Sport einschalten. Zum laufenden TV-Programm von ARD und ZDF lassen sich dann beispielsweise Erläuterungen und Stichwort-Erklärungen einblenden -- wenn man nicht etwas ganz anderes am heimischen Bildschirm lesen will, die Börsenkurse zum Beispiel.
Alles klar für ein neues Informationsmedium, so scheint es.
Doch schon Monate vor dem Test-Start ist zwischen den Rundfunkanstalten und den Presseverlegern so ziemlich alles umstritten, was mit dem neuen Textprogramm zu tun hat. Das fängt schon beim Namen an.
Die Rundfunkanstalten, die den Textservice auf der diesjährigen Berliner Funkausstellung zum zweitenmal -drahtlos über den Funkturm in ganz Berlin -- vorführen, nennen das System "Videotext". Bei den Zeitungsverlegern, die wie letztes Mal Nachrichten und andere Zeitungsinhalte -- über eine Kabelanlage der Funkausstellung -- verbreiten, heißt das gleiche Textsystem "Bildschirmzeitung".
Das Spiel mit zwei Namen -- statt der neutralen Benennung "Teletext", wie das aus England stammende System in der Technikersprache heißt -- gehört zu der Kontroverse um den medienpolitischen Stellenwert. Ob es sich überhaupt um ein neues Medium handele, darüber konnten sich ZDF-Intendant Karl-Günther von Hase und Zeitungsverleger-Präsident Johannes Binkowski letzte Woche in einem live von der Funkausstellung ausgestrahlten Streitgespräch im ZDF nicht einigen.
"Weder Hörfunk noch Fernsehen", befand Binkowski und reklamierte das
* Auf der Berliner Funkausstellung.
neue "Lesemedium" für die Zeitungen. "Gar nichts Neues", konterte Hase -- "ein Stück Rundfunk", der ja auch bisher schon Nachrichten in Hörfunk und Fernsehen sende.
Hinter dem Anspruch der Presse, an den neuartigen Sendungen beteiligt zu werden, steckt die Sorge der Zeitungsverleger, Leser vom Gedruckten ans Gesendete zu verlieren. Schon zehn bis fünfzehn Prozent weniger Zeitungskäufer, rechnete der Ulmer "Südwest Presse"-Verleger Eberhard Ebner auf einer Podiumsdiskussion in Berlin vor, wären für manche Tageszeitung existenzgefährdend.
Der Streit erfreut einen dritten gar nicht: die Rundfunkgeräteindustrie. Denn nach langer technologischer Flaute seit Sendebeginn des Farbfernsehens vor zwölf Jahren, in der Gerätepreise und -absätze zuletzt dramatisch abrutschten, erhoffen sich die Produzenten von Blaupunkt bis Wega von "Videotext" eine Umsatzbelebung.
Zum Empfang des neuen Informationsprogramms brauchen die Fernsehzuschauer nämlich einen Knopfdruck-Zusatzteil, einen sogenannten Decoder, der die Text-Sendesignale bildschirmfüllend sichtbar machen kann. Die Signale werden, sozusagen huckepack auf den Fernsehwellen, in bislang nicht genutzte TV-Zeilen am oberen oder unteren Rand des Fernsehbildes, die sogenannte Austastlücke, eingespeist. Der Decoder dürfte bei Serienfertigung anfänglich 600, später um die 300 Mark kosten.
Gleich mitgeliefert wird ein -- im Preis enthaltener -- Zusatzteil für ein neues Informationssystem der Bundespost namens "Bildschirmtext". Es wird ebenfalls auf der Berliner Funkausstellung gezeigt und soll vom kommenden Jahreswechsel an in Düsseldorf und West-Berlin zwei Jahre lang getestet werden. Dieses Schriftbild-Verfahren erlaubt die Anwahl von Datenbanken, Bestelldiensten und Auskünften (Fahr- und Flugpläne, Kinoprogramme und Kaufhauspreislisten) per Telephon.
Ebenso wie "Videotext" überträgt "Bildschirmtext" aber auch aktuelle Text-Nachrichten auf den heimischen Bildschirm -- und in diesem Falle arbeiten die Zeitungsverlage als Zulieferer mit der Bundespost zusammen. Doch sie sehen im gebührenpflichtigen "Bildschirmtext", bei dem stets der Zeittakt des Telephons mitläuft, keine chancengleiche Konkurrenz zum gebührenfreien "Videotext".
Ob allerdings, hier wie da, überhaupt großes Publikumsinteresse zu erwarten ist, darüber gehen die Meinungen der Experten auseinander. In England, wo das drahtlose Teletext-System vom Fernsehen seit vier Jahren gesendet wird, davon zunächst zwei Jahre versuchsweise, sind bislang rund 50 000 TV-Geräte mit Decodern (bei insgesamt 18,5 Millionen Fernsehhaushalten) verkauft worden -- nicht gerade ein Hit. Auch "Videotext", meint dessen Redaktionsleiter Alexander Kulpok vom Sender Freies Berlin, werde sicher "nicht die Welt bewegen".
Daß die Kontroverse um die Betreibung des Systems gleichwohl mit solcher Heftigkeit, ja "sehr aggressiv" (von Hase) geführt wird, hängt mit der Vielzahl neuer Medien zusammen, denen sich die Zeitungen auf längere Sicht bedrohlich konfrontiert sehen. Nach "Videotext" und "Bildschirmtext" werden das Kabel- und das Satellitenfernsehen mit ihrer Überfülle an Sendekanälen folgen. Und als beängstigende Utopie für die Verleger steht die Entwicklung von speziellen, mit dem Fernseher kombinierten Druckgeräten bevor -- sie können den "stehenden Text" (Fachwort) der neuen Schriftsysteme vom Bildschirm auf Knopfdruck zu Papier bringen.
Die bisher so klaren Grenzen zwischen den Medien beginnen damit zu verschwimmen. Die sogenannten Heimdrucker dürften, wenn sie erst serienreif sind, die Tageszeitung in der bisherigen Form dereinst ablösen. Nicht der Zeitungs junge, die Druckwalze am heimischen TV-Gerät brächte dann das Morgenblatt.
Fernsehen und Presse der Zukunft würden mithin den gleichen Vertriebsweg haben -- über den Bildschirmanschluß. Und die Verleger wollen schon jetzt vermeiden, daß die Rundfunkanstalten spätere Entwicklungen dieser Art im voraus okkupieren. Offenbar wollten sie, beargwöhnt der Zeitungsverleger-Verband die Anstalten in einem offenen Brief von vorletzter Woche an die Ministerpräsidenten, "nach dem Prinzip der reinen Machterweiterung alle neuen Medien ihrem Monopolanspruch unterwerfen".
Die Verleger suchen daher an der Schwelle jedes neuen Mediums den Einstieg ins Programm, um den Anschluß an morgen nicht zu verpassen. Den Zugang könnten ihnen nur die Bundesländer verschaffen, die für den Rundfunk zuständig sind, zugleich aber auch darüber zu entscheiden haben, was Rundfunk sei und was nicht. Und "Videotext" sei Rundfunk, befanden die Rundfunkreferenten der Länder kürzlich in einer Vorlage an die Ministerpräsidenten, "auf keinen Fall ... Presse".
Offen ließen sie lediglich einen "Raum für die Einspeisung von Informationen" in das "Videotext"-Programm des Fernsehens -- etwa von Nachrichten aus dem Zeitungshaus. Die Verhandlungen darüber sind jedoch gescheitert. Nun sollen, forderten die Verleger in ihrem offenen Brief, die Ministerpräsidenten verhindern, "daß die Zeitungen von der Nutzung der Videotext-Technik ausgeschlossen werden".

DER SPIEGEL 36/1979
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