03.09.1979

BAUMKRANKHEITENKrebs In der Rinde

In Mittel- und Süditalien vernichtet ein Pilz Millionen Zypressen. Die Wissenschaftler sind machtlos.
Jedes Jahr im Juli, wenn der englische Arzt Robert DeRoss in die Toskana reist, zählt er in der Umgebung seines Urlaubssitzes erst einmal die Leichen: "Immer sind es zwei bis drei Dutzend mehr."
Wie er beobachten auch andere Landbesitzer in Süd- und Mittelitalien das große Sterben: Jedes Jahr gehen zwischen Tarent und Bologna ganze Zypressenhaine ein.
Allein in der Region Toskana, wo die Zypresse das Landschaftsbild prägt, verkamen seit Beginn der Epidemie rund vier Millionen der meist kerzenförmigen Bäume -- ein Drittel des Gesamtbestandes. In der Provinz Florenz, dem zypressenreichsten Gebiet Italiens, rottet inzwischen schon jedes vierte Exemplar dahin.
Gegen das Massensterben ist kein Kraut gewachsen; bislang konnten die Wissenschaftler nur die Ursachen des Desasters feststellen:
>Der Schadpilz Corvneum cardinale verursacht krebsartige Rindengeschwüre, die nach kurzer Zeit aufbrechen -- das Harz tritt aus, der Baum vertrocknet.
* Die Baumlaus Cynara cupressus saugt nicht nur Lymphsaft aus der Zypresse, sondern belegt deren schuppenförmige Blättchen überdies mit lichtundurchlässigem Kot und verhindert damit die für Grünpflanzen lebenswichtige Photosynthese -- der Baum verhungert innerhalb weniger Wochen.
Mit vereinten Kräften brachten Krebs-Pilz und Baumlaus in Mittel- und Süditalien bislang rund zwölf Millionen Zypressen zur Strecke -- das Wachstum von 150 Jahren.
"Damit wird langsam aber sicher die grüne Architektur einer ganzen Region zerstört", warnt Craig Hugh Smyth vom Florentiner Harvard Renaissance Study Center. Denn, so befand schon im vergangenen Jahrhundert der Schriftsteller Italo Svevo, "der Süden und die Zypresse bilden eine unzertrennbare Einheit".
Phönizier hatten den schwarzgrünen Baum aus Kleinasien mitgebracht, wo er seiner düstern Reglosigkeit wegen als Symbol des Todes verehrt wurde. Im Hades, so glaubten die Griechen, werde die "Quelle des Vergessens" von einer weißen Zypresse bewacht.
Auch den todessehnsüchtigen Romantikern paßte der Baum ins häufig melancholische Lebensbild. Den Schweizer Maler Arnold Böcklin inspirierte er zu dem Duster-Gemälde "Toteninsel", der englische Lord Byron feierte ihn als "ewig Trauernden".
Die eher nüchternen Römer hingegen holzten ganze Zypressenwälder ab: Das hellgelbe bis fahlrote Holz, hart und dauerhaft wie sonst nur alte Eiche, eignete sich hervorragend zum Flottenbau.
Während der Renaissance wurde der Baum dann große Mode: Die Architekten fürstlicher Residenzen entdeckten die pfahlförmige Pflanze als gartengestalterisches Element, Maler wie Fra Angelico oder Leonardo da Vinci nutzten sie als effektvollen Hintergrund für ihre Bilder.
Bald freilich dürfte auch die Zypresse ein Stück Geschichte sein. Denn "innnerhalb weniger Jahre", so Pierdomenico Bartoloni von der Florentiner Forschungsstelle für Pflanzenpathologie, "wird Italien all seine Zypressen verlieren -- wenn wir nichts dagegen tun
Dafür ist es allerdings reichlich spät: Schon 1948 entdeckten Phytopathologen im Florentiner Cascine-Park die ersten Krebs-Pilze -- eingeschleppte Killer-Kolonien aus den USA, wo die Seuche in den zwanziger Jahren einen Großteil der Zypressen-Population ausgerottet hatte.
Doch erst 1964, als der Pilz schon zahllose Bäume in knarztrockene Astgerippe verwandelt hatte, mochte Italiens Regierung umgerechnet über eine Million Mark für den Anti-Krebskampf lockermachen gerade genug, um 12 000 infizierte Zypressen zu fällen.
"Hätte man damals alle 500 000 befallenen Bäume geschlagen", ärgert sich Alberto Panconesi vom Nationalen Forschungsinstitut CNR, "könnten wir uns heute unermeßliche Kosten und Mühen sparen. Jetzt müssen Millionen Zypressen vernichtet werden."
Denn das einzig sichere Mittel, die Ausbreitung des tödlichen Pilzes zu verhindern, ist ein erbarmungsloser Radikahlschlag: Verseuchte Bäume müssen verbrannt werden, bevor sie den gesamten Wald anstecken. "Alle übrigen Methoden sind nicht so effektiv, wie man sich das wünschen würde", bedauert Professor Heinz Butin, Chef des Instituts für Pflanzenschutz in Hannoversch-Münden.
Ähnlich ratlos stehen die Pflanzen-Pathologen vor anderen Baumseuchen, die sich in den vergangenen 20 Jahren mit erschreckender Geschwindigkeit ausgebreitet haben:
* Der Ulmen-Pilz sondert ein Gift ab, das die Baumgefäße zerstört und so Wasser- und Nährstoffzufuhr unterbindet -- die Ulme stirbt innerhalb weniger Wochen am Infarkt. In Südengland zerstörten die vom Borkenkäfer übertragenen Mikroorganismen bereits die Hälfte des Bestandes, in Amerika und Deutschland ist die Epidemie auf dem Vormarsch.
* Die Eichenwelke, ebenfalls durch einen Infarkt-Pilz verursacht, grassiert derzeit in 22 US-Staaten und killt dort jährlich über zwei Millionen Bäume.
* Die Kastanien-Krankheit hat in den USA die einst riesigen Kastanienwälder weitgehend vernichtet.
* Die Palmen-Pest ("lethal yellowing"), hervorgerufen durch ein Mykoplasma*, hat allein in Süd-Florida zwei Drittel des einstigen Drei-Millionen-Bestandes niedergemacht. Auch in Entwicklungsländern wie Togo oder Jamaica sind weite Teile der Kokospalmen-Plantagen vertrocknet.
Warum solche Baumkrankheiten in den vergangenen Jahren derart seuchenartig und massiv auftreten, wissen bislang auch die Experten nicht: "Dafür gibt es", so der Gießener Phytopathologe Professor Jürgen Kranz, "keine schlüssige Theorie."
Manche Pflanzenkundler nehmen an, die Krankheitserreger hätten sich genetisch so verändert, daß sie die einst wirksamen Schutzbarrieren des Baumes mühelos überwinden können -- ähnlich wie manche Bakterienstämme gegen Penicillin immun wurden.
Andere Forscher wiederum vermuten, daß Umweltverschmutzung oder veränderte Klimabedingungen die Bäume geschwächt und damit für Pilz-Infektionen anfälliger gemacht haben.
Außer konsequentem Abholzen gibt es bisher kein Mittel gegen die Baumkrankheiten. "Wir sind", bedauert Professor Kranz, "dem Unheil hilflos ausgeliefert."
Um wenigstens in ferner Zukunft Charakter und Biotop ruinierter Regionen wie der Toskana oder Südenglands wiederherstellen zu können, arbeiten Forst-Fachleute an der Aufzucht seuchenresistenter Bäume: Mal experimentieren sie mit Ablegern von Pflanzen, die bereits eine Pilzepidemie überstanden haben; mal versuchen sie, durch Kreuzung ein widerstandsfähiges Gewächs heranzuziehen.
Beides ohne große Hoffnung auf Erfolg: "Ob die Nachkommenschaft wirklich resistent ist", so Experte Kranz, "bleibt weitgehend dem Zufall überlassen."
* Erreger. die zwischen Bakterien und Viren angesiedelt sind.

DER SPIEGEL 36/1979
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