03.09.1979

FERNSEHENGewagte Balance

„Wege in der Nacht“. Fernsehspiel von Krzystof Zanussi. ARD. Sonntag, 9. September 1979, 20.15 Uhr.
Er war "kein Heldentyp", gesteht die junge Frau in Köln einem Reporter aufs Tonband, sie kann sich "nicht vorstellen, daß mein Vater für Ihre Forschung in irgendeiner Weise interessant" sein könnte.
Der Zeitgeschichtler überreicht ihr ein paar Photos, einen Ring, einen verschlossenen Brief -- Fundsachen von der Ostfront, wo der Vater 1944 gefallen ist. Ob sie "ohne die Tradition", "ohne die Erfahrung der Geschichte" leben könne, insistiert der Interviewer, ob sie die "ganze Vergangenheit" nur als "unnötigen Ballast" empfinde, an eine "Stunde Null" glaube.
"Ich weiß nicht, ich habe ganz andere Sorgen", antwortet die junge Frau und spielt mit den Erinnerungsstücken wie mit Souvenirs aus Familien -Trödel. "Mein Vater hatte mit meinem Leben nichts zu tun. Ich bin erst nach seinem Tod geboren. Fast wie eine künstliche Befruchtung."
Wie diese Tochter von ihrem Vater, das will Krzystof Zanussi mit der Schluß-Parabel seines jüngsten TV-Films verdeutlichen, so habe sich die ganze deutsche Nachkriegsjugend von der Vergangenheit abgenabelt: Geschichte sind alte Geschichten.
"Wenn ich an die Deutschen denke, die nach dem Krieg geboren wurden", kommentiert der polnische Filmemacher seine "Wege in der Nacht", "so muß ich mir als Pole die Frage stellen, ob sie im entscheidenden Augenblick ihren Konformismus ablegen könnten und fähig wären, bewußt und verantwortungsvoll nein zu sagen."
Zanussi, 40, hat da zu Recht seine Zweifel und hat derentwegen auch, besserem dramaturgischem Rat zum Trotz, auf jenem didaktischen Anhängsel bestanden, das seinen meisterhaft zwischen moralischem Ernst und poetischer Güte austarierten Film nun reichlich oberlehrerhaft beendet.
Im Herbst 1943 wartet der junge Oberleutnant Friedrich von Odenthal (Mathieu Carrière) auf einem polnischen Gut auf den Einsatzbefehl. Man vergnügt sich auf der Jagd, tafelt opulent, und der Student Friedrich philosophiert gar gelegentlich mit seinem älteren Vetter Hans, einem sarkastischen Kunstdozenten (Horst Frank).
Friedrich verliebt sich in die polnische Gutsbesitzerstochter Elzbieta (Maja Komorowska), die er durch "eine ähnliche Erziehung, eine ähnliche
* Mit Diana Körner (l.) und Mathieu Carriére.
Tradition, die Liebe zur Kunst", über Chopin und alte Stiche zu gewinnen versucht. Aber die Baronin wehrt ab: "Sie und ich stehen auf beiden Seiten der Front. Muß ich das Fenster schließen, damit Sie das begreifen?"
Dennoch kommen sich die beiden in Gesprächen allmählich näher. Unbewußt hat Friedrich eines Tages den Einsatztermin seiner Einheit gegen polnische Partisanen ausgeplaudert. Bei dem Gefecht wird sein Vetter Hans getötet, Friedrich fühlt seine Zuneigung und Offenheit von Elzbieta mißbraucht. Die Feindseligkeiten nehmen zu, aber die beiden bleiben in Kontakt. Schließlich bittet Elzbieta, Friedrich möge ihr bei der Freilassung ihres als Partisan verhafteten Bruders helfen. Der Leutnant vermittelt, der Verwundete -- in Wahrheit Elzbietas Mann -- kommt frei. Friedrich fährt auf Urlaub.
Auf der Rückreise an die russische Front macht er noch einmal auf dem Gut Station. Der Hof liegt in Asche, Elzbietas Mann ist gestorben.,, Vielleicht geschieht ein Wunder", verabschiedet sich Friedrich und hinterläßt Ring und Brief.
Im Zeitraffer einer Inhaltsangabe erinnert die Geschichte an jene leicht weinerlichen Storys, mit denen das vergangenheitsbewältigende Nachkriegskino den Mitmenschen im Waffenrock wiederzuentdecken versuchte. Aber der Pole verkneift sich jedes Herzflimmern im Pulverdampf, läßt nicht Händchen halten und zugleich Fetzen fliegen. Dies ist keine Love-Story aus dem Schützengraben.
Der Kontakt zwischen Elzbieta und Friedrich wird nicht einmal bis zur Hautnähe hochgereizt. Der Handkuß, den der Offizier zu geben sich herausnimmt, mißlingt sogar als Standesschnörkel: Elzbieta erwidert ihn mit einem Peitschenhieb.
Die beiden kommen sich nur so nahe, daß sie miteinander sprechen und dabei entdecken können, daß sie sich etwas zu sagen haben: keine pazifistischen Schwöre, keine schönen Versprechungen, vielmehr anklägerische, pessimistische, grausame Eingeständnisse. Je offener sich das Gespräch entwickelt, um so mehr setzt es Sympathien frei und diesen zugleich Grenzen. Sensibler und anrührender ist die Perversität des Krieges auf dem Bildschirm kaum je privatisiert worden.
Seine ebenso gewagte wie faszinierende Balance zwischen scheuer Intimität und moralischer Aggression verdankt der Film vor allem dem eindringlichen Spiel der Komorowska: Wie sie bei aller kämpferischen Notwehr der Unterlegenen. clever bis zur Verschlagenheit, das Recht auf ihre Seite pocht und ihren Gesprächspartner zu jener Aufrichtigkeit zwingt, der sie selbst die Stärke zum Verzicht verdankt, sucht seinesgleichen.
Klaus Umbach

DER SPIEGEL 36/1979
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