04.04.2005

LITERATURDie Feigheit vor dem Freund

In seinem ausgeklügelten Roman „Endlich Stille“ erzählt Karl-Heinz Ott von der Not der Männer in einer von selbstbewussten Frauen bevölkerten Welt.
Manchmal braucht es nicht mal den Verrat durch einen geliebten Menschen oder eine Faust auf die Nase, damit einem die Welt aus den Fugen gerät. Es genügt, kurz in den Spiegel zu schauen - oder in das Gesicht eines wildfremden Menschen, der einen vor dem Bahnhof einer von Abendsonne durchstrahlten Stadt anspricht und fragt: "Suchen Sie auch ein Hotel?"
Vom ersten Augenblick an ist der Held dieses Romans, ein Philosophieprofessor mit Wohnsitz in Basel, in Bann gezogen, angeekelt, widerstrebend verzaubert und in eine merkwürdige Schreckstarre versetzt durch die Begegnung mit dem gutaussehenden, aber verwahrlosten Künstlertyp, der sich da gleich nach dem Verlassen des Straßburger Bahnhofs an ihn klebt. Der tiefste Grund für die Unfähigkeit des Helden, sich der Zudringlichkeit des Fremden zu widersetzen, ist ein Erkennen wie im Horrorthriller: Der fusselbärtige Kerl ist ein schlimm versoffenes, von den Frauen verletztes, unendlich geschwätziges Zerr- und Gegenbild des Professors selbst.
Also gesteht uns der Gelehrte gleich zu Beginn, "dass diese Begegnung sich als weitreichender als alle bisherigen in meinem Leben erweisen sollte und dieser Mensch sich weniger als jeder andere aus meinem Gedächtnis je ausradieren lassen wird".
"Endlich Stille", der Roman des aus Oberschwaben stammenden und in Freiburg lebenden Schriftstellers Karl-Heinz Ott, 47, ist eine Art Krimi - und ein Überraschungsbuch dieses Frühjahrs*. Es schildert spannend, komisch und ziemlich raffiniert ein Duell zwischen Männern, das fast nur mit Worten, Zigaretten, Weingläsern und Bierflaschen geführt wird.
Darin ist vom ersten Moment an eine mörderische Gewalt spürbar, ein "aufgestauter, vernichtungsgierig tobender Zorn", wie es einmal heißt, eine Sehnsucht nach radikaler Verwandlung, nach einer Befreiung aus der bisherigen Existenz und einem Leben, das "hätte endlich gelingen können". Hochtrabender gesagt: Das Buch handelt vom wütenden Verlangen nach Erlösung.
Die Handlung ist erst mal zum Gruseln lustig. Der philosophisch gebildete Ich-Erzähler lässt sich in Straßburg von seinem ungebetenen Freund, der sich als berufs-
müder Musikdozent vorstellt, erst in einem
schäbigen Hotel miteinquartieren und dann in eine schäbige Gastwirtschaft schleppen. Der Philosophielehrer, ein Fachmann für Spinozas Sicht auf die Willensfreiheit - der habe sie prinzipiell negiert und trotzdem "Lobgesänge auf die menschliche Freiheit" gesungen -, kann nämlich leider nicht nein sagen. Und weil diese Schwäche möglicherweise eine der gesamten mitteleuropäischen Zivilisation ist, erweist sie sich als der größte, manchmal quälende Witz dieses Romans.
Der Philosoph wird mit ödem Gerede über Schuberts "Wandererfantasie", Kindheitsgräuel im Internat und einem vermurksten Aussteigerurlaub zugeschwallt. Er wird geduzt, vom Raucherhusten des Fremden fast weggepustet und durch ständig nachgeschütteten Wein besoffen gemacht - und dann wird der Held sogar noch in ein Bordell mitgeschleppt, aus dem er in heller Panik flüchtet, "einfach nur weg, ohne zu wissen wohin". Im Morgengrauen verlässt der Erzähler Hotel und Stadt wie ein von tausend Furien Gejagter. Und tröstet sich damit, dass er seinem Peiniger wenigstens eine falsche Telefonnummer und Adresse gegeben hat.
Klar taucht die monströse Klette trotzdem bald in Basel auf - und die unerhörte Begebenheit, von der dieses durchaus novellenartige Buch erzählt, nimmt unerbittlich ihren Lauf.
Nicht nur wegen des Männerduells im Zentrum besitzt Otts Buch Ähnlichkeiten mit einem gleichfalls sehr novellenhaften Roman des Schweizer Schriftstellers Markus Werner, der vor ein paar Monaten für Furore sorgte. Wie Werners "Am Hang" (SPIEGEL 52/2004) erzählt auch Otts "Endlich Stille" vom Kampf zweier bereits durchaus lebenserfahrener Rivalen, entwickelt einen schönen Erzählsog und ist ganz auf die Enthüllung am Schluss hin gebaut; und wie Werners Duell im schweizerischen Gebirge ist auch Otts am schönen Oberrhein spielende Männerseelenschlacht ein leichter, stilsicherer, kluger Disput über vorletzte Dinge und letzte Wahrheiten.
Gäb''s noch ein bis zwei Bücher von ähnlicher Qualität und vergleichbarem Strickmuster, könnte man glatt den Trend zur neuen deutschen Männersinnkrisen-Novela ausrufen: Am Tisch eines Restaurants oder einer Bierkneipe treffen sich männliche Protagonisten, die in einer von selbstbewussten Frauen bevölkerten Welt wie im Liebeskampf Versehrte wirken, zu Trink- und Redegefechten. Wären sie ein paar Jahre jünger, würden sie vielleicht hin und wieder aufstehen und wie im US-Film "Fight Club" ihrem inneren Schweinehund beim Prügeln Auslauf geben.
Von Otts Helden, dem Philosophieprofessor, erfährt man schon früh, dass er sich "hündisch" und voller Scham unterworfen hat, wann immer es Konflikte mit seiner
früheren Freundin Marie gab. Er ist ein verdruckster, offenbar fast bis zur Impotenz kaputtdressierter Mann. Marie teilt manchmal in einer Art von Beziehungsnachsorge noch das Bett mit ihm, für ihr Hauptleben ist sie aber mit einem anderen liiert. Sie meistert ihr Dasein mit pragmatischer Selbstverständlichkeit und verachtet sein ständiges Zaudern als Feigheit. In seiner Freizeit hat unser Held aber trotzdem nichts Besseres zu tun, als jene Orte zu besuchen, an denen er einst mit Marie unglücklich war - der Liebes- und Lebensirrsinn eines ziemlich durchschnittlichen, auf den Hund gekommenen Mannes also.
Umso grässlicher findet es der Professor, als ihn der parasitäre Musikerfreund, der sich alsbald in seiner Wohnung breit macht, mit der eigenen bunten Liebesunglücksgeschichte belästigt: In der geht es um eine mysteriöse, in Zürich arbeitende afrikanische Prostituierte, die mit dem Musikus angeblich ein neues Leben anfangen will - eine offenbar weitgehend erlogene Schmuddelstory, in der unser Held seine eigenen, ja äußerst prekären und feinsinnigen Zweisamkeitsnöte natürlich keineswegs gespiegelt sehen will. Wieder ist es eine abscheuliche Fratze, die ihm aus dem Gesicht des anderen entgegengrinst.
Der Autor Karl-Heinz Ott hat mit monströsen Stoffen, so scheint es, durchaus Erfahrung. Im Brotberuf ist er Theaterdramaturg und hat etwa am Züricher Theater Neumarkt 1998 die Uraufführung der Altenheimgroteske "King Kongs Töchter" von Theresia Walser mitverantwortet. Gemeinsam mit ihr schrieb er eine 2003 in Karlsruhe uraufgeführte "Geierwally"-Version, die zwar bislang nicht viel gespielt, aber von der Kritik sehr gelobt wurde. Auf Martin Walser, Theresias Vater, hat Ott immerhin mal eine Laudatio gehalten. Sein eigenes literarisches Debüt trug den Titel "Ins Offene" und erschien 1998: eine feine, durch ihr großes sprachliches Gespür verblüffende Erzählung über eine zeitweilige Heimkehr anlässlich des Sterbens der eigenen Mutter, für die er mehrere Preise erhielt und ordentlich gefeiert wurde.
Nun wird der Schriftsteller Ott mit dem zweiten Buch zum zweiten Mal entdeckt; eben erst hat man ihn für den Leipziger Buchpreis nominiert (der dann doch an Terézia Mora ging).
Tatsächlich ist Karl-Heinz Ott mit "Endlich Stille" ein schöner Coup gelungen: ein intelligentes Detektivstück, in dem jede Menge gelehrte Verweise versteckt sind, die das Lesevergnügen aber niemals behindern.
Im Grunde ist schon die Fibel, die sich der Held zu Beginn für seine Zugfahrt eingepackt hatte, ein deutlicher Fingerzeig auf seine späteren Abenteuer und ein Schlüssel zur Befreiung von seinen Sorgen. Es handelt sich um einen japanischen Ratgeber mit dem Titel "Sechzehn Wege, das Nein zu vermeiden". WOLFGANG HÖBEL
* Karl-Heinz Ott: "Endlich Stille". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 208 Seiten; 17,95 Euro.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 14/2005
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