04.04.2005

KUNSTListiger Partyschreck

Gianni Motti gilt als Scherzbold der Kunstwelt. Er schmuggelte sich in eine Uno-Sitzung ein und sprengte ein Fußball-Match. Nun tritt er bei der „Art Basel“ und der Biennale in Venedig an.
Die vielen zehntausend Sammler, die im Juni zur weltwichtigsten Kunstmesse "Art Basel" reisen, sollten gewarnt sein: Der Aktionskünstler Gianni Motti will ihnen einen Schrecken einjagen.
Als lebendes Mahnmal möchte Motti einen stilvoll gekleideten und überhaupt gutaussehenden jungen Menschen in einen Käfig stecken und dort eine Woche lang ausharren lassen - stellvertretend für jene Mitglieder des anwesenden Kunst-Jetsets, die Motti für Banausen hält. Zu denen zählen beispielsweise alle Leute, die sich weigern, seine Werke zu kaufen.
Der italienische Künstler, der seit langem in der Schweiz lebt, will die Strafaktion "Broker" nennen. Denn der arme Wicht hinter Gittern wird ein Börsenmakler sein oder zumindest wie einer aussehen. "So ein smarter, immer leicht nervöser Typ" schwebt dem Künstler vor. Und weil der Käfiginsasse dann doch nicht über Gebühr gequält werden soll, "darf er zumindest sein Mobiltelefon behalten".
Schon jetzt sucht Motti, 47, nach einem geeigneten Kandidaten. Sollte er keinen finden, werde er einfach seinen Schweizer Galeristen verpflichten - der wirke auch wie ein Banker und sei daher eine Idealbesetzung. Überhaupt seien sich Kunstmarkt und Börsenhandel sehr ähnlich, "alle sprechen vom Geld, für welche Summe man gerade die Aktien oder den Picasso ge- oder verkauft hat", sagt Motti.
Der Unterschied ist: Im Gegensatz zu vielen Aktienmärkten boomt das Geschäft mit der Kunst. Auf der "Art Basel", dem glamourösesten Verkaufstreff, freut man sich traditionell über jeden Aufreger und jedes neue Small-Talk-Thema. Schon deshalb ist Motti der richtige Mann.
Das britische Kunstmagazin "Frieze" nennt ihn einen "Hofnarr des Kunstestablishments", der "auf postmoderne Weise kokett" sei. Für die Schweizer "Weltwoche" ist er ein "Kunstanarchist", die "Neue Zürcher Zeitung" preist ihn als "freien Radikalen der Kunstszene".
Bislang war er eher berüchtigt als wirklich berühmt. Das soll sich nun ändern.
Auf der diesjährigen Biennale von Venedig darf der Künstler gleich doppelten Schabernack treiben: zum einen im Länderpavillon der Schweiz, zum anderen in der von der Biennale-Direktion verantworteten Überblicksschau.
Bekannt geworden ist Motti unter anderem dadurch, dass er als Überraschungsgast auftritt: dort, wo er eher unerwünscht ist. Er ist stolz darauf, "zur rechten Zeit am falschen Ort zu sein". So hat er sich 1995 im schweizerischen Neuchâtel als zwölfter Mann aufs Fußballfeld gewagt - in einem Erstliga-Spiel, das im Fernsehen übertragen wurde. Zuvor hatte er sich in der Umkleidekabine ein Trikot gemopst und sich sogar noch die Waden massieren lassen.
Zwei Jahre später schlich er sich in eine Sitzung der Uno in Genf ein. Er sei mit dynamischem Politikerschritt in den Saal marschiert, habe sich auf den leeren Platz des indonesischen Delegierten gesetzt und seine Sitznachbarn gegrüßt, berichtet er. Weil er nun einmal gern redet, hat er sich irgendwann zu Wort gemeldet.
Auch das Jubiläum der britischen Königin 2002 hat er auf seine Weise und vorab gefeiert: Ende 2001 reiste er nach London und spendierte einem uniformierten Leibgardisten der Queen so viele Drinks, bis der Angestellte der Royals in der Öffentlichkeit irische Lieder grölte und schließlich unter seinem schweren Fellhut zusammensank. Leider sei dieser nette Zeitgenosse
daraufhin entlassen worden, berichtet Motti.
Er kidnappte in Genf einen japanischen Reisebus und steckte in Mailand auch schon Rentner und Immigranten in Käfige. Kolumbien musste er fluchtartig verlassen - er hatte den Regierungschef (gemeinsam mit Hunderten Demonstranten) telepathisch zum Rücktritt bewegen wollen. Und als jemand bei einem Tennismatch in Paris in der Kluft eines Abu-Ghureib-Gefangenen auf der Tribüne saß, handelte es sich abermals um Motti.
Er ist ein weltweit agierender Partyschreck - und eine begabte Nervensäge.
Für einen kleineren Skandal sorgte der Mann, als er vor drei Jahren, gemeinsam mit seinem Künstlerkumpan Christoph Büchel, eine Ausstellung im Zürcher Museum Helmhaus gestalten sollte. Das Duo beschloss, den bewilligten Etat von 50 000 Franken auf keinen Fall für Kunst auszugeben. Stattdessen wollten die beiden das Geld im Haus verstecken - als Finderlohn für jenen Besucher, der es aufspüren würde. Vermutlich hätten sie jede Menge Leute angelockt, doch die Schau wurde am Tag der geplanten Eröffnung abgesagt: Der Stadtpräsident befürchtete, emsige Schatzsucher könnten das Gebäude in seine Einzelteile zerlegen.
Vor ein paar Monaten nahmen Motti und sein Kumpan Büchel Verhandlungen mit der kubanischen Regierung auf: Sie wollen Staatschef Fidel Castro dazu bringen, den Küstenstreifen Guantanamo an sie zu verpachten. Bislang ist dort zwar die US-Armee mit ihrem Gefangenenlager ansässig. Castro aber wolle die Amerikaner ohnehin loswerden und löse nicht einmal die Schecks mit dem Mietzins in Höhe von 4085 Dollar pro Jahr ein, argumentiert der Kunstaktivist.
Ihn bezeichne man in Briefen längst als "lieben Genossen". In den USA habe er sich mit dieser Initiative unbeliebt gemacht: So habe ein bekannter Sammler verkündet, er werde nie wieder bei Mottis New Yorker Galeristen einkaufen.
Von allen Aktionen gibt es Beweisfotos, manchmal auch Videos oder Zeitungsberichte; die Kubaner haben ihm einen ihrer Guantanamo-Schecks überlassen, der auf der Biennale von Venedig ausgestellt werden soll. Trotzdem gilt: Motti geht's eher um gute Geschichten, irre Gerüchte und um Irritation, weniger um die Wahrheit.
Als ihm das Zürcher Migros Museum im vergangenen Jahr eine Ausstellung ermöglichte, war so gut wie nichts zu sehen. Er ließ stattdessen einige Helfer in Scharfschützenmontur durchs fast leere Haus laufen - und sie einfach alle möglichen aberwitzigen Motti-Anekdoten erzählen.
Der Klamauk des Künstlers wirkt wie eine clevere Parodie auf die politisch aufgeladene Aktionskunst der sechziger und siebziger Jahre. Doch er selbst besteht darauf, ihn interessiere die Kunstgeschichte "eigentlich gar nicht".
Eine Zeit lang habe er Beuys bewundert und dann erkannt, dass der Mann "ein Egomane" gewesen sei: "Am wichtigsten war ihm sein Hut." Auch für die Werke der Minimalisten konnte er sich nur kurz begeistern, "dann fühlte ich mich von dieser Inhaltsleere auf den Arm genommen".
Seine Karriere hat Motti mit einer traditionellen Künstlerausbildung begonnen - "Nach zwei Monaten an der Akademie von Florenz habe ich beschlossen: Es reicht."
Er habe erkannt, wie irreal das Leben sei; auch seine eigenen drei Ehen kommen ihm im Nachhinein "ganz schön unwirklich vor". Und weil das Authentische eben nicht so wichtig ist, schickt er zu bedeutenden Anlässen, etwa zu Interviews oder Ausstellungseröffnungen, schon mal Doubles - möglichst solche, die ihm überhaupt nicht ähnlich sehen; einmal sprang auch eine Frau für ihn ein.
Es habe lange gedauert, doch trotz des Booms der Malerei nehme man nun auch wieder andere Kunstformen wahr, glaubt Motti. Tatsächlich erfreuen sich freche Aktionskünstler wieder großer Beliebtheit.
Auf der Biennale in Venedig wird etwa auch der Berliner Tino Sehgal eine seiner Performances veranstalten; er lässt schon mal Kinder als Kunsthändler auftreten und fiktive Objekte verkaufen. Der Spanier Santiago Sierra erlaubte bereits vor zwei Jahren nur jenen den Eintritt in den spanischen Pavillon der Biennale, die sich als Landsleute ausweisen konnten - und wird nun gleichfalls wieder in Venedig sein.
Der listige Italo-Schweizer Motti will sich dort im Länderpavillon der Schweiz möglicherweise überhaupt nicht blicken lassen. Er spielt mit dem Gedanken, "ganz versehentlich" nach Las Vegas zu reisen: Dort gibt es ein Luxushotel, das als Venedig-Kopie erbaut wurde.
In der Kunst, sich aus dem Staub zu machen, ist dieser Mensch geübt. So hat er vor 16 Jahren seinen eigenen Tod inszeniert. In einem spanischen Ort nahm er an einer Prozession zu Ehren der heiligen Martha teil, auf Motti-typische Weise: Er ließ sich in einem offenen Sarg durch die Straßen tragen - die seltsam anmutende Zeremonie ist eigentlich Sterbenskranken vorbehalten.
Das Ganze sei keineswegs blasphemisch gewesen, darauf besteht er. Die Menge habe sich von seiner späteren spontanen und sehr lebenslustigen Auferstehung begeistert gezeigt, ihn kräftig in Arme und Beine gekniffen - und der Kirche an diesem Tag riesige Geldbeträge gespendet. JENNY HOCH, ULRIKE KNÖFEL
Von Jenny Hoch und Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 14/2005
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