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POP

Hier reimt die Unterschicht

Von Koischwitz, Christine

Deutschsprachiger Rap war lange Zeit das Geschäft smarter Jungs aus eher bürgerlichen Familien. Nun schlagen ein paar junge HipHopper derbere Töne an - mit Erfolg.

Er wisse schon, welche Tricks er anwenden müsse, um die Medien zu lenken, prahlt der junge Mann mit Schalk in der Stimme. Der Teenie-Zeitschrift "Bravo" werde er erzählen, "dass ich mit Yvonne Catterfeld bumsen will. Das ist vielleicht ein bisschen hart für die, aber sie werden es drucken".

Ausgeschlossen ist das keineswegs. Der Berliner HipHopper Sido versteckte sich bei seinen öffentlichen Auftritten bis vor kurzem zwar hinter einer silbernen Totenkopfmaske und ist nicht unbedingt die Sorte junger Mann, den die Sängerin Catterfeld gern zu ihren Verehrern zählen würde. Dafür hat es Sido aber geschafft, sich mit extrem ordinären Stücken wie einem Werk namens "Arschf*cksong" in die Hitparade zu rappen.

Sido, 24, gehört zu einer Gruppe von Musikern, die sich vorgenommen haben, mit brutalstmöglichem Genitale- und Fäkalwortschatz die deutschsprachige HipHop-Szene zu erobern: Gegen den smarten Gymnasiastenhumor von Erfolgsrappern wie Absolute Beginner und den Ulkrap etwa der Fantastischen Vier treten neue deutsche Grobiane wie Sido, Bushido und Kool Savas mit sehr viel derberer Ware an: Ihre Songs tragen Titel wie "LMS" ("Lutsch meinen Schwanz") oder "Knast".

Fast alle der jungen erfolgreichen Krawallrapper - mit Sidos Werk hat sich sogar schon die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien beschäftigt, ohne allerdings ein Verbot auszusprechen - kommen aus Berlin.

Der Rapper Bushido, 26, Sohn eines Tunesiers und einer Deutschen, behauptet in einem seiner Songs: "Ich mach den Sound für den Hof im Knast / Ich hab den Sound für die Dealer im Park." Dass er bereits in U-Haft saß, hält er offenbar für eine Art Auszeichnung, er brüstet sich gern mit Sprüchen wie: "Wenn's mit dem HipHop nicht klappt, verkauf ich eben Drogen."

Klar haben sich die harten Hauptstadt-Jungs US-amerikanische Gangster-Rapper zum Vorbild genommen, zugleich aber schildern sie mit nicht immer schönen, aber sehr verständlichen Worten das reale Leben vieler in Deutschland lebender Menschen in Zeiten von Hartz IV und Jugendarbeitslosigkeit. Sido - der Künstlername soll "Superintelligentes Drogenopfer" bedeuten - versteht sich als Chronist: "Ich erzähle einfach, was hier los ist."

Die Regeln des guten Geschmacks sind der seit langem darbenden Plattenindustrie einerlei: Fest steht, dass die Musiker aus der Hauptstadt das deutschsprachige HipHop-Genre neu belebt haben und mittlerweile auch ordentlich Platten verkaufen. Neue Alben gibt es in diesen Tagen sowohl von Kool Savas als auch von Bushido (er präsentiert sich hier unter dem Pseudonym Sonny Black), beide rappen jeweils mit einem Co-Star.

Zudem hat Bushido gerade seine Deutschlandtournee beendet - und kreuzte dabei beinah die Wege verdienter älterer Musiker, die im April auf Konzertreise gehen: die Stuttgarter Sprechgesangspioniere der Fantastischen Vier und die virtuosen Hamburger HipHop-Intellektuellen Fettes Brot. Das gerade erschienene Fettes-Brot-Album "Am Wasser gebaut" beweist die herausragende Kunst der Hanseaten - und eine in der HipHop-Szene fast schon altmodische Zurückhaltung, die Bandmitglied Björn Beton so erklärt: "Wir benutzen das Wort Fotze nicht in unseren Texten, denn es ist einfach stillos."

Den oft sexistischen Milchbubenphantasien der rauen Berliner Rap-Jungs widmet sich die Hauptstadt-HipHopperin Pyranja auf ihre Weise: Die 26-jährige gebürtige Rostockerin, bisher eher durch kritische Texte und die Gründung eines eigenen Plattenlabels aufgefallen, rappt in zwei Sex-Songs gleichfalls mit derben Zoten ("Ich ... fass deinem Macker in den Schritt und setz mich auf sein Gesicht"). "Ich will zeigen, dass auch Frauen dieses Macho-Vokabular gebrauchen können", sagt sie. Weil Rüpelreime, ob mit Ironie oder ohne, bei pubertierenden Fans gut ankommen, ist auch Pyranja bekannter als je zuvor.

Die HipHop-Songs aus der Berliner Unterschicht schöpfen ihre Kraft aber weniger aus der Spottlust rivalisierender Musiker als aus der eindringlichen Beschreibung von geplatzten Träumen, Dealer-Geschäften und Gang-Streitereien.

In "Mein Block", einem Stück auf Sidos Debütalbum "Maske", führt der Rapper seine Zuhörer wie ein Fremdenführer durch seinen ehemaligen Wohnblock im Märkischen Viertel, dem berüchtigten Trabantenviertel im Norden Berlins: Der Hausmeister im ersten Stockwerk ist ein Ex-Sträfling und bessert sich sein Geld mit Pornofotos auf. In Stockwerk zwölf wird mit Falschgeld hantiert. Auf der vierten Etage lebt ein Drogenwrack. Und ganz oben riecht es streng - denn da hängt ein Toter.

Wer Sidos Songs hört, merkt schnell: Es sind weniger die schmutzigen Wörter, die irritieren, sondern es ist der Blick auf eine brutale Wirklichkeit. CHRISTINE KOISCHWITZ


DER SPIEGEL 14/2005
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